Hollandgänger

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„Hollandgänger“ oder „Pickmäijer“ in Uelsen, Skulptur von Leo Janischowsky und seinem Partner (1997)

Hollandgänger waren Wanderarbeiter, die nach dem Dreißigjährigen Krieg, etwa ab 1650 bis 1914 – von sozialer Not getrieben – aus wirtschaftlich schwachen Gebieten Deutschlands saisonal in die Niederlande (umgangssprachlich: Holland) zogen, um dort zu arbeiten und ein dringend benötigtes Einkommen für sich und ihre Familien zu erarbeiten. Wanderarbeiter, die nach West- oder Ostfriesland zogen, wurden auch als „Frieslandgänger“ bezeichnet.

Der Hollandgang war eine Form saisonaler Arbeitsemigration und wird heute als ein Teil des wesentlich größeren und umfassenderen Nordseesystems gesehen. Aus dem Hollandgang entwickelte sich in bestimmten Regionen Westfalens und angrenzenden Landesteilen der Töddenhandel.

Ablauf der Hollandgängerei[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Die Hollandgänger brachen typischerweise in einer gemeinsamen Wanderbewegung im Frühjahr von ihrer Heimat zu Fuß auf und nutzten regelmäßig feste Routen, die zu zentralen Treffpunkten führten. Die Wanderarbeiter waren in Holland vor allem als Tagelöhner in der Landwirtschaft beschäftigt, vielfach als Grasmäher oder Torfstecher. Das Torfstechen galt als die schwerste Arbeit, die allerdings auch am höchsten bezahlt wurde. Andere Hollandgänger arbeiteten als Seeleute, in der Ziegelindustrie, bei der Geneverherstellung, als Deckenhausierer, Herings- und Walfänger. In der Regel verdingten sich jüngere Männer, seltener auch Frauen, die als Dienstmädchen oder in Bleichereien arbeiteten. Im späten 19. Jahrhundert bis in die 20er Jahre des 20. Jahrhunderts hinein war die Hollandgängerei für viele junge Frauen aus den Industriegebieten an der Ruhr mangels anderer Beschäftigungsalternativen oft die einzige Möglichkeit, zum Familienunterhalt beizutragen [1].

Die Unverheirateten unter den jungen Männer blieben – wie man aus holländischen Kirchenbüchern entnehmen kann – nicht selten auch dauerhaft in Holland und gründeten dort Familien. Ihre höchste Intensität erreichte die Hollandgängerei in der zweiten Hälfte des 18. Jahrhunderts. Die Zahl der Hollandgänger ist nicht genau belegt, wird aber zwischen 1700 und 1875 auf 20.000 bis 40.000 im Jahr geschätzt.

Ursachen des Hollandgangs[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Die Hollandgänger kamen hauptsächlich aus den von großer Rückständigkeit und Armut geprägten Landstrichen Westfalens (vor allem Lipperland, Münsterland), aus dem Emsland, aus dem Tecklenburger Land, dem Osnabrücker / Mindener Raum, dem Oldenburgischen sowie aus dem Unterwesergebiet. Wenig fruchtbare Geest-, Moor- und Heidelandschaften warfen in diesen Landstrichen nur geringe Erträge ab; die ländliche Bevölkerung war von drückenden Steuern und Abgaben geplagt. Eingezwängt in traditionelle ländliche Strukturen kam es zudem bei relativ hohem Bevölkerungszuwachs kaum noch zur Schaffung neuer Vollbauernstellen. Als Folge entstand eine zunehmende Zahl von angesessenen Kleinbauern (Kötner, auch Kötter oder Kätner genannt), vor allem aber von landarmen Kleinstellenbesitzern (Brinksitzer oder Brinkkötter, auch Anbauer genannt). Weiter entwickelte sich eine stark anwachsende, nichtangesessene landlose Schicht von Heuerlingen, Häuslingen (auch als Einlieger oder Mietsleute bezeichnet), die nicht zur eigentlichen Dorfgemeinde zählten.

Diese Heuerlinge, Häuslinge und Brinksitzer stellten den Hauptstrom der Hollandgänger, der allerdings vielfach noch durch (verschuldete) Kötner, aber auch nicht erbberechtigte Söhne von Kleinbauern und sogar Vollbauern ergänzt wurde. Das vorherrschende Anerbenrecht ließ eine Teilung der Höfe nicht zu. Der Besitz ging so auf den erstgeborenen Sohn über, andere männliche Nachkommen wurden abgefunden. Nur vereinzelt schlossen sich Bauern, soweit sie in wirtschaftliche Not geraten waren, den Arbeitswanderern an. Angehörige der älteren Generation gingen nur in Zeiten akuter ökonomischer Krisen auf Wanderarbeit. Aus den gleichen Beweggründen, aus denen der Hollandgang entstanden ist, entwickelte sich im 19. Jahrhundert die Emigration nach Amerika.

Siehe auch[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Literatur[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  • J. Tack: Die Hollandgänger in Hannover und Oldenburg. Leipzig 1902
  • H. Rössler: Hollandgänger, Sträflinge und Migranten: Bremen und Bremerhaven als Wanderungsraum. Bremen 2000
  • Andreas Eiynck: Freren und die Hollandgängerei, in Freren. Kleine Stadt im Emsland, Verlag van Acken, Lingen 1994
  • Ralf Weber: „…wo sie gegen kargen Lohn sich Sklavenarbeiten unterziehen müssen.“ – Das Hollandgehen aus dem Oldenburger Münsterland im 19. Jahrhundert. In: Heimatbund für das Oldenburger Münsterland (Hrsg.): Jahrbuch für das Oldenburger Münsterland 2014, Vechta 2013, S. 68–86

Weblinks[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Einzelnachweise[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  1. F.-J Brüggemeier: Leben vor Ort. Beck, München 1983, ISBN 3406097421, S.73, 168.