Marsch für das Leben

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Dieser Artikel befasst sich mit der Demonstration in Berlin. Zur Demonstration in Washington siehe March for Life (Washington, D.C.).
Marsch für das Leben 2012 in Berlin

Der Marsch für das Leben ist eine Demonstration der Lebensrechtsbewegung in Berlin. Veranstalter ist der Bundesverband Lebensrecht. Sie richtet sich gegen Schwangerschaftsabbrüche und Praktiken der Sterbehilfe, Stammzellforschung und Präimplantationsdiagnostik.

Die Demonstration fand 2002 zum ersten Mal statt. Danach folgten Märsche 2004 und 2006. Seit 2008 findet der Marsch jährlich statt. Die Teilnehmerzahl des Marsches stieg über die Jahre an; 2016 beteiligten sich nach Polizeiangaben 6.000 Menschen.[1] Bis 2006 hatte der Marsch den Namen 1000 Kreuze für das Leben.

Seit 2008 wird der Marsch von Gegenprotesten begleitet.

Inhalte und Unterstützer[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Inhaltliche Basis des Marsches ist die vom Bundesverband Lebensrecht verfasste Berliner Erklärung zum Schutz des ungeborenen Lebens. Kernthese ist, dass menschliches Lebens und die Menschenwürde mit der Zeugung beginne. In diesem Sinne sei ein Schwangerschaftsabbruch eine Tötung Ungeborener und als schweres Unrecht zu betrachten. Vom Gesetzgeber wird gefordert „die geltenden Abtreibungsgesetze und ihre Praxis einer gründlichen und umfassenden Prüfung und Korrektur zu unterziehen.“[2] Weitere Forderungen sind ein Verbot der Präimplantationsdiagnostik und die Strafbarkeit jeder Form der Beihilfe zur Selbsttötung (Sterbehilfe).[3]

Die als Schweigemarsch angelegte Demonstration beginnt mit einer Auftakt-Kundgebung vor dem Bundeskanzleramt und zieht anschließend durch die Berliner Innenstadt. In der Demonstration werden 1000 weiße Kreuze mitgeführt, die symbolisch für die abgetriebenen Föten stehen, um die während der Demonstration getrauert wird.[4] Die Anzahl der Kreuze orientiert sich an der, in der Lebensrechtsbewegung weit verbreiteten Annahme, in Deutschland würden täglich rund 1.000 Schwangerschaftsabbrüche durchgeführt.[5] Weiteres optisches Merkmal sind grüne Luftballons und vorgefertigte Schilder im Erscheinungsbild des Veranstalters. Die Demonstration endet mit einem ökumenischen Gottesdienst.

Der Marsch für das Leben wird von dem Bundesverband Lebensrecht, einem Zusammenschluss von 14 Organisationen der Lebensrechtsbewegung in Deutschland, organisiert. Dazu gehören u. a.[6] Aktion Lebensrecht für Alle e.V. (ALfA), Christdemokraten für das Leben e.V. (CDL), Europäische Ärzteaktion in den deutschsprachigen Ländern e. V. und das Weiße Kreuz e.V.

Auch einzelne Politiker der CDU/CSU und der AfD unterstützen durch Teilnahme oder Grußworte den Marsch.[4] So sendete 2014 der Vorsitzender der CDU/CSU-Bundestagsfraktion Volker Kauder ein Grußwort.[7] Die AfD-Abgeordnete im Europaparlament Beatrix von Storch trug 2014 das Fronttransparent und führte 2015 den Marsch zusammen mit Martin Lohmann an.[8] Bündnis 90/Die Grünen, Linkspartei und die Arbeitsgemeinschaft sozialdemokratischer Frauen beteiligen sich im Bündnis für sexuelle Selbstbestimmung an den Gegenprotesten. Die Regierenden Bürgermeister von Berlin unterstützen die Gegenproteste seit 2014 regelmäßig mit Grußworten.

Unterstützung erhält der Marsch auch von der katholischen Kirche. So sandten 2014 Papst Franziskus und Kardinal Reinhard Marx Grußworte.[7] Das Verhältnis der evangelischen Landeskirchen zum Marsch für das Leben ist uneinheitlich. Während einige evangelische Bischöfe weiterhin Grußworte schicken, stieß er in der Evangelischen Kirche Berlin-Brandenburg-schlesische Oberlausitz (EKBO) in den letzten Jahren auf Kritik. Die EKBO betont die „inhaltliche Differenz“ zum Veranstalter, dem Bundesverband Lebensrecht. Diese bestehe hauptsächlich darin, dass die Kirche Schwangere „ergebnisoffen“ berate, während der Bundesverband Lebensrecht sich grundsätzlich gegen Schwangerschaftsabbrüche wende.[9]

