Hesperus oder 45 Hundposttage

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Jean Paul (1763–1825), Autor des Buches Hesperus oder 45 Hundposttage

Hesperus oder 45 Hundposttage ist ein Roman von Jean Paul, der 1795 bei Karl Matzdorff in Berlin erschien. Drei Jahre später kamen eine erweiterte, im Jahr 1819 eine dritte Auflage heraus. Der Originaltitel lautete Hesperus, oder 45 Hundposttage. Eine Biographie von Jean Paul.

Im Roman, aus „vier Heftlein“ bestehend, erzählt Jean Paul die Liebesgeschichte von Viktor und Klotilde. Die Handlung läuft in der Zeit vom 30. April 1792 bis zum 31. Oktober 1793. Hesperus ist der Morgen- und Abendstern Venus. Hesperus ist für Viktor auch seine Klotilde.

Eine Zahl in runden Klammern verweist auf die Seite in der Quelle. Die Schreibweise „Hund[s]posttage“ ist in der Literatur nicht einheitlich.

Handlung[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Hundpost[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Der Verfasser, Berg-Hauptmann Jean Paul (32), wohnt am Aequator auf der Insel St. Johannis in den ostindischen Gewässern, die ganz vom Fürstenthum Scheerau umgeben sind (31). An 45 Tagen bringt ihm ein Hund namens Spitzius Hofmann Post. In den Papieren wird der biographische Berghauptmann von einem gewissen Knef gebeten, das Material zu einer Biographie des Arztes Viktor zu verarbeiten. Jean Paul kommt der Bitte nach, weiß aber beim Schreiben nicht, wie die Geschichte weitergeht, da er auf die nächste Hundpost warten muss.

Der Auftrag[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

In dem überschaubaren deutschen Kleinstaat herrscht der Fürst Januar über die Untertanen in der Residenzstadt Flachsenfingen – von manchen Klein-Wien genannt – sowie in den Dörfern St. Lüne und Maienthal. Der blinde englische Lord Horion, Intimus des Fürsten, soll die fünf Söhne des Fürsten suchen und herbeischaffen. Er sollte die Knaben schon vor Jahren einmal aus Frankreich holen, ließ aber damals drei von ihnen nach England entführen und in Eaton erziehen.

Viktor, der Held des Romans, der zu Romanbeginn, aus Göttingen kommend, in Maienthal anlangt, wird als geschickter, erfolgreicher Augenchirurg vorgestellt. Er macht den blinden Lord durch einen Starstich sehend. Außerdem lindert er die Fußgicht des Fürsten und behandelt die Augenentzündung der Fürstin Agnola.

Betrug[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Viktor verlebte zusammen mit Flamin die Jugendzeit im Hause des Hofkaplans Peter Eymann im Dorf St. Lüne. Der Kaplan handelt mitunter impulsiv. So schmeißt er mit seiner Bibel im Haus gelegentlich Mäuse tot. Flamin wurde Jurist und soll der Sohn des Kaplans sein. Flamin wird vom Hofjunker Matthieu von Schleunes, einem Wüstling, gelenkt. Flamin liebt Klotilde. Das schöne Mädchen soll die Tochter des Obristkammerherrn Le Baut sein. Als Viktor Klotilde begegnet, ist er von ihr stark beeindruckt, aber er hält sich zurück, weil er es mit dem Freunde nicht verderben möchte. Jean Paul umschreibt Viktors Liebe so: Ein Mann kann sechsundzwanzig Jahre kalt und seufzerlos in seinem Bücherstaube sitzen; hat er aber den Aether der Liebe einmal geathmet, so muß er hinaus in die Himmelsluft und beständig nach ihr schnappen (153). Liebesszenen sind bei Jean Paul schöne Landschaftsmalereien.

