Giftmüll bei Neapel

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Der Giftmüll bei Neapel stellt ein Umweltrisiko für die Region um Neapel und Caserta dar. Der Müll wurde seit den 1970er Jahren illegal entsorgt.

Geschichte[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

In Kampanien, nördlich von Neapel und südlich von Caserta, hat die Mafia seit den 1970er Jahren und verstärkt ab den 1980er Jahren illegal Millionen von Tonnen an Industriemüll abgelegt und angezündet oder vergraben. Auf vielen wilden Müllkippen befindet sich Krankenhausabfall, Müll von pharmazeutischen Herstellern und vermutlich auch radioaktiver Abfall. Bauern der Gegend erzählen, dass sie schon in den 1970er Jahren von der Camorra gezwungen wurden, Industrieschlamm auf ihre Felder zu kippen.[1]

Triangolo della morte (Todesdreieck)

Der Giftmüll ist auf viele Stellen verteilt und bis zu 30 Meter tief vergraben worden. Wegen der Brände nennen Italiener diesen Teil Kampaniens La terra dei fuochi, ‚Land der Feuer‘, oder wegen der Gesundheitsschäden Triangolo della morte ‚Dreieck des Todes‘.[2] Die illegale Entsorgung von toxischem Müll durch die Mafia war seit langem insbesondere vor Ort bekannt. So ist z. B. die Mülldeponie Resit in Giugliano in Campania bei Neapel seit Jahren wegen ihres hochgiftigen Industrieschlamms geschlossen. Die Mafia erhielt Millionen für diese Art der Müllentsorgung. Die Regierung soll von der Mafia korrumpiert worden sein und blieb 30 Jahre lang untätig.[3]

Carmine Schiavone, ein 70-jähriger Mann und Pentito, ehemaliges Mitglied der Cosa Nostra, Cousin des Bosses des Clans der Casalesi war 1992 verhaftet worden, weil seine Kumpane ihn an die Polizei verraten hatten, als er sie vom Giftmüllgeschäft abzuhalten versuchte.[2] Die Casalesi sind zwar in Kampanien ansässig, bezeichnen sich aber historisch bedingt als kampanischen Zweig der Cosa Nostra, also der sizilianischen Mafia. Schiavone begann 1993 mit den Behörden innerhalb eines Zeugenschutzprogramms zusammenzuarbeiten. 1994 wurde er in einer Kaserne bei München für rund zwei Wochen von Ermittlern mehrerer deutscher Behörden verhört. Ernst Wirth, ehemaliger Kronzeugenexperte im Landeskriminalamt Bayern, sagte in einem Interview des BR vom Januar 2014: „Carmine Schiavone ist für mich absolut glaubwürdig, das ist sein Kapital …. Jetzt müsste man im Detail prüfen, wo er diese Aussagen [über radioaktiven Müll aus Dtld.] getätigt hat. Ich kann nur sagen, bei mir in meinen Vernehmungen nicht.“ Auch das Bundeskriminalamt in Wiesbaden und der Bundesnachrichtendienst teilten mit, dass es 1994 Treffen mit Schiavone gab, dass es um Geschäfte der Casalesi auf deutschem Boden ging, aber an Gespräche über Gift- oder Nuklearmüll hätten die betroffenen Beamten keine Erinnerung.[2] Schiavone hingegen beteuert, in Bleikassetten von etwa 50 Zentimeter Länge sei radioaktives Material, „vermutlich aus Ostdeutschland“, angeliefert worden: „Vergraben wurde das in bis zu 20 Meter Tiefe. Die Sonde aber, mit der dort Strahlung später gemessen wurde, kam nur 6 Meter tief.“[4] Schiavone: „Es kamen Fässer auf Lastwagen mit deutschem Kennzeichen.“[5]

