Kryotherapie

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Blasenbildung nach Kryotherapie einer Warze
Kältekammer für Therapie bei −110 °C
Kryotherapiepatienten bei der Vorbereitung der Behandlung (ca. 3 Minuten)
Behandlung mit einem Nitroglycerinspray gegeben auf die beiden Tonsillen bei −196 °C

Als Kryotherapie (altgriechisch κρύος kryos, deutsch ‚Eis, Frost') oder auch Kältetherapie bezeichnet man den gezielten Einsatz von Kältereizen, um einen therapeutischen Effekt zu bewirken. Dabei wird die lokale Anwendung von Kälte (meist über bestimmt Medien wie Kaltpackungen im Rahmen der Physikalischen Therapie oder Flüssigstickstoff bei der Kryochirurgie) von der generalisierten Kältebehandlung des ganzen Körpers (meist ohne Hautkontakt wie bei der Kaltlufttherapie oder in der Kältekammer) unterschieden.

Als unerwünschte Wirkung der Kryotherapie sind Gewebeschäden durch Kälteeinwirkung möglich (bei der Kryochirurgie als erwünschte Wirkung).

Kältetherapie im Rahmen der Physikalischen Therapie[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Diese Form der Kryotherapie stellt mit Abstand das häufigste Einsatzgebiet von gezielter Kälteanwendung zu therapeutischen Zwecken dar. Die Kältetherapie kommt als Teilbereich der Thermotherapie im Rahmen der Physikalischen Therapie zur Anwendung. Dabei kommt es sowohl zur lokalen (meist mit Hautkontakt) als auch zur generalisierten (ohne Hautkontakt) Kältetherapie, die gemäß der geltenden Heilmittel-Richtlinien bestimmten verschreibungsfähigen Maßnahmen teilweise zugeordnet werden können.

Zur Anwendung kommen verschiedene Methoden, die sich in Temperatur und Anwendungsort unterscheiden (zum Beispiel Eiskompressen, Eisbeutel, Wickelauflagen mit unterschiedlichen Medien, Eistauchbad, Kaltwasserbad u. a.). Außerdem unterscheidet man bei der therapeutischen Nutzung des Kältereizes die Kurzzeitanwendung (ca. 10–15 Minuten) von der Langzeitanwendung (ca. 1–2 Stunden)[1][2].

Ein bedeutsames Anwendungsgebiet stellt die Behandlung entzündlicher Prozesse mit den klassischen Entzündungszeichen Überwärmung, Rötung, Schwellung und Schmerz dar. Dabei wirkt eine moderate Kälteanwendung sowohl antiinflammatorisch als auch analgetisch. Diese komplexe Anwendung des Kältereizes wird im Rahmen der nicht medikamentösen antiphlogistischen Therapie zum Beispiel in der Rheumatologie genutzt[3].

Kältekammer[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Bei der generalisierten Anwendung der Kälte in einer Kältekammer, Ganzkörperkältetherapie (GKKT), wird ein Patient für wenige Minuten einer Temperatur von etwa −110 °C ausgesetzt. Dadurch sollen Stoffwechselvorgänge auf Zellebene beeinflusst werden. Als Anwendungsgebiete wird eine Vielzahl von Erkrankungen angegeben, insbesondere der Gruppe der rheumatischen Erkrankungen, jedoch auch aus dem psychiatrischen Bereich (wie Angst, Panikattacken[4] und Schlafstörungen[5]). Die Wirkung der Methode war zunächst (2005) umstritten, da trotz verschiedener positiver Untersuchungen noch keine ausführlichen Studien vorlagen.[6] In der Zwischenzeit ist die Kryotherapie in der Bereichen Sport, Medizin und Gesundheit nachweislich erfolgreich[7]. Nach einer Zusammenfassung der medizinischen Literatur Stand 2011 von W. Papenfuß werden bei vielfältigen Krankheiten deutliche Erfolge mit Kryobehandlung erreicht, so insbesondere bei Entzündlich-rheumatischen Erkrankungen, Chronischen Schmerzen und Wirbelsäulensyndromen – weiter im Leistungssport[8]. Sportler wenden Kryotherapie zur Vorbeugung vor Muskelkater an. Bei dieser Anwendung sind die äußeren Körperteile vor Erfrierung zu schützen (Akrenschutz). Da die positive Wirkung der Kältetherapie ca. drei Stunden anhält, wurde sie auch in Trainingslagern vor der intensiven Trainingsbelastung (bei −120 bis −150 °C) eingesetzt. Während ohne Kältetherapie die Werte der Kreatinkinase als Indikator für körperliche Belastung um 250 % anstiegen, waren es mit Kältetherapie nur 13 %.[9] Eine der Erklärungen hierfür scheint zu sein, dass die Kryotherapie bei entsprechender Kälte die körpereigene Testosteron-Ausschüttung stimuliert.[10]

