Das Kampaner Tal

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Jean Paul (1763–1825)

Das Kampaner Tal ist eine Erzählung[A 1] von Jean Paul, die im ersten Quartal 1797 entstand und im Mai 1797 bei August Hennings in Gera erschien[1]. Details zum Tal von Campan entnahm Jean Paul hauptsächlich der Beschreibung einer Reise, die Arthur Young zehn Jahre zuvor in die französischen Pyrenäen führte[2]. Der Anhang, ein Kommentar zu zehn Holzschnitten[A 2] aus dem „kleinen lutherischen Katechismus für Baireuth und Ansbach[3], hat nichts mit der Erzählung zu tun.

Inhalt[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Handlung[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Der Ich-Erzähler Jean Paul[4] begleitet den Baron Wilhelmi und dessen liebe Braut Gione auf ihrer „arkadischen Hochzeitfeier“ ins Kampaner Tal. Im Gefolge befinden sich noch Giones Schwester Nadine, der Hauskaplan und der Rittmeister Karlson. Der Kaplan ist ein kritischer Philosoph, der vom Erzähler Phylax geschimpft wird. Der Rittmeister ist ein Freund Jean Pauls. Der Ich-Erzähler berichtet seinem Freund Viktor[A 3] brieflich von der Reise. Das Ziel dieser Wanderung durch das „herrliche Tal“ an einem „holden Tag“ ist ein gemietetes Landgut am Ende des Tals nahe bei der Kampaner Tropfsteinhöhle. Auf der eintägigen Fußreise ist man unter sich. Die meisten Kampaner arbeiten in Spanien.

Reisen bedeutet für Jean Paul einen Gang in die Freiheit: „...wenn wir mit zersprengten Hals- und Brusteisen und zerschlagenen Sperrketten der engen Verhältnisse leicht und ungebunden wie in Träumen über neue Bühnen fliegen – dann ists kein Wunder, daß ein Mensch sich auf die Füße macht, und daß er immer weiter will.“[5] Der Erzähler weiß, was der Deutsche möchte: „Anfangs will der Mensch in die nächste Stadt – dann auf die Universität – dann in eine Residenzstadt von Belang – dann (falls er nur 24 Zeilen geschrieben) nach Weimar – und endlich nach Italien oder in den Himmel.“[6]

Um eine Hochzeit geht es in dem Text nur nebenbei. Eigentlich plaudert Jean Paul über die Unsterblichkeit der Seele. Also werden die Philosophen bemüht; genauer, die Kantianer. Letztere werden als Leute definiert, die „nicht zu lesen, sondern nur zu studieren“ sind. Kant selbst kommt gut weg. Er unterscheide zwischen Philosophen und Künstlern. Kant räume nur dem Künstler Genie ein. Der Ball wird vom Künstler Jean Paul zurückgeworfen. Leibnizens Monadologie hält der Gelobte für eine „reine strahlende Emanation des Genius“ – ebenso leuchtend wie die besten Figuren bei „Shakespeare oder Homer“. Ausgehend von Leibnizens Leib-Seele-Problem kommen die oben genannten Gesprächspartner auf ihrer Wanderung durch das Kampaner Tal über Umwege zur Sache; also zu der Frage: Was passiert mit den Seelen nach dem Tode? Wilhelmi beginnt bei den sterbenden Lebewesen mit den Blumen. Der Baron stellt sich das – im Einklang mit seiner Braut Gione – so vor: „Die Lilienseelen fahren wahrscheinlich in weibliche Stirnen, Hyazinthen- und Vergißmeinnichtseelen in weibliche Augen und Rosenseelen in Lippen... Es kömmt der Hypothese sehr zustatten, daß ein Mädchen in der Minute, da es sich bückt und eine Rose bricht oder umbringt, von der übertretenden Seele merklich röter wird.“[7] Mit dem Blumen Brechen ist das so eine Sache. Die Braut Gione bricht unterwegs Flatterrosen. Jean Paul, der den Vorgang aufmerksam beobachtet, warnt in einer seiner zahlreichen Fußnoten: „Skolopender oder Feuerasseln leuchten nachts; man muß sich hüten, sie nicht aus den Blumenkelchen mit den Düften ins Gehirn zu ziehen.“

Am Abend des schönen Wandertages, als die Sonne „schon rot auf den Gebürgen“ steht, nimmt Gione eine letzte günstige Gelegenheit wahr; besteigt eine „östliche Montgolfiere“ und erhebt sich über das Kampaner Tal. Mit Augen – rot von gestillten Tränen – landet die Braut schließlich. Darauf folgen Nadine und der Autor dem Beispiel der mutigen Gione. Jean Paul schildert den Start: „...nun zogen uns die Sonnen empor. Die schwere Erde sank wie eine Vergangenheit zurück – Flügel, wie der Mensch in glücklichen Träumen bewegt, wiegten uns aufwärts – die erhabene Leere und Stille der Meere ruhte vor uns bis an die Sterne hin – wie wir stiegen, verlängerten sich die schwarzen Waldungen zu Gewitterwolken und die beschneieten beglänzten Gebirge zu lichten Schneewolken – die auftreibende Kugel flog mit uns vor die stummen Blitze des Mondes, der wie ein Elysium unten im Himmel stand, und in der blauen Einöde wurden wir von einem gaukelnden Sturm gleichsam in die nähere schimmernde Welt des Mondes geblendet gewiegt.... und dann wurd' es dem leichtern Herz, das hoch über dem schweren Dunstkreis schlug, als flatter' es im Äther und sei aus der Erde gezogen, ohne die Hülle zurückzuwerfen.“[8]