Kritik[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Im Buch »Deutschland treibt sich ab« Organisierter «Lebensschutz», christlicher Fundamentalismus und Antifeminismus vom Antifaschistischen Pressearchiv und Bildungszentrum Berlin (apabiz e. V.) wird der Marsch für das Leben als wichtigste öffentliche Aktionsform der Lebensrechtsbewegung beschrieben. Anhand dieser werde die Kampagnenfähigkeit der Lebensrechtsbewegung, vor allem unter der Dachorganisation Bundesverband Lebensrecht, am deutlichsten. Liberale und reaktionäre Teile des Spektrums stünden hier unwidersprochen nebeneinander auf der Bühne und könnten ihre jeweiligen Botschaften verkünden.[10]

Nach Auffassung der Historikerin und früheren Bundesvorsitzenden von pro familia Gisela Notz werden in dem Motto „Ja zum Leben – für ein Europa ohne Abtreibung und Euthanasie“, unter dem der Marsch für das Leben 2011 stattfand, Sterbehilfe, Euthanasie, Schwangerschaftsabbruch und Mord gleichgesetzt. Sie kritisiert insbesondere die Rhetorik der Veranstalter der Märsche in verschiedenen Ländern, so z. B. die Aussagen des evangelischen Pfarrers Philipp Vulff, der den französischen „Marche pour la vie“ organisiert, oder Bryan Kemper von den Stand True Ministries, der vom „Abortion Holocaust“ spreche. Die internationalen Vertreter der Lebensrechtsbewegung würden durch ihre Verweise auf den Nationalsozialismus diesen relativieren. In ihrer Argumentation werde „das Recht der Frau auf Selbstbestimmung darüber, ob sie ein Kind austragen will oder nicht, gleichgesetzt mit den NS-Verbrechen, die sich aus der Vernichtungsideologie der Nazis speisten“, so Notz.[11]

Kritiker weisen darüber hinaus darauf hin, dass die von den Veranstaltern behauptete, aber nicht belegte Zahl von Schwangerschaftsabbrüchen (1000 pro Werktag) sich von den Angaben des Statistischen Bundesamtes deutlich unterscheide (ca. 328 pro Werktag[12]).[13][14][15][16]

Gegendemonstrationen[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Seit 2008 gibt es regelmäßig Proteste gegen die Märsche für das Leben.[17] So beteiligten sich 2014 rund tausend Menschen an zwei Gegendemonstrationen.[18] Mehrfach wurde der Marsch von Gegendemonstranten u. a. durch Sitzblockaden gestört.[19] Die Proteste hatten das Bündnis für sexuelle Selbstbestimmung und ein Bündnis von feministischer und Antifa-Gruppen organisiert.[20] 2014 gab es wenige Tage vor dem Marsch einen Farbanschlag auf das Büro des Bundesverband Lebensrecht in der Berliner Herz-Jesu-Kirche.[21] Auch 2015 demonstrierten etwa 1.700 Personen gegen den Marsch und blockierten diesen erstmals über längere Zeit.[22] 2016 beteiligten sich 1.500 Menschen an den Gegendemonstrationen.[23]

Vergleichbare Märsche[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Außer dem Marsch für das Leben in Berlin finden in Deutschland regelmäßig ähnliche Demonstrationen in anderen Städten statt. Unter anderem in München, Fulda und Münster organisiert von der christlich-fundamentalistischen Gruppierung EuroProLife, in Freiburg organisiert von der Piusbruderschaft und in Annaberg-Buchholz organisiert von den Christdemokraten für das Leben.[24] In der Schweiz gibt es seit 2010 den Marsch fürs Läbe.[25]

Großdemonstrationen mit gleichem Namen und thematischer Ausrichtung finden jährlich in Washington (March of Life seit 1974), San Francisco (Walk for Life West Coast seit 2005), Paris (Marche pour la vie seit 2005), Lima (Marcha pour la vida) und Warschau (Marsz dla Życia i Rodziny seit 2006) statt.