1997 sagte Schiavone vor einem geheim tagenden parlamentarischen Untersuchungsausschuss in Rom aus, dass die Camorra in Süditalien Giftmüll aus ganz Europa lagere. Er beschrieb detailliert die Vorgänge in Kampanien, unter Namensnennung beteiligter Transportfirmen und zeigte den Ermittlern, wo gefährliche Abfälle versteckt waren. Er erzählte, dass Lastwagen unter anderem aus Deutschland radioaktive Abfälle in Bleikisten gebracht hätten, dass sein Clan Anfang der Neunzigerjahre mit dem illegalen Müllgeschäft monatlich mindestens 700 Millionen Lire verdient hätte, und mit welchen Methoden die Camorra die 106 Bürgermeister Kampaniens aufstellte und wie viele Polizisten auf ihren Gehaltslisten standen. Schiavones Aussage gipfelte in dem Satz: „Die Leute in der Gegend riskieren alle, in zwanzig Jahren an Krebs zu sterben.“ Die Anhörung wurde damals vom Parlament zur Verschlusssache erklärt.

Ein Haushaltsmüll-Chaos in Kampanien war in Deutschland schon seit 2001 bekannt, als täglich zwei Züge aus 22 mit 500 bis 600 Tonnen kampanischer Hausabfälle beladenen Waggons nach Nordrhein-Westfalen zur Müllverbrennung fuhren. Der Gouverneur der Region Kampanien, Antonio Bassolino, hatte dies mit einem Nothilfe-Ersuchen an die nordrhein-westfälische Landesregierung ausgehandelt. Eintausend Tonnen Müll waren nur rund ein Siebtel der 7200 Tonnen, die in Kampanien täglich anfielen, und die den italienischen Staat 170 bis 200 Euro pro Tonne inklusive Transport kosteten, d. h. pro Tag 200.000 Euro.[6]

2006 hatte der Autor Roberto Saviano die Machenschaften der Camorra in seinem Buch Gomorrha – Reise in das Reich der Camorra beschrieben, das später verfilmt wurde. Saviano hatte recherchierte, dass die Camorra im Jahr 2004 für die Beseitigung von einem Kilo Giftmüll um die zehn Cent verlangte, die ordnungsgemäße Entsorgung bis zu 62 Cent kostete.[7] Die italienische Umweltschutzorganisation Legambiente hat geschätzt, dass die Mafia 2011 3,1 Milliarden Euro im Bereich Giftmüllentsorgung umsetzte,[7] und über 16 Milliarden Euro 2012 für illegale Müllentsorgung insgesamt, bei 11,6 Millionen Tonnen illegal entsorgten Mülls jährlich.[4]

Im Oktober 2013 erreichten zwei italienische Abgeordnete, dass der Wortlaut des 16 Jahre alten Protokolls der Aussagen Schiavones veröffentlicht wurde. Schiavone hat seither öffentlich erklärt: „Wir haben alles angenommen und vergraben, auch radioaktiven Müll, aus ganz Italien, Frankreich, Österreich, Deutschland und anderen Ländern“. Besonders nach dem Mauerfall soll die Mafia viel Geld mit Geschäften aus Deutschland verdient haben, mit Verbindungen nach Dortmund, München und Baden-Baden.[8] Schiavone behauptete gegenüber dem italienischen Staatsfernsehen RAI, dass die Camorra die illegale Abfallentsorgung bis heute fortführe. Legambiente kommentierte, dass das offene Geheimnis gelüftet worden sei.[9]

Umweltschäden[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Die Gifte der Müllhalden haben Boden, Grundwasser und durch die Müllbrände auch die Atemluft verseucht. Schaumstoffe, die beim Verbrennen krebserzeugende Dioxine und Chlorverbindungen freisetzen, Blei, Quecksilber und andere Schwermetalle, Lösungsmittel wie Tetrachlorethen,[1] und Asbest[5] wurden vom Wind fortgetragen.[10] Der Boden rund um Neapel ist einer der fruchtbarsten Europas und wird intensiv landwirtschaftlich genutzt. In der drittgrößten Agrarregion mit bis zu vier Ernten pro Jahr haben Bauern nun Schwierigkeiten, ihre Produkte zu verkaufen.[1] Viele Anbauflächen hat die Provinzregierung seit dem offiziellen Bekanntwerden stillgelegt. Ein Landbesitzer beklagte, dass er zehn seiner Arbeiter entlassen musste und einen 100.000 Euro hohen Verlust erlitt, obwohl er sich von Gutachtern habe bestätigen lassen, dass sein Gemüse unbelastet sei.[9]

