Institut für Religiosität in Psychiatrie & Psychotherapie

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Das Institut für Religiosität in Psychiatrie & Psychotherapie (RPP-Institut) ist ein interdisziplinäres und interreligiöses Institut mit Sitz in Wien. Es kooperiert mit der Sigmund Freud Privatuniversität Wien und möchte Psychiatrie, Psychologie und Psychotherapie in einen wissenschaftlichen Dialog mit Philosophie, Theologie und Religionswissenschaft bringen.

Fachtagung "Glück & Seligkeit" am 20. April 2013 im Palais Liechtenstein (Fürstengasse)

Tätigkeit[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Gründer des Instituts sind der Psychiater Raphael M. Bonelli, der Psychoanalytiker Walter Pieringer und der Theologe Bernd Oberndorfer. Das Institut widmet sich dem Phänomen Religiosität in Zusammenhang mit der menschlichen Psyche aus wissenschaftlicher Sicht, um einen Beitrag zu seiner Enttabuisierung in Psychiatrie, Psychologie und Psychotherapie zu leisten.[1] Psychiater, Psychologen, Psychotherapeuten, Philosophen und Religionswissenschaftler stehen bei diversen Veranstaltungen des Institutes im Dialog mit katholischen, evangelischen, orthodoxen und freikirchlichen Christen, Juden, Buddhisten, Muslimen, Bahai, Agnostikern und Anhängern ethnischer Religionen. „Dabei stehen nicht theologische Inhalte und etwaige interreligiöse Differenzen im Fokus, sondern das allen gemeinsame psychologische Phänomen der Religiosität und deren Einbindung in die Psychotherapie.“[2]

Positionierung[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Das RPP-Institut hat keine bestimmte religiöse oder weltanschauliche Ausrichtung. Es unterstützt vollinhaltlich den psychotherapeutischen Berufskodex, insofern die persönliche Weltanschauung des Psychotherapeuten nicht aktiv und steuernd in den Behandlungsprozess einfließen darf. Dazu gehören sowohl religiöse wie auch anti-religiöse Überzeugungen des Therapeuten. Der therapeutischen Verantwortung angesichts der besonderen Abhängigkeitssituation ist vom Therapeuten immer Rechnung zu tragen. In diesem Zusammenhang zitiert das Institut den österreichischen Berufskodex für Psychotherapeuten (Punkt III. 9., S. 7–8):

„jeglicher Missbrauch dieses Vertrauensverhältnisses und der im Psychotherapieverlauf bestehenden, vorübergehend vielleicht sogar verstärkten Abhängigkeit des Patienten vom Psychotherapeuten stellt einen schwerwiegenden Verstoß gegen die ethischen Verpflichtungen der Angehörigen des psychotherapeutischen Berufes dar; Missbrauch liegt dann vor, wenn Psychotherapeuten ihren psychotherapeutischen Aufgaben gegenüber den Patienten untreu werden, um ihre persönlichen Interessen, insbesondere sexueller, wirtschaftlicher, sozialer, emotionaler, politischer oder religiöser Natur zu befriedigen; daraus ergibt sich auch die Verpflichtung der Therapeuten, dementsprechend alle Verstrickungen mit den Patienten zu meiden.“

In den vom RPP-Institut organisierten psychotherapeutischen Fort- und Weiterbildungen geht es um die Ressource „Religiosität“, nicht um irgendwelche religiöse Inhalte (das wäre „Religion“). Keinesfalls werden religiöse Heilslehren, esoterische Inhalte oder spirituelle Rituale angeboten. Das Institut fasst auf seiner Homepage zusammen: „Religion soll weder paternalistisch als Krankheit (‚kollektive Zwangsneurose‘) abgewertet noch zum Allheilmittel stilisiert werden: Religiosität kann für manche Patienten eine wertvolle Ressource sein – und für andere eben nicht.“[3]

Bekannte Referenten[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Psychiater, Psychologen und Psychotherapeuten: Raphael Bonelli, Andreas Conca, Heiko Ernst, Jutta Fiegl, Thomas Fuchs, Martin Grabe, Reinhard Haller, Hartmann Hinterhuber, Peter Hofmann, Barbara Juen, Jürgen Kriz, Karl Heinz Ladenhauf, Michael Linden, Manfred Lütz, Arnold Mettnitzer, Sebastian Murken, Michael Musalek, Rotraud Perner, Nossrat Peseschkian, Richard Picker, Walter Pieringer, Samuel Pfeifer, Hildegunde Piza-Katzer, Alfred Pritz, Bernd Rieken, Kornelius Roth, Willibald Ruch, Günter Schiepek, Gerti Senger, Michael Utsch, Jürg Willi, Michael Winterhoff und Hans Georg Zapotoczky.

