Hanns-Josef Ortheil

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Hanns-Josef Ortheil (2009)

Hanns-Josef Ortheil (* 5. November 1951 in Köln, Nordrhein-Westfalen) ist ein deutscher Schriftsteller, Drehbuchautor, Germanist und Hochschullehrer.

Leben[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Hanns-Josef Ortheil wurde als fünfter Sohn der Bibliothekarin Maria Katharina Ortheil (1913–1996) und des Geodäten und späteren Bundesbahndirektors Josef Ortheil (1907–1988) in Köln geboren. Die Eltern hatten während des Zweiten Weltkriegs zwei Söhne und in den ersten Nachkriegsjahren wiederum zwei Söhne verloren. Angesichts dieser Todesfälle war Ortheils Mutter mit der Zeit immer schweigsamer und schließlich stumm geworden, sodass Ortheil in seinen ersten Kinderjahren mit einer sprachlosen Mutter aufwuchs und im Alter von etwa drei Jahren für einige Zeit selbst zu sprechen aufhörte. Er lernte deswegen erst mit sieben Jahren sprechen. In einem Fernsehstudio-Gespräch in der WDR-Sendung Planet Wissen erzählte Ortheil im Oktober 2013, sein erster Satz sei gewesen: „Gib mal her!“, als er beim Fußballspiel zweier Jungen den Ball haben wollte.[1]

Eine Erlösung von dem stark introvertierten und mutistischen Kinderleben brachte dem Vierjährigen der Beginn des Klavierunterrichts, den er zunächst von seiner Mutter erhielt. Von 1956 an wurde Ortheil von Pianisten und Musikpädagogen unterrichtet, so etwa von dem Pianisten und Musiktheoretiker Erich Forneberg und später von der Pianistin und Arrau-Schülerin Daniela Ballek. Als Pianist machte Ortheil rasch Fortschritte und wollte diese Laufbahn beruflich einschlagen. Massive, immer wiederkehrende Sehnenscheidenentzündungen zwangen ihn jedoch während zweier Rom-Aufenthalte in den frühen siebziger Jahren, in denen er am römischen Konservatorium studierte und als Organist an der Kirche Santa Maria dell’Anima seinen Lebensunterhalt verdiente, zur Aufgabe dieses Berufswunsches.

Nach Kinder- und Jugendjahren in Köln, im Westerwald, in Wuppertal und Mainz machte Ortheil das Abitur am Mainzer Rabanus-Maurus-Gymnasium und studierte zunächst in Rom Kunstgeschichte und später an den Universitäten von Mainz, Göttingen, Paris und Rom Musikwissenschaft, Philosophie, Germanistik und Vergleichende Literaturwissenschaft. Während seines Studiums in den siebziger Jahren arbeitete er als Film- und Musikjournalist für die Mainzer „Allgemeine Zeitung“ und später (seit den achtziger Jahren) als Feuilletonist und Literaturkritiker u. a. für die „Frankfurter Allgemeine Zeitung“, Die Zeit, „Die Welt“, den „Rheinischen Merkur“, den „Spiegel“ und die „Neue Zürcher Zeitung“. 1976 wurde er mit einer Dissertation zur Theorie des Romans im Zeitalter der Französischen Revolution am Deutschen Institut der Universität Mainz promoviert.

Von 1976 bis 1982 war er dort wissenschaftlicher Mitarbeiter sowie von 1982 bis 1988 Hochschulassistent. 1979 debütierte er als Schriftsteller mit dem Roman Fermer, für den er den ersten „Aspekte“-Literaturpreis des ZDF für „das beste Debüt“ der Saison erhielt. 1983 heiratete er die Verlegerin Imma Klemm, die Enkelin des expressionistischen Lyrikers Wilhelm Klemm, dem er eine Monographie widmete. Von 1988 bis 1990 war er freier Schriftsteller. 1991 erhielt er das Stipendium der Deutschen Akademie Villa Massimo Rom und lebte seit dieser Zeit wieder häufiger in Rom. Dort nahm Ortheil während eines zweiten Villa-Massimo-Aufenthaltes im Jahr 1993 auch seine frühere Konzerttätigkeit wieder auf und spielte in privatem, aber auch in öffentlichem Rahmen. 1990 erhielt er eine Dozentur für Kreatives Schreiben und Gegenwartsliteratur an der Universität Hildesheim, wo er 1999 den Studiengang „Kreatives Schreiben und Kulturjournalismus“ gründete. Hieraus gingen jüngere Schriftstellerinnen und Schriftsteller hervor, etwa Mariana Leky, Paul Brodowsky, Thomas Klupp, Sebastian Polmans, Kevin Kuhn und Leif Randt. 2003 wurde er ebenfalls in Hildesheim Professor für Kreatives Schreiben und Kulturjournalismus; er führte den Studiengang nun zusammen mit Kollegen und Mitarbeitern erfolgreich weiter.