Kryochirurgie[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Als lokales Verfahren, auch Kryochirurgie bezeichnet, kommen Gefriertechniken mit sehr niedrigen Temperaturen zum Einsatz, um eine Zerstörung krankhaft veränderter Gewebe zu erreichen. Man unterscheidet geschlossene Verfahren, bei denen eine Kältesonde von außen mit dem Gewebe in Kontakt gebracht wird, von offenen Verfahrensweisen, bei denen Kühlmittel direkt ins Gewebe eingebracht werden (häufig Flüssigstickstoff bei −196 °C). Der Arbeitsbereich liegt bei −70 °C bis −200 °C. Derartige Verfahren werden in der Dermatologie angewandt, um Tumoren, Warzen (Viruspapillome), überschießendes Narbengewebe (Keloid) und verschiedene andere Gewebserkrankungen zu entfernen.[11][12] Darüber hinaus findet die Kryochirurgie auch bei interventionellen Therapieverfahren von anderen Tumoren Anwendung, wie etwa zur Therapie von Lebermetastasen[13] sowie eventuell bei Lungen- oder Prostatatumoren.[14]

Die Anwendung der tiefen Kälte (- 70 °C) an Nerven wird als Kryoneurolyse bezeichnet und in der Neurochirurgie an peripheren, Schmerz - weiterleitenden, sensiblen Nerven als minimal invasiver Eingriff eingesetzt. Die Kryoneurolyse (Nervenvereisung) hat im Vergleich zur Thermoläsion der Nerven mit Hitze den Vorteil, dass die Nervenhüllen nicht zerstört werden.[15] [16] [17] [18] [19] [20] [21] [22] [23] [24] [25] [26] [27] [28] [29] [30] [31] [32] [33]

Andere Anwendungen[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Neben diesen Verfahren kommt die Anwendung von Kälte in vielen anderen Gebieten der Medizin zum Einsatz, etwa der Rheumatologie, der Schmerztherapie sowie intensivmedizinischen Verfahren wie der therapeutischen Hypothermie und zur Diagnostik als Kälteprovokationstests. Die letztgenannten Verfahren arbeiten jedoch mit weitaus geringerer Kältewirkung als bei der Kryochirurgie oder in der Kältekammer. In der Zahnheilkunde wird mittels eines Stifts eine Portion von etwa 0,1 cm3 Kohlensäureschnee an die Seite eines Zahns gepresst, um das Funktionieren des Zahnnervs zu testen.

