Backsteingotik

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Stralsund: Rathaus und Nikolaikirche
Lübeck – „Königin der Hanse“ und „Mutter der Backsteingotik“

Die Backsteingotik oder Norddeutsche Backsteingotik bzw. Norddeutscher Backsteinbau (englisch Brick Gothic, polnisch Gotyk ceglany) ist eine in Norddeutschland, den Nord-Niederlanden und dem Ostseeraum verbreitete Bauweise der Gotik. Die Verwendung von Backstein als Baustoff setzte in Nordeuropa im 12. Jahrhundert ein, die ältesten Bauten gehören deshalb noch der so genannten Backsteinromanik an. Im 16. Jahrhundert ging die Backsteingotik in die Backsteinrenaissance über.

Charakteristisch ist einerseits das überwiegende Fehlen von figurativen Bauplastiken, die mit Backsteinen nicht zu realisieren waren, andererseits die reiche Gliederung durch gemauerte Ornamente und Flächenstrukturierungen durch den Wechsel von roten und glasierten Ziegeln und weiß gekalkten Wandflächen.

Viele von der Backsteingotik geprägte Altstädte und Einzelbauten wurden in die Liste des UNESCO-Welterbes aufgenommen.

Backsteingotik[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Der Begriff Backsteingotik unterscheidet sich von den meisten anderen Baustilen dadurch, dass hier ein Stil über den Baustoff definiert worden ist. Hinzu kommt die Beschränkung auf Norddeutschland und die Länder um die Ostsee. Georg Dehio, der mit seinem in erster Auflage 1918 fertiggestellten und 1919 erschienenen Werk Geschichte der deutschen Kunst wesentlich zu den Vorstellungen über die Backsteingotik beigetragen hat, definierte in diesem Werk Stile grundsätzlich als Ausdruck nationaler Charaktere,[1] nachdem er vor dem Ersten Weltkrieg angefeindet worden war, weil er internationale Kunsteinflüsse und nicht zuletzt den französischen Ursprung der Gotik betont hatte.[2]

Geografie[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Der Raum der nördlichen gotischen Backsteinarchitektur erstreckt sich westwärts weiter bis an die Straße von Dover (Niederlande, belgisches und französisches Flandern, deutsches Niederrheingebiet). Grundsätzlich findet man hier dieselbe Formensprache wie im Ostseeraum. Einige Beispiele gibt es sogar in England, allerdings fast ausschließlich Landsitze aus der Tudorzeit.

Bauherren[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

In seiner romanischen Anfangsphase hatte der hochmittelalterliche Backsteinbau nördlich der Alpen etwas Exklusives gehabt, die Staufer ließen in Süddeutschland und im Pleißetal Backsteinbauten an Orten errichten, an denen durchaus Bruchstein verfügbar war. Mit der aus Italien importierten Bauweise demonstrierten sie ihre Weltläufigkeit. Bauhistoriker wie Claudia Trummer verweisen darauf, dass die Qualität der Ziegel bei diesen frühen Bauten höher und gleichmäßiger war, als bei vielen späteren.[3] Auch Heinrich der Löwe, der großen Anteil an der Einführung des Backsteinbaus in Norddeutschland hatte, war 1154/1155 zusammen mit Kaiser Friedrich Barbarossa in Italien gewesen. Für die Zeit nach der Entmachtung der Welfen hebt der Historiker Ernst Badstübner hervor, dass in der Markgrafschaft Brandenburg zunächst vor allem da in Backstein gebaut wurde, wo die askanischen Markgrafen als Bauherren oder Stifter beteiligt waren, wären Bauten anderer Trägerschaft dort noch lange vorwiegend aus Feldstein errichtet wurden.

Mönchsorden, sowohl solche mit zivilisatorischer Zielrichtung wie Zisterzienser und Prämonstratenser, als auch Bettelorden wie die Dominikaner, errichteten in natursteinarmen Gebieten Klöster aus Backstein, anderswo solche aus Naturstein. Der Bauforscher Jens Christian Holst weist darauf hin, dass die Bevorzugung von Backstein oder Naturstein im Kirchenbau teilweise mittelalterliche Bistumsgrenzen nachzeichnet.

