Hedwig Jahnow

aus Wikipedia, der freien Enzyklopädie
Zur Navigation springen Zur Suche springen

Hedwig Jahnow (* 21. März 1879 in Rawitsch; † 22. März 1944 in Theresienstadt) war eine deutsche Lehrerin und Alttestamentlerin. Sie war die erste Frau im Magistrat der Stadt Marburg und stellvertretende Schulleiterin an der Marburger Elisabethschule sowie ein Opfer des Nationalsozialismus.

Leben[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Hedwig Jahnow wurde als Hedwig Inowraclawer geboren. Ihr Vater Alfred war Lehrer am Oelser Gymnasium im schlesischen Oels. Um eine Chance auf eine Verbeamtung zu haben, legte Hedwig Jahnows Vater den jüdischen Nachnamen ebenso wie seinen ursprünglichen Vornamen Aaron ab und trat vom jüdischen zum evangelischen Glauben über. Ihr Bruder, Reinhold Jahnow, war ein deutscher Flugpionier, ein Alter Adler, der 1911 die Fliegerprüfung bestand und im August 1914 als erster Angehöriger der Fliegertruppe (Oberleutnant der Landwehr) starb.

Die junge Hedwig Jahnow

Hedwig Jahnow bestand bereits im November 1898, also im Alter von 19 Jahren, die Lehrerinnenprüfung für höhere und mittlere Mädchenschulen. Zuvor war sie Schülerin an den privaten höheren Mädchenschulen in Breslau und Strehlen und von 1895 bis 1898 besuchte sie drei Jahre ein privates Lehrerinnenseminar in Berlin. Ihre ersten beiden Lehreranstellungen hatte Jahnow in der Zeit von Herbst 1899 bis Frühling 1900 beziehungsweise von Frühling 1900 bis Sommer 1903 an zwei Berliner Mädchenschulen. Von 1903 bis 1906 absolvierte sie ein sechssemestriges Studium als Gasthörerin an der Berliner Universität, ehe sie im November 1906 das Oberlehrerinnen-Examen für die Fächer Geschichte und Religion bestand. Zum damaligen Zeitpunkt war es für Frauen noch nicht möglich, an der Berliner Universität ein reguläres Studium zu absolvieren. Nach ihrer erfolgreich absolvierten Examensprüfung bewarb sie sich um die Stelle einer akademisch gebildeten Oberlehrerin an der Elisabethschule in Marburg, wo sie ab 1907 tätig war.

Jahnow trat nach Ende des Ersten Weltkriegs in die neu gegründete Deutsche Demokratische Partei (DDP) ein. Bei der Kommunalwahl am 3. März 1919 wurde sie in den Stadtrat Marburgs gewählt, ein Jahr später entsandte die Partei sie in den Magistrat der Stadt. Sie war die erste Frau überhaupt, die dieser Einrichtung angehörte. Jahnow war während ihrer Zeit im Stadtrat Mitglied in verschiedenen Ausschüssen, unter anderem im Armenausschuss und Friedhofsausschuss. Mit der Kommunalwahl im Jahr 1924, bei der die Deutsche Demokratische Partei dramatisch an Stimmen verlor und nur noch zwei Sitze im Stadtrat erhielt, fand Jahnows politische Tätigkeit ein Ende.

1925 wurde Jahnow zur Oberstudienrätin befördert und zur stellvertretenden Schulleiterin der Elisabethschule ernannt. Ein Jahr später ehrte sie die Universität Gießen (damals noch Ludwigs-Universität) mit der Ehrendoktorwürde (Licentiat) der Theologischen Fakultät für ihre wissenschaftliche Arbeit vor allem im Fachgebiet Altes Testament, die sie bereits ab 1909 in Zusammenarbeit mit Hermann Gunkel leistete. 1935 wurde sie von den Nationalsozialisten aus ihrer Position als stellvertretende Schulleiterin gedrängt, anschließend auf Grund ihrer jüdischen Vorfahren Ende 1935 in den Ruhestand versetzt und mit monatlichen Bezügen von 234 RM aus dem Schuldienst entlassen, weil in § 4, Abs. 2 der Ersten Verordnung zum Reichsbürgergesetz vom 14. November 1935 festgelegt worden war: „Jüdische Beamte treten mit Ablauf des 31. Dezember 1935 in den Ruhestand.“

