Händedesinfektionsmittel

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Wandspender für alkoholisches Händedesinfektionsmittel. Durch Druck auf den Hebel wird eine Portion der Flüssigkeit frei.

Ein Händedesinfektionsmittel (Abkürzung: HDM) ist eine Flüssigkeit, mit dem die Hände über einen bestimmten Zeitraum eingerieben werden. Mit dem Verfahren dieser Händedesinfektion wird die auf der Haut der Hände befindliche Keimbesiedelung weitgehend reduziert, in dem – je nach verwendetem Präparat – beispielsweise Bakterien, Pilze und Viren abgetötet oder deaktiviert werden. Geeignete hautschonende Desinfektionsmittel sind in Arztpraxen, Kliniken und Heimen das effektivste Mittel, um einer Keimübertragung von einem Patienten über das Personal auf andere Patienten bzw. eine Kreuzinfektion vorzubeugen.

Daneben werden für den Privatgebrauch Händedesinfektionsmittel unter anderem in Gelform oder als Feuchttücher von Drogerien und Apotheken vertrieben.

Bestandteile[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Hauptinhaltsstoff von Händedesinfektionsmitteln sind Alkohole (Ethanol oder 2-Propanol). Zusätzlich werden teilweise Farb- und Duftstoffe sowie rückfettende Substanzen eingesetzt. Insbesondere die für den Privatgebrauch erhältlichen Desinfektionsgele können zum Teil bedenkliche Inhaltsstoffe wie polycyclische Moschusverbindungen, allergieauslösende Stoffe und Konservierungsmittel wie Formaldehyd- bzw. Formaldehydabspalter, halogenorganische Verbindungen oder Isothiazolinone aufweisen.[1] Es sind noch Präparate auf Chlorbasis verfügbar, die aber wegen der schlechten Verträglichkeit nur selten eingesetzt werden. Eine Sonderstellung nehmen Präparate auf der Basis von Peressigsäure ein, die ein großes Wirkungsspektrum gegen verschiedene Krankheitserreger inklusive Sporen besitzen.

Entwicklung[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Der Mediziner Ignaz Semmelweis setzte als Erster erfolgreich das Desinfektionsmittel Chlorkalk ein: Die ihm unterstellten Ärzte mussten ihre Hände in diese spezielle Lösung tauchen, was zunächst unter den Kollegen Spott auslöste. Durch diese Maßnahme sank aber die Sterblichkeit von Wöchnerinnen erheblich. Allerdings greift Chlorkalk nicht nur Bakterien und Viren, sondern auch die Haut an. Durch die schlechte Verträglichkeit war die Bereitschaft zur regelmäßigen Anwendung gering. Die modernen Präparate auf Alkoholbasis, deren Entwicklung auf Peter Kalmár in den 1960er Jahren zurückgeht, sind deutlich hautschonender. Viele nosokomiale Infektionen könnten verhindert werden, wenn medizinisch tätiges Personal vor und nach jedem Patientenkontakt eine hygienische Händedesinfektion durchführte.

In Deutschland sind nur geprüfte und gelistete Händedesinfektionsmittel in Arztpraxen, Krankenhäusern und anderen Einrichtungen der medizinischen Versorgung zugelassen. Für den Privatgebrauch sind dagegen verschiedene gelartige Flüssigkeiten und Feuchttücher auf dem Markt, die sich in Zusammensetzung und Wirkungsspektrum von den gelisteten Mitteln unterscheiden.

Wirkungseinschränkungen[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Die eingesetzten Präparate haben zum Teil Wirkungslücken bei Sporenbildnern, Ektoparasiten und bei bestimmten, insbesondere unbehüllten Viren wie Noro- und Rotaviren.[2] Diese Erreger, die für viele Infektionen mit Brechdurchfällen (auch als Magen-Darm-Grippe oder Gastroenteritis bekannt) verantwortlich sind, werden mit speziellen Händedesinfektionsmitteln bekämpft. 2017 wurde mit der Bezeichnung begrenzt viruzid plus ein weiterer Wirkungsbereich für Händedesinfektionsmittel definiert.[3] Für behüllte Viren muss das HDM demnach als begrenzt viruzid gekennzeichnet sein, für unbehüllte wie Noro-, Adeno- und Rotaviren als begrenzt viruzid plus, für andere unbehüllte wie z. B. Polioviren als viruzid.[4]