Mit der Zeit aber wurde Backstein vor allem zum bevorzugten Baustoff der aufstrebenden Städte, und dies zeitweise in Gegenden, in denen die Stadtbilder heute vorderhand nicht mehr vom Backstein geprägt werden.[4][5] Wo in Franken und südlich der Donau heute verputzte Giebel nur noch durch ihre Struktur anzeigen, dass sich unter dem Putz Backsteinmauerwerk befindet, gab es im Spätmittelalter nachgewiesenermaßen auch viel Sichtmauerwerk und Zierat aus gebrannten Ziegeln.

Stilelemente[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Natursteinsäulen, Formstein­friese und Terracottaelemente am Dom von Cremona, Lombardei
Herzogsburg in Dingolfing (Niederbayern), geschlämmter Backstein, Luftfenster mit Maßwerk aus Formsteinen

Typische Elemente der Backsteingotik wie Maßwerk und Friese aus Formsteinen findet man auch in manchen Gebäuden des nordwestlichen gotischen Backsteinbaus. Virtuose Beispiele von Backsteinornamenten finden sich in der Italienischen Gotik, in Einzelfällen sogar an überwiegend aus Werkstein errichteten Gebäuden. Zusätzlich zu den aus dem Ostseebereich bekannten Schmuckformen finden sich an manchen Backsteinbauten der italienischen Gotik Terracotta­friese.

Während im norddeutschen Binnenland und in Großpolen Werkstein tatsächlich kaum verfügbar war, konnten Städte mit Seehandel sich leicht welchen verschaffen. So hat die Lübecker Marienkirche, allgemein als Musterbeispiel der Backsteingotik angesehen, zwei Portale aus Sandstein. In den Kanten der Türme sind Natursteinquader in einer Weise verbaut, die sonst für Niederlande und Niederrhein typisch ist, und die schlanken Pfeiler der Briefkapelle sind aus Bornholmer Granit.[6] In den gotischen Backsteintürmen der Wismarer Kirchen und von St. Nikolai in Stralsund wurde Naturstein zwar nicht zu plastisch gestalteten Bauteilen verarbeitet, aber für farblichen Kontrast eingesetzt. Bei der Danziger Marienkirche sind alle fünf Seitenportale und ein paar einfache aber lange Simse aus Werkstein.

Verbreitung der Backsteingotik[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Ostseeraum[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Backsteinarchitektur findet sich in erster Linie in Gebieten, in denen es keine ausreichenden Vorkommen an Naturstein gibt. Dies ist insbesondere im norddeutschen Tiefland und östlich angrenzenden Gebieten südlich der Ostsee der Fall, allerdings auch den westlich anschließenden bis nach Flandern.

Die Backsteingotik wird auch als Ostseegotik oder Baltic-Gothic bezeichnet.[7] Da die Verbreitung der nördlichen Backsteingotik deutliche Gemeinsamkeiten mit dem einstigen Einflussgebiet der Hanse hat (außer im Südwesten und Süden), ist sie zu einem Symbol dieses Städtebundes geworden. Besonders zahlreich sind die Werke der Backsteingotik im hochmittelalterlichen Kolonisationsgebiet nördlich und östlich der Elbe mit seinen zahlreichen Stadtgründungen. Der Kulturraum der südwestlichen Ostsee hatte im Mittelalter und in der Frühen Neuzeit großen Einfluss auf Skandinavien und Polen und intensive Wechselbeziehungen mit der südlichen Nordsee­küste bis nach Calais. Als Beispiel mögen die „flämischen“ Paralleldächer auf dem einen oder anderen Kirchenschiff nahe dem Weichseldelta dienen.