Der Unternehmer, der die z. B. von dem Unternehmen Resit betriebene, inzwischen stillgelegte Müllhalde betrieb und mit den Mafia-Clans Geschäfte machte, wurde verhaftet, sein Vermögen beschlagnahmt. Wegen „Infiltration der Camorra“ wurde die gesamte Verwaltung der Gemeinde Giugliano in Campania im Frühjahr 2013 aufgelöst und die Stadt unter kommissarische Verwaltung gestellt. Unter anderem wurde festgestellt, dass es in Giugliano, einem der größten Umschlagplätze für Obst und Gemüse in Italien, trotz der enormen Umweltschäden keinerlei Kontrollen gibt. Felder rund um die alte Giftmüllhalde wurden trotz Verbot weiter bewirtschaftet.[11] Der italienische Agrarverband hat gewarnt, dass die „Agro-Mafia“ die Landwirtschaft als neues Geschäft entdeckt habe, dass Bauern unter Druck gesetzt würden, zu Billigpreisen verkaufen müssten, die Herkunftsangaben gefälscht würden und die Ware weiterverkauft würde.[11]

Risikoeinschätzung der US Navy[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Der Stützpunkt der US Navy in Gricignano di Aversa liegt etwa 15 Kilometer nördlich von Neapel und etwa 13 Kilometer südwestlich von Caserta, wo tausende Soldaten und ihre Angehörigen stationiert sind. Luft, Wasser und Boden wurden untersucht. Aufgrund der Ergebnisse ist es den Soldaten untersagt, außerhalb der US-Viertel zu wohnen. Niemand darf länger als zwei Jahre in Neapel bleiben.[9] Die Kaserne liegt auf halber Strecke zwischen zwei verseuchten Landstrichen. Auf mehr als tausend Quadratkilometern Geländes rund um ihren Stützpunkt hatten die Amerikaner Proben von Erde, Wasser und Luft als Teil einer 30 Millionen-Dollar-Studie der US-Marine im Jahr 2011 entnommen. Über 5281 verseuchte oder verdächtige Orte werden erwähnt. 92 Prozent der Wasserproben aus privaten Brunnen außerhalb des Kasernengeländes zeigten ein „unannehmbares Gesundheitsrisiko“ und die Werte für Uran seien in fünf Prozent aller Fälle „inakzeptabel hoch“. Leitungswasser darf in der Kaserne auch nicht zum Zähneputzen verwendet werden. Die Amerikaner urteilten: „Im Laufe der Zeit ist klargeworden, dass die Unfähigkeit der (italienischen) Behörden, Gesetzen auch Geltung zu verschaffen, zu dieser Lage beigetragen hat.“ Will einer der Soldaten nicht auf dem Kasernengelände wohnen, erhält er den Ratschlag, in einem mehrstöckigen Gebäude Quartier zu beziehen; weiter oben sei die Belastung mit giftigen Gasen geringer. Drei Wohngebiete unweit des Stützpunkts sind für die Soldaten inzwischen komplett zu Verbotszonen erklärt worden – neue US-Mieter wird es dort nicht mehr geben.[4] Die medizinische Fachzeitschrift The Lancet Oncology hat die Region um Neapel 2004 in „Todesdreieck“ umgetauft.[12]

