Leopold Johann von Österreich

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Leopold Johann von Österreich (* 13. April 1716 in Wien; † 4. November 1716 ebenda) war ein Erzherzog von Österreich. Leopold Johann war der letztgeborene männliche Nachkomme aus dem Haus Habsburg.[1] Mit seinem Tod und dem Tod seines Vaters, dem römisch-deutschen Kaiser Karl VI. (1685–1740), erlosch der habsburgische Mannesstamm vollständig.

Leben[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Kaiser Karl VI., der Vater von Leopold Johann
Kaiserin Elisabeth Christine, die Mutter von Leopold Johann

Familie[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Leopold Johann war der einzige Sohn und das älteste Kind von Kaiser Karl VI. und dessen Gemahlin Kaiserin Elisabeth Christine von Braunschweig-Wolfenbüttel (1691–1750). Beide heirateten im April 1708 mittels Ferntrauung in der bei Wien gelegenen Pfarrkirche Maria Hietzing, wobei Karl durch seinen Bruder Joseph I. vertreten wurde. Die Ehe konnte erst geschlossen werden, nachdem Elisabeth Christine ein Jahr zuvor das Bekenntnis zur Römisch-Katholischen Kirche ablegt hatte. Sein Großvater väterlicherseits war Kaiser Leopold I. und mütterlicherseits der Herzog Ludwig Rudolf von Braunschweig-Wolfenbüttel.

Leopold Johann war der ältere Bruder der drei Schwestern und Erzherzoginnen Maria Theresia (1717–1780), Maria Anna (1718–1744) und Maria Amalia (1724–1730). Maria Theresia trat 1740, nach dem Tod ihres Vaters Karl VI. und gemäß den Bestimmungen der von ihm erlassenen Pragmatischen Sanktion, die Erbfolge in Österreich an. Mit ihrer Heirat mit dem später zum römisch-deutschen Kaiser gekrönten Franz Stephan von Lothringen (1708–1765) begründete sie und ihre Nachkommen das bis heute bestehende Haus Habsburg-Lothringen. Das gelang allerdings erst nach langwierigen militärischen Auseinandersetzungen während des Österreichischen Erbfolgekrieges und dem Verlust des Herzogtums Schlesien an Preußen und seinen König Friedrich II.

Geburt und Taufe[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Karl und Elisabeth Christine waren bereits sieben Jahre verheiratet, als bei Elisabeth Christine erstmals eine Schwangerschaft festgestellt wurde. Zuvor musste sie zahlreiche Hilfsmittel über sich ergehen lassen, damit der Kinderwunsch in Erfüllung ging. Sie unternahm unter anderem Wallfahrten nach Mariazell, Kuren in Karlsbad, eine Weinkur und konsultierte Hellseher und Astrologen. Das eheliche Schlafzimmer wurde an den Wänden und Decken mit stimulierenden erotischen Szenen bemalt.[1]

Die Geburt von Leopold Johann am 13. April 1716 um 19:30 Uhr wurde mit großem Prunk des spanischen Hofzeremoniells gefeiert. Zum Zeitpunkt der Geburt führte Österreich, zusammen mit der Republik Venedig, Krieg gegen die Türken. Als zukünftiger Thronfolger des Herrscherhauses Habsburg erhielt er mit der Geburt den Orden vom Goldenen Vlies, da sein Vater selbst Großmeister des Ordens in Österreich war.[2] Die Taufe am 14. April 1716 im Rittersaal der Wiener Hofburg erfolgte mit Jordanwasser aus dem Heiligen Land. Seine Namen Leopold Johann Anton Joseph Franz de Paula Hermengild Rudolph Ignatius Balthasar weisen auf die habsburgische Familientradition und die Heiligenverehrung der damaligen Zeit hin.[3] Die Taufe wurde vom päpstlichen Nuntius zusammen mit dem Domprobst von Sankt Stephan und dem Schottenabt durchgeführt. Anwesend waren außerdem der Erzbischof von Prag, Franz Ferdinand von Kuenburg, und der Erzbischof von Valencia sowie acht weitere Bischöfe und neun Äbte. Taufpate war König Johann V. von Portugal, der mit Maria Anna von Österreich, einer Tante von Leopold Johann, verheiratet war. Johann ließ sich dabei von dem kaiserlichen Feldmarschall und Prinzen Maximilian Wilhelm von Braunschweig und Lüneburg vertreten.[3]