Die Südgrenze der Ostseegotik ist nicht scharf, zumal es für den hoch- und spätmittelalterlichen Backsteinbau nördlich der Alpen keine wirkliche Südgrenze gibt. Wie im Abschnitt Bauherren dargestellt, erreichte er Thüringen (Beispiel: die Bergkirche von Altenburg) und Sachsen (Beispiel: Roter Turm in Chemnitz) nicht im Umweg über Norddeutschland. Entlang der Oder erstreckt sich der Bereich der Backsteingotik vom Mündungsbereich mit Wolgast und Stettin von Stadt zu Stadt bis hinauf nach Racibórz (Ratibor) am Fuß des Sudetengebirges, im Einzugsgebiet der Weichsel bis nach Krakau und Tarnów im Süden und Lublin im Osten.

Die neu gegründeten Städte des südlichen Ostseeraums schlossen sich bald der Hanse an und bildeten darin das wendische Quartier um das Zentrum Lübeck bzw. das gotländisch-livländische Quartier mit dem Vorort Tallinn (Reval). Die wohlhabenden Kaufmannsstädte der Hanse waren besonders von kirchlichen und profanen Repräsentationsbauten geprägt, wie Pfarrkirchen, Rathäusern, Bürgerhäusern reicher Kaufleute oder Stadttoren. Der Deutsche Orden errichtete seine oft prächtigen Ordensburgen in Preußen aus Backstein. Die mit ihm verbündeten Schwertbrüder in Kurland und Livland baute hingegen fast alle seine Burgen aus Naturstein, der dort auch zu gewinnen war.

Viel Backstein verwendete hingegen das Großfürstentum Litauen, das sich im Widerstand gegen die Ritterorden herausbildete. Genannt seien die Burgen in Trakai und Medininkai. Für die orthodoxen slawischen Untertanen und Würdenträger des zunächst noch heidnischen Staates entstanden gotische Bauten, die heute auch als Weißrussische Gotik bezeichnet werden, großenteils in Backstein. Heute weisen die Bauten der Gotik in Litauen bei geringer Gesamtzahl eine große Formenvielfalt auf.

St. Johann in Bremen

Nordwestdeutschland[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Im Nordwesten, vor allem entlang der Weser und Elbe, war der Transport von Sandstein relativ leicht möglich. Dies hatte eine Synthese der strengen Gestaltung der ostelbischen Gebiete mit der rheinländischen Architektur zur Folge. Bei den meisten gotischen Backsteinbauten westlich der Ems wurde für Zierformen, wie etwa das Maßwerk, Bruchstein verwendet, so dass sie nicht alle Kriterien der Backsteingotik erfüllen. Diese allerdings wurden in der Absicht gewählt, einen niederdeutschen Stammesstil zu definieren.[1]

Im Nordwesten Deutschlands gibt es zwei ausgeprägte Regionalstile gotischer Backsteinbauten:

  • Dorfkirchen in Ostfriesland in einem romanisch-gotischen Übergangsstil, seltener auch Spätgotik, mit freistehendem Glockenturm oder Glockenhaus.
  • Kirchen, Burgen und Bürgerbauten westlich des Niederrheins mit starken niederländischen Einflüssen, aus graubraunen oder aber blassen Backsteinen. Bei manchen Gebäuden sind dunkle Backsteinwände durch waagerechte Sandsteinstreifen verziert, nach dem Muster der Kempenschen Gotik (nl.wiki).

Niederlande und Flandern[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Tatsächlich erstreckt sich die nördliche Backsteingotik wesentlich weiter nach Westen, über die Niederlande und das belgische Flandern bis nach Französisch Flandern. Zwar findet sich oft Naturstein im Maßwerk und teilweise auch an den Gebäudeecken, aber beispielsweise der Belfried von Dünkirchen trägt Zierrat aus Backstein, so wie man es vom Ostseeraum kennt.

Gotischer Backsteinbau in anderen Gebieten[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Weitab des Gebietes der Backsteingotik gibt es noch weitere Regionen des gotischen Backsteinbaus.