Weblinks[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Einzelnachweise[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  1. Tausende Teilnehmer beim "Marsch für das Leben", rbb, zuletzt gesehen am 17. September 2016.
  2. Berliner Erklärung, zitiert von Gisela Notz: Die neue Radikalität der Abtreibungsgegner_innen (2012) S. 49.
  3. http://www.marsch-fuer-das-leben.de/berliner_erklaerung.php
  4. a b Anne Wizorek: Weil ein Aufschrei nicht reicht. S. Fischer Verlag, Frankfurt am Main 2014, ISBN 978-3-596-03066-8, S. 42 ff.
  5. Abtreibungsgegner protestieren mit Schweigemarsch. In: Der Tagesspiegel, 20. September 2008.
    Hartwig Hohnsbein: Einfluss und Aktivitäten fundamentalistisch-christlicher selbsternannter Lebensschutzorganisationen. In: Kirsten Achtelik, Familienplanungszentrum Balance (Hrsg.): Die neue Radikalität der Abtreibungsgegner_innen im (inter-)nationalen Raum: Ist die sexuelle Selbstbestimmung von Frauen heute in Gefahr? AG SPAK Bücher, Neu-Ulm 2012, ISBN 978-3-940865-32-8, S. 31–37, hier S. 34 f.
    Oda Lambrecht und Christian Baars: Mission Gottesreich: Fundamentalistische Christen in Deutschland. Ch. Links Verlag, Berlin 2009, ISBN 978-3-86153-512-6, S. 83 f.
  6. Unterstützerliste. In: Bundesverband Lebensrecht. Abgerufen am 25. Dezember 2015.
  7. a b Umstrittener „Marsch für das Leben“ – Abtreibungsgegner demonstrieren vor dem Kanzleramt, RBB online, 20. September 2014
  8. Kaja Klapsa: „Willkommenskultur auch für Babys“. In: Die Welt, 19. September 2015.
  9. Gunnar Schupelius: Dröge distanziert sich von Abtreibungsgegnern, B.Z., 18. September 2014
  10. Eike Sanders, Ulli Jentsch, Felix Hansen: »Deutschland treibt sich ab«. Organisierter »Lebenschutz«, christlicher Fundamentalismus und Antifeminismus. Münster 2014, ISBN 978-3-89771-121-1, S. 48 f.
  11. Gisela Notz: Alle Jahre wieder: Die Märsche der Abtreibungsgegner. In: Kirsten Achtelik, Balance (Hrsg.): Die neue Radikalität der Abtreibungsgegner_innen im (inter-)nationalen Raum: Ist die sexuelle Selbstbestimmung von Frauen heute in Gefahr? AG SPAK Bücher, Neu-Ulm 2012, ISBN 978-3-940865-32-8, S. 49 ff.
  12. 99.237 Schwangerschaftsabbrüche im Jahr 2015 bei durchschnittlich angenommenen 302,6 Werktagen; Schwangerschaftsabbrüche. Destatis, abgerufen am 26. September 2016.
  13. Hartwig Hohnsbein: Einfluss und Aktivitäten fundamentalistisch-christlicher selbsternannter Lebensschutzorganisationen. In: Kirsten Achtelik, Familienplanungszentrum Balance (Hrsg.): Die neue Radikalität der Abtreibungsgegner_innen im (inter-)nationalen Raum: Ist die sexuelle Selbstbestimmung von Frauen heute in Gefahr? AG SPAK Bücher, Neu-Ulm 2012, ISBN 978-3-940865-32-8, S. 31–37, hier S. 34 f.
  14. Oda Lambrecht und Christian Baars: Mission Gottesreich: Fundamentalistische Christen in Deutschland. Ch. Links Verlag, Berlin 2009, ISBN 978-3-86153-512-6, S. 83 f.
  15. Stefan Lauer: Abtreibungsgegner, Fundamentalisten, Homo-Hasser. In: Vice, 22. September 2014.
  16. Aufruf zum Marsch für das Leben 2009
  17. Eike Sanders, Ulli Jentsch, Felix Hansen: »Deutschland treibt sich ab«. Organisierter »Lebenschutz«, christlicher Fundamentalismus und Antifeminismus. Münster 2014, ISBN 978-3-89771-121-1, S. 50.
  18. Kristiana Ludwig: Gänzlich patriarchales Weltbild, taz, 21. September 2014
  19. Timo Kather: Aktivisten stören Demo von Abtreibungsgegnern, Tagesspiegel, 20. September 2014
  20. Simon Brost: Leben und Lieben ohne Bevormundung, Neues Deutschland, 20. September 2014
  21. Ermittlungen wegen Anschlag auf Kirche, B.Z., 25. September 2014
  22. Malene Gürgen: „Marsch für das Leben“ in Berlin: Die Bibelstunde hilft nicht weiter. In: taz.de. 27. September 2015, abgerufen am 28. September 2015.
  23. Berliner Zeitung: „Marsch für das Leben“ Viel Gegenprotest bei Anti-Abtreibungs-Demo in Mitte, 17. September 2016
  24. Eike Sanders, Ulli Jentsch, Felix Hansen: »Deutschland treibt sich ab«. Organisierter »Lebenschutz«, christlicher Fundamentalismus und Antifemismus. Münster 2014, ISBN 978-3-89771-121-1, S. 49, 73.
  25. Christen-Demo unter Polizeischutz. Der Bund, 15. September 2016, abgerufen am 15. September 2016.