Kirsten Achtelik

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Kirsten Achtelik (* 1978 in Stolberg) ist eine deutsche Soziologin, Journalistin und Autorin.

Werdegang[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Achtelik studierte Sozialwissenschaften und Politologie an der Humboldt-Universität zu Berlin; 2007/08 verbrachte sie ein akademisches Jahr in Madrid.[1] 2009 schloss sie ihr Studium an der HU Berlin mit einer Diplomarbeit zur spanischen Frauenbewegung und dem Abtreibungsrecht unter dem Titel „Aborto libre y gratuito“ ab.[2] Im Juni 2017 begann sie ihre Dissertation zum Verhältnis von feministischer, behindertenpolitischer und „Lebensschutz“-Bewegung bei der Soziologin Karin Lohr am Institut für Sozialwissenschaften der HU Berlin.[3]

Als freie Journalistin schreibt Achtelik unter anderem für die taz,[4] die Jungle World,[5] das Neue Deutschland,[6] Dr. med. Mabuse,[7] konkret, die Blätter,[8] den Gen-ethischen Informationsdienst[9] und die Frankfurter Rundschau.

Arbeitsschwerpunkte[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Achtelik fokussiert sich als Soziologin und Autorin unter anderem auf feministische Theorien und Bewegungen sowie Schnittstellen mit anderen sozialen Bewegungen, insbesondere der Behindertenbewegung, und Kritik an Gen- und Reproduktionstechnologien. Von 2017 bis 2019 war sie im Bereich Medizin Mitarbeiterin des Berliner „Gen-ethischen Netzwerks“, das den Gen-ethischen Informationsdienst herausgibt.[10]

Achtelik beschäftigt sich mit Zielen und medizinethischen Strategien militanter Abtreibungsgegner, die sich selbst als „Lebensrechtsbewegung“ bezeichnen.[11] Durch die versuchte Etablierung von Kampfbegriffen wie „ungeborenes Leben“[12] für den Nasciturus würden diese Fundamentalisten ein Spektrum zu besetzen versuchen, dem man gar nicht widersprechen könne. Mit Begriffen wie „Abtreibungsholocaust“ nähmen sie zugleich die Leugnung der Singularität des Holocaust und der organisierten Vernichtung zumindest in Kauf.[13] Diese Abtreibungsgegner verortet Achtelik politisch meist weit rechts stehend und grundsätzlich frauenfeindlich.[14] Sie verträten autoritäre Positionen und würden nicht nur Abtreibungen ablehnen. Ihre teils antidemokratische Kulturkritik richte sich auch gegen die 1968er und gesellschaftlichen Fortschritt, um den Aufschwung der neuen Rechten nutzen und sich auf einen Marsch durch die Institutionen begeben zu können.[15] Achtelik sieht damit das Recht auf Selbstbestimmung für ungewollt schwangere Frauen gefährdet: „Wenn eine Frau ungewollt schwanger ist und sie zu diesem Zeitpunkt kein Kind haben will, dann sollte sie ihre Schwangerschaft beenden dürfen.“[16]

Achtelik beschäftigt sich auch mit Pränataldiagnostik, Präimplantationsdiagnostik, Eizellspenden und Leihmutterschaft sowie ethischen Gesichtspunkten bezüglich Gentechnologie und Reproduktionsmedizin.[10] Pränataldiagnostik berge unter soziologischen Gesichtspunkten nach ihren Beobachtungen die Gefahr, zum „Qualitätscheck für zukünftige Babys“ zu werden. Diese führe zu einer Abklärungsdynamik, die letztlich zum Beispiel zum induzierten Abort der großem Mehrheit aller Föten führe, bei denen Trisomie 21 festgestellt werde.[16] Bluttests würden Schwangere unter hohen gesellschaftlichen Druck setzen, auch schon vor der Geburt alles für ihre Kinder zu tun; spürbar sei hier Selbstoptimierung und der Wunsch, alles richtig zu machen. Mit der Etablierung einer Suche nach Behinderungen als normalem Teil einer Schwangerenvorsorge werde ein Normierungsprozess von Menschen gefördert. Nicht gesellschaftlichen Normen entsprechende Menschen würden als fremd empfunden und nicht gleichwertig mit anderen behandelt.[14] Eine inklusive Gesellschaft würde nämlich nicht durch zu wenig Geld, sondern durch die „Idee von gesunden, unendlich belastbaren und nicht alternden Leistungsträgern“ verhindert.[17] Fundamentalistische Abtreibungsgegner würden zwar ebenfalls versuchen, an die Forderungen der Behindertenbewegung anzuknüpfen. Ihr Ziel wäre allerdings nur eine Abschaffung des Selbstbestimmungsrechts von Frauen, nicht die einer Gesellschaft mit gleichberechtigter Beteiligung Behinderter.[15]