Bayern[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Eine beträchtliche Anzahl gotischer Backsteinkirchen wurde in Oberbayern errichtet.[9] Man spricht auch von bayrischer Backsteingotik.[10][11] Herausragendes Beispiel ist die Frauenkirche in München (übrigens gleichermaßen eine Hallenkirche). Weitere sind die Liebfrauenmünster in Donauwörth und in Ingolstadt, die Stadtpfarrkirchen St. Jakob in Straubing und St. Johannes in Dingolfing, sowie in Landshut St. Martin, St. Jodok und die Heiliggeistkirche.

Im fränkischen Norden des Freistaates sind in Nürnberg einige gotische Backsteinbauten erhalten. Die meisten befinden sich auf der Nürnberger Burg. Darüber hinaus git es zwei teilweise in Backstein errichtete Tortürme älterer Stadtmauerringe.

Baden-Württemberg[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

In Ulm, also knapp jenseits der bayrischen Grenze, wurde das Ulmer Münster überwiegend aus Backstein errichtet. Er ist auch sichtbar, wird allerdings von üppigen Steinmetzarbeiten aus Sandstein übertönt. Außer der Valentinskapelle neben dem Münster zeigen dort noch zwei Tortürme Ziegelmauerwerk.

Türme der gedeckten Brücken (Ponts couverts) in Straßburg

Schweiz[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Schon die Zähringer hatten im Schweizer Mittelland romanische Backsteinbauten hinterlassen. In der Spätgotik kam eine geringe Zahl von Backsteinburgen hinzu, die auf Vorbilder in Italien oder Südfrankreich schließen lassen.

Südfrankreich[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Siehe auch Listen in der französischen und der englischen Wikipedia

Eine weitere Gruppe gotischer Backsteinbauten gibt es in und um Toulouse in Südfrankreich, am bekanntesten die Kathedrale von Albi. Stilistisch gehören sie dem Gothique méridional an, der speziellen südfranzösischen Ausformung der Gotik. Bedeutend zahlreicher sind in dieser Region romanische Bauwerke aus Backstein.

Mittel- und Ostfrankreich[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Kirche Saint-Pierre in Louhans (östl. v. Chalon-sur-Saône)

Es gibt in Frankreich noch zwei weitere Gegenden mit gotischen Backsteinbauten. Deren Stil gehört mit einer Ausnahme eher zur „normalen“ Französischen Gotik.

Eine dieser beiden kleinen Gruppen liegt im westlichen Mittelfrankreich südwestlich von Orléans, überwiegend in der flachen und waldreichen Sologne. Zu ihr gehören die spätgotischen Flügel des weltbekannten Schlosses Blois, daneben ein weiteres Schloss und ein paar Dorfkirchen.

Die andere Gruppe liegt im Burgund#Königreich Arelat. Sie umfasst als erlesenes Einzelstück die Bibliothek des Klosters Citeaux im ehemaligen Herzogtum, darüber hinaus eine Handvoll Bauten in der Franche Comté, genauer in der Bresse.

Italien[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Reichlich Tonerde steht in der Poebene zu Verfügung, wo es unterschiedliche Regionalstile wie die venezianische Gotik und die lombardische Gotik[12] gab, deren Bauwerke zu einem großen Teil ganz oder teilweise aus Backstein errichtet sind. Gerade aus Norditalien übernahm der norddeutsche Backsteinbau schon in der Zeit der Romanik sowohl die erforderlichen Techniken als auch einige Schmuckformen.[13] Ein Zentrum des romanischen wie des gotischen Backsteinbaus außerhalb der Lombardei war Bologna. Hier steht die größte aller Backsteinkirchen, die Basilika San Petronio. Aber auch das im Bergland der Toskana gelegene Siena hat bedeutende gotische Backsteinbauten, allen voran den Palazzo Pubblico, also das Rathaus.

England[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Westfassade von Hampton Court Palace

Auch in England gibt es gotische Backsteinbauten, aber ihr historischer und sozialer Hintergrund unterscheidet sich stark von dem des gotischen Backsteinbaus auf dem Kontinent. Nahezu sämtliche dieser Bauten sind Landsitze der durch die Reformen Heinrichs VIII. (Enclosures) entstandenen frühkapitalistischen Grundbesitzerschicht. Sie gehören dem Tudorstil an, in dem öffentliche Gebäude aber in Werkstein errichtet wurden. Ein bedeutendes Backsteinensemble aus der Tudorzeit ist der westliche Teil von Hampton Court Palace westlich von London.

