Hethitische Mythologie

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Hethitische Muttergöttin mit Kind

Die Mythologie der Hethiter und Luwier ist stark von der Religion der Hattier, Hurriter und Babylonier beeinflusst. Die Hethiter übernahmen von ihnen zahlreiche Gottheiten und Mythen. Das Pantheon wurde oft als die "1000 Götter von Ḫatti" zusammengefasst.

Quellen[Bearbeiten]

Das Quellenmaterial zur hethitischen Religion und Mythologie ist reichhaltig und vielseitig. Die keilschriftlichen Tontafeln aus den Archiven der Königsstadt Ḫattuša bestehen fast zu zwei Dritteln aus religiösen Texten. Diese enthalten Rituale, Hymnen, Gebete, Gelübde, Flüche und Beschwörungen, Opferlisten, Weissagungen und Omina, Mythen und Sagen, aber auch Zeugnisse des Aberglaubens. Das älteste schriftliche Zeugnis ist der Anittatext (18. Jh. v. Chr.), wo der Bau von Tempeln für Ḫalmašuit, den Wettergott und “mein Gott” (Šiušmi) erwähnt wird. Die Texte reichen bis zum Untergang des Hethiterreiches um 1180 v. Chr.

Die religiösen Texte sind nicht nur hethitisch verfasst, sondern enthalten auch hattische, hurritische, luwische und seltener palaische Textpartien und Ausdrücke. Seltener als keilschriftliche Texte sind die in Fels und Mauerwerk geschlagenen hieroglyphischen Texte, die eher wortkarg sind und meist nur Namen bezeugen, wie im Felsheiligtum von Yazılıkaya.

Archäologische Funde bestehen aus Götterstatuetten und Ritualobjekten, wie Kultgefässen und Kultwaffen oder tönernen Lebermodellen für die Leberschau.

Die Hethiter errichteten auch viele Tempel, eine große Anzahl allein in der Hauptstadt Ḫattuša. In dem wichtigen Felsheiligtum von Yazılıkaya wurden über 60 Götterreliefs in den Fels gemeisselt. Von Bedeutung sind ferner das Quellheiligtum von Eflatun Pınar, das Bergheiligtum von Gavurkale und das Felsrelief von Fıraktın.

Geschichte[Bearbeiten]

Das Quellheiligtum von Eflatun Pınar

Die hethitische Religion war ständig Änderungen unterworfen und entwickelte sich zusehends. Im Alten Reich (1600-1450) wurden hattische Rituale und Gottheiten adsorbiert. Eroberungszüge nach Kilikien, Syrien und Mesopotamien brachten fremde Kulte und Gottheiten nach Ḫattuša. Die Hauptgottheiten bildeten damals der Wettergott Tarḫunna, die Sonnengöttin von Arinna, Mezulla und Telipinu.

Im Mittleren Reich (1450-1350) wurden hurritische Kulte und Gottheiten aufgenommen, und das Pantheon nahm durch Eroberungszüge unzählige Gottheiten verschiedenster Ethnien auf, so dass die Tafeln auch von den “Tausend Göttern des Landes Ḫatti” sprechen.

Im Jüngeren Reich (1350-1180) war das offizielle Staatspantheon stark hurritisiert, wie die Götterzeremonie von Yazılıkaya anschaulich illustriert. Das Hauptpaar wurde mit den hurritischen Namen Teššup und Ḫepat bezeichnet, zu denen sich Šauška und Šarruma gesellten.

Um 1180 zerfiel das Hethitische Großreich in viele kleinere Stadtstaaten, in denen die alten hethitischen und luwischen Kulte weiterlebten, zum Teil bis in die frühe Antike.

Geographische Unterschiede[Bearbeiten]

Typisch für das Anatolien der Bronzezeit sind die Stadtpanthea. Jede größere Stadt hatte ihre eigenen Kulte und Rituale. Im nördlichen Landesteil von Ḫatti sind vor allem hattische Kulte belegt, im südlichen Teil und in Kilikien blieb der indogermanische Charakter zum Teil deutlicher erhalten und der syrische Einfluss war stärker, während im östlichen Teil und am Euphrat das hurritische Element stark überwog. Diese Kulte waren nicht gänzlich verschieden, sondern bildeten ein loses organisches Ganzes, dass sich stets ändern konnte.

