Garry Winogrand

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Ausstellung im San Francisco Museum of Modern Art, 2013.

Garry Winogrand (* 14. Januar 1928 in New York City; † 19. März 1984 in Tijuana, Mexiko) war ein US-amerikanischer Fotograf. Als einem der bedeutenden Vertreter der amerikanischen Straßenfotografie (street photography) gelang ihm ein überzeugendes Porträt des amerikanischen Alltags.

Leben und Werk[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Winogrands Eltern Abraham und Bertha stammten aus Ungarn und Polen. Sie immigrierten in die Vereinigten Staaten, wo Garry Winogrands Vater als Arbeiter in der Bekleidungsindustrie ein Auskommen fand. Garry Winogrand wuchs unter einfachen Bedingungen in der Bronx, New York, in einem jüdisch geprägten Arbeiterviertel auf. 1946 schloss er die High School ab und trat die die US-Luftwaffe ein (US Army Air Force). 1947 kehrte er zurück nach New York und nahm das Studium der Malerei und Fotografie an der Columbia-Universität auf. 1951 trat er in die Foto-Journalismus-Klasse von Alexei Brodowitsch an der damaligen Universität „The New School for Social Research“ (heute The New School) ein (deutsch: Die neue Sozialwissenschaftliche Schule/Die neue Schule).

Winogrand heirate 1952 Adrienne Lubeau. Aus dieser Ehe gingen zwei Kinder, Laurie und Ethan, hervor. Nach der Trennung 1963 wurde die Ehe 1966 geschieden. Er arbeitete als selbständiger Fotojournalist und Werbefotograf bis in die 1960er Jahre hinein. Von 1952 bis 1954 arbeitete er für die Pix Photo Agency in Manhattan, New York. Danach wechselte er zu Brackman Associates.

Schon 1955 befanden sich zwei seiner Fotografien in der berühmten Ausstellung „The Family of Man“ im Museum of Modern Art (MOMA). Seine erste Einzelausstellung hatte Garry Winogrand 1959 in der „Image Galerie“, New York. 1963 wurden Fotografien von ihm im MOMA gemeinsam mit Arbeiten von Minor White, Georg Krause, Jerome Liebling und Ken Heyman gezeigt.

Winogrand ist hauptsächlich als Vertreter der street photography bekannt. Obwohl Fotografen vor ihm, wie André Kertész und Henri Cartier-Bresson, auf der Straße fotografierten, so muss doch Winogrand als der eigentliche Urheber dieses Genres angesehen werden. In den frühen 1960ern begann er in New York den öffentlichen Alltag zu dokumentieren. Er wirkte damit stilbildend für die kurz darauf ähnlich arbeitenden Lee Friedlander, Tod Papageorge, Diane Arbus und Joel Meyerowitz.

In den 1960er Jahren gab er die Auftragsfotografie auf und arbeitete nur noch künstlerisch. Er gewann zweimal den Guggenheim-Preis und machte große Ausstellungen in New York. Es erschienen mehrere Bücher mit seinen Bildern. Er war ein manischer Fotograf. Winogrand konnte keine Straße entlanggehen, ohne einen Film zu belichten. Jedoch fotografierte er zunächst keineswegs wahllos, sondern komponierte seine Bilder äußerst präzise.

1964 erhielt er ein Stipendium (Guggenheim Fellowship) für ein fotografisches Studium des amerikanischen Lebens. 1966 war Winogrand an einer Ausstellung mit Duane Michels, Bruce Davidson und Danny Lyon im „George Eastman House“ in Rochester beteiligt. Diese Ausstellung trug den Titel „Toward a Social Landscape“ (Unterwegs zu einer Sozialen Landschaft).