Gesundheitsfolgen[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Junge Eltern wurden krank. Zunehmend werden Kinder mit angeborenen Tumoren in der Leber, den Nieren und im Gehirn registriert.[5] Ein offizielles Krebsregister existiert nicht, aber erhöhte Krebsraten in Neapel und Umgebung werden von mehreren Seiten beteuert. Eine Studie des Sbarro-Instituts für Krebsforschung an der Temple University von Philadelphia unter Leitung von Antonio Giordano und mit Hilfe von Giulio Tarro, dem Chefarzt des Cotugno-Krankenhauses (benannt nach Domenico Cotugno) in Neapel ergab, dass die Krebsrate in einigen Orten um 80 Prozent höher als im Durchschnitt war.[13] Am 30. Juli 2012 berichtete das Pascale National Cancer Institute von Neapel, dass 47 % mehr Menschen in Neapel als im Rest des Landes an Krebs erkranken.[14][15][16][17][18][19] Der Onkologe Antonio Marfella vom italienischen Krebsforschungsinstitut in Neapel hat seit Jahren registriert, dass Menschen krank werden, die Fruchtbarkeit und die Lebenserwartung in Kampanien gesunken ist, und dass die Zahl der Tumorfälle zugenommen hat. Kinder sterben an Leukämie und Erwachsene an Tumoren häufiger als im Rest Italiens.[9] Tumorerkrankungen bei Männern in der Provinz Neapel hätten binnen zwei Jahrzehnten um 47 Prozent zugenommen; vor allem die Zahl der Lungenkarzinome wachse, auch bei Nichtrauchern. Die Region Kampanien weise mittlerweile die italienweit höchste Unfruchtbarkeitsrate auf und sei führend auch bei Fällen von schwerem Autismus.[4] Laut Antonio Marfella hat sich in den letzten zehn Jahren die Lungenkrebsrate bei Frauen verdoppelt.[5] „Es ist eindeutig, dass die Sterblichkeitsrate der Bevölkerung in der Nähe von Müllhalden und Orten, wo heimlich Abfälle vergraben werden, höher ist“, sagte Giuseppe Comella, Chef am Nationalen Krebsforschungsinstitut in Neapel. Nach Angaben des Onkologen und Toxikologen Antonio Marfella nehmen genau jene Krebsarten zu, die auf Umwelteinflüsse zurückzuführen sind. So gibt es beispielsweise bis zu dreimal mehr Krebserkrankungen der Leber – ein Organ, das bei Umweltverschmutzung mehr leisten muss.[20]

Ein paar Kilometer südlich von Orta di Atella im Dorf Frattamaggiore seit 2010 ansässig erklärte der 47-Jährige Hausarzt und Allgemeinmediziner Luigi Costanzo, der dort etwa 1600 Patienten betreut, dass ihm aufgefallen sei, wie sich bestimmte Erkrankungen häuften. In fast jeder Familie habe jemand Krebs, auch Asthma und Schilddrüsenprobleme nähmen zu, es gäbe eine extrem hohe Rate von unfruchtbaren Paaren und Missbildungen bei Ungeborenen. Luigi Costanzo forderte Daten der Gesundheitsbehörde Neapel Nord an, die zeigen, dass sich in seiner Region die Tumorerkrankungen zwischen 2008 und 2012 mehr als verdreifacht haben, die Brustkrebsrate bei Frauen unter vierzig in den letzten 10 Jahren um ein Drittel gestiegen ist und es eine regelrechte Epidemie von Schilddrüsenkrebs gäbe. Auch Allergien und Fehlgeburten hätten zugenommen.[3]

In einer von der Zeitung Die Welt genannten Gemeinde sollen die Fälle von Krebserkrankungen auffällig von 136 im Jahr 2008 auf 420 im Jahr 2012 in die Höhe geschossen sein.[8] Das Gesundheitsministerium in Rom ließ verlauten, dass kein Zusammenhang zwischen Umweltgiften und Krebsraten nachweisbar sei. Die Ministerin Beatrice Lorenzin, Mitglied der Partei Il Popolo della Libertà (PdL) sagte im Juli 2013, ein kausaler Zusammenhang sei lediglich eine Hypothese. Man müsse sich auch die Frage stellen, ob nicht ein ungesunder Lebensstil in der Region Kampanien zu den Ursachen der erhöhten Krankheitsraten zähle.[1] Die Frankfurter Rundschau berichtete von einer 51 Jahre alten Frau, die mit ihrer Familie seit zwanzig Jahren einen Kilometer Luftlinie entfernt von der inzwischen stillgelegten Müllhalde von Giugliano lebt, eine der größten der Gegend. Sie leide ebenso wie ihre Tochter, Mutter und Schwiegermutter am Hashimoto-Syndrom, einer Autoimmunerkrankung der Schilddrüse, die durch Umweltgifte ausgelöst werden kann.[11]