Anlässlich der Geburt wurde von Karl eine wertvolle Medaille in Auftrag gegeben. Die Übersetzung der lateinischen Umschrift lautet:

„Am Frühlingsanfang wir sie vom hohen Himmel herabgesandt. Iason mit dem Goldenen Vlies ist anwesend / Die Sonne, das Auge der Welt, erreichte eine Höhe von 23° 56' am 13.April um 7.30 Uhr abends.“[4]

Auch von Elisabeth Christine wurde eine Medaille angefertigt, die Georg Wilhelm Vestner schuf.[5] Der bedeutende österreichische Barockkomponist Johann Josef Fux schrieb zur Feier der Geburt die Oper Angelica vincitrice di Alcina, die am 14. September 1716 erstmals aufgeführt wurde. Die Ausstattung übernahm der Bühnenarchitekt Giuseppe Galli da Bibiena, der die Bühne auf zwei Inseln in einem Teich im Park der Favorita aufgestellt hatte.[6] Anwesend bei der Uraufführung waren neben dem Kaiserpaar der Hofstaat und zahlreiche Botschafter. Auch Georg Philipp Telemann komponierte zur Geburt von Leopold Johann eine Huldigungsmusik, die in Frankfurt am Main 1716 erstmals aufgeführt wurde.[7] Im Juni 1716 inszenierte Reinhard Keiser anlässlich der Geburt des Thronfolgers das musikalische Lust- und Tanzspiel Das Römische April-Fest. Das Libretto dazu schrieb Barthold Feind. Außerdem erschienen zahlreiche Druckwerke auf dem Gebiet des Heiligen Römischen Reiches mit Huldigungen für den Erzherzog.

Tod und Bestattung[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Der kränkliche Leopold Johann starb am 4. November 1716 in Wien nach nur sieben Monaten. Die Hoffnung, dass der Junge gesund bliebe, da zwischen seiner Mutter Elisabeth Christine und den Habsburgern keine engere Verwandtschaft bestand, was nach der Heiratspolitik des Hauses Habsburg nicht selbstverständlich war (Ahnenverlust), erfüllte sich nicht.[1] Kaiser Karl VI. war tief betroffen, was das Fehlen von Einträgen in seinen Tagebüchern vom Tod des Sohnes bis zum Ende des Jahres 1716 zeigt. [8]

Bei der Bestattung richtete man sich nach dem Zeremoniell aus dem Jahre 1668 zur Beerdigung des Prinzen Ferdinand Wenzel (1667–1668), dem erstgeborenen Sohn von Kaiser Leopold I. Am Vormittag des 5. November 1716 wurde der Leichnam im Beisein des Obersthofmeisters Anton Florian von Liechtenstein, der Hofdame Sabine Christina Gräfin von Starhemberg, dreier kaiserlicher Leibärzten und des Leibchirurgen Heinrich Cöster geöffnet. Dabei wurden die inneren Organe und das Herz entnommen und die Leiche einbalsamiert. Anschließend wurde der Leichnam des Kindes in der Antecamera, dem Tugendsaal der Wiener Hofburg, auf ein Paradebett gelegt und vom Hof- und Burgpfarrer eingesegnet. Er trug eine Blumenkrone und um den Hals die kleine Ordenskette von goldenen Vlies. Auf einem silbernen Kissen lagen die große Vlieskette und der Erzherzogshut.[3]

Die silberne Urne mit dem entnommenen Herz und die kupferne Urne mit den Eingeweiden wurden am gleichen Tag in den Wiener Stephansdom verbracht und in der Gruft abgestellt. Abends 23:00 Uhr wurde der Leichnam erneut eingesegnet und mit großen Gefolge zur Wiener Kapuzinerkirche geleitet. Zum letzten Mal wurde der Sarg eingesegnet und in Gegenwart des Obersthofmeisters und des Oberstkämmerers geöffnet um den Leichnam vorzuweisen. Sechs Kapuzinerpatres legten den Sarg dann in die Kaisergruft.[3]