Entwicklungsgeschichte[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Stillgelegte Kirche San Gregorio (IT/EN) in Venedig
Sant’Ambrogio in Mailand, Bauphasen in Backstein von der Spätantike bis zur Frühgotik

Kirchen aus Ziegelmauerwerk wurden schon in frühchristlicher Zeit errichtet, damals in demonstrativer Abgrenzung zur Marmorarchitektur heidnischer Tempel. Berühmte Beispiele dieser Epoche sind in Ravenna erhalten. In Italien gab es eine Kontinuität des Backsteinbaus von der Spätantike bis zur Gotik und natürlich auch weiter.

Nördlich der Alpen setzte sich die Backsteinarchitektur im 12. Jahrhundert durch, also noch in romanischer Zeit, vgl. Backsteinromanik. Im 12. Jahrhundert begann auch die deutsche Ostsiedlung. Die slawischen Gebiete östlich der Elbe wurden während des 12. und 13. Jahrhunderts von Kaufleuten und Kolonisten aus dem Nordwesten Deutschlands, den Niederlanden und Flandern besiedelt. 1158 gründete Heinrich der Löwe Lübeck, 1160 eroberte er den slawischen Fürstensitz Schwerin. Weiter südlich dehnten die Billunger und vor allem dann die Askanier die Mark Brandenburg aus. Die Siedlung ging mit der Christianisierung der Slawen einher und die Bistümer Ratzeburg, Schwerin, Cammin, Brandenburg und andere wurden eingerichtet.

Romanisch: Kloster Jerichow

Lange Zeit hatten in Norddeutschland Holzbauten dominiert, die sich jedoch nicht für Monumentalbauten eignen. Nicht so große Bauten von besonderer Bedeutung wurden vielerorts aus den in Moränengebieten vorhandenen Feldsteinen errichtet. Für kleinere Bauten, vor allem im bäuerlichen Bereich, blieb im gesamten Verbreitungsgebiet der Backsteingotik der Fachwerkbau bis weit in die Neuzeit hinein typisch. Je weiter und damit teurer der Transportweg für Bruchstein gewesen wäre, desto attraktiver wurden gebrannte Ziegelsteine als Baumaterial.

Granit und Backstein im Mauerwerk von St. Hippolyt in Blexen

Der möglicherweise älteste in Backstein aufgeführte Sakralbau im Norden Deutschlands ist die 1149–1172 in romanischem Stil auf Steinfundamenten in Backstein errichtete und später ebenfalls in Backstein erweiterte Klosterkirche in Jerichow.[14] Allerdings könnte das Ziegelmauerwerk in der oberen Hälfte des schon im 11. Jahrhundert in Granitquadern begonnenen Chors der St.-Hippolyt-Kirche zu Blexen an der Wesermündung älter sein. In der östlich an das Jerichower Land anschließenden Mark Brandenburg wurde 1165 unter Albrecht dem Bären mit dem Bau des Brandenburger Doms begonnen. Wohl 1170–1173 wurde in einem der Stadt benachbarten Dorf die Brandenburger Nikolaikirche errichtet. Beim Wiederaufbau des Doms zu Havelberg nach einem Großbrand wurden Natur- und Backstein zusammen verwendet.

In den welfischen Gebieten begann der Einsatz von Backsteinen als Ersatzbaustoff für Naturstein mit dem Ratzeburger Dom (ab 1154), der Marienkirche in Segeberg (ab 1156)[15] und St. Johannis in Oldenburg (Holstein) (um 1157). Der Lübecker Dom, für den Heinrich der Löwe 1173 den Grundstein legte, wurde erst 1247 geweiht. Ein Jahrhundert früher, zwischen 1077 und 1119, war im fernen Toulouse überwiegend aus Backstein die Basilika Saint Sernin errichtet worden.

