Jürgen Reichen

aus Wikipedia, der freien Enzyklopädie
Zur Navigation springen Zur Suche springen

Jürgen Reichen (* 27. August[1] 1939 in Basel; † 19. Oktober 2009) war ein in Hamburg lehrender Schweizer Reformpädagoge.

Leben[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Jürgen Reichen studierte an der Universität Basel und wurde Lehrer.

Er entwickelte nach dem Kernsatz: „Kinder lernen umso mehr, je weniger sie belehrt werden“[2] das in Deutschland weitverbreitete, gegen die Verwendung der klassischen Fibel gerichtete Konzept Lesen durch Schreiben (mit Hilfe der Anlauttabelle) und vermittelte dieses Konzept am Hamburger Institut für Lehrerfortbildung. Zugleich war er als Lehrer tätig.

Reichen erlag 2009 einer schweren Krankheit. Eine „kritisch-bewundernde“ Würdigung hat Hans Brügelmann für die Deutsche Gesellschaft für Lesen und Schreiben (DGLS) verfasst.[3]

Kritik der Methode in Wissenschaft und Medien und ihr Verbot in Hamburg und Baden-Württemberg[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Zahlreiche Wissenschaftler und Pädagogen wie beispielsweise Renate Valtin kritisieren inzwischen das von Reichen entwickelte Konzept scharf.[4] Untersuchungen zeigen eine teilweise Verschlechterung der Rechtschreibung beispielsweise bei Grundschülern der zweiten und dritten Klassen, aber nicht mehr zum Ende der Grundschulzeit, gegenüber Vergleichsgruppen, die von Anfang an korrekte Rechtschreibung gelernt haben (siehe die neueste Metaanalyse von Funke 2014[5]). Ausgenommen davon ist jedoch die immer größer werdende Gruppe zweisprachiger Kinder mit Migrationshintergrund. Für diese kam die Studie zu deutlich schlechteren Ergebnissen: „Man sollte diese Befunde, die es dazu gibt, sehr ernst nehmen. Die deuten in die Richtung, dass zweisprachige Schülerinnen und Schüler größere Schwierigkeiten haben mit «Lesen durch Schreiben» als mit Fibel-Unterricht.“[6] Besonders für Legastheniker, Kinder aus bildungsfernen Schichten und Kinder mit fremdsprachlichem Migrationshintergrund wird die Unterrichtsmethode als problematisch angesehen.[7] Die unterschiedlichen Sichtweisen – auch in der Forschung – sind bei Anhörungen in den Schulausschüssen der Landesparlamente von NRW und Hamburg sichtbar geworden (vgl. die Dokumentation des Grundschulverbands).[8] Mittlerweile ist es Schulen in Hamburg, wo die Methode ursprünglich entwickelt wurde, von der zuständigen Behörde untersagt worden, Rechtschreibung nach der Methode „Lesen durch Schreiben“ zu vermitteln.[9] Auch in Baden-Württemberg wurde den Grundschulen die Methode Ende Dezember 2016 verboten; Schleswig-Holstein und Nordrhein-Westfalen beginnen sich ebenfalls davon zu distanzieren.[10] Im Bundesland Brandenburg darf die Methode auf Anweisung von Bildungsministerin Britta Ernst ab dem Schuljahr 2019/20 nicht mehr angewendet werden.[11]

Publikationen[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  • Die neue Erstlesemethode „Lesen durch Schreiben“. In: Schweizerische Lehrerzeitung. 6.
  • „Lesen durch Schreiben“ als Beitrag zur psycholinguistischen Grundlegung der Rehabilitation funktionaler Analphabeten. In: H. Grissemann (Hrsg.): Spätlegasthenie und funktionaler Analphabetismus. Bern, S. 233–238.
  • Lesen durch Schreiben. Heft 1: Wie Kinder selbstgesteuert lesen lernen. 3. Auflage, Zürich.
  • Lesen durch Schreiben. Heft 2: Allgemeindidaktische und organisatorische Empfehlungen. 3. Auflage, Zürich.
  • Hannah hat Kino im Kopf. Die Reichen-Methode „Lesen durch Schreiben“ und ihre Hintergründe für LehrerInnen, Studierende und Eltern. Heinevetter, Hamburg 2001, ISBN 3-87474-590-2.

Weblinks[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Einzelnachweise[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  1. Dr. Jürgen Reichen. 27.8.1939–19.10.2009. Website von Jürgen Reichen.
  2. Zitiert nach: „Die neue Schlechtschreibung“. In: Der Spiegel. 25/2013, S. 100.
  3. Nachruf von Hans Brügelmann zum Tode von Jürgen Reichen (Memento vom 27. August 2016 im Internet Archive). Deutsche Gesellschaft für Lesen und Schreiben. 2009.
  4. Günter Jansen: Lernmethode „Lesen durch Schreiben“. „Das ist völliger Unsinn“. In: Spiegel Online. 19. Juni 2013 (Interview), abgerufen am 2. November 2013.
  5. Reinhold Funke: Erstunterricht nach der Methode Lesen durch Schreiben und Ergebnisse schriftsprachlichen Lernens – Eine metaanalytische Bestandsaufnahme. In: Didaktik Deutsch. 19. Jahrgang, 2014, Heft 36, S. 20–41.
  6. Reinold Funke gegenüber Barbara Weber. In: Barbara Weber: Lesen und Schreiben lernen Streit um die richtige Methode. In: Deutschlandfunk. 28. August 2014.
  7. Rafaela von Bredow, Veronika Hackenbroch: Die neue Schlechtschreibung. In Der Spiegel. 25/2013.
  8. Zur Debatte (Recht-)Schreibenlernen. Grundschulverband.
  9. Schriftliche Kleine Anfrage der Abgeordneten Anna-Elisabeth von Treuenfels (FDP) vom 18.09.15 und Antwort des Senats. In: Bürgerschaft der Freien und Hansestadt Hamburg. 21. Wahlperiode, Drucksache 21/1643, 25. September 2015 (PDF; 23 kB).
  10. Lena Greiner: So wenig achten Deutschlands Lehrer auf Rechtschreibung. In: Spiegel Online. 13. September 2017, abgerufen am 13. Oktober 2017.
  11. Brandenburg will umstrittene Lernmethode "Schreiben nach Gehör" verbieten. In: stern. 27. September 2018, abgerufen am 28. September 2018.