Lilli Friesicke

aus Wikipedia, der freien Enzyklopädie
Wechseln zu: Navigation, Suche

Lilli Friesicke, geborene Culp (* 8. Oktober 1888 in Elberfeld; † 1938 in Brandenburg an der Havel), war eine deutsche Ärztin und Gynäkologin jüdischer Herkunft.

Leben[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Lilli Friesicke kam als Tochter des holländischen Kaufmanns Sieghart Culp zur Welt. Sie besuchte erst die Töchterschule, später einen privaten Real-Gymnasialkursus in Elberfeld. Zu Ostern 1909 legte sie ihr Abitur am Real-Gymnasium Remscheid ab.

Noch im Kaiserreich begann sie, was für Frauen zu dieser Zeit noch relativ selten und unüblich war, ihr Medizinstudium an den Universitäten Bonn und Jena. Im Sommer 1914 legte sie ihr Staatsexamen ab und wurde nach einer Notapprobation als Assistenzärztin an der Medizinischen Poliklinik zu Jena angestellt. 1915 wurde sie aufgrund ihrer eingereichten Dissertation zum Thema „Die Bedeutung des fötalen Hydrocephalus als Geburtshindernis“ zum Doktor der Medizin promoviert.

In der Zeit zwischen 1917 und 1926 heiratete sie ihren Mann Georg, einen Radiologen und Arzt für Innere Medizin, mit dem sie ab 1926 am Katharinenkirchplatz 1 in Brandenburg an der Havel wohnte. Beide Ärzte betrieben in diesem Hause ihre eigene Praxis, nach dem Tode ihres Mannes 1928 sie allein.

Am 30. Januar 1932 erwarb Lilli Friesicke das Grundstück Katharinenkirchplatz 8 von dem bedeutenden Brandenburger Architekten Max Leue für 15.000 RM.

Nach der Machtergreifung der Nationalsozialisten wurde Friesicke als Jüdin die Kassenzulassung entzogen, und sie konnte fortan nur noch jüdische Patientinnen gegen Privatliquidation behandeln. Nach den Novemberpogromen 1938 erfasste die Verhaftungswelle auch Lilli Friesicke. Im Polizeigewahrsam des Neustädtischen Rathauses beging sie Suizid.

Nach ihrem Tode wurden ihre beiden unmündigen Kinder, der 13-jährige Heinz-Herbert (genannt Heini) und die Tochter Marlene unter die Vormundschaft des örtlichen nationalsozialistischen Stadtverordneten und Malermeisters Martin Scheyba gestellt, der namens seiner Mündel noch vor der Volljährigkeit von Heinz-Herbert Friesicke am 5. Januar 1943 das Grundstück für 2000 RM an den NSDAP-Kreisleiter von Brandenburg (Havel) und Bankvorstand Ferdinand Heppner verkaufte.

Heinz-Herbert Friesicke, der zwischenzeitlich den Beruf eines technischen Zeichners erlernt hatte und ein Studium der Ingenieurwissenschaften begonnen hatte, verstarb am 9. Oktober 1945 an Typhus. Über das Schicksal der Tochter Marlene, die während des Krieges zu ihrem Onkel nach Holland floh, ist bekannt, dass sie die Zeit des Nationalsozialismus überlebte, heiratete und drei Kinder bekam, die gegenwärtig in Holland leben.

Heppner wurde durch den Befehl 124 der SMAD vom 30. Oktober 1945 am 30. November 1948 als Kriegsverbrecher enteignet und die Immobilie dem Volkseigentum zugeschlagen.

Ehrungen[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Im Zuge von Straßenumbenennungen wurde 1993 eine Straße im Brandenburger Stadtteil Nord nach Lilli Friesicke benannt.

Quellen[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  • AKTE Rep. 23 ESA 325 des Brandenburgischen Landeshauptarchivs
  • Stadtarchiv Brandenburg an der Havel
  • Lilli Friesicke, geb. Culp, Datenbank Ärztinnen im Kaiserreich, Institut für Geschichte der Medizin, Charité, Berlin 2015.