In Dänemark musste Naturstein ebenfalls aus großer Entfernung herbeigeschafft werden. Neben dem Dom zu Roskilde, der St.-Bendts-Kirche zu Ringsted (beide ab 1170) und weiteren zahlreichen Kirchen wurde auch das Schloss Nyborg (ebenfalls 1170) und andere weltliche Großbauten in Backstein errichtet. Der Dom zu Ribe besteht in seinen älteren Teilen aus Naturstein, wurde dann aber in Backstein erweitert. Auch der Dom im damals dänischen Schleswig wurde zunächst aus Granit und Tuffstein errichtet, später aus Backstein.

Die bekanntesten gotischen Backsteinbauten in Polen sind zwar Hinterlassenschaften des Deutschen Ordens und deutscher Bürger, aber auch Bauherren, die in Auseinandersetzung mit dem Deutschen Orden standen, schufen Werke der Backsteingotik. Beispiele sind die masowischen Herzogsresidenzen in Czersk und Płock, sowie die Johanneskathedrale in Warschau. Am Stilübergang von der Spätgotik zur Renaissance stehen die Barbakane von Krakau und Warschau.

Charakteristika der Backsteingotik[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Die romanischen Backsteinbauten schließen noch eng an zeitgenössische Werksteinarchitektur an und übersetzen deren Formensprache in die neue Backsteintechnik. In gotischer Zeit entwickelt sich aber ein charakteristischer Stil, der von Materialreduktion geprägt ist: Die Bauten sind oft sehr wuchtig, von monumentaler Größe, äußerlich aber eher schlicht und bei weitem nicht so grazil wie in südlichen Gegenden. Sie orientieren sich aber deutlich an den Kathedralen Frankreichs und der von dort ebenfalls beeinflussten Scheldegotik Flanderns.

In späterer Zeit setzten sich Gestaltungsformen durch, die die Kirchen äußerlich anspruchsvoller gliederten: So kalkte man zurückstehende Wandflächen häufig weiß ein, so dass ein Farbkontrast zum dunklen Backsteinmaterial entstand. Ornamente aus vorgefertigten Formsteinen hingegen gab es im norddeutschen Backsteinbau von Beginn an. Wie schon erwähnt, waren Technik und Formensprache schon in der Stilepoche der Romanik aus Norditalien übernommen worden. Das gilt auch für die Kombination von Sichtbackstein und geweißten Hintergrundflächen, die freilich in der Ostseegotik in anderswo unerreichtem Ausmaß Verwendung gefunden hat.

An etlichen Gebäuden in den reichen Hafenstädten an der Ostsee leistete man sich fein gemeißelte Portale und Fenstersimse aus Werkstein, hier und da auch wuchtige Quader an Gebäudekanten (s. o.). Als man im 19. Jahrhundert daran ging, zeitweise barockisierten Gebäuden wieder ein gotisches Gesicht zu geben, wurde so manche mittelalterliche, also gotische, Steinfassung von den Fenstern entfernt, da sie der historistischen Vorstellung von Backsteingotik widersprach.[16]

Wo die Bauherren weniger wohlhabend waren, gibt es andererseits Fassaden mit Blendarkaden und Lisenen aus Backstein, wo sich hinter dem weißen Putz der Hintergrundflächen kein Backstein verbirgt, sondern grobes Feldsteinmauerwerk.

Der Backsteinziegel als Ausgangsmaterial[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Das Ausgangsmaterial für die Ziegelherstellung ist Lehm, der im norddeutschen Flachland ebenso wie in der Poebene reichlich vorhanden war, so dass der Backstein sich dort als Ersatzbaustoff für Naturstein entwickelte.

Als Standard beim Bau repräsentativer Gebäude setzten sich Ziegel im sogenannten Klosterformat (etwa 28×15×9 cm bis 30×14×10 cm mit durchschnittlich 1,5 cm Fuge) durch. Im Gegensatz zur Werksteingotik wurden Klostersteine und Formziegel nicht in den Bauhütten, sondern von spezialisierten Betrieben außerhalb der Baustellen hergestellt.