Das Reich war mit Kultstädten überzogen. Nach den Paragraphen §§ 50ff. des althethtitischen Gesetzes war Arinna neben Nerik und Ziplanda eine der drei heiligen Städte (šiunan URU „Götterstadt“ ), zu denen früh noch die Hauptstadt Ḫattuša als Ort der Götterversammlung trat.[1] Später kamen noch weitere Städte hinzu, wie Kummani und Tarḫuntašša. Zudem gab es noch weitere wichtige Kultsätdte, so z.B. Šamuḫa. Die Einrichtung von heiligen Städten in Anatolien lebte in der Antike in den hieropoleis (altgriechisch ἱερόπολις hieropolis „heilige Stadt”) weiter.

Rituale[Bearbeiten]

Charakteristisch ist das strenge Ritualwesen der Hethiter. Der König ist gleichzeitig auch Hoherpriester. So wurden öfters Kriege unterbrochen, um in der Heimat religiöse Zeremonien durchzuführen. Eine Kriegsniederlage wurde auf den Zorn eines Gottes zurückgeführt. An Festtagen und in bestimmten Notsituationen wurden spezielle Mythen vorgetragen, z. B. der Illujanka-Mythos an Neujahrstagen oder der Telipinu-Mythos bei Dürre.

Feste[Bearbeiten]

Die Hethiter kannten große mehrtägige Feste. Dazu gehörte das AN.TAḪ.ŠUM-Fest („Krokus-Fest”), das im Frühling gefeiert wurde und zwischen 35 bis 40 Tage dauerte. Es fand mehrheitlich in der Hauptstadt Ḫattuša statt, wobei das Königspaar eine wichtige Rolle einnahm. Zu Beginn und Ende des AN.TAḪ.ŠUM-Fest wurden Kultreisen zu verschiedenen Heiligtümern in der Umgebung der Hauptstadt unternommen, so zu den heiligen Städten Arinna und Ziplanda. Das Fest wurde nach einer Frühlingspflanze benannt, vermutlich einer Krokusart.

Im Herbst nach Beendung der Kriegssaison wurde das nuntarijašḫa-Fest („Fest der Eile“) gefeiert, bei dem das Königspaar in kurzer Zeit in einer gedrängten Kultreise mehrere Heiligtümer im Kernland des Hethiterreiches aufsuchte. Auch dieses Fest dauerte 40 Tage.

Das purulli-Fest war vermutlich das Neujahrsfest und ist hattischen Ursprungs. Bei ihm wurde der Illujanka-Mythos nachgespielt. Das KI.LAM-Fest („Fest des Torbaus”) war ein in Ḫattuša gefeiertes dreitägiges Fest. Das ursprünglich hurritische ḫišuwa-Fest wurde erst von der Königin Puduḫepa aus dem Lande Kizzuwatna eingeführt.

Mythen[Bearbeiten]

Der Wettergott bekämpft einen Schlangendämon, Relief aus Arslantepe/Melidu

Die überlieferten hethitischen Mythen sind meist fremden Ursprungs, wobei der Hauptteil entweder von den Hurritern oder den Hattiern übernommen wurde.

Hurritisch-hethitische Mythen[Bearbeiten]

Der Mythenkreis um den hurritischen Korngott Kumarbi teilt sich in wenigstens vier Mythen.

Der theogonische Mythos Königtum im Himmel erzählt wie Kumarbi an die Macht gekommen ist, indem er die Geschlechtsteile seines Vorgängers Anu abbiss, dadurch schwanger wurde und unter anderem den Wettergott Teššup gebar. Dieser entthronte seinen Vater - den er übrigens "meine Mutter" nennt. Kumarbi sinnt nach Rache und Wiedererlangung der verlorenen Herrschaft und zeugt hierfür drei verschiedene Wesen.