Am 12. Hundposttag schenkt Jean Paul dem Leser reinen Wein ein: Leser kann man nicht genug betrügen, und ein gescheiter Autor wird sie gern an seinem Arm in Mardereisen, Wolfgruben und Prellgarne geleiten (164). Und da erfährt Viktor von seinem angeblichen Vater Lord Horion unter dem Siegel der Verschwiegenheit: Flamin ist Klotildens Bruder und des Fürsten Sohn (162). Also muss der Lord sich nur noch um vier Söhne des Monarchen kümmern. Lord Horion sagt zu Viktor: Auch leben Januars drei andere Kinder in England noch, bloß das vierte auf den sieben Inseln ist unsichtbar (162).

Tod des Lords[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Die drei Engländer, auch die Drillinge genannt, finden sich in St. Lüne ein. Als vierter Sohn des Monarchen entpuppt sich der biographische Berghauptmann Jean Paul. Dieser ist auf einmal adelig und schreibt sich von (650). Die „Rätsel“ um die fünf Söhne des Herrschers sind gelöst und Lord Horion gibt sich auf der Insel der Vereinigung den Tod.

Nebenhandlungen[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Die Dreiecksbeziehung Viktor – Klotilde – Flamin[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Viktor, Klotilde und Flamin sind die Guten und Edlen. Nur Matthieu ist der größte Bösewicht.

Als Viktor erfährt, dass die Liebenden Klotilde und Flamin verschwistert sind, gibt es noch ein Hindernis für seine Liebe zu Klotilde. Viktor muss sein Wissen geheim halten. Das hat er dem Lord geschworen. Schwüre hält Viktor. Überdies verabschiedet sich der Lord alsbald aus dem Roman und wird erst ganz am Ende tot aufgefunden. Das alles mag mit daran schuld sein, dass Viktor Abstand zu Klotilde hält, obwohl er sie innig liebt. Diese Tatsache bleibt auf die Dauer auch Flamin, dem besten Freund Viktors aus Kinder- und Jugendtagen, nicht verborgen. Flamin, der herzensgute, kann nicht anders, er überlässt die Geliebte großherzig dem Freund. Doch die vom Leser erhoffte Idylle wird von Matthieu kaputt gemacht.

Klotilde, die zur Hofdame aufsteigt, empfindet den Hofdienst als bedrückend. Weil Klotilde dem Fürsten gefällt, warb Matthieu um sie. Le Baut gab Klotilde aber nicht her. Matthieu hetzt Flamin auf, sodass Flamin seinen treuen Viktor täglich hinterlistiger und undurchsichtiger ansieht und ihm ein Pistolenduell aufzwingt. Keiner der beiden Jugendfreunde wird dabei getroffen.

Matthieu lässt nicht locker und überredet Flamin, sich auch noch mit Le Baut zu duellieren. Nicht Flamin, sondern Matthieu tötet den Obristkammerherrn Le Baut. Der Mörder verlässt das Land. Flamin nimmt die Schuld auf sich und wird als Mörder eingekerkert. Die Hofkaplanin und Klotilde reisen nach London zu Klotildes und Flamins Mutter, der Lady. Klotilde hofft, den Lord Horion bei der Lady zu treffen. Der Lord soll dem Fürsten eröffnen, dass Flamin sein Sohn ist, und Klotildens Bruder somit retten. Daheim geht Viktor zum Fürsten und bittet um Flamins Leben. Viktor erreicht nichts. Dabei bräuchte er dem Fürsten nur zu eröffnen, dass Flamin der Sohn des Fürsten ist. Aber Viktor muss seinen Schwur halten. Er sagt sich: Der Untergang einer Tugend ist ein größeres Uebel als der Untergang eines Menschen (606).

