Gloriosa (Erfurter Dom)

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Gloriosa samt ihrer „Madonna im Strahlenkranz“.

Die Gloriosa, lat. die Ruhmreiche oder die Glorreiche, ist die größte Glocke im Mittelturm des Erfurter Domes. Sie wurde von Gerhard van Wou in der Nacht vom 7. zum 8. Juli 1497 gegossen und wiegt 11,45 Tonnen bei 2,62 Meter Höhe und einem Durchmesser von 2,56 Meter.[1] Damit ist sie die größte freischwingende mittelalterliche Glocke der Welt. Außerdem zählt sie zu den klangschönsten Glocken der Welt. Gelegentlich wird sie daher Königin aller Glocken (omnium campanarum regina) genannt.[2]

Vorgeschichte[Bearbeiten]

Die aktuelle Gloriosa ist die insgesamt sechste Glocke dieses Namens. Mehrere Glocken mussten ersetzt werden, weil Schäden auftraten oder sie durch Brände zerstört wurden. So wurde eine erste Glocke im Jahr 1251 gegossen. Diese wurde vom Bischof von Naumburg geweiht. Neue Glocken mussten wegen auftretenden Schäden dann aber schon 1307 und 1363 gegossen werden. Beim Dombrand 1416 wurden alle Glocken zerstört, eine vierte wurde 1423 gegossen. Als diese beim Erfurter Stadtbrand im Jahr 1472 zerstört wurde, goss Meister Klaus von Mühlhausen daraufhin am 7. August 1477 die fünfte Glocke. Dies geschah auf dem Platz zwischen Dom und Severikirche. Die Glocke hatte ein Gewicht von 10t und wurde vor dem Triangelportal aufgestellt. Bei dieser Glocke trat aber schon nach zwei Jahren ein zerstörerischer Schaden auf, eine sechste Gloriosa musste gefertigt werden.

Geschichte[Bearbeiten]

Den Auftrag für ihre Herstellung hatte Bischof Johannes Bonemilch maßgeblich vorangetrieben und auch den erfahrenen Glockengießer Gerhard Wou van Kampen auf eigene Kosten bei sich zu Hause einquartiert. Mittags um zwei Uhr am 7. Juli 1497 wurde der Ofen auf dem Severihof angeheizt. Abends gegen 10 Uhr war die Glockenspeise flüssig und die Domherren prozessierten zum Gußort. Um 1 Uhr, am 8. Juli, schlug Wou van Kampen den ersten Zapfen aus und danach den zweiten. Gegen zwei Uhr war der Guß vollendet, die Domherren sangen das Te Deum laudamus. Die Gloriosa wurde 1499 auf das Glockengeschoss des Mittelturms gezogen, dabei mussten mehrere Gewölbe durchbrochen werden. Am 19. Mai 1499 wurde die Glocke erstmals geläutet.[1]

Die Gloriosa diente als Vorlage für eine Reihe großer Glocken, wie zum Beispiel bei der Frankfurter Gloriosa, der großen Kreuzglocke der Dresdner Kreuzkirche und der St. Petersglocke im Kölner Dom.

Beim durch einen Blitzschlag verursachten Turmbrand von 1717 war die Gloriosa die einzige Glocke des Doms die nicht zu Schaden kam. Dies verdankte sie den über und unter der Glockenstube eingezogenen Gewölben.

Verzierung[Bearbeiten]

Auffälligste Verzierung der Glocke ist die Madonna im Strahlenkranz. Davon sind zwei als Relief angebracht, auf jeder Flanke eine. Weiters finden sich als Glockenverzierung Christusköpfe an den sechs Bügeln der Krone, ein Fries heraldischer Lilien am Glockenhals sowie eine Umschrift mit Datierung und Meisternamen:

Inschrift[Bearbeiten]

„Laude patronos cano gloriosa Fulgus arcens et demones malignos Sacra templis a populo sonanda Carmine pulso Gerhardus wou de Campis me fecit. Anno Dni [Domini] M. CCCC.XCV II“

„Ich besinge mit ruhmreichem [gloriosa] Lob die Schutzherren, abwehrend die Blitze und bösen Geister, läute zum Gottesdienst, der im Dom vom Volk mit Gesang gekündigt werden soll. Gerhardus Wou aus Kampen hat mich gegossen. Im Jahr des Herrn 1497.“

– Inschrift der Gloriosa[1]

Reparaturen[Bearbeiten]

Am 24. Dezember 1984 sprang die Gloriosa beim Einläuten des Weihnachtsfestes und wurde 1985 im Turm von Hans Lachenmeyer und Sohn mit 60kg Bronze geschweißt.[3] Die geschweißte Risslänge war 70 Zentimeter bei 19 Zentimeter Wandstärke. Der Riss war offenbar entstanden, weil die Glocke 1899 in gutem Glauben um 90 Grad gedreht worden war, damit der Klöppel nicht immer wieder auf dieselbe Stelle schlug. Zudem wurde 1927 ein größerer Klöppel eingesetzt. Zur Durchführung dieser Arbeiten mussten sämtliche Holzteile aus dem Turm ausgebaut werden. Es wurde ein transportabler Ofen im Turm montiert. Rund ein Jahr nach Verstummen, am 8. Dezember 1985, wurde die Glocke wieder angeläutet.