Siehe auch[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Einzelnachweise[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  1. Badde-Borcherding E et al.: Physikalische Therapie, Massage, Elektrotherapie und Lymphdrainage. Georg Thieme Verlag, 2006.
  2. Heisel J.: Physikalische Medizin. Georg Thieme Verlag, 2005.
  3. Hettenkofer H.J.: Rheumatologie: Diagnostik, Klinik und Therapie. Georg Thieme Verlag, 2003.
  4. Ice Bath Treatment for Anxiety. (Memento des Originals vom 13. Januar 2013 im Internet Archive)  Info: Der Archivlink wurde automatisch eingesetzt und noch nicht geprüft. Bitte prüfe Original- und Archivlink gemäß Anleitung und entferne dann diesen Hinweis.@1@2Vorlage:Webachiv/IABot/www.articlesnatch.com auf: articlesnatch.com
  5. Ice Bath Benefits. auf: icebath.org, 2011.
  6. M. Krasuski, P. Tederko: Cryotherapy in contemporary rehabilitation: a review. In: Ortop Traumatol Rehabil. 7(1), 28. Feb 2005, S. 60–65. PMID 17675958
  7. „Ganzkörperkältetherapie: ein wirksames Mittel zur Regeneration : wissenschaftliche Belege und praktische Indikationen, um die Ganzkörperkältetherapie kennenzulernen und bestmöglich zu nutzen“
  8. Zum gegenwärtigen Stand der Erforschung und Nutzung von Ganzkörperanwendungen; W. Papenfuß, November 2011
  9. A. Wozniak, C. Mila-Kierzenkowska, Michał Szpinda, J. Chwalbinska-Moneta, B. Augustynska, A. Jurecka: Whole body cryostimulation and oxidative stress in rowers: preliminary results. In: Arch. Med. Sci. 9(2), 2014, S. 303–308.
  10. Arnd Krüger: Ganzkörperkältetherapie. In: Leistungssport. 44(5), 2014, S. 25–26.
  11. Kryochirurgie in der Dermatologie. (PDF; 357 kB): Empfehlungen der Deutschen Dermatologischen Gesellschaft (DDG), bei AWMF online
  12. W.-I. Worret, H.-J. Vogt: Narbentherapie in der Dermatologie. In: Dtsch. Arztebl. 101, Heft 42, 2004, S. A 2819–2824.
  13. J. K. Seifert, A. Springer, P. Baier, T. Junginger: Liver resection or cryotherapy for colorectal liver metastases: a prospective case control study. In: International Journal of Colorectal Disease. 20(6), Nov 2005, S. 507–520. PMID 15973545.
  14. M. Shelley, T. J. Wilt, B. Coles, M. D. Mason: Cryotherapy for localised prostate cancer. In: Cochrane Database Syst Rev. (3), 18. Jul 2007, Art. Nr. CD005010. PMID 17636783
  15. Boswell, MV; Colson, JD; Sehgal, N; Dunbar, EE; Epter, R (January 2007). "A systematic review of therapeutic facet joint interventions in chronic spinal pain". Pain Physician. 10 (1): 229–53. PMID 17256032.
  16. Gray, Henry (1918). Gray's Anatomy. Philadelphia: Lea & Febiger. ISBN 1-58734-102-6
  17. Zhou, L; Kambin, P; Casey, KF; Bonner, FJ; O'Brien, E; Shao, Z; Ou, S (August 1995). "Mechanism research of cryoanalgesia". Neurological Research. 17 (4): 307–311. doi:10.1080/01616412.1995.11740333. PMID 7477749
  18. Sunderland (1968). Nerves and Nerve Injuries. Edinburgh & London: Livingstone. p. 180
  19. Zhou (2003). "Cryoanalgesia: electrophysiology at different temperatures". Cryobiology. 46 (1): 26–32. doi:10.1016/s0011-2240(02)00160-8. PMID 12623025
  20. Seddon HJ (1943). "Three Types of Nerve Injury". Brain. 66 (4): 238–288. doi:10.1093/brain/66.4.237
  21. Savastano (2014). "Sciatic nerve injury: A simple and subtle model for investigating many aspects of nervous system damage and recovery". Journal of Neuroscience Methods. 227: 166–180. doi:10.1016/j.jneumeth.2014.01.020
  22. Hsu (2013). "Reduction in muscular motility by selective focused cold therapy". Journal of Neural Transmission. 121 (1): 15–20. doi:10.1007/s00702-013-1077-y. PMC 3889817. PMID 23917804
  23. Evans (1981). "Cryoanalgesia: the response to alterations in freeze cycle and temperature". British Journal of Anaesthesia. 53 (11): 1121–1127. doi:10.1093/bja/53.11.1121. PMID 7326160
  24. Tetzlaff (1989). "Neurofilament elongation into regenerating facial nerve axons". Neuroscience. 29 (3): 659–666. doi:10.1016/0306-4522(89)90138-3. PMID 2500618
  25. Seil (1983). Nerve, organ, and tissue regeneration--research perspectives (xv ed.). New York: Academic Press. p. 482
  26. Lundy-Eckman (2007). Neuroscience: Fundamentals for rehabilitation (3rd ed.). St. Louis, MIssouri: Elsevier Saunders
  27. Sunderland (1951). "A classification of peripheral nerve injuries producing loss of function". Brain. 74 (4): 491–516. doi:10.1093/brain/74.4.491. PMID 14895767
  28. Burnett (2004). "Pathophysiology of peripheral nerve injury: a brief review". Neurosurgical Focus. 16 (5): E1. doi:10.3171/foc.2004.16.5.2. PMID 15174821
  29. Cooper (2001). "The History of Cryosurgery". Journal of the Royal Society of Medicine. 94 (4): 196–201. doi:10.1177/014107680109400416. PMC 1281398. PMID 11317629
  30. Trescott (2003). "Cryoanalgesia in Interventional Pain Management". Pain Physician. 6: 345–360
  31. Larrey, Dominique Jean (1832). Surgical Memoirs of the campaigns of Russia, Germany and France. Philadelphia: Carey & Lea
  32. "The perfect Percryo probe for any procedure" (PDF). HealthTronics. Retrieved April 11, 2015
  33. "Iovera Health - How it Works". Myoscience. Archived from the original on April 12, 2015. Retrieved April 11, 2015