Neurochirurgie

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Die Neurochirurgie (zu altgriechisch νεῦρον neũron „Nerv“) ist ein aus der Chirurgie hervorgegangenes Fach und beschäftigt sich mit der Erkennung und mit der operativen Behandlung von Erkrankungen, Fehlbildungen und (Folgen von) Verletzungen und anderen Schädigungen des zentralen und peripheren Nervensystems. Hierzu gehören auch entsprechende Voruntersuchungen, konservative Behandlungsverfahren und die Rehabilitation.

Historische Darstellung: Hebung einer Schädelimpressionsfraktur. Holzschnitt aus Hans von Gersdorffs Feldbuch der Wundarzney (1517)

Geschichte der Neurochirurgie[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Erste neurochirurgische Operationen in Form von (erfolgreichen, d. h. wieder ausgeheilten) Schädeleröffnungen (Trepanationen) wurden schon für die Jungsteinzeit anhand von Skelettfunden bewiesen.[1] Erstmals exakt dokumentiert wurden neurochirurgische Operationsverfahren in dem Werk Chirurgiae libri septem, das Giovanni Andrea della Croce (1514–1575) verfasste und 1573 in Venedig erschienen ist.[2] Die moderne Neurochirurgie konnte sich erst in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts entwickeln. Anfang des 20. Jahrhunderts „stellte die Hirnchirurgie in Deutschland kein eigenständiges Fach dar“ auch wenn viele namhafte Chirurgen wie Ferdinand Sauerbruch und Nicolai Guleke[3] sich bereits an Schädeleingriffe gewagt hatten; „in den USA war die Spezialisierung viel weiter fortgeschritten“.[4]

Der amerikanische Chirurg Harvey Cushing (1869–1939) war einer der ersten und bedeutendsten Neurochirurgen und entwickelte viele neue Techniken der Neurochirurgie während seiner Tätigkeit in Baltimore und Boston. Er konnte die Mortalität hirnchirurgischer Eingriffe bis 1931 nach mehreren Misserfolgen und für die Patienten tödlich endenden Versuchen von 90 % auf 7 % senken. Er entwickelte die Neurochirurgie systematisch fort und gilt als Begründer der modernen Neurochirurgie. Auf ihn gehen auch zahlreiche noch heute verwendete spezielle chirurgische Instrumente zurück.[5] Weitere Pioniere der modernen Hirn- und Rückenmarkschirurgie waren der Amerikaner Walter Edward Dandy und der Schwede Herbert Olivecrona. In Deutschland verhalf der Chirurg Wilhelm Tönnis dem Fach Neurochirurgie zur Selbständigkeit. Er war Assistent von Fritz König und von diesem zur Weiterbildung zu Olivecrona geschickt worden. Für Tönnis richtete König in Würzburg dann 1936 eine eigenständige neurochirurgische Abteilung ein. Das von Tönnis 1936 begründete Zentralblatt für Neurochirurgie war bis 1943 die einzige Fachzeitschrift für Neurochirurgie. Bis in die 1960er Jahre wurden durch Unfälle bedingte Hirnblutungen wie Subduralhämatome meist von Allgemeinchirugen mittel Trepanation versorgt. In den 1970er Jahren wurde die Neurochirurgie in ganz Deutschland ein eigenes Fachgebiet.[6]

Neurochirurgie in einzelnen Ländern[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Deutschland[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Neurochirurgen in D.JPG

Um nach einem Medizinstudium in Deutschland als Facharzt für Neurochirurgie tätig zu werden, bedarf es einer sechsjährigen Weiterbildungszeit. Für den genauen Modus der Facharztweiterbildung ist die jeweilige Landesärztekammer zuständig. Die Weiterbildung umfasst mindestens vier Jahre im Krankenhaus, angerechnet werden können:

oder

Ein halbes Jahr muss in der neurochirurgischen Intensivmedizin absolviert werden.

Am 31. Dezember 2006 waren in Deutschland 1.561 Neurochirurgen registriert, davon übten 348 eine Tätigkeit im niedergelassenen Sektor aus. 182 übten keine ärztliche Tätigkeit aus. Der Anteil an Frauen unter den berufstätigen Neurochirurgen betrug im Jahr 2006 13 %.

Die Preise für eine Praxisgründung sind mit einem Grundkapital von schätzungsweise 110.000 € bis 150.000 € zuzüglich Gerätepark, Anschaffungskosten 250.000 € bis 1.250.000 €, hoch.

Schweiz[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Um in der Schweiz Neurochirurg zu werden, muss eine sechsjährige, in zwei Etappen geteilte Weiterbildung absolviert werden.

