Heinrich-Pette-Institut, Leibniz-Institut für Experimentelle Virologie

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Heinrich-Pette-Institut, Leibniz-Institut für Experimentelle Virologie
Heinrich-Pette-Institut, Leibniz-Institut für Experimentelle Virologie
Heinrich-Pette-Institut (2011)
Kategorie: Forschungseinrichtung
Rechtsform des Trägers: Stiftung
Mitgliedschaft: Leibniz-Gemeinschaft
Standort der Einrichtung: Hamburg
Art der Forschung: Grundlagenforschung
Fächer: Medizin
Fachgebiete: Virologie
Leitung: Thomas Dobner
Homepage: Heinrich-Pette-Institut
Heinrich-Pette-Institut (2011)

Das Heinrich-Pette-Institut, Leibniz-Institut für Experimentelle Virologie (HPI) widmet sich der Erforschung der Biologie humaner Virusarten, der Pathogenese von Viruserkrankungen, der Abwehrreaktion des Organismus und damit zusammenhängender Probleme.

Das HPI ist als Stiftung bürgerlichen Rechts eine gemeinnützige und selbständige Forschungseinrichtung, die seit 1995 der Leibniz-Gemeinschaft (WGL) angehört. Zuwendungsgeber ist auf Bundesseite das Bundesministerium für Gesundheit, die Länderseite wird von der Behörde für Wissenschaft, Forschung, Gleichstellung und Bezirke in Hamburg vertreten.

Aufgrund der nationalsozialistischen Vergangenheit Heinrich Pettes hat das Institut 2021 beschlossen, Pettes Namen zukünftig nicht mehr als Namensbestandteil zu führen. Das Institut wird seinen Namen bis Ende 2022 in einem Namensfindungsprozess ändern. Vorerst verwendet es die gekürzte Bezeichnung Leibniz-Institut für Experimentelle Virologie.[1][2][3]

Forschung[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Ziel der Forschung am HPI ist es, virusbedingte Erkrankungen zu verstehen und neue Ansatzpunkte für verbesserte Therapien bei Viruserkrankungen und virusassoziierten Tumorerkrankungen zu erkennen. Wissenschaftler des HPI erforschen ein breites Spektrum an Viren, wie beispielsweise Hepatitis-B-Virus, Hepatitis-C-Virus, Herpesviren (HCMV, HSV-1, EBV, KSHV), Humane Coronaviren, Immundefizienzviren (HIV-1) und DNA-Tumorviren (MCV). Dabei gewinnt die praktische Anwendung der Ergebnisse in Diagnostik und Therapie zunehmend an Bedeutung. Dies spiegelt sich in vielen Kooperationen mit Klinischen Instituten und der Industrie wider.

Forschungsleitbild des HPI: „Das HPI erforscht humanpathogene Viren. Ziel unserer Forschung ist es, virusbedingte Erkrankungen zu verstehen und neue Therapieansätze zu entwickeln.“

Das HPI ist in sieben Forschungsabteilungen, eine unabhängige Forschungsgruppe und zwei Nachwuchsgruppen gegliedert. Zusätzlich gibt es zwei assoziierte Gruppen. Das Forschungsspektrum wird durch vier Technologieplattformen ergänzt.

Abteilungen:

  • Antivirale Strategien (Leitung: Joachim Hauber)
  • Virale Transformation (Leitung: Thomas Dobner)
  • Strukturbiologie der Viren (Leitung: Kay Grünewald)
  • Virus Immunologie (Leitung: Marcus Altfeldt)
  • Virus-Wirt-Interaktion (Leitung: Wolfram Brune)
  • Virale Zoonosen – One Health (Leitung: Gülşah Gabriel[4])
  • Integrative Virologie (Leitung: Maya Topf[5])

Forschungsgruppe:

  • Virus Genomik (Leitung: Adam Grundhoff)

Nachwuchsgruppen:

  • Systembiologie der Arboviren (Leitung: Pietro Scaturro)
  • Zellbiologie der RNA-Viren (Leitung: Gabrielle Vieryes)

Assoziierte Gruppen:

  • Dynamik viraler Strukturen (Leitung: Charlotte Uetrecht)
  • Quantitative Virologie (Leitung: Jens Bosse)

Technologieplattformen:

  • Durchflusszytometrie/FACS
  • Hochdurchsatz-Sequenzierung
  • Kleintiermodelle
  • Mikroskopie & Bildanalyse

Geschichte[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Gegründet 1948 als „Stiftung zur Erforschung der spinalen Kinderlähmung“ ist die Entstehung des Instituts im Wesentlichen auf zwei Personen zurückzuführen: auf den großzügigen Mäzen Philipp Fürchtegott Reemtsma, der aus dem mütterlichen Erbe seines an Kinderlähmung verstorbenen Sohnes eine Stiftung einrichtete, und auf den Neurologen Heinrich Pette. Durch ihn wurden wissenschaftliches Konzept und Entwicklung des Instituts bis zu seinem Tod 1964 geprägt und gestaltet. Folgerichtig wurde „sein Institut“ nach dem Tode des Gründers in „Heinrich-Pette-Institut für Experimentelle Virologie und Immunologie an der Universität Hamburg“ umbenannt. Neben der Würdigung Heinrich Pettes verdeutlicht dieser Name auch die enge Anbindung des Instituts an die Universität Hamburg, mit der seit 1993 ein Kooperationsvertrag besteht. Seit März 2011 trägt das Institut offiziell den Namen „Heinrich-Pette-Institut, Leibniz-Institut für Experimentelle Virologie“. Die Institutsgebäude wurden 1967, 1995 und zuletzt 2006 erneuert und erweitert.