Als die Lady aus London in der Residenz Flachsenfingen anreist, um ihren Sohn Flamin zu retten, kommt ihr der Hofjunker Matthieu zuvor. Er kehrt aus dem Exil zurück und eröffnet dem Fürsten das Geheimnis um die Abstammung Flamins. Diesen Auftritt beim Fürsten benutzt Matthieu gleichzeitig, um gegen Lord Horion zu intrigieren. Matthieu hat sein Wissen aus der Zeit eines Rankes, den er seinerzeit schmiedete, als Lord Horion noch blind war. Matthieu holt Flamin aus dem Kerker. Der Leser erfährt zum Schluss des Romans, es gab noch drei Personen, die wussten, welcher Herkunft Flamin war: Die Lady, Emanuel und Klotilde. Eine verwirrende Tatsache – stellte doch Jean Paul anfangs Flamin und Klotilde als Liebespaar hin. Wurde der Leser vom Autor wieder betrogen? Ja und nein. Jean Paul lenkt den Leser immer wieder von logischen Bruchstellen ab, zum Beispiel mit der nachträglichen Erläuterung seines Romans: Der Lord gab Viktor als seinen Sohn aus, weil ein fähiger Arzt besser auf Fürst Januar „einwirken“ konnte als sein blinder Sohn Julius. Dies ist nicht die einzige Erklärung der Grundfragen. Für die völlig unverständliche Entfernung der Söhne des Fürsten vom Hofe durch den Lord zieht Jean Paul genauso „plausible“ Erklärungen aus dem Ärmel.

Der Leser bekommt sein Happy End. Der adlige Flamin wird seinen Weg bei Hofe machen, und der ins Bürgerliche abgesunkene Viktor wird mit Klotilde mehr als entschädigt. Aber der Autor heißt Jean Paul. Der gönnt dem Leser kein Ruhekissen, sondern gibt ihm am 39. Hundposttag zu bedenken, Viktor hat endlich vier Menschen verloren: Emanuel (siehe unten), Flamin ist ein Feind geworden, der Lord ein Fremder und Klotilde eine Fremde (581). Daran können auch die restlichen fünf Postsendungen, überbracht durch den Hund Spitzius Hofmann, nicht allzu sehr rütteln.

Emanuels Sterben[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Klotildes ostindischer Lehrer Emanuel stirbt fast über den ganzen Roman hinweg. Sein Todestag wird dem Leser rechtzeitig bekannt gegeben: Das ist der Johannistag 1793, also der 21. Juni, der längste Tag des Jahres. Die Vorhersage tritt natürlich, wie die meisten Prognosen bei Jean Paul, ein. Viktor, auf der Suche nach seinem Lehrer Dahore aus England, bekommt von Emanuel in jener Abtei Maienthal, in der sich Klotilde erzog, gesagt, er brauche nicht länger zu suchen, denn er habe auch Dahore vor sich. Dahore/Emanuel hält die zwei großen Wahrheiten (Gott und Unsterblichkeit), die wie zwei Säulen das Universum tragen, fest an seinem Herzen. Emanuel meditiert und macht astronomische Beobachtungen. Emanuel stirbt mehrere Male. Zumindest erscheint es beim ersten Lesen so. Da das kaum möglich ist, muss im Nachhinein ein sukzessives Sterben postuliert werden. Wiederum hat Jean Paul mit dem Leser gespielt. Viktor meinte nur, Emanuel sei tot. Der lungenkranke indische Lehrer stirbt weiter; spuckt mehrmals reichlich Blut auf sein langes leinenes Gewand.

Gegen Emanuel und den blinden Julius erscheinen solche bedeutenden Figuren wie der Fürst Januar und der Lord Horion als Staffage. Emanuel ist die Bezugsperson für Viktor und Klotilde. Bei Emanuel finden die beiden Protagonisten Zuflucht, Schutz und Trost. Während Jean Paul den Hesperus als Biographie Viktors angelegt hat, weist sein eigentliches erzählerisches Zentrum immer wieder auf Emanuel, also auf die „Nebenhandlung“ hin. Das Roman-Innere erkunden heißt, sich in die Welten des Heiligen namens Emanuel hinein zu versetzen. Außer unserer Welt gibt es eine zweite, in die Emanuel hinüber geht, indem er langsam, aber zum Johannis-Termin während des Sonnenuntergangs unwiderruflich, stirbt. Der Roman kann auch gelesen werden als Jean Pauls Astronomie und Kosmografie. Emanuels Sterben wird darin beschrieben als das Hinübergehen seines Geistes in die zweite Welt, bestehend aus Sonne, Mond und Sternen.