  • 1 Jahr in einem nicht-neurochirurgischen Fach („Fremdjahr“): Allgemeine Chirurgie oder chirurgische Sub-Spezialität (mit Ausnahme der Neurochirurgie) mit Teilnahme am allgemein-chirurgischen Notfalldienst, Orthopädie, Kieferchirurgie, HNO, Neurologie, Neuroradiologie, Neuroanatomie, Neuropathologie, klinische oder experimentelle Neurophysiologie, experimentelle Chirurgie.
  • 5 Jahre Neurochirurgie, wobei der Ausbildungsort mindestens einmal für ein Jahr gewechselt werden muss.

Im Jahr 2006 waren in der Schweiz 99 Neurochirurgen registriert, davon 51 Ärzte mit Praxistätigkeit.

USA[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Um in den Vereinigten Staaten als neurosurgeon tätig zu werden, bedarf es einer siebenjährigen Assistenzzeit (residency).

  • 1 Jahr Praktikum (internship) in Allgemeinchirurgie und auf anderen chirurgischen Abteilungen rotierend
  • 6 Jahre Neurochirurgie

Kanada[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Um in Kanada neurosurgeon zu werden, muss eine sechsjährige, in zwei Etappen geteilte Weiterbildung absolviert werden.

  • 2 Jahre chirurgische Physiopathologie und chirurgische Grundlagen
  • 4 Jahre Neurochirurgie

Siehe auch[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Literatur[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  • Hans Arnold, Wolfgang Bock, Karl-August Bushe, Hartmut Collmann u. a. (Hrsg.): Neurochirurgie in Deutschland: Geschichte und Gegenwart. 50 Jahre Deutsche Gesellschaft für Neurochirurgie. Blackwell, Berlin, Wien u. a. 2001, ISBN 3-89412-482-2.
  • Paul C. Bucy (Hrsg.): Neurosurgical Giants: Feet of Clay and Iron. Elsevier Science, New York, Amsterdam und Oxford 1985, ISBN 0-444-00939-6.
  • W. Seeger, C. L. Geletneky: Chirurgie des Nervensystems. In: F. X. Sailer, F. W. Gierhake (Hrsg.): Chirurgie historisch gesehen: Anfang – Entwicklung – Differenzierung. Dustri-Verlag, Deisenhofen bei München 1973, ISBN 3-87185-021-7, S. 228–262.
  • Margret Liehn, Martin Brunken, Martin Weißflog, Anett Gudat: Neurochirurgie, in: Margret Liehn, Brigitte Lengersdorf, Lutz Steinmüller und Rüdiger Döhler: OP-Handbuch. Grundlagen, Instrumentarium, OP-Ablauf, 6., aktualisierte und erweiterte Auflage. Springer, Berlin Heidelberg New York 2016, ISBN 978-3-662-49280-2, S. 525–575.

Weblinks[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Einzelnachweise[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  1. Christoph Weißer: Neurochirurgie. In: Werner E. Gerabek, Bernhard D. Haage, Gundolf Keil, Wolfgang Wegner (Hrsg.): Enzyklopädie Medizingeschichte. De Gruyter, Berlin/New York 2005, ISBN 3-11-015714-4, S. 1036 f.
  2. Barbara I. Tshisuaka: Croce, Giovanni Andrea della. In: Werner E. Gerabek u. a. (Hrsg.): Enzyklopädie Medizingeschichte. 2005, S. 278.
  3. Ernst Kern: Sehen – Denken – Handeln eines Chirurgen im 20. Jahrhundert. ecomed, Landsberg am Lech 2000, ISBN 3-609-20149-5, S. 157.
  4. Pamela Dörhöfer: Sie wollten Menschen mit schweren Leiden das Leben erleichtern. In: Frankfurter Rundschau. 16. März 2018, S. 28–29 (zitiert), in einer ausführlichen Besprechung des Buches von Ulrike Eisenberg, Hartmut Collmann, Daniel Dubinski: Verraten - Vertrieben - Vergessen. Werk und Schicksal nach 1933 verfolgter deutscher Hirnchirurgen. Hentrich und Hentrich, Berlin 2017, ISBN 978-3-95565-142-8.
  5. Sabine Schuchart: Harvey Cushing begründete die moderne Hirnchirurgie Deutsches Ärzteblatt 1018, Jahrgang 115, Heft 31–32 vom 6. August 2018, S. 92.
  6. Ernst Kern: Sehen – Denken – Handeln eines Chirurgen im 20. Jahrhundert. 2000, S. 157 f.