Fleischskandal

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Fleischskandal steht für die Skandalisierung von widerrechtlich in Umlauf gebrachtem, für den menschlichen Verzehr ungeeignetem Fleisch. In Bezug auf Deutschland wird dieses umgangssprachlich als Gammelfleisch oder Ekelfleisch bezeichnet.

Widerrechtlich verwendete Produkte[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Das in Fleischskandalen widerrechtlich in Umlauf gebrachte Fleisch lässt sich in drei Bereiche einteilen:

  • Fleisch zum menschlichen Gebrauch, das das Verbrauchsdatum oder das Mindesthaltbarkeitsdatum überschritten hat und nicht auf seine einwandfreie Beschaffenheit hin von Befugten sorgfältig vorschriftsgemäß geprüft wurde.[1]
  • Fleisch, das nicht zum menschlichen Gebrauch bestimmt ist, aber dafür verwendet wurde. Es handelt sich dabei nach der EU-Verordnung Nr. 1069/2009, gültig seit dem 4. März 2011, 1774/2002 mit Gültigkeit vom 1. Mai 2003 um die Kategorien K1 und K3 der Tierkörperverwertung.
  • falsch etikettiertes und minderwertigeres Fleisch als deklariert (Etikettenschwindel).

Beispiele für Fleischskandale[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  • Durch Zufall wurde im Juni 1919 in Hamburg bekannt, dass der Industrielle Jacob Heil aus verdorbenen Fleischabfällen Sülze hergestellt und diese an die hungernde Bevölkerung verkauft hatte. Dies führte zu den so genannten Sülzeunruhen, die durch die von Gustav Noske angeforderte Reichswehr und durch Freikorps blutig niedergeschlagen wurden. Es waren 80 Todesopfer zu beklagen. Der Fleischfabrikant Heil wurde vom Gericht für schuldig befunden und am 25. Oktober 1919 zu drei Monaten Gefängnis und einer Geldstrafe von 1000 Reichsmark verurteilt.[2]
  • Durch die Verfütterung von Tiermehl wurde in den 1980er und 1990er Jahren die Tierseuche BSE, auch Rinderwahnsinn genannt, ausgelöst.
  • Bei dem Gammelfleischskandal im November 2005 um einen Fleisch-Großhändler aus Gelsenkirchen wurden 131 Tonnen Rind- und Putenfleisch in NRW, Niedersachsen und Hamburg sichergestellt.[3][4][5] Der Fleischhändler wurde wegen gewerbsmäßigen Betrugs und Verstoßes gegen das Lebensmittelrecht aufgrund nachgewiesenen Inverkehrbringens von rund 400 Tonnen Gammelfleisch zu dreieinhalb Jahren Haft verurteilt.[6][7]
  • Im Herbst 2005 wurden weitere Fleischskandale bekannt.[8] Insgesamt wurden tausende Tonnen verdorbenen, abgelaufenen oder umetikettierten Fleischs beschlagnahmt.
  • Im September 2006 wurden in München etwa 100 Tonnen einer ursprünglich wesentlich größeren Menge an verdorbenem Fleisch – darunter Döner- und Entenfleisch – sichergestellt. Das sichergestellte Fleisch war bis zu vier Jahre alt. Eine weitaus größere Menge war bereits an 26 Betriebe in München geliefert worden und in den Verzehr gelangt.[9] Bundesweit wurden weitere Fälle in diesem Zusammenhang bekannt.[10]
  • Im August 2007 wurde im bayerischen Wertingen ein Skandal von etwa 200 Tonnen sogenanntem K3-Fleisch öffentlich, das nicht für menschlichen Gebrauch tauglich war. Die Ware sei beim Großhändler als K3-Material angekommen und wurde nach bisherigen Erkenntnissen umetikettiert. Verwendet wurde das Fleisch offenbar von Juni 2006 bis August 2007 vorwiegend zur Herstellung von Dönerkebab in Berlin, aber auch im sonstigen Deutschland.[11][12][13][14] Der Verkäufer aus Bayern wurde zu zwei Jahren Gefängnis ohne Bewährung verurteilt.[15]
  • Im September 2009 flog im polnischen Sosnowiec ein Lager voller bis zu 26 Jahre alten Fleischkonserven auf. Sie stammten aus Beständen der schwedischen Armee und wurden über mehrere Zwischenhändler nach Polen gebracht. Mehrere Betriebe der örtlichen Lebensmittelbranche kauften das Material und benutzten es für Produkte wie Frikadellen und Piroggen, die an Kantinen, Mensen und Kindergärten gingen.[16]
  • Im Rahmen der Operação Carne Fraca der Polícia Federal sind im März 2017 mehr als 20 Verdächtige verhaftet worden, die in einen Fleischskandal in Brasilien verwickelt waren. Betroffen waren auch der größte Fleischexporteur JBS S. A. und das Unternehmen BRF; Inhaber von Marken wie Friboi, Sadia und Perdigao.[17] Zudem erfolgte die Entlassung von 33 Lebensmittelkontrolleuren, die Schließung von drei Produktionsstätten sowie die Unterstellung von 21 Betrieben unter Sonderbeobachtung.[18][19] Am 25. März 2017 ordnete die Europäische Union den Importstopp für Fleisch von 21 brasilianischen Unternehmen an.[20]

