Notgeld

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50-Pfennig-Schein (Bad Kösen 1921)

Notgeld ersetzt fehlende gesetzliche Zahlungsmittel und wird von Staaten, Gemeinden oder privaten Unternehmen herausgegeben.

Funktion und Erscheinungsbild[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Das Vertrauen in Notgeld ist in Kriegs- und Krisenzeiten oftmals größer als in offizielles Geld. Es wird meist in inländischer, ausländischer oder historischer Währung (Goldmark, US-Dollar) ausgegeben, aber auch als Anspruch auf Waren wie Getreide, Zucker oder Holz. Neben den üblichen Geldformen Münze (Notmünze) und Geldschein kamen und kommen auch verschiedene Ersatzmaterialien wie Porzellan,[1] Pappe, Leder, Presskohle, Seide oder Leinen zum Einsatz. 1923 gaben beispielsweise die neu gegründeten Aluminiumwalzereien in Teningen und Singen Notscheine aus bedruckter Alufolie heraus. Auch Briefmarken (etwa als Briefmarkenkapselgeld), Spielkarten, Schecks und ähnliche Vorlagen werden zu Notgeld umfunktioniert. Welchen Gegenständen dabei ein Wert als Notgeld zugesprochen wird, kann sehr vielfältig und gelegentlich auch regional sehr begrenzt sein. Notgeld wird nur als Zahlungsmittel gebraucht, nicht zu Kreditzwecken.

Geschichte[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Belagerungsscheine[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Belagerungsgeld Khartum 1885 mit Unterschrift von Gordon Pascha

Die ältesten Formen des Notgeldes sind Belagerungsscheine. Während der Belagerung von Städten war eine Geldversorgung vielfach unmöglich. Oft wurden daher von der Stadtverwaltung, häufiger von den jeweiligen Militärkommandeuren Belagerungsscheine ausgegeben. Als erste Belagerungsscheine gelten diejenigen aus der Zeit der Belagerung der spanischen Festung Alhama durch die Mauren im Jahre 1483.

Häufiger wurde die Ausgabe von Notgeld Ende des 18. Jahrhunderts. Nun kam es auch zu Aufwertungen bestehenden Papiergeldes als Notgeld. 1793 wurde General Adam-Philippe de Custine in Mainz durch Koalitionstruppen unter General Friedrich Adolf Graf von Kalckreuth belagert. Als Notgeld wurden französische Assignaten durch handschriftliche Ergänzungen und Stempel auf der unbedruckten Rückseite aufgewertet, um die Geldmenge zu erhöhen. Nachdem dies nicht ausreichte, wurden eigene Assignaten gedruckt. Während des Zweiten Burenkriegs wurde Hemdenstoffgeld in Umlauf gebracht.

Diese Belagerungsscheine tragen vielfach Originalunterschriften des jeweiligen Kommandeurs. Eine Einlösung der Scheine hing typischerweise vom Ausgang des Krieges ab. Sofern die Belagerung erfolgreich – und der Krieg verloren – war, war mit der Einlösung der Scheine nicht zu rechnen.[2]

Belagerungsmünzen[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Ähnlich wie Belagerungsscheine wurden Belagerungsmünzen eingesetzt. Diese wurden aus Metall, aber auch anderen Materialien, geprägt um als Zahlungsmittel zu dienen, meist zur Besoldung der Truppen.

1574 wurden im durch die Spanier belagerten Leyden die Münzstempel statt auf Edelmetall auf Pappe (die Deckblätter katholischer Kirchenbücher) geschlagen und hierdurch Pappmünzen als Notgeld geschaffen. Dies ist das älteste erhaltene Notgeld der Welt.

Erster Weltkrieg und Zwischenkriegszeit[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

50-Millionen-Mark-Stück, Notgeld der Provinz Westfalen, 1923

Mit Beginn des Ersten Weltkriegs wurden als Erstes in Ostpreußen – 1914er Notgeldscheine ausgegeben. Es folgten sehr viele weitere Ausgaben 1914/15 im ganzen Deutschen Reich.