2008 wurde Ortheil erster Direktor des neu gegründeten „Instituts für Literarisches Schreiben und Literaturwissenschaft“ der Universität Hildesheim, das sich der Förderung junger Autoren in Theorie und Praxis widmet und in der Forschung alle Aspekte von Schrift und Schreiben untersucht. Neben seiner Lehrtätigkeit an der Universität Hildesheim war Ortheil Poetik-Dozent an der Washington University in St. Louis/USA sowie an den Universitäten von Paderborn, Bielefeld, Heidelberg, Zürich und Bamberg. Ortheil ist Honorarprofessor der Universität Heidelberg sowie Mitglied des PEN-Zentrums Deutschland und der Bayerischen Akademie der Schönen Künste in München. Seit 2012 ist er Kurator des Gargonza Arts Award.

Kritik[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  • Zu Die Berlinreise (2014): Für alle, die etwas mit Berlin zu tun haben, ist das Buch eine erfreuliche Erinnerung, wobei die Sicht aus der Perspektive des Kindes durchaus ein Kick ist, der den Text interessant macht. Auch der Blickwinkel des Kindes bietet eine große Anzahl von Reizen und Anregungen - in manch einer Familie könnte das Buch ein Familienlesebuch werden (Norbert Kühne, Medienhaus Bauer/Marler Zeitung und 5 weitere Ausgaben, Marl, 13. August 2014).

Werke[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

als Autor[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Sachliteratur[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Biografien[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Drehbücher[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  • Zusammen mit Christine Soetbeer: Dämonen der Städte - Georg Heym Fernsehfilm, ZDF, Erstsendung 1985.
  • Zusammen mit Christine Soetbeer: Ezra Pound – Ein amerikanischer Hochverräter. Fernsehfilm, ZDF, Erstsendung 1986.

Zeitgeschichtliche/zeitgenössische Romane und autobiographische Essays[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  • Fermer. Roman. S. Fischer, Frankfurt am Main 1979 (Collection S. Fischer, Band 7), ISBN 3-596-22307-5.
  • Hecke. Erzählung. S. Fischer, Frankfurt am Main 1983, ISBN 3-10-057602-0.
  • Köder, Beute und Schatten. Suchbewegungen. Essays. S. Fischer, Frankfurt am Main 1985 (Collection S. Fischer, Band 43), ISBN 3-596-22343-1.
  • Schwerenöter. Roman. Piper, München u. a. 1987, ISBN 3-492-03179-X.
  • Agenten. Roman. Piper, München u. a. 1989, ISBN 3-492-03363-6.
  • Schauprozesse. Beiträge zur Kultur der 80er Jahre. Essays. Piper, München u. a. 1990, ISBN 3-492-11180-7.
  • Abschied von den Kriegsteilnehmern. Roman. Piper, München u. a. 1992, ISBN 3-492-03596-5.
  • Römische Sequenz. Notizen. Deutsche Akademie Villa Massimo, Rom 1993, ohne ISBN.
  • Familienbande. Die Anfänge des Schreibens. Rektorat der Universität/Gesamthochschule, Paderborn 1994 (Paderborner Universitätsreden, Bd. 40), ohne ISBN.
  • Das Element des Elephanten. München u. a. 1994.
  • Blauer Weg. München u. a. 1996.
  • Beschreibung: Erwin Wortelkamps Tal bei Hasselbach im Westerwald. Witten 2000.
  • Lo und Lu. München 2001.
  • Die große Liebe. Roman. Luchterhand, München 2003, ISBN 3-630-87147-X.
  • Venedig. München 2004.
  • Die weißen Inseln der Zeit. Orte, Bilder, Lektüren. Feuilletons, Reden, Essays, Notizen. Luchterhand, München 2004, ISBN 978-3-630-87175-2.
  • Das große Fest der Schrift. Aufzeichnungen zum Literaturfestival "Prosanova". Glück und Schiller, Hildesheim 2005, ISBN 3-938404-05-1.
  • Die geheimen Stunden der Nacht. München 2005.
  • Das Verlangen nach Liebe. München 2007.
  • Die Erfindung des Lebens. München 2009.
  • Rom. Eine Ekstase. Oasen für die Sinne. München 2009.
  • Die Moselreise. Roman eines Kindes. München 2010.[4]
  • Liebesnähe. Luchterhand, München 2011, ISBN 978-3-630-87303-9.
  • Das Kind, das nicht fragte. Roman. Luchterhand, München 2012, ISBN 978-3-630-87302-2.
  • Die Berlinreise. Luchterhand, München 2014, ISBN 978-3-630-87430-2.
  • Rom, Villa Massimo. LangenMüller, München 2015, ISBN 978-3-7844-3368-4.
  • Der Stift und das Papier, Luchterhand, München 2015, ISBN 978-3-630-87478-4