Schiavone sagte, die terra dei fuochi sei weitgehend unbewohnbar, wer dort bleibe, dessen Schicksal sei besiegelt („Sterben. Was sonst?“). Eine Gruppe von Roma wohnt direkt neben einer der giftigsten Mülldeponien in Giugliano. Sie wurden von der Präfektur mit ihren Wohnwagen dorthin geschickt — man sorgte sogar für einen Anschluss an die Stromversorgung.[9]

Aussagen von Carmine Schiavone[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Schiavone hat seit Oktober 2013 in Interviews den Staat offen kritisiert: „Ich kenne nur 10 % der Geschichte. Wenn man damals [1997] meinen Hinweisen nachgegangen wäre und Untersuchungen gemacht hätte, wäre herausgekommen, dass ganz Italien vergiftet ist. Der Staat hat sich nicht gekümmert. Er hat die Wahrheit unterdrückt, denn der Staat und die Mafia waren Partner.“[9] Schiavone: „Das Geschäft mit dem Müll ist nicht sehr aufwendig und bringt mehr Geld als das Drogengeschäft.“[3] Seine Organisation habe monatlich mindestens 700 Millionen Lire verdient, etwa 350.000 Euro.[11] „Wenn wir schuldig sind, dann sind es erst recht diejenigen, die das alles zugelassen haben: Polizisten, Staatsanwälte und Politiker.“ Der Vorsitzende des Umweltausschusses im römischen Parlament, der sozialdemokratische Abgeordnete und frühere Umweltschützer Ermete Realacci gab zu bedenken, man dürfe nicht vergessen, dass es sich um einen ehemaligen Kriminellen handele: „In der Anhörung von damals hat er einige Wahrheiten erzählt und sehr viel Blödsinn.“ Die Ermittler hätten zum Beispiel nie radioaktive Abfälle in Kampanien gefunden. Die Staatsanwälte machten ihre Arbeit gut und seien allen Hinweisen nachgegangen.[1]

Reaktionen[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Bürgerproteste und Bürgerinitiativen[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Seit Jahren trifft sich ein Dutzend verwaister Frauen bei Pater Maurizio Patriciello aus Caivano einmal die Woche in einer Selbsthilfegruppe. Angeblich kämen viele andere nicht, weil sie zu verzweifelt seien. Patriciello ist eine Art Anführer der Bürgerbewegung gegen den Giftmüll, die 2011 in seinem Pfarrhaus entstand.[1] Nach dem Verlust ihrer Kinder klagten Mütter die vermeintlich Verantwortlichen an. Sie trafen sich mit dem Ministerpräsidenten Giorgio Napolitano, um auf das Schicksal ihrer Angehörigen hinzuweisen, wenngleich sie ein Verlassen der Gegend ausschlossen: „Wo sollten wir denn hin? Auch wenn sie uns ein neues Zuhause geben würden — wir glauben nichts und niemandem mehr.“[9]

