Lilli Friesicke

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Lilli Friesicke, geborene Culp (* 8. Oktober 1888 in Elberfeld, Rheinprovinz; † 10. November 1938 in Brandenburg an der Havel), war eine deutsche Ärztin und Gynäkologin.

Leben[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Lilli Friesicke kam als Tochter des holländischen Kaufmanns Sieghart Culp zur Welt. Sie besuchte erst die Töchterschule, später einen privaten Real-Gymnasialkursus in Elberfeld. Zu Ostern 1909 legte sie ihr Abitur am Real-Gymnasium Remscheid ab. Sie studierte, was für Frauen zu dieser Zeit noch relativ selten war, Medizin an den Universitäten Bonn und Jena. Im Sommer 1914 legte sie das Staatsexamen ab und wurde nach einer Notapprobation als Assistenzärztin an der Medizinischen Poliklinik zu Jena angestellt. 1915 wurde sie aufgrund ihrer eingereichten Dissertation zum Thema „Die Bedeutung des fötalen Hydrocephalus als Geburtshindernis“ zum Doktor der Medizin promoviert.

In der Zeit zwischen 1917 und 1919 heiratete sie Georg Friesicke, einen Radiologen und Internisten, mit dem sie spätestens ab 1919/20 am Katharinenkirchplatz 1 in Brandenburg (Havel) wohnte.[1] Beide Ärzte betrieben in diesem Hause ihre eigene Praxis. Nach dem Tode ihres Mannes 1928 sie allein. Am 30. Januar 1932 erwarb Lilli Friesicke das Grundstück Katharinenkirchplatz 8 von dem bedeutenden Brandenburger Architekten Max Leue für 15.000 RM.

Gedenkinschrift für Lilli Friesicke in Brandenburg an der Havel (sic! falsche Namensschreibung)

Nach der Machtergreifung der Nationalsozialisten wurde Friesicke als Jüdin 1933 die Kassenzulassung entzogen und sie konnte fortan nur noch jüdische Patientinnen gegen Privatliquidation behandeln. Nach den Novemberpogromen 1938 erfasste die Verhaftungswelle auch Lilli Friesicke. Im Polizeigewahrsam des Neustädtischen Rathauses beging sie nach amtlichen Angaben am 10. November 1938 Suizid, wobei die genauen Umstände nicht geklärt sind, da es gängige Praxis der Nazis war, so Tötungen in Haft zu kaschieren.[1]

Nach ihrem Tode wurden ihre beiden unmündigen Kinder, der 13-jährige Heinz-Herbert (genannt Heini) und die jüngere Tochter Marlene unter die Vormundschaft des örtlichen nationalsozialistischen Stadtverordneten und Malermeisters Martin Scheyba gestellt, der namens seiner Mündel noch vor der Volljährigkeit von Heinz-Herbert Friesicke am 5. Januar 1943 das Grundstück für 2000 RM an den NSDAP-Kreisleiter von Brandenburg (Havel) und Bankvorstand Ferdinand Heppner verkaufte.

Heinz-Herbert Friesicke, der zwischenzeitlich den Beruf eines technischen Zeichners erlernt hatte und ein Studium der Ingenieurwissenschaften begonnen hatte, verstarb am 9. Oktober 1945 an Typhus. Über das Schicksal der Tochter Marlene, die während des Krieges zu ihrem Onkel nach Holland floh, ist bekannt, dass sie die Zeit des Nationalsozialismus überlebte, heiratete und drei Kinder bekam, die gegenwärtig in Holland leben.

Heppner wurde durch den Befehl 124 der SMAD vom 30. Oktober 1945 am 30. November 1948 als Kriegsverbrecher enteignet und die Immobilie dem Volkseigentum zugeschlagen.

Ehrungen[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Im Zuge von Straßenumbenennungen wurde 1993 eine Straße im Brandenburger Stadtteil Nord nach Lilli Friesicke benannt.

offizielles Todesdatum innerhalb einer Gedenkinschrift von Lilli Friesicke in Brandenburg an der Havel

2015 wurde ihr Name für die Verlegung eines Stolpersteines in Brandenburg an der Havel ins Spiel gebracht. Aufgrund des Widerstands der örtlichen Jüdischen Gemeinde, die Stolpersteine grundsätzlich ablehnt, nahmen die Initiatoren Abstand von dem Projekt.[2]

Quellen[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  • AKTE Rep. 23 ESA 325 des Brandenburgischen Landeshauptarchivs
  • Stadtarchiv Brandenburg an der Havel
  • Lilli Friesicke, geb. Culp, Datenbank Ärztinnen im Kaiserreich, Institut für Geschichte der Medizin, Charité, Berlin 2015.

Einzelnachweise[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  1. a b Heiko Hesse: Der mysteriöse Tod der Lilli Friesicke. In: Märkische Allgemeine. 5. November 2018, abgerufen am 21. April 2019.
  2. Jürgen Lauterbach: Museum und Rathaus stolpern über Steine. In: Märkische Allgemeine. 25. Februar 2015.