Historische Romane[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

als Herausgeber[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Auszeichnungen[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Literatur[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  • Manfred Durzak (Hrsg.): Hanns-Josef Ortheil – im Innern seiner Texte. Piper, München 1995, ISBN 3-492-12037-7.
  • Volker Wehdeking: Hanns-Josef Ortheils "Abschied von den Kriegsteilnehmern". Die Ablösung von deutscher Nachkriegsgeschichte aus der Perspektive eines neuen Aufbruchs. In: Volker Wehdeking: Die deutsche Einheit und die Schriftsteller. Literarische Verarbeitung der Wende seit 1989. Kohlhammer, Stuttgart/ Berlin/ Köln 1995, ISBN 3-17-012723-3, S. 64–75.
  • Helmut Schmitz: Der Landvermesser auf der Suche nach der poetischen Heimat. Heinz, Stuttgart 1997, ISBN 3-88099-348-3.
  • Stephanie Catani u. a. (Hrsg.): Kunst der Erinnerung, Poetik der Liebe. Das erzählerische Werk Hanns-Josef Ortheils. (= Poiesis. Band 3). Wallstein, Göttingen 2009, ISBN 978-3-8353-0466-6.
  • Caroline Kartenbeck: Erfindungen des Lebens. Autofiktionales Erzählen bei Hanns-Josef Ortheil. (= Beiträge zur neueren Literaturgeschichte [Folge 3], Band 308). Universitätsverlag Winter, Heidelberg 2012, ISBN 978-3-8253-6118-1.

Weblinks[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Einzelnachweise[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  1. Das stumme Kind - Hanns-Josef Ortheils Weg zur Sprache. In: Planet Wissen. Wissenschaftliche TV-Sendung, 29. Oktober 2013, 60 Min. - Moderation: Andrea Grießmann, Buch: Britta Schwanenberg, Realisation: Barbara Garde, Redaktion: Remo Trerotola, Koproduktion von Westdeutscher Rundfunk und Südwestrundfunk in Zusammenarbeit mit BR-alpha
  2. Siehe PDF (Memento vom 11. März 2014 im Internet Archive) auf der Website der Herausgeberin.
  3. Anstelle der erkrankten Hana Blažíková. Vgl. Abendprogramm (Memento vom 23. Mai 2014 im Internet Archive) bei der J. S. Bach-Stiftung abgerufen am 26. April 2014.
  4. Anja Hirsch: Rezension Die Farben der Mosel. In: Frankfurter Rundschau. 30. September 2010, abgerufen am 21. April 2013.
  5. Klagenfurter Rede zur Literatur von Hanns-Josef Ortheil (Memento vom 14. Januar 2013 im Webarchiv archive.is) auf der Website des Wettbewerbes.
  6. Staatsministerium Baden-Württemberg: Liste der Ordensträger 1975–2016. 23. April 2016, S. 46, abgerufen am 29. April 2016 (PDF; 149 kB).
  7. http://m.focus.de/regional/baden-wuerttemberg/literatur-hannelore-greve-literaturpreis-geht-an-hanns-josef-ortheil_id_5377396.html