Kreuznacher Straßen- und Vorortbahnen

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Die Kreuznacher Straßen- und Vorortbahnen verbanden die Stadt Bad Kreuznach mit der Nachbarstadt Bad Münster am Stein, mit Langenlonsheim, mit dem nahe Sprendlingen gelegenen St. Johann in Rheinhessen sowie mit weiteren Gemeinden in der Umgebung. Sie waren elektrisch betrieben und nicht identisch mit den nicht elektrifizierten Kreuznacher Kleinbahnen.

Geschichte[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Die Stadt Kreuznach im Land Rheinland-Pfalz, die sich seit 1924 offiziell „Bad“ nennen darf, war bereits im Laufe des 19. Jahrhunderts ein weit bekannter Kurort geworden und zählte um 1910 rund 24.000 Einwohner. Sie gehörte damals zur preußischen Rheinprovinz und war Kreishauptstadt. Auch wenn Kreuznach in den Jahren 1858 bis 1871 zu einem Knotenpunkt bedeutender Eisenbahnstrecken geworden war, blieben doch noch Lücken in der Erschließung des Umlandes. Diesem Mangel half der Kreis Kreuznach 1896 durch den Bau der Kreuznacher Kleinbahnen mit zwei Schmalspurstrecken in den Hunsrück teilweise ab.

Zehn Jahre später gründete die Stadt Kreuznach einen Straßenbahnbetrieb, um das dicht besiedelte Nahetal parallel zur Staatsbahn noch besser anzubinden, aber auch um eine Querverbindung in den östlich angrenzenden hessischen Landkreis Alzey zu schaffen. Die Eisenbahnbau-Gesellschaft Becker & Co GmbH in Berlin baute die eingleisigen Strecken in Meterspur; ebenso errichtete sie das Elektrizitätswerk. Ihr verpachtete die Stadt den Betrieb für zwanzig Jahre.

Am 24. Januar 1924 ging die Straßenbahn an die Rhein-Nahe Kraftversorgungs-AG über. Zwei Jahre später kam sie am 11. März 1926 zur Städtischen Betriebs- und Verkehrsgesellschaft Bad Kreuznach GmbH, wo sie bis zur Einstellung des Straßenbahnbetriebs verblieb.

Strecken[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Am 11. September 1906 wurde die erste 4,3 Kilometer lange Strecke von Kreuznach nach dem Nachbarort Bad Münster am Stein eröffnet, welcher schon seit Anfang des Jahrhunderts den Titel „Bad“ trug. Die Strecke führte vom Bahnhof durch die Altstadt in südlicher Richtung durch das Badeviertel zur Saline Karlshalle, wechselte dort auf das linke Ufer der Nahe und erreichte über Theodorshalle den Nordteil des damals nur 1.000 Einwohner zählenden Städtchens Bad Münster. Vor dessen durchaus bedeutendem Staatsbahnhof, in welchem auch Fernzüge hielten, war die Endstation angelegt worden.

Ab dem 28. Oktober 1906 wurde in Kreuznach außerdem eine Stadtlinie befahren, die in der Altstadt von der Stammstrecke abzweigte, die Nahe überquerte und dann nach Norden zum Stadthaus am Holzmarkt in der Neustadt abbog. Hier konnte man auch in die Kleinbahnzüge Richtung Hunsrück umsteigen. Der Betriebshof mit dem E-Werk lag östlich des Staatsbahnhofs an der Bosenheimer Straße.

Die zweite Stadtgrenzen-überschreitende Straßenbahnstrecke wurde am 7. Juli 1911 in Betrieb genommen. Sie benutzte die Gleise der Linie zum Holzmarkt und folgte dann der Nahe auf dem linken Ufer am Stadtbahnhof vorbei über Bretzenheim bis nach Langenlonsheim (7,9 km). In ihr ging ab 1. Oktober 1912 die Stadtlinie Bahnhof–Holzmarkt auf.

Die dritte Überlandbahn war kleinbahnartig angelegt; sie führte vom Bahnhof in östlicher Richtung am Depot und dem Sepdelenwerk vorbei aus der Stadt hinaus, überquerte die Landesgrenze nach Hessen und gelangte nach Sprendlingen im Kreis Alzey, wo die Bahnlinie Bingen–Alzey gekreuzt wurde. Vorher hatte sie bei Badenheim schon die zur Süddeutschen Eisenbahn-Gesellschaft gehörende Nebenbahn Sprendlingen–Fürfeld überquert. Von Sprendlingen wurde bald der Endpunkt St. Johann erreicht, 15,8 Kilometer vom Ausgangspunkt entfernt. Die Eröffnung bis Badenheim (9,8 km) fand am 6. November 1912 statt, bis St. Johann am 21. Dezember 1912. Seitdem wurden alle Strecken auch im Güterverkehr bedient.

Von dem nun 27,6 Kilometer umfassenden Streckennetz lagen 15,6 km in Preußen und 12,0 km in Hessen. Nach der Einstellung der Linie 2 nach Langenlonsheim war es 1939 noch 21,4 km lang; über die Hälfte lag in Hessen.