Neogotische Backsteinkirche St. Johannis in Helsinki

Rezeption und Neuinterpretation[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Im 19. Jahrhundert erlebte die Rezeption der Backsteingotik durch die Neugotik (auch: Neogotik) nach den 1860er Jahren eine neue Blüte. Wichtige Architekten dieser Stilrichtung waren z. B. Friedrich August Stüler in Berlin und Simon Loschen in Bremen. Ein bedeutendes Beispiel neugotischen Bauens im Stil der Backsteingotik ist Schinkels Friedrichswerdersche Kirche in Berlin.

Heimatschutzstil in Backstein: Die Glocke in Bremen

Anfang des 20. Jahrhunderts nahm die sogenannte Heimatschutzarchitektur als Stilrichtung der Architektur in Norddeutschland, insbesondere in Schleswig-Holstein, das Bauen mit Backstein frei von neugotischer Verzierung, aber an traditionellen Vorbildern orientiert, neu auf. Villen in diesem Stil prägen den Einfamilienhausbau teilweise bis heute. 1910 errichtete Adalbert Kelm die Marineschule Mürwik, bei der er den Stil der norddeutschen Backsteingotik noch einmal aufgriff.[17] Der Architekt Paul Ziegler, der an der Entwurfsplanung beteiligt war, erhielt danach eine Anstellung als Magistratsbaurat in Flensburg und widmete sich mit seinem Werk kurz darauf jedoch ebenfalls schon der neuen Heimatschutzarchitektur.

Baumeister der Backsteingotik[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Nur wenige der mittelalterlichen Baumeister der Backsteingotik sind namentlich historisch überliefert. Unter den überlieferten wird als herausragendes Beispiel Hinrich Brunsberg genannt.

Siehe auch[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Literatur[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  • Friedrich Adler: Mittelalterliche Backsteinbauwerke des preußisches Staates. 2 Bände. Berlin, 1862 und 1898.
  • Hans Much: Norddeutsche Backsteingotik. Georg Westermann, Braunschweig 1919 (Ideologische Grundlage der Wiederbelebung im Rahmen der "Heimatschutzbewegung")
  • Otto Stiehl: Backsteinbauten in Norddeutschland und Dänemark. Stuttgart, 1923.
  • Werner Burmeister: Norddeutsche Backsteindome. Berlin, 1930.
  • Nikolaus Zaske: Gotische Backsteinkirchen Norddeutschlands zwischen Elbe und Oder. Leipzig, 1970.
  • Nikolaus und Rosemarie Zaske: Kunst in den Hansestädten. Leipzig, 1985.
  • Hans Josef Böker: Die mittelalterliche Backsteinarchitektur Norddeutschlands. Darmstadt 1988. ISBN 3-534-02510-5.
  • Gottfried Kiesow: Wege zur Backsteingotik. Eine Einführung. Monumente-Publikationen der Deutschen Stiftung Denkmalschutz, Bonn 20032, ISBN 978-3-936942-34-7.
  • Angela Pfotenhauer, Elmar Lixenfeld: Backsteingotik. Monumente-Edition. Monumente-Publikationen der Deutschen Stiftung Denkmalschutz, Bonn 2000. Überarb. Auflage 20054. ISBN 978-3-936942-10-1.
  • Fritz Gottlob: Formenlehre der Norddeutschen Backsteingotik: Ein Beitrag zur Neogotik um 1900. 1907. Nachdruck der 2. Auflage, Verlag Ludwig, 1999, ISBN 3-9805480-8-2.
  • Gerhard Eimer, Ernst Gierlich (Hrsg.): Die sakrale Backsteinarchitektur des südlichen Ostseeraus – der theologische Aspekt. Berlin, 2000.
  • Gerlinde Thalheim (Redaktion) et al.: Gebrannte Größe – Wege zur Backsteingotik. 5 Bände. Monumente-Publikationen der Deutschen Stiftung Denkmalschutz, Bonn, Gesamtausgabe aller 5 Bände unter ISBN 978-3-936942-22-4.
  • B. Busjan, G. Kiesow: Wismar: Bauten der Macht – Eine Kirchenbaustelle im Mittelalter. Monumente Publikationen der Deutschen Stiftung Denkmalschutz, 2002, ISBN 978-3-936942-24-8 (Bd. 2 der Gesamtausgabe der Ausstellungskataloge Wege zur Backsteingotik).
  • Johannes Cramer u. Dorothée Sack (Hg.), bearb. von Barbara Perlich u. Garbi van Tussenbroek: Technik des Backsteinbaus im Europa des Mittelalters (Ergebnisband eine Tagung an der TU Berlin unter diesem Titel am 13.–15. Nov. 2003), Michael Imhof Verlag 2004/2005, ISBN 3-937251-99-5.