Eine besonders große Menge von Notgeld wurde im Deutschen Reich in den Jahren während und nach dem Ersten Weltkrieg und während der Hyperinflation 1923 ausgegeben. Das Horten von Silbermünzen (durch die Inflation war ihr Materialwert höher als der Nominalwert) und der Metallbedarf der Kriegsindustrie führten zu Kleingeldmangel. Städte, Gemeinden, Kreise und Privatfirmen sprangen in die Lücke und deckten den Bedarf mit eigenen Ausgaben, für den Geldumlauf bestimmten „Verkehrsausgaben“. Die große Anzahl von variantenreich gestalteten Geldscheinen mit viel Lokalkolorit erweckte bald auch das Interesse von Sammlern, was dazu führte, dass viele Notgeldscheine gar nicht mehr für den Umlauf, sondern eigens für die Sammler gedruckt und ausgegeben wurden. Solche Scheine werden Serienscheine genannt.

Das deutsche Notgeld des Ersten Weltkrieges lässt sich in zwei Perioden unterteilen: erste Periode der kleinen Nominalen bis etwa 20 Mark um 1916 bis 1919 und zweite Periode ab etwa 1921 mit hohen Nominalen, bis in den Billion-Mark-Bereich. Außerdem gab es im Sommer 1923 Dollar- und Goldmarkbezeichnungen als „wertbeständiges Notgeld“,[3] oder auch Schatzanweisungen. Zeitweilig zirkulierten noch Kupons von Kriegsanleihen um 1918.

In Österreich begann die Stadt Innsbruck im Sommer des Jahres 1919 mit der Ausgabe von Notgeld, um den Kleingeldmangel zu beheben. Im September folgten Kitzbühel und Kufstein, dann Gemeinden in Vorarlberg und Salzburg, bevor es auf ganz Österreich ausgedehnt wurde. In Wien wurde am 28. Oktober im Gemeinderat beschlossen, „Kassenscheine“ auszugeben.[4] Im Bundesland Oberösterreich wurde während des Jahres 1920 in den meisten Gemeinden ein Notgeld herausgegeben. Die Landeshauptstadt Linz gab das erste Offizielle am 3. März 1920 heraus, am 13. April folgte das Bundesland, nachdem das Notgeld wegen des Kleingeldmangels bereits seit Herbst 1919 im Umlauf war. Im Laufe des Jahres gaben 425 von 503 Gemeinden ein Notgeld heraus. Bis 1. Oktober 1921 war das Notgeld im Umlauf, dann verlor es seine Gültigkeit. Bereits vorher wurden durch die damalige Hyperinflation die Kleinstbeträge nicht mehr benötigt. Oft wurden die Scheine von namhaften Künstlern, wie Klemens Brosch, Wilhelm Dachauer, Ludwig Haase jun., Max Kislinger und Anton Lutz gestaltet, was auch die Sammelfreude damals beflügelte.[5]

Nach dem Zweiten Weltkrieg[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Deutschland[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Zwischen dem Zweiten Weltkrieg und der Währungsreform 1948 galten in Deutschland Zigaretten als inoffizielles Zahlungsmittel. Die Einheiten waren ein Päckchen oder eine Stange.

Bei der Währungsreform in den deutschen Westzonen 1948 wurde die neue Währung Deutsche Mark zunächst nur in Banknoten ausgegeben (kleinstes Nominal: 1/2 DM entspr. 50 Pfennig), als Kleingeld blieben die Reichsmark-Kleinmünzen bis 1,- ℛℳ zu einem Zehntel des Nennwertes vorerst gültig.