Form[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Jean Paul versäumt kaum eine Gelegenheit, wenn es gilt, den Leser gegen sich aufzubringen. Zuallererst sind da seine berühmt-berüchtigten Gedankensprünge – natürlich auch hier in Hülle und Fülle vorrätig. Ist Jean Paul aus dem Dickicht zurückgekehrt, redet er neuerlich munter am Thema vorbei. Eigentlich ist dieser Text vollkommen unverdaulich, doch der unerschrocken weiter Lesende wird mit vereinzelten Perlenfunden in jenem Textverhau belohnt: „...dünne Blitze quollen aus dem nächtlichen Dunst, die Blumen rauchten aus zugedeckten Kelchen, und unter dem tiefer einsinkenden Gewitter schlugen die Nachtigallen lauter,...“[9] Mit anderen Worten gesagt – die Schönheit des Textes liegt tief verborgen und kann entdeckt werden: „Wir gingen den Pyrenäen entgegen – Kornfluren – Wasserfälle – Sennenhütten – Marmorbrüche – Haine – Grotten zogen sich, vom schlagenden Adersystem des vielästigen Adours beseelt, vor uns glänzend und offen dahin, und wir hatten sie wie herrliche, in Träume verwandelte Jugendjahre zurückzulegen.... Ach Viktor, nur Reisen ist Leben, wie umgekehrt das Leben Reisen ist... Wie glänzet man, wie dichtet, wie erfindet und philosophiert man, wenn man dahinläuft, so wie Montaigne, Rousseau und die Meernessel nur leuchten, wenn sie sich bewegen![10][A 4]

Den Gipfel seiner Nonchalance erreicht Jean Paul im Anhang. Auch an den zehn Geboten, um die es geht, wird vorbeigeredet mit der fadenscheinigen Begründung, Lorenz Krönlein, der Schöpfer der Holzschnitte, habe ja ebenfalls das biblische Thema verfehlt.[11]

Rezeption[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

In seiner Rezension aus dem Jahr 1798 kann sich der Göttinger Ästhetiker Friedrich Bouterwek mit der „chaotischen Schöpfung“ überhaupt nicht anfreunden und muss sich distanzieren.[12] Börne ist reichlich zwei Wochen nach der Beerdigung des Dichters am 2. Dezember 1825 in der berühmten „Denkrede auf Jean Paul“, die mit „Ein Stern ist untergegangen...“ einsetzt, nachfühlender. In dem „Kampaner Tale“ habe der große Autor seine Hoffnungen ausgesprochen.[13] Zum 150. Geburtstag am 21. März 1913 ehrt Johannes Nohl in „Jean Paul der Flieger“ den unvergessenen Poeten unter anderem mit Verweis auf seine Visionen im „Kampaner Tal“.[14]

Kategorisierung

Für Schulz ist „Das Kampaner Tal“ so etwas wie eine „kleine philosophisch-religiöse Diskussion“[15]; genauer – eine Erörterung über „Endlichkeit und Ewigkeit[16]. Sprengel[17] weicht mit „idealischem Disput über Tod und Unsterblichkeit“ nicht sehr weit davon ab. Ueding[18] nennt den Text eine Gesprächsidylle, die mit einer Luftreise ende. Diese Wertung muss der Leser bestätigen. Das Ganze löst sich in Luft auf.[19][20] De Bruyn[21] spricht von einem „moralisch-erbaulichen Traktat“, dem „eine recht müde Satire... angehängt ist“. Nach Ortheil[22] liegt schlicht eine Abhandlung vor. Diese Kategorie hört sich gar nicht nach Prosa an.

Philosophie

Schulz[23] sieht als Jean Pauls Gegner Kant und Fichte. Jean Paul polemisiere gegen die kritische Philosophie[24] und lehne das mechanistische Weltbild ab[25].

Dreiecksbeziehung

Was bei aller Philosophiererei beinahe untergeht, doch von Zeller[26] bemerkt wird: Rittmeister Karlson ist in Baron Wilhelmis Braut Gione verliebt. Aber schon zu Beginn der Fußwanderung bekommt er von der schönen Braut einen Korb: „Gione ging auf einmal langsamer an Karlsons Arm und sagte mit Wärme, ohne zu stottern: ‚Ich liebe überall die Wahrheit herzlich, auch auf Kosten theatralischer Überraschungen: ich muß Ihnen es im Namen des Herrn Baron entdecken, daß ich und er morgen auf immer verbunden werden. Sie müssen es Ihrem Freund vergeben, daß er dieses Fest nicht ohne den seinigen feiern wollte.‘“[27] Freilich beobachtet der Leser, Karlson bleibt gern in Giones Nähe: „Karlson stand bei Gionen still, um uns heranzulassen,...“[28]

Leser

Novalis habe Jean Pauls Bilder aus dem „Kampaner Tal“ bereits im Juni 1797 kennengelernt. Auf einem dieser dichterischen Gemälde könnte vielleicht „Hymnen an die Nacht“ teilweise fußen[29]. Die Günderrode habe den Schluss von Jean Pauls Text – also die Luftfahrt – geschätzt[30].