Der heutige Sarkophag von Leopold Johann in der Kaisergruft wurde erst 1740 nach den Anweisungen von Karl VI. als Übersarg für den ursprünglichen Sarg angefertigt. Er soll an antike Vorbilder erinnern. Über dem ornamentierten Deckel liegt ein in Falten geworfener Hermelinmantel und darauf, auf einem Kissen, ein Erzherzogshut. Der Sarg wurde aus Zinn hergestellt. Die Längsseiten zieren Engelsköpfe mit ausgebreiteten Flügeln, der Sarg selbst ruht auf vier Bärentatzen. Vermutlich wurde er von dem Salzburger Zinngießer Hans Georg Lehrl geschaffen. Am Fußteil unter einem Kruzifix befindet sich eine aufgerollte Tafel.[9] Die in Latein verfasste Inschrift lautet in der Übersetzung:

„Der christlichen Nachwelt gewidmet. Hier ruht in der Asche Leopold, der Sohn des erhabenen Kaisers Karl VI. und Enkel des großen Leopold, Erzherzog von Österreich und Prinz von Asturien, den der Himmel der Welt nur gezeigt, den 13. April 1716, und zur unsäglichen Betrübnis schon wieder zurück genommen hat am 4. November im nämlichen Jahr. Ach! der Schmerz des Kaisers ist leichter zu erraten, als mit Worten zu schildern.“[9]

Der hier genannte Titel Prinz von Asturien war ein Anspruchstitel, da Österreich mit der Beendigung des Spanischen Erbfolgekrieges und nach den Bestimmungen des Friedens von Rastatt den spanischen Thron verlor, den Anspruch auf ihn aber nie aufgab. Das Kaiserpaar stiftete nach dem Tod des Sohnes, als Zeichen ihrer Frömmigkeit, der Gottesmutter von Mariazell am Gnadenort ein Jesuskind in Silber, das dem Gewicht des verstorbenen Kindes entsprach.[3]

Ahnentafel[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Ahnentafel von Leopold Johann
Ururgroßeltern Kaiser Ferdinand II. (1578–1637)

∞ 1600
Maria Anna von Bayern (1574–1616)

König Philipp III. (Spanien) (1578–1621)

∞ 1599
Margarete von Österreich (1584–1611)

Pfalzgraf Wolfgang Wilhelm (Pfalz-Neuburg) (1578–1653)

∞ 1613
Magdalene von Bayern (1587–1628)

Landgraf Georg II. (Hessen-Darmstadt) (1605–1661)

∞ 1627
Sophie Eleonore von Sachsen (1609–1671)

Fürst August II. (Braunschweig-Wolfenbüttel) (1579–1666)

∞ 1623
Dorothea von Anhalt-Zerbst (1607–1634)

Herzog Friedrich (Schleswig-Holstein-Norburg) (1581–1658)

∞ 1632
Eleonore von Anhalt-Zerbst (1608–1681)

Graf Joachim Ernst von Oettingen-Oettingen (1612–1659)

∞ 1638
Anna Dorothea von Hohenlohe (1621–1643)

Herzog Eberhard III. (Württemberg) (1614–1674)

∞ 1637
Anna Katharina Dorothea von Salm-Kyrburg (1614–1655)

Urgroßeltern Kaiser Ferdinand III. (1608–1657)

∞ 1631
Maria Anna von Spanien (1606–1646)

Kurfürst Philipp Wilhelm (Pfalz) (1615–1690)

∞ 1653
Elisabeth Amalie von Hessen-Darmstadt (1635–1709)

Herzog Anton Ulrich (Braunschweig-Wolfenbüttel) (1633–1714)

∞ 1656
Elisabeth Juliane von Holstein-Norburg (1634–1704)

Graf Albrecht Ernst I. von Oettingen-Oettingen (1642–1683)

∞ 1665
Christine Friederike von Württemberg (1644–1674)

Großeltern Kaiser Leopold I. (1640–1705)

∞ 1676
Eleonore Magdalene Therese von der Pfalz (1655–1720)

Herzog Ludwig Rudolf (Braunschweig-Wolfenbüttel) (1671–1735)

∞ 1690
Christine Luise von Öttingen (1671–1747)

Eltern Kaiser Karl VI. (1685–1740)

∞ 1708
Elisabeth Christine von Braunschweig-Wolfenbüttel (1691–1750)

Leopold Johann (* / † 1716)