1969 konnte Winogrand sein erstes Fotobuch veröffentlichen: The Animals (Tiere), mit Aufnahmen aus dem Bronx Zoo und dem Coney Island Aquarium. Im selben Jahr erhielt er sein zweites Guggenheim-Stipendium

In den 1970er Jahren bekam er Lehraufträge, die Qualität seiner Bilder nahm aber ab. In den letzten Jahren lebte er in Los Angeles und ließ sich durch seinen Fotolaboranten im Auto immer wieder an dieselben Orte fahren. Winogrand stieg nicht mehr aus dem Auto aus, sondern fotografierte vom Beifahrersitz. Er ging nicht mehr an seine Objekte und die Menschen heran, er stellte das Objektiv nicht mehr scharf, hielt die Kamera nicht mehr still. Er kaufte eine Leica mit Motor und drückte wahllos ab. Einige Kritiker führten diese Entwicklung auf Los Angeles zurück, die Stadt sei zu groß, das Licht zu grell, zu ausgedehnt, so sehr automobil für die Straßenfotografie. Andere meinten, die Zeit der Straßenfotografie sei überhaupt vorbei.[1] Am Schluss brach die Qualität seiner Aufnahmen zusammen. Viele tausend waren technisch beschädigt, andere wahllos ausgelöst oder banal.

Er unterrichtete zuerst in New York, zog 1971 um nach Chicago und lehrte Fotografie am Institut für Design des Illinois Institute of Technology. 1973 wechselte er an die Universität von Texas in Austin, wo er bis 1978 lehrte.

1972 heiratete er Eileen Adele Hale. In dieser Ehe wurde die Tochter Melissa geboren.

Mit Hilfe seines dritten Guggenheim-Stipendiums reiste Garry Winogrand durch den Süden und Westen der USA, um mit seinen fotografischen Mitteln sozialen Fragen nachzugehen. Mit den Bildern des Fotobuchs „Stock Photography“ (1980) stellte er Bilder von Menschen in Beziehungen untereinander und zu ihren Tieren vor, die er auf der „Ford Worth Fat Stock Show and Rodeo“, einer Art landwirtschaftlicher Tierausstellung, aufgenommen hatte.

Der Leiter der fotografischen Abteilung des MOMA, John Szarkowski, wurde schließlich ein wichtiger Förderer seiner Arbeit. Szarkowski hielt Winogrand für den zentralen Fotografen von dessen Generation.

Am 1. Februar 1984 wurde bei Garry Winogrand Gallenblasen-Krebs diagnostiziert. Er ließ sich in einer Klinik in Tijuana, Mexiko behandeln und starb dort am 19. März 1984 im Alter von 56 Jahren.

Nachlass[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Nach seinem Tod hinterließ er über 2500 belichtete, jedoch unentwickelte Filme. Zahlreiche weitere Filme waren zwar entwickelt und es existierten Kontaktabzüge, jedoch gänzlich uneditiert. Sein Nachlass umfasste mindestens 300.000 unbearbeitete, nicht zugeordnete oder beschriftete Negative. Sein langjähriger Freund und Förderer John Szarkowski reagierte emotional auf den Bestand, als er versuchte, eine Ausstellung aus dem Nachlass zu kuratieren: Er „fühlte erst Ungeduld, dann Ärger und zum Schluss war er überzeugt, das Opfer eines grausamen Scherzes geworden zu sein, ‚ausgedacht von dem Fotografen, um ihn zu demütigen.‘“[1]

Das „Garry Winogrand-Archiv“ im „Center for Creative Photography“ verfügt über 20 000 von Winogrand angefertigte Vergrößerungen sowie 20 000 Kontaktbögen, weitere 10 000 Negative und 30 500 Kleinbild-Farbdias (35mm-Film), eine kleinere Zahl von Polaroids und Schmalfilmen. Viele von Winogrands hinterlassenen und von ihm nicht mehr bearbeiteten Fotografien sind vom MOMA in dem Fotobuch „Winogrand, Figments from the Real World“ (2003) der Öffentlichkeit vorgestellt worden.

Unter den nachgelassenen Werken sind Bilder, die für eine Retrospektive 2013 im San Francisco Museum of Modern Art als Serie zusammengestellt wurden. Sie zeigen einzelne Menschen, die an Straßenkreuzungen stehen. „Sie sehen verloren aus, zerfleddert und entschlossen, als ob sie vorwärts drängen, ohne zu wissen, wo sie herauskommen werden.“[1] Diese Bilder zeigten in der Ausstellung, dass Winogrand sein Talent nicht verloren hat, dass er bis zum Schluss große Bilder gemacht hat, nur nicht mehr so häufig, und dass er sie nicht mehr erkannte. Die Ausstellung wurde anschließend an weiteren Orten gezeigt, das begleitende Buch erschien 2013.