Das Lied von Ḫedammu handelt von der Zeugung des Schlangendämonen Ḫedammu mit der Meerestochter Šerdapšuruḫi und wie die nackte Šauška diesen mit ihren sexuellen Reizen betört, worauf er von ihrem Bruder Teššup getötet wird.

Nach dem Lied von Ullikummi schwängert Kumarbi einen riesigen Felsen, der daraufhin den Felsdämonen Ullikummi gebiert.[2] Da dieser keine Sinne hat, ist er unempfindlich gegenüber den Betörungen der Liebesgöttin. Ullikummi wächst ununterbrochen auf der rechten Schulter des Weltriesen Upelluri als Säule in den Himmel und droht die Welt zu zerstören. Schließlich erfahren die Götter von Aya, wie Ullikummi bezwungen werden kann.

Im Lied vom Silber zeugt Kumarbi mit einer Sterblichen den "Silber" (hurr. Išḫune), dem es vorübergehend gelingt dem Teššup die Herrschaft zu entreißen.

Hattisch-hethitische Mythen[Bearbeiten]

Hauptartikel: Hattische Mythologie

Die Motive des Mythos Illujanka sind in den Grundzügen ähnlich wie im Lied des Ḫedammu. Der Schlangendämon Illujanka raubt dem Wettergott Taru Augen und Herz. Seine Tochter Inar und der Mensch Ḫupašija betören den Dämonen an einem Fest, wodurch er besiegt werden kann. In einer zweiten Version des Mythos, ehelicht der Sohn des Wettergottes Ilujankas Tochter und verschafft so Herz und Augen, die Illujanka dem Wettergott geraubt hatte. Dieser Mythos zeigt starke Übereinstimmungen mit dem jüngeren griechischen Mythos um Typhon.

Der Mythos Telipinus Verschwinden erzählt, wie der Fruchtbarkeitsgott Telipinu aus Zorn verschwindet. Nach erfolgloser Suche der Götter findet ihn eine Biene und besänftigt ihn.

Auch von anderen Gottheiten gibt es Mythen, die deren Verschwinden thematisieren, so im Mythos Telipinu und die Meertochter, wo der erzürnte Meeresgott die Sonnengöttin verschwinden lässt.

Nur bruchstückhaft überliefert ist der Mythos Der Mond fiel vom Himmel, wo berichtet wird, wie der Mondgott Kašku auf den Marktplatz der Stadt Liḫzina fällt.

Kosmogonie und Kosmologie[Bearbeiten]

Im Lied von Ullikimmi erzählt der Weltriese Upelluri den Göttern, dass Erde und Himmel auf seinen Schultern erbaut wurden und später mit einer kupfernen Sichel auseinandergeschnitten worden seien. Einem fragmentarisch überlieferten Mythos zufolge, “erhob sich die Mondsichel und die Finsternis gebar die Erde, die Helligkeit gebar die Sterne”.

Die Hethiter glaubten, dass der Himmel aus Eisen bestünde. Er wird von zwei Stiermenschen getragen, die auf der Erde stehen, ein Motiv, dass in hethitischen Bildern gut bezeugt ist. Die beiden Berge Ḫazzi und Namni (Nanni), auf denen der Wettergott des Himmels steht, symbolisieren, dass der Himmel von zwei Bergen getragen wird.

Die Unterwelt ist ähnlich wie die Erde beschaffen und mit ihr über Höhlen und Quellen verbunden. Die Herrin der Unterwelt thront im Palast der Unterwelt. Sie wird mit der Sonnengöttin der Erde oder Allani gleichgesetzt, die als Tochter der Sonnengöttin von Arinna gilt.

Pantheon[Bearbeiten]

Da lokale und fremde, meist hattische, hurritische und mesopotamische Gottheiten übernommen wurden, umfasst das hethitische Pantheon über 1000 Gottheiten. Hauptgötter sind der Wettergott Tarḫunna (hatt. Taru, hurrit. Teššup, luwisch Tarḫunts) und die Sonnengöttin von Arinna. Die Götter besaßen menschlichen Schwächen wie Wut, Angst, Wollust oder Neid.