Linien[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Seit 1912 war der Ausgangspunkt der drei Straßenbahnlinien am Bismarckplatz (heute: Kornmarkt)

  • Linie 1 (weiße Scheibe) nach Bad Münster am Stein
  • Linie 2 (weiß-grüne Scheibe) nach Langenlonsheim
  • Linie 3 (weiß-rote Scheibe) nach St. Johann bei Sprendlingen

Die Linie nach Bad Münster verkehrte in der Regel alle 30 Minuten und bei größerem Bedarf alle 15 Minuten. Auf den anderen Linien wurde etwa 15- bis 20-mal am Tag, jedoch unstarr gefahren. Die Fahrpläne der Kreuznacher Straßenbahn waren zeitweise auch in den Eisenbahn-Kursbüchern enthalten.

Der Fahrzeugpark umfasste 1914 zwei elektrische Lokomotiven, zwölf Triebwagen, neun Bei-, fünf Güter- und fünf Spezialwagen; 1939 war er verkleinert worden: nur eine elektrische Lokomotive, zehn Triebwagen, acht Bei-, zwei Pack- und drei Güterwagen sowie vier Rollböcke und drei Spezialwagen genügten nun dem Bedarf.

Linien mit den wichtigsten Haltestellen[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

(Deutsches Kursbuch 1934: 257, a, b)

Linie 1 (alle 30 Minuten)

  • Kreuznach Stadthaus
  • Bismarckplatz
  • Kurhaus
  • Oranienhof
  • Karlshalle
  • Theodorshalle
  • Bad Münster am Stein

Linie 2 (6-8 Fahrten)

  • Kreuznach Bismarckplatz
  • Stadthaus
  • Pfingstwiese
  • Bretzenheim
  • Kloningers Mühle
  • Langenlonsheim (K)
  • Langenlonsheim Bahnhof

Linie 3 (9 Fahrten)

  • 0,0 Kreuznach Bismarckplatz
  • 0,6 Bahnhof
  • --- Lämmerbrücke
  • --- Beindegraben
  • 5,1 Bosenheim
  • 7,9 Pfaffenschwabenheim
  • 9,8 Badenheim
  • ---- Badenheim Bahnhof
  • 13,3 Sprendlingen Bahnhof
  • ---- Sprendlingen Markt
  • 15,8 St. Johann

Betriebseinstellungen[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Bereits vor dem Zweiten Weltkrieg, am 1. Dezember 1938, wurde der Betrieb auf der Linie nach Langenlonsheim ab Pfingstwiese eingestellt, zumal sie weitgehend zur Reichsbahn parallel lief. Das übrige Netz wurde auch während des Krieges weiter befahren. Nach Luftangriffen und Brückensprengungen in den Jahren 1944/45 kam es zu Einschränkungen und zu einem Stillstand von Mai bis Dezember 1945.

Im Jahr 1946 verkehrten unter neuen Nummern die

  • Linie 1 Sepdelenwerk–Bahnhof–Kornmarkt–Karlshalle und
  • Linie 2 Kornmarkt–Bahnhof–Sepdelenwerke–Sprendlingen-St. Johann.

Die Linie 1 konnte nach Wiederherstellung der Salinenbrücke ab 1948 wieder von der Karlshalle bis zur Haltestelle Raugrafenstraße am südlichen Ortsende von Bad Kreuznach verlängert werden. Das nur 1 km lange Reststück bis Bad Münster wurde zunächst nicht wieder hergerichtet, da die Gemeinde Bad Münster zwischen ihrem nördlichen Ortsende und dem Felsentor eine neue Straßenführung plante. Bei diesem Zustand blieb es bis zur Stilllegung des gesamten Schienennetzes.

Wie in vielen anderen deutschen Städten wurden die veralteten Straßenbahnwagen auch in Bad Kreuznach mehr und mehr als Verkehrshindernis betrachtet; außerdem fehlten die Gelder zur gründlichen Modernisierung. So hielt man den Schienenverkehr für überflüssig.

Außerdem war ab 17. Juli 1925 ein umfangreiches Omnibusnetz aufgebaut worden, das über den Einzugsbereich der Straßenbahn hinausging. 1939 waren je zwei Stadt- und Vorortlinien in Betrieb mit einer Gesamtlänge von 45 Kilometern auf denen acht Omnibusse und ein Anhänger eingesetzt wurden. Sie führten von Bad Kreuznach u. a. nach Fürfeld – Wonsheim und nach Stromberg. Die Gesamtlinienlänge war 1958 = 186,4 km.

Der Straßenbahnbetrieb wurde somit am 5. Januar 1953 eingestellt.

Literatur[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  • D. Höltge: Deutsche Straßen- und Stadtbahnen. Band 4: Rheinland-Pfalz/Saarland. Verlag Zeunert, Gifhorn 1981, ISBN 3-921237-60-2, S. 8–22.
  • M. Kochems, D. Höltge: Straßen- und Stadtbahnen in Deutschland. Band 12: Rheinland-Pfalz/Saarland. EK-Verlag, Freiburg 2011, ISBN 978-3-88255-393-2, S. 6–19.