Über diese bekanntgewordenen Fälle hinaus äußerte die Bundesvereinigung der deutschen Ernährungswirtschaft im September 2006 den Verdacht, dass eine weit größere Menge von 15.000 Tonnen an bisher nicht entdecktem Gammelfleisch im Verkehr sei.[21]

Pferdefleischskandal in Europa 2013[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Im Februar 2013 wurde nachgewiesen, dass es in mehreren Ländern Europas zur Verwendung von Pferdefleisch statt Rindfleisch bei der Herstellung von Lebensmitteln (z. B. Tiefkühllasagne, Burgern) kam.[22] Bei manchen der anschließenden Lebensmitteluntersuchungen wurde festgestellt, dass auch Fleisch zum Einsatz kam, das wegen einer Belastung mit dem Medikament Phenylbutazon ungeeignet für den menschlichen Verzehr ist.[23]

Verbraucherschutz[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Fleischbeschau durch Amtstierarzt in den USA

Am 1. Juli 2008 traten neue Bestimmungen der EU-Kommission in Kraft, die eine verbesserte Rückverfolgung, Bewertung und Identifikation tierischer Nebenprodukte zulassen. Material der Kategorie 1 und 2 soll im innereuropäischen Handel mit Glycerintriheptanoat gekennzeichnet werden. Auf nationaler Ebene ist das Einfärben von Produkten der Kategorie 3 zugelassen.[24][25]

Quellen[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  1. BVL: Hintergrundinformation: Neu verpackt und umdatiert – Verbrauchertäuschung oder legale Praxis?
  2. Lebensmittelskandal 1919: Schuld und Sülze einestages auf Spiegel Online, abgerufen am 7. Januar 2012
  3. 10/2005: Umwelt & Ernährung: Gammelfleisch aus Gelsenkirchen
  4. 11/2005: 131 Tonnen sichergestellt, Skandal um Gammelfleisch weitet sich aus
  5. FAZ.net: Fleischhandel im Hotelzimmer.
  6. Tagesspiegel: Lebensmittelskandal: Haftstrafe in Gammelfleisch-Prozess
  7. Wichtigster Drahtzieher des Fleischskandals vom November 2005 verurteilt
  8. 12/2005: Foodwatch: Ein Gammelfleisch-Skandal nach dem anderen
  9. Ernährungs-Skandal: Ekelfleisch überwiegend verzehrt Focus online, 4. September 2006
  10. Gammelfleisch aus Hamburg: Händler verhaftet Hamburger Abendblatt, 13. September 2006
  11. 8/2007: Tagesspiegel online: Akkordausbeiner und Gammeldöner
  12. Max Hägler: Dönerspieße gammeln weiter in taz, die tageszeitung vom 7. September 2007
  13. 8/2007: Focus online: LEBENSMITTEL-SKANDAL: Bis zu 180 Tonnen Gammelfleisch
  14. Wieder kaufte ein Berliner Döner-Hersteller Ekelfleisch Berliner Zeitung, 6. September 2007
  15. Fleischhändler muss zwei Jahre ins Gefängnis Der Spiegel, 10. August 2011
  16. TV-Sendung «Uwaga!»: Reportaże - Jemy stare mięso (Memento vom 27. September 2009 im Internet Archive), gesendet am 25. September 2009 auf tvn (poln.).
  17. Seis perguntas para entender a operação Carne Fraca. In: epoca.globo.com. 18. März 2017, abgerufen am 19. März 2017.
  18. Gammelfleisch mit krebserregenden Stoffen gefunden. In: Welt Online. 19. März 2017, abgerufen am 19. März 2017.
  19. UE pede que Brasil explique fraude da carne. In: R7 Eentretenimento. 19. März 2017, abgerufen am 19. März 2017.
  20. Brasilien: EU stoppt Gammelfleisch-Importe. In: Zeit Online. 19. März 2017, abgerufen am 19. März 2017.
  21. Befürchtung der Ernährungswirtschaft: 15.000.000 Kilogramm Gammelfleisch Spiegel online, 16. September 2006
  22. Artikel bei Spiegel Online, abgerufen am 14. Februar 2013
  23. Artikel bei Spiegel Online, abgerufen am 14. Februar 2013
  24. Europe Press Releases: Member States agree to new traceability rules for animal by-products
  25. BVL: Hintergrundinfo zum Einfärben tierischer Nebenprodukte

Literatur[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  • K. Meyer-Kullmann: Lebensmittelskandale und Konsumentenreaktionen. Analyse der Auswirkungen von Lebensmittelskandalen unter besonderer Berücksichtigung des Informationsverhaltens. Dargestellt am Beispiel BSE. Lang, Frankfurt a. M. u. a. 1999, ISBN 3-631-34928-9 (Dissertation an der Technischen Universität München)
  • Matthias Horst, Otto A. Strecker (Hrsg.): Krisenmanagement in der Lebensmittelindustrie. Behr, Hamburg 2006, ISBN 3-89947-302-7

Weblinks[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]