Kanallotse

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Als Kanallotsen bezeichnet man genossenschaftlich organisierte Freiberufler, die Lotsenaufgaben auf dem Nord-Ostsee-Kanal erfüllen. Die etwa 300 Kanallotsen sind in zwei Lotsenbrüderschaften organisiert, von denen die eine, die Lotsenbrüderschaft Nord-Ostsee-Kanal I mit 140 Mitarbeitern(std 2017), in Brunsbüttel und die andere, die Lotsenbrüderschaft Nord-Ostsee-Kanal II, Kiel, Lübeck, Flensburg, in Kiel-Holtenau stationiert ist. Beide unterstehen der Außenstelle Nord der Generaldirektion Wasserstraßen und Schifffahrt in Kiel.

Lotsenboot vor Holtenau

Lotsen auf dem Nord-Ostsee-Kanal[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Mit über 32.000 Schiffen, die jährlich die Schleusen von Brunsbüttel und Kiel-Holtenau passieren, ist der Nord-Ostsee-Kanal der meistbefahrene Kanal der Welt. Schiffe über einer gewissen Größe sind dazu verpflichtet, auf dieser Schifffahrtsstraße einen Lotsen an Bord zu nehmen.

Kanallotsen[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Bis zum Jahr 1922 wurde das Lotsenwesen auf dem „Kaiser-Wilhelm Kanal“, wie die Wasserstraße damals hieß, staatlich organisiert und die Lotsen waren verbeamtet. Heutzutage sind die Kanallotsen freiberuflich tätig und organisieren sich genossenschaftlich in sogenannten Lotsenbrüderschaften. Voraussetzung für den Beitritt in eine Lotsenbrüderschaft ist grundsätzlich eine jahrelange Berufserfahrung als Seeoffizier.[1] Bewerber müssen zudem ein Kapitänspatent vorweisen können, oder über einen gleichwertigen Abschluss aus einem der EU-Mitgliedsstaaten verfügen.[2] Der Ausbildungslehrgang zum Seelotsenanwärter wird bei der jeweiligen Lotsenbrüderschaft absolviert. Dieser Lehrgang wurde im Jahr 2008 eingeführt und verkürzte die Ausbildungszeit zum Kanallotsen auf dem Nord-Ostsee-Kanal von vorher zwei Jahren auf ein halbes Jahr. Das Bruttoeinkommen ist abhängig von der Anzahl der Lotseneinsatze. Es lag im Jahr 2009 durchschnittlich bei 8.500 € monatlichen brutto bei einer Wochenarbeitszeit von 60 bis 70 Stunden. Das Seelotsgesetz schreibt vor, dass Kanallotsen mit 65 Jahren in den Ruhestand gehen. Derzeit treten etwa 10 % der Lotsen des Nord-Ostsee-Kanals jährlich in den Ruhestand ein.[2]

Kanalsteurer[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Neben den Kanallotsen, die an Bord gegenüber dem Kapitän eine beratende Funktion erfüllen, nehmen die Schiffe in Brunsbüttel und Holtenau auch Kanalsteurer an Bord, die bei der Passage des Nord-Ostsee-Kanals auf dem Schiff das Ruder übernehmen. Die Kanalsteuerer werden, genau wie die Kanallotsen, bei der Lotsenversatzstelle in der Mitte der Strecke gewechselt.

Lotsenversatzstelle[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Lotsenstation Rüsterbergen

Auf der Hälfte der Strecke, bei Kanalkilometer 55, befindet sich die Lotsenversatzstelle, die gemeinsame Station der Kanallotsen der Kieler und der Brunsbütteler Brüderschaft. Die Einrichtung besteht aus einer Wartehalle, einem Gemeinschaftsraum, einer Leitstelle mit Funk und Radar und einem Anleger. Hier wechseln sich die Lotsen auf den passierenden Schiffen in einem fliegenden Wechsel während der Fahrt ab. Ein Lotsenboot fährt hierfür an das fahrende Schiff heran und übergibt einen neuen Lotsen, der über eine Strickleiter, eine sogenannte Lotsenleiter, an Bord geht.[1] Anschließend geht der bisherige Lotse von Bord und wird mit dem Lotsenboot an Land gebracht.

Früher befand sich die Lotsenversatzstation in Nübbel.[3] Heute ist sie auf der anderen Kanalseite in Rüsterbergen angesiedelt. Im Garten der Lotsenversetzstelle, zwischen dem Gebäude und dem Kanal ist ein Gedenkstein errichtet, der an die im Zweiten Weltkrieg gefallenen Kanallotsen erinnert.

Lotsenbrüderschaften[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Gedenksteine bei der Lotsenversatzstelle Rüsterbergen

Die Allgemeine Lotsverordnung (ALV) definiert sieben Seelotsreviere auf den Wasserstraßen und Seegebieten der Bundesrepublik Deutschland. Hiervon liegen zwei auf dem Nord-Ostsee-Kanal. Das Seelotsrevier Nord-Ostsee-Kanal 1 (NOK 1) reicht von Brunsbüttel bis zum Kanalkilometer 55. Das Seelotsrevier NOK 2 reicht von hier aus bis zur Kieler Förde.[4] In den beiden Lotsbrüderschaften, die die beiden Reviere abdecken, sind insgesamt 300 Kanallotsen organisiert.[2] Jeder der beiden Brüderschaften steht ein sogenannter „Ältermann“ vor, der von der jeweiligen Brüderschaft gewählt wird. Die Ältermänner vertreten ihre jeweilige Brüderschaft in der Bundeslotsenkammer.