Bücher[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

eigene Publikationen
Sammelbandbeiträge
Übersetzungen
  • Raúl Zibechi: Territorien des Widerstands: eine politische Kartografie der urbanen Peripherien Lateinamerikas. (Übersetzung von Kirsten Achtelik und Huberta von Wangenheim) Assoziation A Berlin Hamburg 2011 ISBN 978-3-86241-402-4.
    • spanische Originalausgabe: Raúl Zibechi: Territorios en resistencia: cartografía política de las periferias urbanas latinoamericanas. CGT Madrid 2011 ISBN 9788461555864

Weblinks[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Einzelnachweise[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  1. Kirsten Achtelik: El movimiento feministay su lucha por el derecho al aborto 1979-86 y 2007-08. 12. Januar 2010.
  2. Diplom- und Magisterarbeiten. Institut für Sozialwissenschaften an der HU Berlin.
  3. Aktuelle Promotionsprojekte. Institut für Sozialwissenschaften an der HU Berlin.
  4. Autorenprofil Kirsten Achtelik. In: taz.
  5. Autorenprofil Kirsten Achtelik. In: Jungle World.
  6. Artikel von Kirsten Achtelik. In: Neues Deutschland.
  7. Artikel von Kirsten Achtelik. In: Dr. med. Mabuse.
  8. Autorenprofil Kirsten Achtelik. In: Blätter.
  9. Autorenprofil Kirsten Achtelik. In: Gen-ethischer Informationsdienst.
  10. a b Mitarbeiter*innen. (Memento vom 6. Mai 2019 im Internet Archive) In: gen-ethisches Netzwerk.
  11. Milena Hassenkamp: „Wir brauchen keine teure Studie, die beweist, was wir schon wissen.“ In: Spiegel Online. 15. Februar 2019.
  12. Karin Böke: Vom „werdenden Leben“ zum „ungeborenen Kind“. Redestrategien in der Diskussion um die Reform des § 218. In: Frank Liedtke, Martin Wengeler, Karin Böke (Hrsg.): Begriffe besetzen: Strategien des Sprachgebrauchs in der Politik. Westdeutscher Verlag, Opladen 1991, ISBN 978-3-322-92242-7, S. 205–219, (eingeschränkte Vorschau).
  13. Vanessa Gaigg: Autorin Achtelik: „Man kann niemanden dazu zwingen, ein Kind zu bekommen“. In: Der Standard. 12. Oktober 2019.
  14. a b Christiane Florin: „Jeder Mensch ist in sich drin behindertenfeindlich“. In: Deutschlandfunk. 10. Juli 2018.
  15. a b Zoe Sona: Marsch durch die Institutionen. In: taz. 10. Juni 2018.
  16. a b Barbara Vorsamer: Qualitätschecks für Babys. In: Süddeutsche Zeitung. 27. November 2015.
  17. Hannes Leitlein: Barrierefrei für alle. In: Die Zeit. Nr. 51 2016, 8. Dezember 2016.
  18. Rezensionen zu Kirsten Achtelik: „Selbstbestimmte Norm“:
    Victoria Fischer: Rezension zu Kirsten Achtelik: „Selbstbestimmte Norm“ (2018) In: hypotheses.org. 15. Juli 2019.
    Heike Ursula Raab: Feminismus und Behinderung: Widersprüche, Ambivalenzen und Kritiken. In: Querelles. Jg. 17, Nr. 4 (2016).