Lübecker Rathaus

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Lübecker Rathaus an Nord- und Ostseite des Marktes
vom Dach der Marienkirche: Hauptgebäude des Rathauses, vordere Schauwand 1888 rekonstruiert

Das Rathaus der Hansestadt Lübeck zählt zu den bekanntesten Bauwerken der Backsteingotik. Es ist eines der größten mittelalterlichen Rathäuser in Deutschland.

Baugeschichte[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Romanischer Teil der Schildwand rechts hinter rechtem Giebel der Laube

Romanik[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Kurz nachdem Lübeck 1226 die Reichsfreiheit erhalten hatte, begann die Stadt mit dem Bau des Rathauses. Zunächst war es ein spätromanischer Gruppenbau aus drei Giebelhäusern. Der Südgiebel des östlichen Teilgebäudes, das zunächst als Gewandhaus diente, ist noch als Teil der Schildwand hinter dem Laubenvorbau (nördlich von Markt und Langem Haus) auszumachen. Auch Kellergewölbe des Gruppenbaus sind noch erhalten. Heute gehören sie zum Ratskeller.

Frühgotik[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Nach dem Stadtbrand von 1250, der auch das Rathaus beschädigt hatte, erfolgten erhebliche Umbauten. Insbesondere wurden die Südgiebel zu der heute noch vorhandenen monumentalen Schildwand im Stil der Frühgotik zusammengefasst. Heute großenteils vom Laubenvorbau verdeckt und durch den Mittelturm entstellt, ist sie mit großen Blindfenstern geschmückt, gegliedert nach dem Vorbild französischer und flämischer Maßwerk­fenster. Im Inneren wurden die Funktionen verlagert, die Räume des Rates kamen in die bisherige Tuchhalle, der Tuchhandel in die Kellergewölbe. Das mittlere Teilgebäude war 1290 zum Hof zwischen den beiden äußeren geworden, der allerdings später wieder überdacht wurde.

Spätgotische Erweiterungen und Umbauten[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Langes Haus und Neues Gemach (rechts) vom Markt, Wappenschilde aus Blech überdecken gotische Originale aus Eichenholz

Vor die Schildwand wurde schon eine Laube gesetzt, bevor nach 1298 das Lange Haus zwischen Markt und Heumarkt (heute Teil der Breiten Straße) errichtet wurde. Dessen Erdgeschoss war eine offene Gewölbehalle, zunächst mit Backsteinsäulen, in der die Buden der Goldschmiede standen. Darunter gibt es Kellergewölbe, die erst dem Tuchhandel, dann als Weinlager dienten. Der Löwensaal im Obergeschoss hatte ein hölzernes Tonnengewölbe und diente erst als Ratssaal, dann als Festsaal (Danzelhus).

Um 1340 wurde das Hauptgebäude des Rathauses außer der Schildwand abgebrochen und bis 1350 durch einen Neubau ersetzt. Herausragend daran ist die allerdings im 18. und im 19. Jahrhundert veränderte Fassade zur Breiten Straße, die mit der Betonung der Horizontalen durch breite Friese und dem Fehlen vertikaler Akzente wie ein Vorgriff auf spätere Stile erscheint. Hinter den 14 Fenstern des Obergeschosses erstreckte sich der Hansesaal. Die Laube vor dem Haupteingang trug – bis Mitte des 20. Jh. – den Senatsbalkon, von dem in sog. Burspraken der Allgemeinheit Gesetze und andere Beschlüsse des Senats verkündet wurden. Die Zerstörung des Neubaus durch einen Großbrand 1358 erforderte einen Wiederaufbau insbesondere des Dachstuhls und anderer hölzerner Bauteile. Die Nordwand zum Marienkirchhof war die erste am Lübecks Rathaus mit vielfach durchbrochener Schauwand, wurde allerdings im 19. Jahrhundert erst Schritt für Schritt abgebrochen und dann in Annäherung durch einen Nachbau ersetzt.

Um 1435 gab der Ratsbaumeister Peck der alten Schildwand ihre heutige Gestalt mit drei Türmen. Anschließend errichtete er südlich an das Lange Haus anschließend in detailfreudiger Spätgotik das Neue Gemach mit seinen Schauwänden zum Markt und zur Breiten Straße. Auch hier war das Erdgeschoss eine zum Markt hin offene Halle zum Einbau von Buden. Außerdem befand sich dort die Ratswaage.

Ab 1483 wurde, zunächst mit nur fünf der heute 22 Joche, das Kanzleigebäude errichtet.