Der verantwortliche Glockensachverständige Kurt Kramer urteilte nach der Schweißung (einer deutsch-deutschen Gemeinschaftsarbeit): „Die Gloriosa hat nicht nur ihre verloren geglaubte Stimme wieder, sie klingt vielmehr schöner, als je ein heute Lebender gehört hat.“ Die Abklingdauer, ein wichtiger Glocken-Parameter, die zuvor gut dreieinhalb Minuten dauerte, lag nach der Schweißung bei nunmehr fünf Minuten.

Diese Reparatur war jedoch nicht von Dauer: Im Zuge der Renovierung des Erfurter Doms musste die Glocke wegen eines 40 Zentimeter langen neuen Haarrisses ausgebaut und für rund 170.000 Euro in der Glockenschweißerei Lachenmeyer in Nördlingen repariert werden. Damit hatte die Gloriosa zum ersten Mal seit 500 Jahren den Turm verlassen. Im Oktober 2004 kehrte die Glocke wieder in den Erfurter Dom zurück. Am 8. Dezember 2004 wurde sie das erste Mal nach der Reparatur wieder geläutet. Jetzt liegt ihre Abklingdauer bei rund sechs Minuten (370 Sekunden).

Im März 2006 wurde die Gloriosa mit einem neuen, 366 Kilogramm schweren Klöppel ausgestattet.

Läuteordnung[Bearbeiten]

Die Gloriosa wird nur zu besonderen Anlässen und an hohen kirchlichen Feiertagen geläutet.[4]

Datum/Tag Uhrzeit Anlass
1. Januar ca. 10:45 Einläuten des neuen Kalenderjahres
Dienstag der Karwoche ca. 13:00 Ölweihmesse
Ostersonntag ca. 10:45 Hochfest der Auferstehung des Herrn
Pfingstsonntag ca. 10:45 Hochfest Pfingsten
15. August 17:45 Mariä Aufnahme in den Himmel
September ca. 15:00 Bistumswallfahrt Erfurt
10. November ca. 18:00 Vorabend zum Martinstag
25. Dezember ca. 10.45 Hochfest der Geburt des Herrn

Die Gloriosa läutete außerplanmäßig am 3. Oktober 2010, anlässlich des 20. Jahrestages der deutschen Einheit, ebenso am 24. September 2011 nach dem Hochamt mit Papst Benedikt XVI. auf dem Domplatz zu Erfurt, anlässlich seines Deutschlandbesuchs.[5] Am 26. April 2012 läutete sie zum 10-jährigen Gedenken der Opfer des Amoklaufs im Gutenberg-Gymnasium.

Es gibt in Erfurt den Spruch: „Wenn die Gloriosa spricht, haben alle anderen Glocken zu schweigen.“ Tatsächlich ist es so, dass die Gloriosa zu allen Anlässen generell immer als erste schlägt und alle anderen Glocken erst zeitversetzt in das Läuten einfallen.

Literatur[Bearbeiten]

  • Franz Peter Schilling: Erfurter Glocken - Die Glocken des Domes, der Severikirche und des Petersklosters zu Erfurt. Mit Geleitworten von Weihbischof Joseph Freusberg und Weihbischof Hugo Aufderbeck (zugleich Doppelheft 72–73 der Reihe Das christliche Denkmal). Berlin 1968.[6]
  • Verena Friedrich: Der Domberg zu Erfurt, 2001, S. 151–152.
  • Bodo Kühn: Gloriosa, Roman, 5. Auflage, Wartburg Verlag, 2010, ISBN 978-3-86160-138-8.

Weblinks[Bearbeiten]

Einzelnachweise[Bearbeiten]

  1. a b c Bistum Erfurt: Die „Gloriosa“ im Erfurter Dom: Daten, Fakten, Zahlen.
  2. Carl-Rainer Schad: „Zur Konstruktion einer berühmten Glocke“, in: NTM Zeitschrift für Geschichte der Wissenschaften, Technik und Medizin, 1997, Band 5, Nr. 1, S. 129–141 (doi:10.1007/BF02913656).
  3. Ausführliche Schilderung unter http://www.baufachinformation.de/
  4. Bistum Erfurt: Läuteordnung der Gloriosa
  5. Etwas ganz Besonderes, die Gloriosa (9:11 min) auf YouTube.
  6. http://d-nb.info/458836087

50.97588711.023379Koordinaten: 50° 58′ 33,19″ N, 11° 1′ 24,16″ O