Auch das Studium des blinden Julius ist für das Verständnis des Hesperus von Belang: Julius lag im blühenden Grase, von dessen Wellen bespült, und hielt einen Kirschenzweig voll offner Honigkelche in der Hand. Während Emanuel mehr in den Kosmos strebt, verkörpert Julius genau das Gegenteil des abgelebten Adels – das Streben Zurück zur Natur. Viktor hat mit Julius manches gemeinsam: Viktor begegnet am liebsten den Kindern. Aber Menschen vermeidet er. Viktor ist ohne Ichsucht (125).

Jakobiner, Republikaner, Thronenstürmer[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Die erzählte Zeit (30. April 1792 bis 31. Oktober 1793) ist eine revolutionäre: Am 16. Oktober 1793 wird Marie Antoinette, Königin von Frankreich, guillotiniert.

Jean Paul erscheint im Hesperus nicht als Revolutionär, obwohl er über Jakobiner, Republikaner und Thronenstürmer schreibt. Frankreich ist weit. Der Hesperus handelt in Deutschland. Zwar sind bei Jean Paul die Bürgerlichen nicht so morbid wie die Adligen, doch die monarchistischen Herrschaftsverhältnisse werden nicht ernsthaft in Frage gestellt. Jean Paul redet lediglich geistreich über die Revolution und macht sich auch einmal über das Verhältnis des Bürgertums zum Adel lustig, wenn er zum Beispiel sich selbst zu Jean Paul von Januar ernennt, also zum legitimen Sohn eines Regierenden deutschen Fürsten.

Vom Fürsten Januar ist Viktor enttäuscht. Das fürstliche Gesicht setzte den Helden in Verlegenheit, nicht weil es imponierte, sondern weil es dieses bleiben ließ (118). Jean Paul stellt den Herrscher als Trottel hin, der Flachsenfingen zum Freistaat und sich zum Präsidenten des Kongresses darin machen möchte. Aber da ist seine Kamarilla mit den abgegriffenen deutschen Paradelarven, die jeden Republikaner sofort einen Jakobiner oder zumindest einen verkappten Franzosen schimpft. Matthieu hält Briten, die in Flachsenfingen einreisen, für Boten der französischen Propaganda. Ein Brite soll auch den Pulverturm aufgesprengt haben.

Viktor, der dem Leser zunächst als der Sohn eines Lords vorgestellt wird, fühlt sich bei Hofe in Flachsenfingen unwohl. Die Höflinge, die den Fürsten Alles nachäffen, sind ihm zuwider. Viktor hat keine Langeweile; nur ein Thron-Insaß lässt sich gegen diese Nervenschwindsucht hundert Hoffeste verschreiben, Gesellschaftkavaliere, ganze Länder und Menschenblut (101). Oft betrübte sich Viktor darüber, dass er hier so wenig seine edlern Kräfte für die Menschheit anspannen könne, dass seine Träume, durch den Fürsten Uebel zu verhüten, Gutes auszurichten, Fieberträume blieben (305). Also ist Viktor letztendlich froh, dass er in Wahrheit der Sohn eines Bürgerlichen ist. Jean Pauls Ansicht dazu – gegen den Adel gerichtet: Ich finde, daß ein gebildeter Pfarrsohn im Grunde besser ist als ein ganz ungebildeter Prinz (648).

