Johannes Wüsten

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Johannes-Wüsten-Denkmal in der Johannes-Wüsten-Straße in Görlitz

Johannes Wüsten (* 4. Oktober 1896 in Heidelberg; † 26. April 1943 in Brandenburg an der Havel; auch Peter Nikl oder Walter Wyk) war ein deutscher Künstler und Schriftsteller.

Leben[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Johannes Wüsten war der Sohn eines freireligiösen Predigers und seiner Frau. Ein Jahr nach seiner Geburt zog die Familie nach Görlitz. Dort besuchte Wüsten das Gymnasium bis zur Untertertia. Nachdem man ihn wegen einer Waffenaffäre der Schule verwiesen hatte, lehnten die Eltern seinen Wunsch, Maler zu werden, ab. Er ging stattdessen nach Dresden, wo er eine Tischlerlehre begann, die er allerdings nach kurzer Zeit aus gesundheitlichen Gründen abbrach. Er bekam die Gelegenheit, in Worpswede Schüler des Malers Otto Modersohn zu werden. Anschließend arbeitete er in einer Keramikfabrik in Bunzlau. Ab Sommer 1916 nahm Wüsten als Soldat am Ersten Weltkrieg teil. Im Oktober des gleichen Jahres wurde er an der Ostfront verwundet; eine weitere Verwundung erlitt er an der Westfront.

Nach Kriegsende ließ sich Wüsten als freischaffender Künstler in Hamburg nieder. Der Expressionist Wüsten, der die „Hamburgische Sezession“ mitbegründete, schuf vor allem Gemälde und Holzschnitte. Gleichzeitig wurden erste literarische Arbeiten von ihm veröffentlicht. 1922 unternahm Wüsten eine Studienreise durch die Niederlande; nach der Rückkehr gründete er in Görlitz eine Manufaktur für Keramik und Fayence, an der auch seine zweite Frau, die Malerin Dorothea Koeppen, beteiligt war.

1929 übernahm Wüsten in Görlitz (Kahle 7) das Atelier der Porträtmalerin Erna von Dobschütz in der später nach ihm benannten Straße. Er war einst ihr Schüler gewesen war, als er sich auf die Aufnahmeprüfung an der Dresdener Kunstgewerbeschule vorbereitete.[1]

Wüsten war aktiv in der „Görlitzer Künstlerschaft“, in deren Malschule er, der inzwischen ein Vertreter der „Neuen Sachlichkeit“ war, in der zweiten Hälfte der Zwanzigerjahre die Graphikklasse leitete. Zur selben Zeit veröffentlichte er zahlreiche Kritiken und Feuilletons und hielt Vorträge. Ab 1929 begann Wüsten, sich für den Kupferstich zu interessieren; bis 1934 schuf er zahlreiche Werke in dieser Technik. Die gesellschaftskritische Tendenz seiner Werke führte dazu, dass Wüsten in Görlitz immer weniger ausstellen konnte.

Wüsten, der seit 1930 Mitglied des Antifaschistischen Kampfbundes und später der „Roten Hilfe“ war, wurde im März 1932 Mitglied der Kommunistischen Partei Deutschlands. Kurz danach sein erster literarischer Erfolg: Sein Dreiakter Die Verrätergasse wurde uraufgeführt. Nach der Machtergreifung der Nazis übernahm er die Leitung der illegalen Görlitzer KPD, die vor allem mittels Flugblättern gegen die neuen Machthaber agitierte und Mitgliedern der verbotenen Partei zur Flucht in die Tschechoslowakei verhalf. 1934 emigrierte Wüsten nach Prag, wo er als Künstler und Schriftsteller polemische Beiträge gegen die Zustände im Deutschen Reich lieferte, die in deutschsprachigen Exilzeitschriften wie dem „Simplicissimus“ (später: „Simpl“) und der „Arbeiter Illustrierten Zeitung“ veröffentlicht wurden. Daneben schrieb er zwei Theaterstücke mit historischer Thematik (Bessie Bosch und Die Lehre vom Mariastern), Künstlergeschichten und den Roman Rübezahl, dessen Veröffentlichung durch die deutsche Besetzung des Sudetenlandes im Herbst 1938 verhindert wurde (er erschien 1963 aus dem Nachlass unter dem Titel Der Strom fließt nicht bergauf). 1937/38 verfasste er zudem einen utopischen Roman Kämpfer gegen Kometen, der in Fortsetzungen unter dem Pseudonym Walter Wyk in der Zeitschrift Volks-Illustrierte publiziert wurde. Die Identität des Verfassers wurde erst in den 1980er Jahren entdeckt, worauf es zu einer Wiederveröffentlichung 1992 kam.[2]