Es gibt Bürgerinitiativen, die gegen die Verseuchung kämpfen, die Müllverbrennung und Folgen für Menschen und Umwelt in Bildern dokumentieren, Informationen über die gesundheitsbedrohenden Chemikalien sammeln, Informationsveranstaltungen und Demonstrationen organisieren, Bürgermeister verklagen und im Internet Karten anlegen, auf denen sie die Standorte neuer illegaler Müllhalden eintragen. Ein Dachverband von Bürgerinitiativen ist skeptisch, dass Landeigentümer belangt werden, da schon seit Jahren ganze Aktenberge mit den Namen von Beteiligten den Staatsanwaltschaften vorlägen und unzählige Klagen der Bürgerkomitees ohne Folgen geblieben seien. Immer mehr Menschen stoßen zur Bürgerbewegung: Zu einer Demonstration im Oktober 2013 erschienen fast 50.000 Menschen, im November 2013 gingen bereits etwa 100.000 Einwohner der Vororte Neapels auf die Straße, um gegen die Zustände und die Tatenlosigkeit der Politiker zu protestieren[9][21]

Katholische Kirche[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Der Erzbischof von Neapel und Bischöfe örtlicher Diözesen schrieben in einem offenen Brief an Präsident Giorgio Napolitano, „Eine Umweltkatastrophe … hat sich in eine humanitäre Tragödie verwandelt“.[22] Im Juli 2014 erneuerte Papst Franziskus bei einer Messe in Caserta seine Kritik an der Mafia.[23]

Behörden[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Über 30 Jahre lang unternahmen die italienischen Behörden kaum etwas, was für die Bewohner der „Terra dei Fuochi“ ein Beweis ist, dass der italienische Staat kein Interesse daran hatte, ihnen die Wahrheit zu sagen und sie zu schützen.[1]

2013 erklärte Sergio Costa, der Provinzkommandeur der Umweltpolizei Corpo Forestale, in einem Interview des staatlichen Nachrichtensenders RAINews auf einem Feld in Caivano zehn Kilometer von Orta di Atella entfernt, dass unter seinen Füßen auf sieben Hektar verteilt 200.000 Kubikmeter gefährliche Abfälle lagerten. Die Umweltpolizei habe eine Methode entwickelt, um vergrabenen Müll mit aus der Luft aufgenommenen Wärmebildern aufzuspüren. Laut Costa wurden 23 Hektar durch seine Behörde beschlagnahmt. Die Eigentümer der Felder hätten nur eine Geldbuße zu befürchten. Bis zur Stilllegung des Geländes im Juni 2013 gedieh Brokkoli über einer vier Meter hohen Abfallschicht. Von dem beschlagnahmten Gemüse enthielten Brokkoli und Tomaten Kadmium, Arsen, und Blei in einer Konzentration, die den erlaubten Höchstwert 500-fach überschritten habe.[1] Der Eigentümer des Brokkoli-Feldes war angeblich ein bekannter Freiberufler aus der Gegend und laut Polizei-General Costa „… kein Dummkopf, sondern ein gebildeter Mann, der genau wusste, was er tat.“ Aber obwohl er die Gesundheit seiner Mitbürger aufs Spiel gesetzt hatte, drohe ihm lediglich eine Geldbuße, da Umweltverschmutzung in Italien nicht mit Haft geahndet wird.[11] Als in Caivano unter sieben Hektar Feldern, auf denen Kohlköpfe angebaut wurden, Giftfässer ausgegraben wurden, lösten sich durch die Berührung mit den Giftstoffen die Plastikhandschuhe einiger Beamten auf.[4]

Allerdings verfassten auch Polizisten vor Ort kritische Berichte wie z. B. Roberto Mancini. Sein 300 Seiten starker Untersuchungsbericht wurde bis 2008 ignoriert.[24] Er wurde nach Rom versetzt, bis er 2014 mit nur 53 Jahren an Krebs starb.[25]

Politiker[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Im Oktober 2013 verabschiedete das italienische Parlament ein Gesetz, um illegale Müllkippen aufzuspüren und 1,2 Millionen Menschen aus der Region medizinisch zu untersuchen. Insgesamt 900 Hektar sollten untersucht und saniert werden, auch die Küstenlinie vor Licola nördlich von Neapel. Die Aufträge in Millionenhöhe würden riesige Profite für Sanierungsfirmen bedeuten. Schiavone: „Wer saniert eine Deponie? Eine saubere Firma, aber wer steckt hinter der sauberen Firma?“[9] „Am Ende wird der schwer verschuldete italienische Staat zahlen müssen. Bislang ist von keinem der konfiszierten Areale Giftmüll abtransportiert worden.“[1] Staatsanwalt Giovanni Conzo äußerte sich in einem unter starkem Personenschutz durchgeführtem Interview vor RTL: „Die Omerta behindert die Ermittlungen; die wenigen Kronzeugen sind sehr wichtig.“[5]