Nachdem der Verfolgungsdruck auf Juden und jüdischstämmige Personen in Deutschland immer mehr zunahm, versuchte Jahnow Ende 1938 nach England zu emigrieren. Allerdings wurde die damals 59-Jährige von den dortigen Behörden wegen ihres hohen Alters abgelehnt. England nahm damals nur junge Emigranten auf. Im Juni 1942 wurde Jahnow von einem Gericht wegen Hörens von Fremdsendern, also Radiosendern aus dem Ausland, zu einer Haftstrafe von fünf Jahren verurteilt. Eine Untermieterin hatte sie und ihre Mitbewohnerin verraten und vor Gericht gegen sie ausgesagt. Jahnow wurde daraufhin im Gefängnis in Ziegenhain untergebracht. Am 7. September 1942 wurde sie gemeinsam mit anderen Juden und jüdischstämmigen Menschen aus Marburg nach Theresienstadt deportiert, wo sie am 22. März 1944, einen Tag nach Vollendung ihres 65. Lebensjahres, an Unterernährung starb. Sie wurde in einer Urne mit der Nummer 22710 beigesetzt.

Würdigung[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Nach Hedwig Jahnow ist eine Straße in einem Marburger Neubaugebiet benannt. Auch ein Forschungsprojekt trägt ihren Namen. Zudem sind verschiedene Artikel über sie veröffentlicht worden.

Auf dem Bürgersteig der Wilhelmstraße des Marburger Südviertels (gegenüber der Hausnummer 4) ist zum Andenken an diese Frau und ihr Schicksal am 1. März 2007 vom Künstler Gunter Demnig ein Stolperstein gesetzt worden. Ende 2014 wurde zudem an dem Haus, wo ihr Wohnhaus früher stand, eine Gedenktafel angebracht mit dem Text:

Hedwig Jahnow, Wilhelmstraße 3, 1879 — 1944.
Lehrerin, kam 1907 nach Marburg als erste wissenschaftlich gebildete Oberlehrerin der Stadt. An der Elisabethschule tätig, ab 1925 stellvertretende Direktorin. 1920 bis 1924 erste Frau im Marburger Magistrat. Wegen ihrer jüdischen Herkunft 1935 zwangspensioniert. 1942 Zuchthausstrafe wegen "Abhören von Feindsendern". 1944 in Theresienstadt verhungert. Hier stand das Haus, in dem sie den größten Teil ihrer Marburger Zeit lebte.

Veröffentlichungen[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  • Das hebräische Leichenlied im Rahmen der Völkerdichtung. Gießen 1923.

Literatur[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  • Tina Hülsebus: Hedwig Jahnow. In: Esther Röhr (Hrsg.): Ich bin, was ich bin. Frauen neben großen Theologen und Religionsphilosophen des 20. Jahrhunderts (= Gütersloher Taschenbuch 549), Gütersloher Verlagshaus, Gütersloh 2001, S. 136–162.
  • Lic. theol. h.c. Hedwig Jahnow. In: Hannelore Erhart (Hrsg.): Lexikon früher evangelischer Theologinnen. Biographische Skizzen. Neukirchener, Neukirchen-Vluyn 2005, S. 191.
  • Hartmut Ludwig, Eberhard Röhm. Evangelisch getauft – als «Juden» verfolgt. Calver Verlag Stuttgart 2014, ISBN 978-3-7668-4299-2, S. 168–169.
  • Regina Neumann und Rüdiger Weyer: JAHNOW, Hedwig. In: Biographisch-Bibliographisches Kirchenlexikon (BBKL). Band 37, Bautz, Nordhausen 2016, ISBN 978-3-95948-142-7, Sp. 535–543.
  • Regina Neumann und Rüdiger Weyer: Hedwig Jahnow. Die erste Stellvertretende Schulleiterin der Elisabethschule und Marburgs erste Stadträtin, in: Elisabeth 2.7. Magazin der Elisabethschule für das Jahr 2016. Marburg 2017, 84–86.

Weblinks[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]