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Günter Peis

aus Wikipedia, der freien Enzyklopädie

Günter Alexander Peis (* 23. Juli 1927 in Leoben; † 19. Juli 2012 in Innsbruck) war ein österreichischer Journalist und Historiker. Er war einer der Pioniere des investigativen Journalismus. Als zentrale Forschungsmethode verwendete Peis die systematische Befragung von Zeitzeugen (Oral History).[1]

Günter Peis war Schüler einer Nationalpolitischen Erziehungsanstalt. Als 17-Jähriger wurde er zum Volkssturm eingezogen. Er verbrachte zehn Monate in Kriegsgefangenschaft. Im Rahmen eines amerikanischen Programms zur Reeducation kam er zu einer Journalistenschule in München unter Leitung Erich Kästners. Von dort wurde er als Beobachter zu den Nürnberger Prozessen delegiert.

Als jüngster Journalist (19) bei den Nürnberger Prozessen beobachtete Peis in der Nacht zum 16. Oktober 1946 von einer Dachluke aus die Hinrichtung der zum Tode verurteilten Hauptkriegsverbrecher. Eine Stunde vor den anderen 800 Reportern konnte er als erster die in größter Geheimhaltung vollzogene Hinrichtung von Joachim von Ribbentrop, Wilhelm Keitel und acht anderen Verurteilten melden.

1951 erschien in der Revue seine Reportage Hinter den Mauern von Spandau. Seine detaillierten Informationen aus dem Kriegsverbrechergefängnis Spandau und seine Fotos, u. a. von Rudolf Heß und Albert Speer, gingen um die ganze Welt. 1952 spürte Peis den ehemaligen SS-Sturmbannführer Alfred Naujocks auf, der unter falschem Namen in Hamburg untergetaucht war. Er hatte ihn bereits bei den Nürnberger Prozessen kennengelernt und dessen Aussage zum Überfall auf den Sender Gleiwitz zunächst für eine Propagandalüge der Alliierten gehalten. Ebenfalls 1952 heiratete Peis die österreichische Skifahrerin Dagmar Rom, die er bereits zwei Jahre zuvor kennengelernt hatte.[2] Sein Vater Wilhelm (1902–1978) arbeitete zu dieser Zeit als Former bei der Steirischen Magnesit-Industrie AG (Magindag) im Leobener Stadtteil Leitendorf.[2] 1958 erschien in New York sein Buch Hitler’s Spies and Saboteurs, das er gemeinsam mit Charles Wighton geschrieben hatte und in dem geheime Landungs- und Spionageunternehmen der deutschen Abwehr in den Vereinigten Staaten enthüllt wurden.

1959 ging seine Serie I was Hitler’s Secret Lover um die Welt. Peis hatte über Adolf Hitlers Schwester Paula, die in Berchtesgaden unter dem Namen Paula Wolf lebte, die Spur zu Hitlers heimlicher Geliebten Maria Reiter gefunden. Die von ihm entdeckten Liebesbriefe Hitlers sind – im Gegensatz zu den 1983 vom Stern veröffentlichten Hitler-Tagebüchern – als authentisch anerkannt. Ende 1959, zwanzig Jahre nach dem Bürgerbräuattentat, veröffentlichte Peis unter dem Titel Zieh’ dich aus, Georg Elser! eine groß angelegte achtteilige Serie über Georg Elser in der Wochenzeitung Bild am Sonntag. Dabei stellte er sich gegen die damals vorherrschende Meinung der Geschichtsforschung, die das Attentat als Selbstinszenierung der Nationalsozialisten deutete und Elser als deren Werkzeug ansah; die spätere Forschung bestätigte seine damaligen Rechercheergebnisse.

1960 erschien seine Biografie von Alfred Naujocks unter dem Titel The Man Who Started The War. Das Buch wurde zunächst in London veröffentlicht und entwickelte sich auch in den USA, Kanada, Frankreich, Südamerika und Japan zu einem Verkaufserfolg; eine deutsche Ausgabe dieses Zeitdokuments erschien hingegen bis heute nicht. Naujocks berichtet darin auch über seine Rolle beim Venlo-Zwischenfall, der in Zusammenhang mit Georg Elser steht. 1964 machte Peis gemeinsam mit dem Journalisten Ernst Petry im Stern die vom Historiker Lothar Gruchmann entdeckten Protokolle des Gestapo-Verhörs von Georg Elser bekannt und stellte zugleich die These auf, Elser sei Mitglied einer kommunistischen Troika gewesen.[3] In den 1960er-Jahren schrieb Peis Kinderbücher über einen Tiroler Jungen namens Mario. Mit der zwölfteiligen Fernsehserie Mario gelang ihm als Drehbuchautor und Produzent ein internationaler Erfolg. Seine parallel verfolgte Karriere als Opernsänger – nach einem Gesangsstudium in Mailand bei Apollo Granforte war er unter anderem im ORF als Othello zu hören – endete jedoch nach einer missglückten Halsoperation.

1976 enttarnte Peis in seinem in London erschienenen Buch The Mirror of Deception einen deutschen Doppelspion, der die deutsche Abwehr von Großbritannien aus jahrelang mit Falschmeldungen versorgt hatte. Im selben Jahr erschien das Werk auch in Deutschland, allerdings unter dem Pseudonym Günter Alexander und dem Titel So ging Deutschland in die Falle; 1981 wurde es unter seinem richtigen Namen und dem Titel Spiegel der Täuschung neu aufgelegt. 1995 veröffentlichte Peis im Focus eine Theorie zur Ermordung Georg Elsers, der zufolge der von Sigismund Payne Best im Jahr 1945 entdeckte Befehl des Gestapo-Chefs Heinrich Müller zur Liquidierung Elsers eine Fälschung sei.[4]

  • mit Charles Wighton: Hitler’s Spies and Saboteurs, New York 1958.
  • Zieh’ dich aus, Georg Elser!, 8-teilige Serie in Bild am Sonntag, Hamburg 1959.
  • The Man Who Started The War, London 1960 (keine deutsche Ausgabe).
  • Marios abenteuerliche Ferien, Reutlingen 1965.
  • Spiegel der Täuschung, München 1981.

Einzelnachweise

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  1. Günter Peis bei georg-elser-arbeitskreis.de. Abgerufen am 7. Juli 2015.
  2. 1 2 Dagmar Rom heiratet. In: Salzburger Nachrichten. Herausgegeben von den amerikanischen Streitkräften für die österreichische Bevölkerung / Salzburger Nachrichten. Unabhängige demokratische Tageszeitung, 26. Februar 1952, S. 8 (online bei ANNO).
  3. Peter Koblank: War Georg Elser Mitglied einer kommunistischen Troika?, Online-Edition Mythos Elser 2006.
  4. Peter Koblank: Ist der Befehl zur Liquidierung Georg Elsers eine Fälschung?, Online-Edition Mythos Elser 2007.