Im Brennpunkt stehen unter anderen die folgenden Politiker:

  • Giorgio Napolitano, damals Innenminister und oberster Dienstherr der Ermittler, Italiens Staatspräsident bis Februar 2014; sagte aus, dass die Camorra hauptverantwortlich für das Umweltdesaster nahe seiner Heimatstadt Neapel sei, zu eigener Verantwortlichkeit äußerte er sich jedoch nicht.
  • Gennaro Capoluongo war 1997 laut Schiavone im Hubschrauber auf dem Weg zum Ortstermin an den Giftmüll-Lagerstätten; 2014 war er Italiens Interpol-Chef.
  • Alessandro Pansa, damals im Führungsstab der mobilen Einsatzpolizei, war 2014 Chef der italienischen Staatspolizei.
  • Nicola Cavaliere, laut Schiavone bei der Kriminalpolizei mit den Akten zum Fall befasst, war 2014 Vizepräsident des Inlandsgeheimdienstes und erklärte, er habe sich mit der ganzen Angelegenheit „nie direkt“ beschäftigt.[4]

Siehe auch[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Weblinks[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Einzelnachweise[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  1. a b c d e f g h i Regina Kerner: Müll verseucht Italien. In der Giftkammer von Kampanien. In: Berliner Zeitung. 11. November 2013, abgerufen am 17. Februar 2014.
  2. a b c Mike Lingenfelser, Sandro Mattioli, Reinhard Weber: Tödlicher Giftmüll in Italien. Ein Mafia-Kronzeuge und die Spur nach Deutschland. In: Bayerischer Rundfunk. 21. Januar 2014, archiviert vom Original am 11. Februar 2014; abgerufen am 17. Februar 2014.
  3. a b c Giftmüll bei Neapel. (Nicht mehr online verfügbar.) In: ZDF heute in Europa. 14. Januar 2014, archiviert vom Original am 28. Februar 2014; abgerufen am 17. Februar 2014. i Info: Der Archivlink wurde automatisch eingesetzt und noch nicht geprüft. Bitte prüfe Original- und Archivlink gemäß Anleitung und entferne dann diesen Hinweis.@1@2Vorlage:Webachiv/IABot/www.zdf.de
  4. a b c d e f Von Mayr, Walter: Italien. Im Vorhof der Hölle. In: Spiegel Online. 13. Januar 2014, abgerufen am 17. Februar 2014.
  5. a b c d e Neapel: Die Mafia und ihr Giftmüll: Camorra vergrub Jahrzehnte lang radioaktive Abfaelle. In: RTL. 31. Januar 2014, abgerufen am 17. Februar 2014.
  6. Neapels Dreck-Geschäfte mit Deutschland. In: Spiegel Online. 11. Januar 2008, abgerufen am 17. Februar 2014.
  7. a b Stefanie Kompatscher: Italien: Die Mafia und ihr schmutzigstes Geschäft. In: DiePresse.com. 19. Oktober 2012, abgerufen am 17. Februar 2014.
  8. a b Alvise Armellini: Geheimes Protokoll. Mafia entsorgt Millionen Tonnen Giftmüll in Italien. Das Protokoll wurde 16 Jahre lang geheim gehalten: Schon 1997 sagte ein Ex-Mafiaboss aus, dass die Camorra in Süditalien Giftmüll aus ganz Europa lagere. Heute sagt er: Sie machen es immer noch. In: Die Welt. 7. November 2013, abgerufen am 17. Februar 2014.
  9. a b c d e f g h i Italien: Tödlicher Giftmüll. In: Europamagazin, ARD. 15. Februar 2014, archiviert vom Original am 20. Januar 2015; abgerufen am 17. Februar 2014.