Weblinks[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

 Commons: Backsteingotik – Sammlung von Bildern, Videos und Audiodateien
 Wikisource: Lübecker Marienkirche – Quellen und Volltexte

Einzelnachweise[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  1. a b Georg Dehio: Geschichte der deutschen Kunst, 3. Auflage 1923 (1. Auflage 1918/1919), Seite 223 ff. „Der Spätromanismus in Westdeutschland und die gotische Rezeption der ersten Stufe“ – Seite 279 ff., „Das norddeutsche Tiefland“
  2. Erich Hubale: georg Dehio 1850–1832 – Seine Kunstgeschichte der Architektur
  3. Claudia Trummer: Backstein an der Peripherie? – Romanische Backsteinbauten in Sachsen und Südbrandenburg, siehe Literaturliste
  4. Historisches Lexikon Bayerns: Konrad Bedal, Bürgerhäuser (Spätmittelalter)
  5. Walter Gross: Mittelalterliches Mauerwerk in Augsburg (17. Bericht der Naturf.Ges.Augsburg / Seite 43–78 / 25.Dez.1964, PDF)
  6. st-marien-luebeck.com
  7. Ulrike Gentz: Der Hallenumgangschor in der städtischen Backsteinarchitektur Mitteleuropas 1350–1500 eine kunstgeographisch vergleichende Studie. Lukas Verlag, 2003, ISBN 978-3-931836-75-7, S. 266 (Vorschau in der Google-Buchsuche).
  8. Explorez Briques Beiges, Brique Rouge et plus encore ! – mit Saint-Folquin d'Esquelbecq als Beispiel
  9. vgl. RDK-Artikel zum Backsteinbau, IV.F) Der gotische KirchenbauIn Bayern …
  10. Andreas Kraus: Geschichte Bayerns von den Anfängen bis zur Gegenwart. C.H.Beck, 2004, ISBN 978-3-406-51540-8, S. 172 (Vorschau in der Google-Buchsuche).
  11. Ulrike Gentz: Der Hallenumgangschor in der städtischen Backsteinarchitektur Mitteleuropas 1350-1500 eine kunstgeographisch vergleichende Studie. Lukas Verlag, 2003, ISBN 978-3-931836-75-7, S. 29 (Vorschau in der Google-Buchsuche).
  12. Kulturgüter der Lombardei – Gotische Architektur (auf italienisch, für jedes Bauwerk eine Unterseite mit Text und Abbildungen)
  13. vgl. RDK-Artikel zum Backsteinbau, II. Entstehung des deutschen Backsteinbaus
  14. www.kloster-jerichow.de
  15. Ev-luth. Kirchengemeinde Bad Segeberg: Marienkirche
  16. Jens Christian Holst: Die Rathausfront in Stralsund – zu ihrer Datierung und ersten Gestalt. In: Matthias Müller (Hrsg.): Multiplicatio et variatio: Beiträge zur Kunst: Festgabe für Ernst Badstübner zum 65. Geburtstag. Lukas Verlag, 1998, ISBN 978-3-931836-15-3, S. 60 ff. (Vorschau in der Google-Buchsuche).
  17. Museen Nord, Marineschule Mürwik, abgerufen am: 5. Februar 2015