1996 wurde das Institut durch den Wissenschaftsrat, 2002 durch den Senatsausschuss der WGL extern und unabhängig evaluiert. Der Wissenschaftsrat stellte fest, dass ein gesamtstaatliches, wissenschaftspolitisches Interesse an der Forschungsarbeit des HPI besteht und empfahl die Weiterförderung als „WGL-Institut“. Das HPI führt auf seinem Forschungsgebiet national und international anerkannt hochwertige Forschung durch. Die letzte Evaluierung des Instituts durch den Leibniz-Senat fand im Jahr 2013 statt.

2021 wurde aufgrund eines Gutachtens im Auftrag des HPI durch die Historiker Prof. Axel Schildt († 2018), vormals Direktor der Forschungsstelle für Zeitgeschichte in Hamburg (FZH), sowie Prof. Malte Thießen[6] festgestellt: Heinrich Pette, Facharzt für Neurologie, war als Gutachter an Erbgesundheitsverfahren im Sinne des Gesetzes zur Verhinderung erbkranken Nachwuchses beteiligt. Ferner ist von einer Mitwisserschaft Heinrich Pettes von „Euthanasie“-Verbrechen auszugehen, Pette war obendrein Parteimitglied der NSDAP. Kontakte zu einem nach 1945 unter falscher Identität praktizierenden Mittäter, Werner Heyde, von Krankenmorden waren 1961 Gegenstand eines Untersuchungsausschusses[7] des Schleswig-Holsteinischen Landtags.[8]

Vernetzung[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Das HPI ist auf vielfältigen Ebenen mit anderen Forschungseinrichtungen vernetzt. Es ist Mitglied der Leibniz-Gemeinschaft (WGL).

Das HPI befindet sich auf dem Campus des Universitätsklinikum Hamburg-Eppendorf (UKE) und ist über einen Kooperationsvertrag mit der Universität Hamburg eng verbunden. Die Abteilungsleiter des HPI sind C4- bzw. W3-Professoren, die in gemeinsamen Verfahren mit den Fachbereichen Medizin, Chemie oder Biologie der Universität Hamburg berufen werden.

Das HPI ist neben dem Bernhard-Nocht-Institut für Tropenmedizin und dem Forschungszentrum Borstel (FZB) Gründungsmitglied des Leibniz-Zentrums für Infektionsforschung, Leibniz Center Infection (LCI). Zusammen beschäftigen die drei Institute etwa 1.000 Personen, hiervon rund 400 Wissenschaftler. Das Leibniz-Zentrum für Infektionsforschung hat zum Ziel, inventive und innovative infektionsbiologische Grundlagenforschung im norddeutschen Raum zu fördern.

Die Förderung der infektionsbiologischen Forschung in der gesamten Region Norddeutschland wird durch den Nordverbund Infektionsbiologie (NORDIB) verfolgt. Neben dem HPI sind daran die Medizinische Hochschule Hannover (MHH), die Stiftung Tierärztliche Hochschule Hannover, das Institut für Mikrobiologie der Technischen Universität Braunschweig, das Institut für Infektionsmedizin der Universität Hamburg, das Institut für Medizinische Mikrobiologie und Hygiene der Universität Lübeck, das Helmholtz-Zentrum für Infektionsforschung Braunschweig (früher: GBF), das Bernhard-Nocht-Institut für Tropenmedizin, das Forschungszentrum Borstel und das Hans-Knöll-Institut beteiligt.

Mit der Fördergemeinschaft Kinderkrebs-Zentrum Hamburg e.V. ist das HPI in Form eines Kooperationsvertrages verbunden. Auf Basis dieser Public-Private-Partnership betreibt die Fördergemeinschaft im Ersatz- und Erweiterungsbau II des Heinrich-Pette-Instituts ein eigenständiges Forschungsinstitut für pädiatrische Hämatologie und Onkologie.

In Zusammenarbeit mit dem Max-Planck-Institut für molekulare Zellbiologie und Genetik in Dresden gelang es, im Labor nachzuweisen, dass es möglich ist, die vom Retrovirus HIV in die menschliche DNA eingelagerten Erbinformationen des Virus mittels eines angepassten Enzyms (Rekombinase) aus dem Genom einzelner Zellen zu entfernen. Dieser Nachweis wird als wichtiger Schritt der Grundlagenforschung in der Entwicklung einer Therapiemethode zur vollständigen Heilung von AIDS (daher die Entfernung oder weitestgehende Eindämmung einer HIV-Infektion) angesehen.

Weblinks[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Einzelnachweise[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  1. Entscheidung für Namensänderung
  2. Einzelansicht - HPI HAMBURG. Abgerufen am 26. Mai 2021.
  3. NDR: Heinrich-Pette-Institut wird umbenannt. Abgerufen am 26. Mai 2021.
  4. HPI-Forschungsgruppenleiterin Prof. Gülsah Gabriel erhält W3-Professur für „Virale Zoonosen – One Health“ an der Tierärztlichen Hochschule Hannover 28. Mai 2018.
  5. Spitzenberufung mit dem UKE: Neue Abteilung „Integrative Virologie“ am Heinrich-Pette-Institut 10. November 2020.
  6. LWL | Malte Thießen - LWL-Institut für westfälische Regionalgeschichte. Abgerufen am 26. Mai 2021.
  7. DER SPIEGEL: Die Schatten weichen. Abgerufen am 26. Mai 2021.
  8. Einzelansicht  - HPI HAMBURG. Abgerufen am 26. Mai 2021.