  10. A. Basile, S. Sorbo u. a.: Heavy metal deposition in the Italian „triangle of death“ determined with the moss Scorpiurum circinatum. In: Environmental Pollution. Band 157, Nummer 8–9, 2009 Aug-Sep, S. 2255–2260, ISSN 1873-6424. doi:10.1016/j.envpol.2009.04.001. PMID 19446383.
  11. a b c d e Regina Kerner: Italien. Gemüse vom Giftmüllberg. In: Frankfurter Rundschau, Panorama Aktuelle Nachrichten aus der Gesellschaft. 17. November 2013, abgerufen am 17. Februar 2014.
  12. K. Senior, A. Mazza: Italian „Triangle of death“ linked to waste crisis. In: The Lancet Oncology. Band 5, Nummer 9, September 2004, S. 525–527, ISSN 1470-2045. PMID 15384216.
  13. Jörg Bremer: Brennende Müllberge Das stinkt zum Himmel. In: Frankfurter Allgemeine Zeitung. 3. August 2012, abgerufen am 17. Februar 2014.
  14. SHRO Press Release
  15. A. Crispo, M. Barba u. a.: Cancer mortality trends between 1988 and 2009 in the metropolitan area of Naples and Caserta, Southern Italy: Results from a joinpoint regression analysis. In: Cancer biology & therapy. Band 14, Nummer 12, Dezember 2013, S. 1113–1122, ISSN 1555-8576. doi:10.4161/cbt.26425. PMID 24025410. PMC 3912034 (freier Volltext).
  16. M. Fusco, R. De Angelis u. a.: Estimates of cancer burden in Campania. In: Tumori. Band 99, Nummer 3, 2013 May-Jun, S. 374–381, ISSN 2038-2529. doi:10.1700/1334.14802 (zurzeit nicht erreichbar). PMID 24158067.
  17. M. Martuzzi, F. Mitis u. a.: Cancer mortality and congenital anomalies in a region of Italy with intense environmental pressure due to waste. In: Occupational and Environmental Medicine. Band 66, Nummer 11, November 2009, S. 725–732, ISSN 1470-7926. doi:10.1136/oem.2008.044115. PMID 19416805.
  18. L. Fazzo, S. Belli u. a.: Cluster analysis of mortality and malformations in the Provinces of Naples and Caserta (Campania Region). In: Annali dell'Istituto superiore di sanità. Band 44, Nummer 1, 2008, S. 99–111, ISSN 0021-2571. PMID 18469382.
  19. P. Comba, F. Bianchi u. a.: Cancer mortality in an area of Campania (Italy) characterized by multiple toxic dumping sites. In: Annals of the New York Academy of Sciences. Band 1076, September 2006, S. 449–461, ISSN 0077-8923. doi:10.1196/annals.1371.067. PMID 17119224.
  20. Todesdreieck um Neapel. Illegale Müllhalden machen die Menschen krank. In: Spiegel Online. 25. April 2008, abgerufen am 17. Februar 2014.
  21. Zehntausende demonstrieren gegen Camorra-Giftmüll. In: Zeit.de. 13. November 2013, abgerufen am 17. Februar 2014.
  22. Church in Italy's 'Triangle of Death' demands cleanup of mafia waste. In: Reuters.com. 4. Januar 2014, abgerufen am 29. August 2014.
  23. James Mackenzie: Pope Francis renews attack on mafia in region scarred by toxic waste. 26. Juli 2014, abgerufen am 29. August 2014.
  24. Sandro Mattioli Gedenken an Roberto Mancini 5. Mai 2014
  25. Ian Birrell: Mafia, toxic waste and a deadly cover up in an Italian paradise: 'They've poisoned our land and stolen our children'. In: Telegraph Media Group. 24. Juni 2016, abgerufen am 1. September 2018.