Götter (Auswahl)[Bearbeiten]

Liste der hethitischen Götter
Name Alternativnamen Aufgabenbereich Ursprung
Tarḫunna hatt. Taru, hurr. Teššup, sum. Iškur Wettergott, oberster Gott hethitisch/hattisch/hurritisch
Šarruma -- Sohn der Ḫepat syrisch
Telipinu Telipuna, Talipinu Fruchtbarkeits- und Vegetationsgott hattisch
Ellil -- Gott der Lüfte babylonisch
Kumarbi -- Korngott, 3. König des Himmels hurritisch
Arma Umbu; hurr. Kušuḫ, hatt. Kašku[3] Mondgott hethitisch
Šiu Sonnengott des Himmels; hurr. Šimige Sonnengott hethitisch
Aranzaḫ Tigris Flussgott hurritisch
Alalu -- 1. König des Himmels hurritisch/syrisch
Ea Enki Gott der Weisheit und Wassertiefe babylonisch
Šuwalijat hurr. Tašmišu; "Bruder des Wettergottes" Sohn von Kumarbi hurritisch
Jarri Pestgott ev. babylonisch

Göttinnen (Auswahl)[Bearbeiten]

Liste der hethitischen Göttinnen
Name Alternativnamen Aufgabenbereich Ursprung
Sonnengöttin von Arinna Wurušemu[4] Schutzgottheit des heth. Königtums hattisch
Ḫepat Hepit, Hebat Muttergöttin syrisch/hurritisch
Ḫannaḫanna Hannanna, Hannahanna Muttergöttin hattisch
Inara Inar Göttin der wilden Tiere hattisch
Išḫara -- Gottheit des Eides syrisch
Šauška Ištar Göttin der Liebe und des Krieges hurritisch/babylonisch
Kamrušepa   Göttin der Heilung und Zauberei hattisch
Kubaba -- Stadtgottheit von Karkemisch syrisch
Daganzipa -- Erdgottheit hethitisch

Sonstige (Auswahl)[Bearbeiten]

Sonstige Figuren der heth. Mythen
Name Beschreibung
Illujanka Drachenähnliches Wesen, vgl. hurrit. Ḫedammu
Ḫupašija Mensch, Heldenfigur
Imbaluri Bote des Kumarbi
Mukišanu Wesir des Kumarbi
Ubelluri Riese
Ullikummi Diorit-Dämon
Ḫaḫḫima Frost-Dämon

Siehe auch[Bearbeiten]

Literatur[Bearbeiten]

  • Volkert Haas: Geschichte der hethitischen Religion. (Handbuch der Orientalistik. Abt. 1, Bd. 15). Brill, Leiden/ New York/ Köln 1994, ISBN 90-04-09799-6.
  • Einar von Schuler: Kleinasien. Die Mythologie der Hethiter und Hurriter. In: Götter und Mythen im Vorderen Orient. Ernst Klett Verlag, Stuttgart 1965.
  • Helga Willinghöfer (Red.): Die Hethiter und ihr Reich. Ausstellungskatalog. Theiss, Stuttgart 2002, ISBN 3-8062-1676-2.

Einzelnachweise[Bearbeiten]

  1. Maciej Popko: Arinna. Eine heilige Stadt der Hethiter. (Studien zu den Boğazköy-Texten Bd. 50). Wiesbaden 2009, ISBN 978-3-447-05867-4, S. 4.
  2. Übersetzung: Volkert Haas: Geschichte der hethitischen Religion. (Handbuch der Orientalistik. Abt. 1, Bd. 15). Brill, Leiden 1994, ISBN 90-04-09799-6, S. 88–96. Photos des Haupttextzeugen der ersten Tafel.
  3. Volkert Haas: Die hethitische Literatur. Walter de Gruyter, Berlin 2006, ISBN 3-11-018877-5.
  4. Johannes Lehmann: Die Hethiter, Volk der tausend Götter. C. Bertelsmann Verlag, München 1975, ISBN 3-570-02610-8.