Die Desinfektionsmittel-Kommission des Verbundes für Angewandte Hygiene (VAH) rät davon ab, im Gesundheitswesen fertig konfektionierte alkoholgetränkte Tücher zur hygienischen Händedesinfektion zu verwenden, da eine sichere Wirksamkeit nicht gegeben ist: Es wird z. B. deutlich weniger Wirkstofflösung abgegeben als bei den üblichen Händedesinfektionsverfahren, so dass möglicherweise keine gleichmäßige Benetzung der gesamten Hand stattfindet; außerdem entfällt die Knetbewegung, mit der die Wirkstofflösung in die Nagelfalze gepresst wird. Als ungünstigen Nebeneffekt führt der VAH zusätzlich die durch die Tücher – im Vergleich zum etablierten Verfahren – erheblich gesteigerte Abfallmenge an.[5]

Die Produkte für den Privatgebrauch bieten häufig keinen hygienischen Vorteil, der über das regelmäßige Waschen mit Wasser und Seife hinausgeht, die beworbene antibakterielle Wirksamkeit ist nicht für jedes Präparat nachgewiesen. Daher können die Produkte laut Bundesinstitut für Risikobewertung (BfR) nicht universell eingesetzt und müssen vor der Anwendung überprüft werden, wogegen, in welcher Dosis und nach welcher Einwirkzeit die Mittel antibakteriell wirken. Dies sei im Privathaushalt kaum sicherzustellen.[1]

Spenderausstattung[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Das Händedesinfektionsmittel ist in verschieden große Einmalbehälter abgefüllt, die entweder als Dosierpumpe oder als Kittelflasche verwendet werden. Für die Verwendung als Dosierpumpe müssen die Flüssigkeitsbehälter nach Abnehmen des Verschlusses mit einer entsprechenden Konstruktion verbunden werden, die fest – an der Wand oder am Verband- bzw. Wäschewagen – montiert ist. Wird der Desinfektionsmittel aufgestellt, genügt eine Kunststoff-Einmalpumpe, die in Verbindung mit dem Behälter ein Standgefäß bildet.

Desinfektionsmittelspender sind in unmittelbarer Nähe überall dort vorzuhalten, wo eine Händedesinfektion durchgeführt werden muss. Für Krankenhäuser empfiehlt die KRINKO ein bettennahe Mindestausstattung mit einem Spender pro Patientenbett auf Intensiv- und Dialysestationen, auf Nicht-Intensivstationen einen Spender für je zwei Patientenbetten sowie in der Sanitärzelle; außerdem in den Schleusen vor Intensivstationen, Isolierzimmern und Operationsbereichen.[6] In bestimmten Bereichen kann es möglicherweise zu einer Gefährdung von Patienten durch das Desinfektionsmittel kommen (z. B. in psychiatrischen Abteilungen oder bei dementiell erkrankten Patienten), so dass hier eher Kittelflaschen sowie Spender am Visiten- oder Verbandwagen verwendet werden sollten.[7] Werden Kittelflaschen verwendet, werden die Hände zunächst mit der nötigen Menge Desinfektionsmittel benetzt, die Flasche verschlossen und in die Tasche gelegt; erst dann wird die Händedesinfektion durchgeführt, um eine Rekontamination der Hände durch Berühren der Kittelflasche zu verhindern.[8]

Leere Einmalbehälter werden nicht wieder befüllt, sondern verworfen.

Literatur[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Weblinks[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Einzelnachweise[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  1. a b Übertriebene Reinlichkeit. In: Öko-Test Ratgeber Kosmetik 2015 vom 5. Juni 2015, S. 145–149.
  2. Andreas Schwarzkopf: Praxiswissen für Hygienebeauftragte, Verlag W. Kohlhammer, 2008, S. 125; ISBN 978-3-17-019849-4.
  3. Bundesgesundheitsblatt 2017, 60:353–363 DOI 10.1007/s00103-016-2509-2
  4. Musterpräsentation zur KRINKO Empfehlung (2016) Händehygiene, Stand 2017, abgerufen am 13. März 2019
  5. Mitteilung der Desinfektionsmittel-Kommission im VAH unter Mitwirkung der „4+4 Arbeitsgruppe“: Tuchsysteme für die Händedesinfektion. Hyg Med 2017; 42 – 6; S. 104
  6. Musterpräsentation zur KRINKO Empfehlung (2016) Händehygiene, S. 14; abgerufen am 13. März 2019
  7. Musterpräsentation zur KRINKO Empfehlung (2016) Händehygiene, S. 15; abgerufen am 13. März 2019
  8. Musterpräsentation zur KRINKO Empfehlung (2016) Händehygiene, S. 16; abgerufen am 13. März 2019