Jean Paul[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Jean Paul mischt sich zum Missvergnügen des Lesers immer einmal in die Romanhandlung ein, verspricht, in drei Minuten bin ich wieder bei der Geschichte (103) und zerredet dann die so schon extrem verworrene Handlung nach Kräften. Diese Einmischungen sind weniger Nebenhandlung als vielmehr beabsichtigte Destruktion – eine jeanpaulsche „Auslegung“ der Romantik: Offensichtlich wird Distanz zum Rationalismus und Nähe zur Mystik gesucht. Das Spiel mit Identitäten und anderen erzähltheoretischen Erhaltungsgrößen dominiert im Roman und klang schon oben bei der Dahore/Emanuel-Identität an. Zum Beispiel ist der Aufenthaltsort des Erzählers Jean Paul zeitweise mehrdeutig. Der Romanbauherr Jean Paul schreibt auf seiner Insel St. Johannis in den ostindischen Gewässern und gleichzeitig auch im voigtländischen Hof, das er schleunigst als Handlungsort verleugnet. Die Verwirrung des Lesers erscheint als Programm.

Manches wirkt töricht: Klotilde schaut Viktor unter einem Winkel von fünfundvierzig Grad gegen die Horizontale an (86).

Figuren[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  • Januar (auch: Jenner), Regierender Fürst in Flachsenfingen
  • Agnola, die Fürstin
  • Die Lady, Klotildes und Flamins Mutter
  • Lord Horion, englischer Ratgeber des Fürsten
  • Hofkaplan (auch: Pfarrer) Peter Eymann
  • Die Hofkaplanin (auch: Pfarrerin), Eymanns Frau
  • Viktor Sebastian (auch: Bastian, auch: Horion), Doktor der Medizin, angeblich der Sohn des Lords. Es stellt sich heraus, Viktor ist der Sohn des Ehepaares Eymann.
  • Flamin, angeblich der Sohn des Ehepaares Eymann. Jurist, praktizierender Advokat, Regierungsrath. Es stellt sich heraus, Flamin ist der Sohn des Regenten Januar.
  • Matthieu von Schleunes (auch: der Evangelist Matthäus, auch: Matz), Hofjunker, Doktor der Medizin, Sohn des Ministers von Schleunes
  • Obristkammerherr Le Baut, der Erbfeind des Lords
  • Klotilde von Le Baut, angeblich Tochter des Obristkammerherrn. Es stellt sich heraus, Klotilde ist Flamins Schwester.
  • Emanuel (auch Dahore), astronomischer Lehrer Klotildes und Viktors
  • Julius, der schöne Blinde, angeblich Sohn des Pfarrers Eymann. Es stellt sich heraus, Julius ist der Sohn des Lords.

Nebenfiguren[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  • Jean Paul (auch: Monsieur), biographischer Berghauptmann, der Verfasser dieses Romans
  • Knef (auch Palindrom: Dr. Fenk), Korrespondent Jean Pauls, Unterzeichner der Hundpost

Zitate[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  • Emanuel schreibt Klotilde ins Stammbuch: Der Mensch hat hier dritthalb Minuten, eine zu lächeln – eine zu seufzen – und eine halbe zu lieben; denn mitten in dieser Minute stirbt er (68).
  • Wir achten eine Geschichte, die einmal die unsrige war, viel zu wenig, und doch werden die Zeittropfen, durch die wir schwimmen, erst in der Ferne der Erinnerung zum Regenbogen des Genusses (75).
  • Jeder große Kopf geht mit einer ganzen Bibliothek ungedruckter Gedanken in die Erde (119).
  • Aus einem aufgedrungenen verhaßten Bräutigam wird oft ein geliebter Ehemann (155).
  • Wie vermögen es große Schriftsteller, daß ihr unsichtbarer Geist in ihren Werken uns ergreift und festhält, ohne daß wir die Worte und Stellen angeben können, womit sie es thun (183).
  • Gott ist die Ewigkeit. Alles Unendliche und Unbegreifliche im Menschen ist sein Widerschein (359).
  • Man begeht die meisten Thorheiten unter Leuten, die man nicht achtet (374).