Philosophen, Religionswissenschaftler und Theologen: Asfa-Wossen Asserate, Klaus Dick, Elsayed Elshahed, Toni Faber, Hanna-Barbara Gerl-Falkovitz, Sylvester Heereman, Gregor Henckel-Donnersmarck, Larry Hogan, Johannes Huber, Tomislav Ivančić, Egon Kapellari, Kurt Kardinal Koch, Franz Lackner, Andreas Laun, Anton Leichtfried, Jürgen Liminski, Leo Maasburg, Hermann Miklas, Markus F. Peschl, Martin Rhonheimer, Sonja Rinofner-Kreidl, Fuat Sanaç, Franz Scharl, Walter Schaupp, Marianne Schlosser, Eberhard Schockenhoff, Christoph Kardinal Schönborn, Clemens Sedmak, Stephan Turnovszky, Karl Wallner und Hans-Bernhard Wuermeling.

Fachtagung "Gottesfurcht & Heidenangst" am 19. Oktober 2013 im Stift Heiligenkreuz

Kongress und Fachtagungen: RPP[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Unter dem Namen RPP startete das Institut 2007 mit einem interdisziplinären Kongress und führt seit Herbst 2008 mindestens halbjährlich Fachtagungen durch.

Kongress RPP 2007 Religiosität in Psychiatrie und Psychotherapie[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Der erste Kongress „RPP 2007“ unter dem interdisziplinären Motto „Psychiatrie, Psychologie, Psychotherapie im Dialog mit Religionswissenschaft, Philosophie & Theologie“ fand vom 11. bis 13. Oktober 2007 in Graz statt und hatte über 1200 Teilnehmer aus 11 Ländern.[4][5] Die Österreichische Gesellschaft für Psychiatrie und Psychotherapie (ÖGPP) übernahm die Patronanz.

Der Kongress umfasste 100 Beiträge von 140 Vortragenden. Der evangelische Superintendent Hermann Miklas konstatierte eine traditionelle Zurückhaltung vieler Gläubigen gegenüber der Psychotherapie und umgekehrt eine kritische Haltung psychotherapeutischer Strömungen gegenüber den Religionen. Therapeuten müssten gesunde Formen der Religiosität von kranken und krankmachenden unterscheiden können.[6] Öffentlich beachtet wurde der Workshop „Kirche und Pädophilie“, bei dem der katholische Weihbischof Andreas Laun mit dem Psychiater Peter Hofman diskutierte.[7][8] Weiter Beachtung fand eine Diskussion über die Praxis des Exorzismus: Der Psychiater Hartmann Hinterhuber,[9] der diese Praxis kritisiert, wurde dem Theologen und Exorzisten Larry Hogan[10] gegenübergestellt. Zusammenfassend stellte der Klinikleiter Hans-Peter Kapfhammer die Herausforderung für die psychiatrische Fachwissenschaft dar, in kirchlichen Zusammenhängen nicht selbst von Gottesbildern auszugehen, aber offen dafür zu sein, die Religiosität und damit die Gottesbilder in die Diskussion einzuholen. Bei einigen Themen wie dem Exorzismus müsse es jedoch aus der psychiatrischen Perspektive klare Grenzen geben.[11]

Kongress RPP 2015 International Congress on Science and/or Religion: a 21st Century Debate[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

In Kooperation mit der Sigmund Freud Privatuniversität Wien fand ein dreitägiger Kongress mit Wissenschaftlern aus sieben Ländern statt - darunter der österreichische Psychiater Raphael Bonelli, Fraser Watts von der Cambridge University in England und Sayyed Mohsen Fatemi von der Harvard University in den USA. Der Salzburger Erzbischof Franz Lackner wandte sich am Ende in einem Statement an die Teilnehmer. Der Kongress behandelte die Herausforderungen, die sich an der Schnittstelle zwischen Religion und Wissenschaft im 21. Jahrhundert ergeben: Neue, von Wissenschaft und Technologie generierte Einsichten in die Natur des Universums und des menschlichen Wesens beeinflussen traditionelle religiöse Glaubenswelten und Sichtweisen. Näher beleuchtet wurde auch die Frage nach dem Einfluss von Religion und Wissenschaft auf den „way of life“ im 21. Jahrhundert. Auch Wissenschaftler aus dem Iran nahmen teil.[12][13]