Im Juli 1938 verließ Wüsten Prag und ging nach Paris, wo er für die ExilorganisationDeutsches Kulturkartell“ als bildender Künstler tätig war. Seine wirtschaftliche Situation verschlechterte sich zusehends, und nach dem Ausbruch des Zweiten Weltkriegs wurde er am 10. September 1939 interniert. Er durchlief verschiedene Lager; am 19. Juni 1940 glückte ihm die Flucht aus dem Arbeitslager in Saint-Nazaire. Auf der Flucht vor den vorrückenden deutschen Truppen erreichte er die französische Atlantikküste; ein Versuch, von dort aus nach England zu gelangen, scheiterte. Mitte Juli 1940 kehrte Wüsten ins nunmehr deutsch besetzte Paris zurück.

Als Wüsten im Winter an Tuberkulose erkrankte, begab er sich, der als Deutscher nicht von Franzosen behandelt werden durfte, in ein Krankenhaus der Wehrmacht. Dort pflegte man ihn gesund, um ihn anschließend der Gestapo zu übergeben. Er wurde nach Deutschland gebracht und vor dem Volksgerichtshof in Berlin angeklagt; seine künstlerischen Arbeiten wurden ihm dabei als „Vorbereitung zum Hochverrat“ ausgelegt. Der Prozess gegen Wüsten begann am 11. März 1942 und endete mit seiner Verurteilung zu fünfzehn Jahren Zuchthaus. Er trat seine Strafe im Brandenburg-Görden an, erkrankte allerdings schon bald erneut an offener Tuberkulose und starb am 26. April 1943 im Gefängniskrankenhaus. Ein Großteil seines künstlerischen wie auch literarischen Werkes gilt als verloren.

Werke[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  • Semper die Mumie, Hamburg 1921
  • Ywon, Hamburg 1921
  • Die Lehre von Mariastern, Praha 1935 (unter dem Namen Peter Nikl)
  • Bessie Bosch, London [ca. 1942]
  • Das Leben einer Buhlerin und andere Malergeschichten, Berlin 1951
  • Weinsberg, Berlin 1958
  • Der Strom fließt nicht bergauf, (Originaltitel Rübezahl), Rudolstadt 1963
  • Drei Nächte des Jan Bockelson und anderes aus dem Erzählwerk, Rudolstadt 1972
  • Kupferstiche, Leipzig 1973
  • Tannhäuser, Berlin 1976
  • Die Verrätergasse, Berlin 1980
  • Pseudonym Peter Nikl, Berlin 1987
  • Das heilige Grab, Görlitz 1989
  • ... auf daß ich etliche gewänne, Görlitz 1991
  • Heimatliche Miniaturen, Görlitz 1991
  • Kämpfer gegen Kometen, Berlin 1992

Illustrierte Werke[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  • Paul Duysen: Jedermann, der viehische Mensch, Hamburg 1921

Ausstellungskataloge[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  • Johannes Wüsten, Görlitz 1948
  • Alfred Frank, Fritz Schulze, Johannes Wüsten, Dresden 1970
  • Johannes Wüsten, Leipzig 1973
  • Die Blutproben des Johannes Wüsten, Hamburg-Langenhorn 1995
  • Johannes Wüsten, Heidelberg 1996
  • Punkt und Linie - Schwarz auf Weiß, Görlitz 1996
  • Der Kupferstich in der Moderne Galerie Carlshorst Berlin Dezember 2007

Literatur[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  • Ernst Kretzschmar (Herausgeber): Johannes Wüsten und Görlitz. Görlitz 1966.
  • Beate Jahn-Zechendorff (Herausgeberin): Johannes Wüsten. Kupferstiche. Nachwort Insel-Bücherei Nr. 979, Leipzig 1973.

Einzelnachweise[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  1. Wüsten schrieb über die Zusammenarbeit mit Dobschütz in seiner Autobiografie: „Bei den Vorbereitungen zur Dresdener Prüfung geriet ich auch in die Hände einer malenden Görlitzer Edelfrau, die nach kurzer Zeit erklärte, ich sei so unbegabt, daß ich lieber Fotograf werden solle.“ Trotz dieser negativen Einschätzung scheint Wüsten den Kontakt zu seiner alten Lehrerin bis 1929 nicht verloren zu haben.
  2. Georg Wenzel: Heimat im Exil. Zur Grenzerfahrung des Malerdichters Johannes Wüsten[1]

Weblinks[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]