Die Liebesgeschichte: Viktor und Klotilde[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  • Er ging – fast zu mutig und zu nahe – durch einen Laubengang und drückte das Angesicht tief durch die Blätter, um endlich Klotilde im fernen grünen Schimmer zu erblicken … Ach er erblickte sie auch! - Aber zu hold, zu paradiesisch! Er sah zum erstenmal ihren Mund von einem süßen harmonischen Schmerz mit einem unaussprechlich-rührenden Lächeln umzogen (261).
  • Als er nach Hause kam: redete Klotildens Stimme, die er unter allen ihren Reitzen am wenigsten vergessen konnte, unaufhörlich und wie das Echo eines Trauergesangs in seiner Seele (317).
  • Viktor suchte sein uneiniges unglückliches Herz zu überschreien und zu betäuben (318).
  • Viktor konnte Niemand lieben, den Klotilde nicht liebte (324).
  • Viktor hatte ihr so viel zu sagen und hatte so wenige Minuten mehr dazu; gleichwol machte ihn nicht sowol die Freude als die Ehrfurcht stumm – denn heilig ist dem liebenden Herzen die Gestalt, die zu ihm gesagt: Ich bin Dein (418).
  • Ist nicht das Verhehlen der Liebe das schönste Entdecken derselben? (445)
  • Das Ineinanderrinnen der Blicke, das Zusammenzittern der Seelen warf in den engen Augenblick die Gefilde eines langen Himmels. -- Und sie sahen, daß sie sich gefunden hatten, und daß sie sich geliebt hatten, und daß sie sich verdienten. Unter dem Weitergehen konnte Viktor nur sagen: „O, möchten Sie so unaussprechlich glücklich sein wie ich heute.“ (496)
  • Klotilde und Viktor gingen enger und wärmer an einander gedrückt unter dem schmalen Sonnenschirm, der Beide gegen den flüchtigen Regen einbaute (500).

Poesie[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

In seiner Lobrede auf Jean Paul[1] feiert Stefan George anno 1896 den Dichter als einen, der die rede mit unerwarteten glänzen und lichtern belebt und hebt zum Beweise aus dem Hesperus sechs Stellen hervor.

  • ich war an die fünfte Säule auf der obersten Stufe eines griechischen Tempels gelehnt, dessen weißen Fußboden die Gipfel taumelnder Pappeln umzingelten – und die Gipfel von Eichen und Kastanien liefen nur wie Fruchthecken und Geländerbäume wallend um den hohen Tempel und reichten dem Menschen darin nur bis an das Herz (642).
  • O, wenn ein Erdenmensch in einem Traum durch das Elysium gegangen, wenn große unbekannte Blumen über ihn zusammengeschlagen, wenn ein Seliger ihm eine von diesen Blumen gereicht hätte mit den Worten: 'Diese erinnere Dich, wenn Du erwachst, daß Du nicht geträumt!' wie würde er schmachten nach dem elysischen Lande, so oft er die Blume ansähe (438).
  • Da sanken vor uns lichte Schneeperlen wie Funken nieder; - wir blickten auf, und drei goldgrüne Paradiesvögel wiegten sich oben und zogen unaufhörlich in einem kleinen Kreis hinter einander umher, und die fallenden Perlen waren aus ihren Augen oder ihre Augen selber (439).
  • so begann die lallende Todtenzunge eines Orgeltremulanten durch die öde Stille den Seufzer des Menschen anzureden, und der wankende Ton wand sich zu tief in ein weiches Herz (160).
  • Er sah nie einen so reinen Schnee des Augapfels um die blaue Himmelsöffnung, die weit in die schönere Seele ging, und wenn sie das Auge in den Garten niederschlug, stand das große, verhüllende Augenlid mit seinen zitternden Wimpern ebenso schön darüber wie eine Lilie über einer Quelle (493).
  • Er weinte nicht, aber konnte doch nicht mehr sprechen; ihre zwei Herzen ruhten verknüpft aneinander, und die Nacht umhüllte schweigend ihre stumme Liebe und ihre großen Gedanken (178).