Die Lotsen der Brüderschaft Lotsenbrüderschaft Nord-Ostsee-Kanal I sind in Brunsbüttel stationiert. Seitdem die staatliche Organisation des Lotsenwesens im Jahr 1922 entfallen ist, sind die Kanallotsen als selbständige Freiberufler genossenschaftlich organisiert. Dies gilt gleichermaßen für soziale wie auch gesundheitliche Belange. Vorbild hierfür war die Selbstorganisation der Lotsenbrüderschaft Elbe. Die Kanallotsen der Lotsenbrüderschaft Nord-Ostsee-Kanal I übernehmen die Schiffe bei Einfahrt in den Nord-Ostsee-Kanal von den Elblotsen, die für die Anfahrt aus der Deutschen Bucht oder über die Elbe aus Richtung Hamburg zuständig sind.

Die Lotsenbrüderschaft Nord-Ostsee-Kanal II, Kiel, Lübeck, Flensburg befindet sich in Kiel-Holtenau. Ihr Einsatzgebiet umfasst zusätzlich zum östlichen Abschnitt des Nord-Ostsee-Kanals noch die Lotsbezirke in der Kieler Förde, auf der Trave und in der Flensburger Förde, wo diese Lotsenbrüderschaft zusätzlich für mehr als 15.000 weitere Schiffspassagen zuständig ist. In der Lotsenbrüderschaft Nord-Ostsee-Kanal II, Kiel, Lübeck, Flensburg sind etwa 180 Kanallotsen als Mitglieder organisiert, sie ist somit nach den Elblotsen die zweitstärkste deutsche Lotsenbrüderschaft. Im Jahr 1922 war sie die erste Lotsenbrüderschaft, die ein Kapitänspatent als Vorbedingung für eine Mitgliedschaft forderte.

Lotsenchöre[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Die Mitglieder beider Lotsenbrüderschaften gründeten im Laufe weniger Jahre unabhängig voneinander zwei Lotsenchöre. Der Chor der Brunsbüttler Lotsen benannte sich nach einem nautischen Signalgerät, der Takelure. Die Lotsen des NOK 2 gründeten in Kiel-Holtenau einen Chor, der sich nach einem Fisch benannte, der seltsame Geräusche macht, wenn er an Land gezogen wird: Knurrhahn.

Lotsenchor „Takelure“[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Der Lotsenchor der Brunsbüttler Lotsen wurde im Februar 1919 gegründet, als der Schiffsverkehr auf dem damaligen Kaiser-Wilhelm-Kanal wegen Vereisung und Eistreiben stark eingeschränkt war. Im damaligen Stützpunkt der Lotsen, dem Hotel „Zur Kanalmündung“, wurde „Takelure“ am 18. Februar 1919 zunächst als Quartett gegründet. Der „Gesangverein der Lotsenbrüderschaft NOK I zu Brunsbüttel-Koog Takelure“, wie der vollständige Name des Chores lautet, interpretierte zunächst Volkslieder und Schlager, bis schließlich in den 60er Jahren auch Shantys in das Repertoire aufgenommen wurden.[3]

Lotsenchor „Knurrhahn“[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Die Lotsenbrüder des NOK 2 gründeten im Jahr 1929, ebenfalls während eines harten Winters, der den Schiffsverkehr einschränkte, in der Wartehalle der Schleuse in Kiel-Holtenau ihren Lotsenchor „Knurrhahn“.[5] Der vollständige Name des Chores lautet „Lotsengesangverein Knurrhahn von 1929 e.V.“. Unter dem Chorleiter Klaus Prigge wurde im Jahr 1932 der „Knurrhahn“, eine kommentierte Sammlung der Lieder des Holtenauer Lotsenchores, herausgegeben. Viele noch heute bekannte Shantys, wie Hamborger Veermaster oder Rolling Home fanden durch diese damals beliebte Sammlung Verbreitung.[6]

Weblinks[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Einzelnachweise[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  1. a b Artikel über die Lotsenbrüderschaft NOK in den Westfälischen Nachrichten 05.2014
  2. a b c Artikel über die Kanallotsen in der Verkehrsrundschau 02.2009
  3. a b Bericht in der Norddeutschen Rundschau 12.2013
  4. Verordnung über die Seelotsreviere, pdf bei Juris
  5. Webseite des Lotsengesangvereins Knurrhahn
  6. Jochen Wiegandt: Singen Sie hamburgisch? Vom Tüdelband bis zum Veermaster. edel:Books Verlag, Hamburg 2001, ISBN 978 3 8419 0195 8, S. 104 und S. 176–181