Renaissancelaube und gotische Schildwand

Renaissance[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

1570 bis 1572 wurde an der Nordseite des Marktes der freiliegende Teil des gotischen Laubenvorbaus durch den heutigen im Stil der Renaissance ersetzt. Säulen aus Granit tragen die Giebel aus Sandstein, die von den flämischen Bildhauern Hans Fleminck und Hercules Midow (1570–1572) geschaffen wurden. Nach Westen haben die Etagen über der Laube Ziegelmauerwerk. Unter dem Langen Haus wurden die mittlere und die marktseitige Säulenreihe ersetzt; ursprünglich aus Backstein, sind auch sie seither aus Granit. 1594 erhielt das Neue Gemach die von dem flämischen Bildhauer Robert Coppens im Niederländischen Stil errichtete Renaissancetreppe an der Breiten Straße. Sie führte zu der in selbiger Zeit von Tönnies Evers dem Jüngeren gestalteten so genannten Kriegsstube, dem dann prächtigsten Raum des Rathauses. Der Name des Saales zeigt, dass die Hanse nicht nur Einfluss auf die Wirtschaft hatte, sondern auch auf die Politik und oftmals über Krieg und Frieden entschied.

18. Jahrhundert[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Um den gotischen Ratssaal im Hochparterre an der Breiten Straße zum Audienzsaal im Rokoko­stil umzugestalten, wurden um 1750 die Erdgeschossfenster tiefergesetzt. Der etwa gleichzeitig eingerichtete Börsensaal erstreckte sich über zwei Stockwerke.

19. Jahrhundert bis 1913[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Der Hansesaal ging 1818 verloren, indem man ihn durch Büroräume ersetzte. Ähnlich erging es 1829 dem Löwensaal. Dabei wurden die Fenster an der Marktseite des Langen Hauses stark verkleinert. Durch den Bau des Bürgerschaftssals verschwand der Börsensaal. Bei der historistischen Renovierung des Gebäudekomplexes in den 1880er Jahren wurde ein Teil rückgängig gemacht, aber leider ging dabei auch originale mittelalterliche Bausubstanz verloren. Mehrere Innenräume sind seither von der Neugotik geprägt. Bei dieser Renovierung wurde die baufällige Renaissancetreppe durch eine Nachbildung ersetzt. Die bis dahin nur zum Markt offene Halle unter dem Langen Haus wurde leergeräumt zur Breiten Straße hin geöffnet, indem man ihre Ostwand in eine Arkade umwandelte. Durch Verblendung mit neuen Klinkern (Hauptgebäude und Langes Haus zur Breiten Straße) oder vollständigen Ersatz (Nordwand) haben einige Fassaden ein schematischeres Aussehen bekommen.

20. Jahrhundert[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Die Kriegsstube wurde im März 1942 beim ersten schweren Luftangriff auf Lübeck zerstört und ist heute kein Repräsentationsraum mehr. Am Langen Haus, eigentlich von den Bombenschäden am wenigsten betroffen, wurden bei der Restaurierung 1953 die neugotischen Ziergiebel zur Breiten Straße entfernt.

Innenarchitektur[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Audienzsaal, Möblierung von 1891

Gleich hinter der Eingangstür befinden sich das im 19. Jahrhundert geschaffene riesige Foyer und ein Treppenaufgang, in dem zahlreiche Bilder hängen, die Szenen aus der Stadtgründung zum Thema haben. Rechts befindet sich das Renaissanceportal, das 1574 von Tönnies Evers dem Älteren angefertigt wurde und das in den Rats- und Audienzsaal führt. Der Saal war traditionell der Gerichtssaal des Rates, in dem dieser als Obergericht tagte. Die Beteiligten an diesen Verfahren wurden die Themen der Darstellungen auf den Türen und durch Spruchweisheiten an ihren Pflichtenkreis im Gericht erinnert. Die Supraporte der Tür zeigt das Urteil Salomons, darunter wird auf die Liebe und die Gerechtigkeit verwiesen. Die Sinnsprüche im Inneren des Saals, aber auch die an der Außenseite, entstammen bis auf einen, der dem 1. Korintherbrief entnommen ist, einem 1539 erschienenen niederdeutschen Glossar zum Reynke de vos des Buchdruckers Ludwig Dietz:

„Beide Part schal ein Richter horen und den ordel.“

„Snelle to horen arfst langsam to ge lofen.“

„Na Ummestendicheit der Sake schal men alle Worde vor stan.“

„Wo hart is de Rechtferdicheit gefangen wo hoch deit Ungerchdicheit prangen.“

„De Leve is langkmodich unde frundtlick se is nicht afgünstich.“

(1 Kor 13,4 LUT)

Außen heißt es um das Portal und Christus als Richter:

„Van den Wisen hort men Wisheit unde van den Getruwende gude Rat.“

„Der Werlt Wisheit id bedrechlick unde vorfort Lande unde Lude.“

Verbindungsgang im Langen Haus, entstanden 1829 mit der Aufteilung des gotischen Löwensaals

An der Ausstattung dieses Saals erkennt man den Übergang zwischen Spätbarock und Rokoko. An den Wänden befinden sich zehn allegorische Gemälde von Stefano Torelli, die dieser zwischen 1754 und 1761 anfertigte. Sie stellen die Tugenden einer guten Regierung dar, die alle bis auf eine als Frauengestalten dargestellt wurden. Nur bei der Tugend der Verschwiegenheit war nach der Vorstellungswelt zu damaliger Zeit die weibliche Verkörperung der Tugend nicht denkbar. Die Gemälde befinden sich in Stuckrahmen und prägen den Saal im Stil des Rokoko.