Zitat[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

„Ich fotografiere, um herauszufinden, wie etwas aussieht, wenn es fotografiert wurde.“

Werke[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  • The Animals. With an Afterword by John Szarkowski. The Museum of Modern Art, New York NY 1969.
  • Women are beautiful. With an Essay by Helen Gary Bishop. Farrar, Straus & Giroux, New York NY 1975, ISBN 0-374-29277-9.
  • Public Relations. Introduction by Tod Papageorge. The Museum of Modern Art, New York NY 1977, ISBN 0-87070-543-1.
  • Stock Photographs. The Fort Worth Fat Stock Show and Rodeo. With an essay on the Southwestern Exposition and Fat Stock Show by Ron Tyler. University of Texas Press, Austin TX u. a. 1980, ISBN 0-292-72433-0.

Ausstellungen[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Einzelausstellungen (Auswahl)[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  • 1969: The Animals, The Museum of Modern Art, New York.
  • 1972: Light Gallery, New York.
  • 1975: Women are Beautiful, Light Gallery, New York.
  • 1977: Light Gallery, New York.
  • 1977: The Cronin Gallery, Houston.
  • 1979: The Rodeo, Alan Frumkin Gallery, Chicago.
  • 1979: Greece, Light Gallery, New York.
  • 1980: University of Colorado, Boulder.
  • 1980: Garry Winogrand: Retrospective, Fraenkel Gallery, San Francisco.
  • 1980: Galerie de Photographie, Bibliothèque Nationale, Paris.
  • 1981: The Burton Gallery of Photographic Art, Toronto.
  • 1981: Light Gallery, New York.
  • 1983: Big Shots, Photographs of Celebrities, 1960-80, Fraenkel Gallery, San Francisco.
  • 1984: Garry Winogrand: A Celebration, Light Gallery, New York.
  • 1984: Women are Beautiful, Zabriskie Gallery, New York.
  • 1984: Recent Works, Houston Center for Photography, Texas.
  • 1985: Williams College Museum of Art, Williamstown, Massachusetts.
  • 1986: Little-known Photographs by Garry Winogrand, Fraenkel Gallery, San Francisco.
  • 2001: Winogrand's Street theater, Rencontres d'Arles festival, France.
  • 2013/2014: Garry Winogrand, San Francisco Museum of Modern Art, San Francisco.

Gruppenausstellungen (Auswahl)[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  • 1955: The Family of Man, The Museum of Modern Art, New York.
  • 1957: Seventy Photographers Look at New York, The Museum of Modern Art, New York.
  • 1963: Photography '63, The George Eastman House of Photography, Rochester, New York.
  • 1964: The Photographer's Eye, The Museum of Modern Art, New York.
  • 1967: New Documents, The Museum of Modern Art, New York City with Diane Arbus and Lee Friedlander, curated by John Szarkowski.
  • 1969: New Photography USA, Traveling exhibition prepared for the International Program of The Museum of Modern Art, New York.
  • 1970: The Descriptive Tradition: Seven Photographers, Boston University, Massachusetts.
  • 1971: Seen in Passing, Latent Image Gallery, Houston.
  • 1975: 14 American Photographers, The Baltimore Museum of Art, Maryland.
  • 1976: The Great American Rodeo, The Fort Worth Art Museum, Texas.
  • 1977: Public Relations, The Museum of Modern Art, New York.
  • 1978: Mirrors and Windows: American Photography since 1960, The Museum of Modern Art, New York.
  • 1981: Garry Winogrand, Larry Clark and Arthur Tress, G. Ray Hawkins Gallery, Los Angeles.
  • 1981: Bruce Davidson and Garry Winogrand, Moderna Museet / Fotografiska Museet, Stockholm, Sweden.
  • 1981: Central Park Photographs: Lee Friedlander, Tod Papageorge and Garry Winogrand, The Dairy in Central Park, New York, 1980.
  • 1983: Masters of the Street: Henri Cartier-Bresson, Josef Koudelka, Robert Frank and Garry Winogrand, University Gallery, University of Massachusetts, Amherst.

Literatur[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Weblinks[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Einzelnachweise[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  1. a b c Jacob Mikanowski: Shutter Madness. In: The Awl, 14. Juni 2013.