RPP Fachtagungen[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  • Schuld und Gefühl (Herbst 2008)
  • Liturgie & Psyche (Frühjahr 2009)
  • Verletzung-Verbitterung-Vergebung (Herbst 2009)
  • Internetsexsucht (Frühjahr 2010)
  • Psychotherapie und Beichte (Herbst 2010)
  • Burnout (Frühjahr 2011)
  • Islamophobie (Sommer 2011)
  • Zölibat & Beziehung (Herbst 2011)
  • Jugendsexualität (Winter 2011)
  • Muslimisch-christlicher Dialog (Frühjahr 2012)
  • Charakter & Charisma (Sommer 2012)
  • Soll Religion in der Psychotherapie vermieden werden? (Herbst 2012)
  • Selbstverwirklichung (Winter 2012)
  • Glück & Seligkeit (Frühjahr 2013)
  • Ist Schönheit Luxus? (Sommer 2013)
  • Gottesfurcht & Heidenangst (Herbst 2013)
  • Schuld & Reue (Winter 2013)
  • Buddhismus (Frühjahr 2014)
  • Neurose & Askese (Sommer 2014)
  • Krisenintervention (Herbst 2014)
  • Kontemplation & Multitasking (Winter 2014)
  • Leistungsgesellschaft & Vereinsamung (Frühjahr 2015)
  • Perfektionismus & Vollkommenheit (Sommer 2015)
  • Bindung & Familie (Herbst 2015)
  • Scham & Anstand (Frühjahr 2016)
  • Psychology of Music (Sommer 2016)
  • Gott & Humor (Herbst 2016)
  • Wenn die Schuld drückt: Psychologie und Beichte (Winter 2016)
  • Liebe & Narzissmus (Frühjahr 2017)

Weblinks[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Publikationen[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  • Bonelli RM; Pieringer W; Kapfhammer H (Hrsg.): Religiosität in Psychiatrie und Psychotherapie. Pabst-Verlag 2007. ISBN 3899674235
  • Utsch M, Bonelli RM, Pfeifer S. Psychotherapie und Spiritualität - Mit existenziellen Konflikten und Transzendenzfragen professionell umgehen. Springer-Verlag Berlin. 2014, 228 S. 10 Abb. ISBN 978-3-642-02523-5.

Einzelnachweise[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  1. Religiosität aus wissenschaftlicher Sicht, aufgerufen am 3. Februar 2010
  2. Informationen über das Institut Institut für Religiosität in Psychiatrie und Psychotherapie, aufgerufen am 4. August 2011
  3. Positionierung Institut für Religiosität in Psychiatrie und Psychotherapie, aufgerufen am 2. Mai 2014
  4. Interdisziplinärer Kongress RPP 2007
  5. Zusammenfassung im RPP-Folder 2008, Seite 11 (PDF; 1,8 MB)
  6. Seite nicht mehr abrufbar, Suche in Webarchiven: @1@2Vorlage:Toter Link/www.die-tagespost.comDie Tagespost 16. Oktober 2007: Die Psychiatrie stellt sich ihrem letzten Tabu
  7. kath.net 15. Oktober 2007: Kirche und Pädophilie
  8. Kurier 13. Oktober 2007: Kirche und Pädophilie: ein Fall für die Psychotherapie (PDF; 866 kB)
  9. Hartmann Hinterhuber
  10. Larry Hogan
  11. Seite nicht mehr abrufbar, Suche in Webarchiven: @1@2Vorlage:Toter Link/www.die-tagespost.comInterview mit Hans-Peter Kapfhammer
  12. ORF: Wien: Kongress zu Religion und Wissenschaft, aufgerufen am 14. September 2015
  13. Kathpress: Psychiater: Glaube hat positive Wirkung bei psychischen Störungen, aufgerufen am 14. September 2015