Selbstzeugnisse[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  • Goebel[2] zitiert aus einem Brief Jean Pauls vom 22. Mai 1795: Mein Hesperus würde mich, wenn ich ihn läse, bessern.
  • Günter de Bruyn[3] zitiert aus dem Gedanken-Heft des Dichters eine Notiz von 1813: Dadurch, daß ich fast alle schönsten Szenen im Hesperus nie erlebt hatte, kam ich zu sehr ins Lyrische und Weitläufige.

Rezeption[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  • Sprengel[4] zitiert eine Rezension über Hesperus von Friedrich Jacobs aus ihrem Erscheinungsjahr 1795. Darin lobt der Rezensent das Poetische und bemängelt im selben Atemzug die Rührungen, die aufgesucht scheinen. Und Es wird doch fast gar zuviel in diesem Buche geweint. Außerdem bemerkt Jacobs, der Autor hätte sich nicht einmischen sollen und statt der albernen Hundposttage lieber Kapitel schreiben sollen.
  • Günter de Bruyn setzt sich mit dem Hesperus im Lichte der Französischen Revolution auseinander.
  • Günter de Bruyn[5] zitiert Alexander Herzen, der 1837 an seine Braut schrieb: Unsere Liebe, die reine, heilige, ist in seinem [Jean Pauls] Hesperus beschrieben.
  • In Sprengels Register, 2. Jean Pauls Werke[6], sind zahlreiche Hinweise auf die Hesperus-Rezeption notiert.
  • Martin Walser[7] schreibt 1974: Über „Wilhelm Meister“ und „Hesperus“. Walsers These lautet: Beide Bücher sind gegeneinander gerichtet, …
  • Nach Schulz[8] ist Viktor Sebastian – wie die beiden Vornamen sagen – Sieger und Märtyrer zugleich.
  • Ortheil[9] nimmt seinen Leser mit in die Dichterwerkstatt. Beide wollen schauen wie etwas Großes entsteht.
  • Ueding[10] weist darauf hin, dass Jean Paul durch seinen Hesperus berühmt wurde, den Erfolg jedoch nicht wiederholen konnte.
  • Nach Berhorst[11] glückten Jean Paul humoristische Passagen, indem er vorgab, der Hesperus sei ein Geschichtswerk und kein Roman.

Literatur[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Quellen[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  • Jean Paul: Hesperus oder Fünfundvierzig Hundsposttage. Eine Biographie. Verlag Gustav Hempel, Berlin (ohne Angabe des Erscheinungsjahres, mit einer Vorrede zur dritten Auflage vom 1. Januar 1819), Druck von B. G. Teubner, Leipzig. 652 Seiten.

Ausgaben[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  • R.O. Spazier (Hrsg.), Ernst Förster (Hrsg.): Jean Paul's sämmtliche Werke. Berlin 1826 ff.
  • Hempelsche Ausgabe: Jean Paul's Werke. 60 Theile. Berlin 1868.
  • Eduard Berend (Hrsg.): Jean Pauls Sämtliche Werke. Historisch-kritische Ausgabe. Weimar 1927.
  • Norbert Miller (Hrsg.): Jean Paul: Werke. Hanser, München 1959.
  • Jean Paul, Hesperus oder 45 Hundsposttage. Edition der Druckfassungen von 1795, 1798 und 1819 in synoptischer Darstellung. Hrsg. von Barbara Hunfeld. In: Jean Paul, Werke. Hrsg. von Helmut Pfotenhauer und Barbara Hunfeld. 3 Bde. I,1–3. Tübingen 2009.

Sekundärliteratur[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Weblinks[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Einzelnachweise[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  1. Stefan George, zitiert bei Sprengel, S. 218
  2. Goebel, S. 46
  3. de Bruyn, S. 138
  4. Sprengel, S. 4
  5. de Bruyn, S. 140
  6. Sprengel, S. 395
  7. Walser zitiert in Sprengel, S. 304
  8. Schulz, S. 340
  9. Ortheil, S. 50
  10. Ueding, S. 85
  11. Berhorst, S. 248