Durch die Währungsreform in den Westzonen sah sich die "Ostzone" gezwungen, das Reichsmark-Bargeld ebenfalls schnellstens außer Kurs zu setzen; da aber so kurzfristig noch keine neuen Banknoten zur Verfügung standen, mussten vorhandene Reichsmark-Banknoten, mit Wertmarken beklebt, einstweilen als Ersatz dienen. Diese Geldscheine wurden im Volksmund Koupon-Mark oder Klebemark genannt. Die Reichsmark-Kleinmünzen blieben zunächst zum Nennwert gültig.

Mit der Währungs-, Wirtschafts- und Sozialunion wurde am 1. Juli 1990 die Deutsche Mark ("Westgeld") auch in der DDR offizielles Zahlungsmittel. Da zunächst nicht genug Kleingeld zur Verfügung gestellt werden konnte, blieben die DDR-Kleinmünzen bis 50 Pfennig noch ein Jahr lang zum Nennwert gültig (allerdings auch nach der Wiedervereinigung nur im "Beitrittsgebiet")[6].

andere Länder[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Von 1975 bis 1979 herrschte in Italien Münzknappheit; als Notgeld gaben regionale Banken und Handelsfirmen in Italien und San Marino sogenannte Miniassegni aus. Die Akzeptanz war allerdings regional begrenzt. Assegno ist das italienische Wort für Anweisung oder Scheck. Gemäß dem „Regio Decreto Legge Nr. 2283 vom 7. Oktober 1923 – Disposizione sull Assegno Bancario e circolare che vanno dagli art. 82 al 86“ dürfen in Italien Banken assegno circulare in Umlauf bringen, die wie Bargeld genutzt werden können. Allerdings ist der Gegenwert vollständig bei der Staatsbank zu hinterlegen, so dass mit dieser Ausgabe keine Geldschöpfung verbunden ist. Dieses Instrument wurde bereits 1943 bis 1945 und 1966 nach Abschaffung der 500 Lira-Note intensiv genutzt.[7]

Auf dem Höhepunkt der argentinischen Wirtschaftskrise 2001/02 entlohnten zahlungsunfähige Provinzregierungen ihre Beamten, Angestellten und Dienstleister mit sogenannten Patacones, d.h. Schuldverschreibungen, die zu einem späteren Zeitpunkt gegen reguläre argentinische Pesos eintauschbar sein sollten.

Andere Formen[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Ähnlich dem Notgeld ist das sogenannte Lagergeld, das Kriegsgefangene anstelle regulären Geldes erhalten. In Form von Ghettogeld oder dem Lagergeld der Konzentrationslager dienten diese Formen des Ersatzgeldes im Nationalsozialismus der Ausplünderung und Entrechtung der Eingesperrten.