Literatur[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  • Magdalena Hawlik-van de Water: Der schöne Tod. Zeremonialstrukturen des Wiener Hofes bei Tod und Begräbnis zwischen 1640 und 1740. Herder, Wien 1989, ISBN 978-3-210-24945-2.
  • Magdalena Hawlik-van de Water: Die Kapuzinergruft. Begräbnisstätte der Habsburger in Wien. Seite 129–130, Herder, Wien 1993, ISBN 978-3-210-25151-6.
  • Johann Christoph Kolb: Das Frolockende Augspurg. Wie solches wegen der höchst-beglückten Geburt deß Durchleuchtigsten Ertz-Hertzogen und Printzen von Asturien Leopoldi II. Seine allerunterthänigste Freude den 17. May 1716. durch verschiedene Illuminationes dargestellt hat. Maschenbauer, Augsburg 1716. (Digitalisat.)
  • Kaspar Mändl: Vollkomne Freud Deß erhörten Europa. Vorgetragen in einer Jubel- Lob- und Ehren-Predig, Zu unterthänigisten Ehren Deß Durchleuchtigisten Königlichen Printzen, Ertz-Hertzogen von Oesterreich und Printzen von Asturien, c. c. Labhart, Augsburg 1716, (Digitalisat.)
  • Johann Baptist Schönwetter: Beschreibung Der am 13. April 1716. glücklichst beschehenen Entbindung Ihrer Majestät, der Regierenden Kayserin, Und des andern Tags, dahier, In Der Käyserlichen Burg Prächtigst-vollbrachten Tauff-Ceremonien Des Durchläuchtigsten Printzen Leopold, Ertz-Hertzogen von Oesterreich, und Printzen von Asturien. Adolphi, Freystadt 1716. (Digitalisat.)
  • Detlev Schwennicke (Bearb.): Europäische Stammtafeln. Band I./1: Die fränkischen Könige und die Könige und Kaiser, Stammesherzoge und Kurfürsten, Markgrafen und Herzoge des Heiligen Römischen Reiches Deutscher Nation. Klostermann, Frankfurt am Main 2005, ISBN 978-3-465-03420-9.
  • Cölestin Wolfsgruber: Die Kaisergruft bei den Kapuzinern in Wien. Alfred Hölder, Wien 1887. (Digitalisat.)
  • Bey Der Höchsterwünschtesten Gebuhrt Des Durchlauchtigsten Kayser- und Königl. Printzen Leopoldi, Josephi, Josephi, Johannis, Antonii, Francisci De Paula, Hermenegildi, Rudolphi, Ignatii, Balthasaris, Ertz-Hertzogs von Oesterreich . Breslau 1716. (Digitalisat.)

Weblinks[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Einzelnachweise[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  1. a b c Hans Bankl: Die kranken Habsburger. Befunde und Befindlichkeiten einer Herrscherdynastie. Goldmann, München 2005, ISBN 978-3-442-15360-2, S. 49–50.
  2. ritter-von-orden-vom-goldenen-vlies Nr. 461.
  3. a b c d e Magdalena Hawlik-van de Water: Der schöne Tod. Zeremonialstrukturen des Wiener Hofes bei Tod und Begräbnis zwischen 1640 und 1740. Herder, Wien 1989, ISBN 978-3-210-24945-2, S. 99–105.
  4. muenzen-ritter.de.
  5. digital.belvedere.at.
  6. aeiou.at.
  7. Wolfgang Hirschmann: Musikalische Festkultur im politisch-sozialen und liturgisch-religiösen Kontext. Telemanns Serenata und Kirchenmusik zur Geburt des Erzherzogs Leopold (Frankfurt 1716). In: Peter Cahn (Hrsg.): Telemann in Frankfurt. Schott Music, Mainz 2000, ISBN 978-3-7957-1337-9, S. 163–195.
  8. Stefan Seitschek, Herbert Hutterer, Gerald Theimer (Hrsg.): 300 Jahre Karl VI. 1711–1740. Spuren der Herrschaft des letzten Habsburgers. Begleitband zur Ausstellung. Österreichisches Staatsarchiv, Wien 2011, S. 18, (Digitalisat.).
  9. a b Magdalena Hawlik-van de Water: Die Kapuzinergruft. Begräbnisstätte der Habsburger in Wien. Herder, Wien 1993, ISBN 978-3-210-25151-6, S. 129–130.