Im Geschoss darüber erstreckte sich seit 1350 von der Schildmauer bis zur prächtigen Nordwand der Hanssaal, der die Tagungsstätte des gleichnamigen Städtebundes war. Diese Halle wurde 1818 durch Verwaltungsräume ersetzt, die bis heute erhalten sind.

Im westlichen Trakt befindet sich der Bürgerschaftssaal, der 1891 im Zuge größerer Umbauarbeiten im neugotischen Stil errichtet wurde. Auf den Fluren befinden sich Gemälde ehemaliger Bürgermeister und Ratsherren. Die Porträts der Bürgermeister Thomas von Wickede und Gotthard von Höveln werden dem Lübecker Maler der Renaissance Hans Kemmer zugeschrieben. Die historistischen Wandmalereien wurden von dem Berliner Maler Max Friedrich Koch im Zuge der Umbauten 1891 bis 1894 angebracht.

Die von Tönnies Evers dem Jüngeren geschaffene Vertäfelung der Kriegsstube gehörte zu den Hauptwerken der Spätrenaissance in Lübeck und verlieh dem Festraum einen besonderen Glanz. Der Saal, in dessen vier Wänden sich, eingeleitet von einem prunkvollen Portal an der nördlichen Schmalseite, Vertäfelungsblöcke über einer gleichfalls umlaufenden, mit Intarsienfeldern geschmückten Bank herumzogen, barg die älteste Ausstattung, die im Rathaus von den einstigen Prunkräumen und Sälen verblieben war.

Im Obergeschoss des Renaissanceflügels befindet sich in einer Nische eine Statue von Gustav I. Wasa. Sie wurde von Anders Zorn als eine Miniaturfassung seiner Statue in Mora geschaffen und am 16. Juni 1920 als Geschenk der schwedischen Regierung zur Erinnerung an den Aufenthalt Gustav Wasas in Lübeck 1519 aufgestellt.[1]

Funktionen[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Vor Beginn einer Senatssitzung, vor 1914

Im Rathaus tagte der Rat der Hansestadt auch als Gericht: der Oberhof Lübeck war bis 1820 Appellationsgericht für Entscheidungen aus anderen Städten, die dem Lübschen Rechtskreis angehörten.

Das Rathaus ist heute noch Sitz des Bürgermeisters und Versammlungsort der Bürgerschaft. Der Haupteingang ist nicht am Markt, sondern in der Breiten Straße. Der Ratskeller ist an den Kellermeister verpachtet und hat seinen Eingang auf der Marktseite unter der Renaissancelaube.

Zum erweiterten Komplex des Rathauses gehört auch das nördlich an der Breiten Straße gelegene Kanzleigebäude im Stil der Backsteinrenaissance.

Gedenktafel für von den Nazis ermordete Ratsmitglieder

Besonderheiten[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Die runden Löcher in den Ziermauern der Fassade zum Markt hin haben den Zweck, den Wind zu brechen und die Fassade vor zu starkem Winddruck zu schützen. Die kleineren runden Löcher zur Marienkirche hin dienen nur der Zierde. Die Türen zum ehemaligen Gerichtssaal im Erdgeschoss sind verschieden hoch. Freigesprochene Angeklagte durften das Gericht durch die hohe Tür verlassen, verurteilte Angeklagte mussten durch die niedrige Tür gehen und dabei den Kopf senken.[3]

Gedenktafel[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Für die Bürgerschaftsmitglieder Erich Klann (KPD), Dr. Julius Leber (SPD), Dr. Moritz Neumark (DDP, DVP, HVB), Egon Nickel (KPD), Karl Ross (KPD), Paul Steen (KPD) und Johannes Stelling (SPD), die Opfer des Nationalsozialismus wurden, hängt eine bronzene Erinnerungstafel als Mahnmal am Eingang des Bürgerschaftssaales.

Literatur[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Büste des Hanseatischen Gesandten Friedrich Krüger im Ratssaal
  • Friedrich Bruns, Hugo Rahtgens, Lutz Wilde: Die Bau- und Kunstdenkmäler der Hansestadt Lübeck. Band I, 2. Teil: Rathaus und öffentliche Gebäude der Stadt. Max Schmidt-Römhild, Lübeck 1974, S. 3–273, ISBN 3-7950-0034-3
  • Jens-Christian Holst: Ein Überblick zur mittelalterlichen Baugeschichte des Lübecker Rathauses in Jahrbuch für Hausforschung, Bd. 60: Rathäuser und andere kommunale Bauten – 17. Jan. 2011, ISBN 978-3894454449

Weblinks[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

 Commons: Lübecker Rathaus – Sammlung von Bildern, Videos und Audiodateien

Koordinaten: 53° 52′ 1″ N, 10° 41′ 8″ O

Einzelnachweise[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  1. Gustav Wasa verlässt das Lübecker Rathaus
  2. Deutsche Digitale Bibliothek: Lübeck, Rathaus, Kriegsstube, innere Tür (Nordseite)
  3. Catherina Riedemann: Willkommen im historischen Rathaus. In: Lübecker Nachrichten vom 9. April 2011, S. 13