Galerie[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Siehe auch[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Literatur[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  • Ingrid Bubeck: Geldnot und Notgeld in Thüringen. 1. Auflage. Sutton, Erfurt 2007, ISBN 978-3-86680-149-3.
  • Anton Geiger: Deutsches Notgeld. Band 3: Das deutsche Großnotgeld 1918–1921 (Katalog aller Notgeldscheine im Nennwert von 1 bis 100 Mark). 2. Auflage. Gietl, Regenstauf 2003, ISBN 3-924861-79-X.
  • Wilfried Gerke: In'ne Nottiet geborn ... Notgeld erzählt. Unsere Heimat auf Geld. Hrsg.: Kreissparkasse Grafschaft Diepholz. Diepholz 1992, OCLC 75350128.
  • Hans L. Grabowski: Das Papiergeld der deutschen Länder von 1871 bis 1948 - Die Banknoten und Notgeldscheine der deutschen Länder, Provinzen und Bezirke. 1. Auflage. Gietl, Regenstauf 1999, ISBN 3-924861-33-1.
  • Hans L. Grabowski: Deutsches Notgeld. Band 9: Notgeld der besonderen Art - Geldscheine aus Stoff, Leder und sonstigen ungewöhnlichen Materialien. 1. Auflage. Gietl, Regenstauf 2005, ISBN 3-924861-93-5.
  • Hans L. Grabowski: Deutsches Notgeld. Band 5/6: Deutsche Kleingeldscheine: Amtliche Verkehrsausgaben 1916–1922. 2 Bände. 1. Auflage. Gietl, Regenstauf 2004, ISBN 3-924861-85-4.
  • Hans L. Grabowski, Manfred Mehl: Deutsches Notgeld. Band 1/2: Deutsche Serienscheine 1918–1922. 2 Bände. 2. Auflage. 2003, Regenstauf: Gietl, ISBN 3-924861-70-6.
  • Hans L. Grabowski, Wolfgang J. Mehlhausen: Handbuch Geldscheinsammeln - Ein Leitfaden für Geldscheinsammler und solche, die es werden wollen. 1. Auflage. Gietl, Regenstauf 2004, ISBN 3-924861-90-0.
  • Hans Hagen Hottenroth: Notgeld in Niederösterreich. Ein Gebot der bitteren Not. 1. Auflage. Niederösterreichisches Pressehaus, St. Pölten 1980, ISBN 3-85326-603-7.
  • Klaus-Jürgen Karpinski Ostpreußisches Papiergeld. Eigenverlag, 2007, ISBN 978-3-00-021060-0.
  • Arnold Keller: Deutsches Notgeld. Band 7/8: Das Notgeld der deutschen Inflation 1923. 2 Bände. Gietl, Regenstauf 2004, ISBN 3-924861-86-2.
  • Manfred Müller: Deutsches Notgeld. Band 4: Die Notgeldscheine der deutschen Inflation 1922 (vom August 1922 bis Juni 1923). 2. Auflage. Gietl, Regenstauf 2003, ISBN 3-924861-80-3.
  • Prange, Gustav: Das deutsche Kriegsnotgeld. Eine kulturgeschichtliche Beschreibung. Band I, 2. Auflage. 1921; Band II, 2. Auflage. 1922. Verlagsanstalt Görlitzer Nachrichten u. Anzeiger. (Reprint der 2. Auflage: kolme k-Verlag, 1996, ISBN 3-927828-42-4)

(zur Münzknappheit in Italien 1975–1979:)

Weblinks[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

 Commons: Notgeld – Sammlung von Bildern, Videos und Audiodateien
 Wiktionary: Notgeld – Bedeutungserklärungen, Wortherkunft, Synonyme, Übersetzungen

Einzelnachweise[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  1. Porzellan-Notgeld von 1921 aus Meissen
  2. Albert Pick: Papiergeld. 1967, S. 43–45.
  3. Rudolf Wilhelmy: Geschichte des deutschen wertbeständigen Notgeldes von 1923/1924. Dissertation. FU, Berlin 1962.
  4. Das Wiener Stadtgeld. In: Neuigkeits-Welt-Blatt, 31. Oktober 1918, S. 7 (Online bei ANNO)Vorlage:ANNO/Wartung/nwb
  5. Emil Puffer: Notgeld in Oberösterreich. (PDF; 933 kB).
  6. Mitteilung des Bundesministers der Finanzen (PDF; 20 kB) Juris: Gesetze im Internet, abgerufen 10. Nov. 2011, 21.15 Uhr.
  7. Werner Stahl: Assegni, assegni. In: Geldgeschichtliche Nachrichten. Nr. 64, März 1978, S. 61–66.
  8. Christoph von Ach, Stefan Demetz: Druckplatte für das Notgeld, Stadtmuseum Bozen - Exponat des Monats Oktober 2012. (PDF; 637 kB). gesehen am 16. Dezember 2012.
  9. Anm.: Das Erkennungszeichen des ersten Knubbels der Roten Funken ist der "Streckstrump", der daran erinnert, dass die Stadtsoldaten in Friedenszeiten strickten. Vgl.: Heinz-Günther Hunold u. a. (Hrsg.): Vom Stadtsoldaten zum Roten Funken. Greven, Köln 2005, ISBN 3-7743-0372-X, S. 248f.