Literatur[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Textausgaben[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Verwendete Ausgabe
  • Das Kampaner Tal oder über die Unsterblichkeit der Seele, nebst einer Erklärung der Holzschnitte unter den 10 Geboten des Katechismus. S. 561–716 in: Norbert Miller (Hrsg.): Jean Paul. Sämtliche Werke. Abteilung I. Vierter Band. Kleinere erzählende Schriften 1796–1801 (enthält noch: Leben des Quintus Fixlein, Biographische Belustigungen, Der Jubelsenior, Palingenesien, Briefe und bevorstehender Lebenslauf, Das heimliche Klagelied). Wissenschaftliche Buchgesellschaft, Darmstadt 2000 (Lizenzgeber: Carl Hanser, München 1962 (4. Aufl. 1988)). Ohne ISBN (Bestellnummer 14965-3, 1263 Seiten)

Sekundärliteratur[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Weblinks[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Anmerkungen[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  1. Der Terminus „Erzählung“ wurde den „Kleineren erzählende Schriften“ – das ist der Untertitel der verwendeten Ausgabe – entlehnt. Andere Kategorisierungen sind unter dem Punkt „Rezeption“ aufgeführt. Jean Paul erzählt mit einem Augenzwinkern. Zudem teilt er mit Wonne Seitenhiebe aus. Insbesondere hat er es auf Weimar abgesehen, das er im Frühsommer 1796 (Verwendete Ausgabe, S. 1191, Eintrag 629,13) erstmals aufgesucht hatte: „Es ist hier nicht der Ort, von Weimar, dieser literarischen Pfalz- und Munizipalstadt, worin eine Dreieinigkeit von drei größern Weisen [gemeint sind Goethe, Herder und Wieland (verwendete Ausgabe, S. 1191, Eintrag 633,22)] schimmert, als je ein Stern aus Morgenland führte, von dieser Insel Barataria, in die jeder Sancho Pansa einreitet, der nur einmal eine zweite Auflage erlebte,...“ (Verwendete Ausgabe, S. 633, 20. Z.v.o.)
  2. In der verwendeten Ausgabe sind alle zehn Holzschnitte auf den Seiten 637–695 abgebildet.
  3. Viktor aus dem Hesperus (Debold, S. 91, 1. Z.v.u.)
  4. Bereits in der Antike wandelte man beim Philosophieren (Debold, S. 93, 5. Z.v.u.).

Einzelnachweise[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  1. Verwendete Ausgabe, S. 1185 unten – 1186, 15. Z.v.o.
  2. Verwendete Ausgabe, S. 1187, 7. Z.v.o.
  3. Verwendete Ausgabe, S. 634, 4. Z.v.o.
  4. Verwendete Ausgabe, S. 607, 24. Z.v.o. und S. 597, 21. Z.v.o.
  5. Verwendete Ausgabe, S. 585, 1. Z.v.u.
  6. Verwendete Ausgabe, S. 586, 7. Z.v.o.
  7. Verwendete Ausgabe, S. 590, 33. Z.v.o.
  8. Verwendete Ausgabe, S. 625, 19. Z.v.o.
  9. Verwendete Ausgabe, S. 578, 6. Z.v.o.
  10. Verwendete Ausgabe, S. 585, 15. bis 31. Z.v.o.
  11. Verwendete Ausgabe, S. 636, 1. Z.v.o.
  12. Sprengel, S. XXXIII, 8. Z.v.o. und S. 24 unten, Eintrag 12
  13. Sprengel, S. 105, 5. Z.v.u.
  14. Sprengel, S. 232, 22. Z.v.o.
  15. Schulz, S. 360, 13. Z.v.u.
  16. Schulz, S. 626, 4. Z.v.u.
  17. Sprengel, S. XXVII, 22. Z.v.o.
  18. Ueding, S. 183, 6. Z.v.o.
  19. Ueding, S. 77, 9. Z.v.u.
  20. siehe auch Görres in: Sprengel, S. 89, 12. Z.v.o.
  21. de Bruyn, S. 194, 6. Z.v.o.
  22. Ortheil, S. 78, 15. Z.v.u.
  23. Schulz, S. 211, 14. Z.v.u.
  24. Schulz, S. 212, 5. Z.v.o.
  25. Schulz, S. 212, 11. Z.v.o.
  26. Zeller, S. 188, 11. Z.v.o.
  27. Verwendete Ausgabe, S. 578, 10. Z.v.o.
  28. Verwendete Ausgabe, S. 591, 18. Z.v.o.
  29. Schulz, S. 626, 3. Z.v.u.
  30. Schulz, S. 645, Mitte