Lothar Fritze

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Lothar Fritze (* 5. April 1954 in Karl-Marx-Stadt (heute Chemnitz)) ist ein deutscher Sozial- und Politikwissenschaftler.

Leben[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Fritze studierte Betriebswirtschaft in Karl-Marx-Stadt. Zwischen 1978 und 1990 arbeitete er dort als wissenschaftlicher Mitarbeiter am Forschungsinstitut für Textiltechnologie. Nach der deutschen Wiedervereinigung fand er von 1992 bis 1993 eine Beschäftigung am Institut für Wirtschafts- und Sozialforschung in Chemnitz. Seit 1993 ist Fritze wissenschaftlicher Mitarbeiter am Hannah-Arendt-Institut für Totalitarismusforschung (HAIT), einem An-Institut der Technischen Universität Dresden. Seine Habilitation erfolgte 1997 bei Eckhard Jesse in Chemnitz. Er lehrt als außerplanmäßiger Professor an der Technischen Universität Chemnitz.

Forschungstätigkeit[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Fritze forscht auf den Gebieten der Angewandten Ethik, der Totalitarismusforschung sowie der Ideengeschichte. Gegenwärtig beschäftigt er sich mit dem totalitären Denken im Marxismus und im Nationalsozialismus.[1]

Von Fritze liegen bis 1990 keine Publikationen vor. Nach der deutschen Wiedervereinigung veröffentlichte er Schriften zur Aufarbeitung der DDR-Vergangenheit sowie zum deutsch-deutschen Einigungsprozess und war Gutachter der Enquête-Kommission des Deutschen Bundestages „Überwindung der Folgen der SED-Diktatur im Prozeß der deutschen Einheit“. Zudem wurde Fritze durch seine Beiträge in der von der Akademie der Künste herausgegebenen Literaturzeitschrift Sinn und Form als Essayist bekannt. In seiner Habilitationsschrift Täter mit gutem Gewissen analysierte Fritze menschliches Verhalten im diktatorischen Sozialismus. Die Schrift wurde mit dem Förderpreis der Gesellschaft für Deutschlandforschung ausgezeichnet.

Aufsehen erregte Fritze mit seinen Thesen über das Hitler-Attentat Georg Elsers von 1939, die er in seiner Antrittsvorlesung 1998 unter dem Titel „Hitler-Attentat: Die Bombe explodierte 10 Minuten zu spät“ an der Technischen Universität Chemnitz hielt und im November 1999 in der Frankfurter Rundschau veröffentlichte.[2][3] Er hatte die Frage zur Diskussion gestellt, inwieweit Elsers Verhalten als vorbildhaft zu bewerten sei. Fritze argumentierte, dass auch bei einem moralisch gerechtfertigten Attentat der Attentäter die Pflicht habe, den Tod Unschuldiger zu vermeiden, sofern es ihm möglich sei. Bei Elser jedoch liege die Vermutung nahe, dass er weniger opferträchtige Attentatsmethoden nicht einmal erwogen habe. Auch habe Elser nicht Sorge für den Schutz unbeteiligter Dritter tragen können, als das Scheitern des Anschlags bereits gewiss war, da er sich vom Ort des Geschehens entfernte und so den vorhersehbaren Tod Unschuldiger nicht verhinderte. Im Falle Elsers seien zudem Absicht und Kenntnisstand des Attentäters nur lückenhaft rekonstruierbar, sodass sich diesbezügliche Bedenken nicht ausräumen ließen. Aus diesen Gründen, so Fritze, sei Elsers Verhalten nicht vorbehaltlos als vorbildhaft zu betrachten.

In seiner moralphilosophischen Beurteilung des Elser-Attentats hatte Fritze die Frage, ob man notfalls auch Unschuldige töten darf, um andere zu retten, noch offengelassen. Dieser Frage widmet er sich in seinem Buch Die Tötung Unschuldiger. In Verführung und Anpassung beschäftigt sich Fritze mit der inneren Logik von Weltanschauungsdiktaturen, insbesondere deren Anziehungskraft und Stabilität. In seinem Buch Die Moral des Bombenterrors unterzieht Fritze die alliierten Flächenbombardements während des Zweiten Weltkriegs einer völkerrechtlichen und moralischen Bewertung. Er gibt darin Winston Churchill eine Mitverantwortung am Holocaust.[4]

Veröffentlichungen[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Monographien[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  • Innenansicht eines Ruins. Gedanken zum Untergang der DDR. Olzog Verlag, München 1993, ISBN 3-789-28570-6.
  • Panoptikum DDR-Wirtschaft. Machtverhältnisse – Organisationsstrukturen – Funktionsmechanismen. Olzog, München 1993, ISBN 3-789-28320-7.
  • Die Gegenwart des Vergangenen. Über das Weiterleben der DDR nach ihrem Ende. Böhlau, Weimar/Köln/Wien 1997, ISBN 3-412-11296-8.
  • Täter mit gutem Gewissen. Über menschliches Versagen im diktatorischen Sozialismus (= Schriften des Hannah-Arendt-Instituts für Totalitarismusforschung. Bd. 6). Böhlau, Weimar/Köln/Wien 1998, ISBN 3-412-04398-2.
  • Die Tötung Unschuldiger. Ein Dogma auf dem Prüfstand. de Gruyter, Berlin/New York 2004, ISBN 3-110-18148-7.
  • Verführung und Anpassung. Zur Logik der Weltanschauungsdiktatur. Duncker & Humblot, Berlin 2004, ISBN 3-428-11255-5.
  • Die Moral des Bombenterrors. Alliierte Flächenbombardements im Zweiten Weltkrieg. Olzog, München 2007, ISBN 3-789-28191-3.
  • Legitimer Widerstand? Der Fall Elser. BWV, Berlin 2009, ISBN 3-830-51672-X.[2]
  • Anatomie des totalitären Denkens. Kommunistische und nationalsozialistische Weltanschauung im Vergleich. Olzog Verlag, München 2012, ISBN 978-3-7892-8324-6.
  • Der böse gute Wille. Weltrettung und Selbstaufgabe in der Migrationskrise. Edition Sonderwege, Waltrop 2016, ISBN 978-3-944872-32-2

Herausgeberschaften[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  • Mitherausgeber der Zeitschrift Aufklärung und Kritik
  • (Zusammen mit Volkmar Kreissig & Erhard Schreiber) Privatisierung und Partizipation. Ein Ost- West-Vergleich. Materialien der gleichnamigen Konferenz, Eibenstock 1992. Arbeitskreis sozialwissenschaftliche Arbeitsmarktforschung, Arbeitspapiere 4/1993, Gelsenkirchen 1993.
  • (Zusammen mit Thomas Widera) Alliierter Bombenkrieg. Das Beispiel Dresden. Vandenhoeck & Ruprecht, Göttingen 2005, ISBN 3-89971-273-0.
  • Hannah Arendt weitergedacht. Ein Symposium. Vandenhoeck & Ruprecht, Göttingen 2008, ISBN 3-525-36913-1.
  • (Zusammen mit Wolfgang Bialas) Ideologie und Moral des Nationalsozialismus. Vandenhoeck & Ruprecht, Göttingen 2014, ISBN 978-3-525-36961-6.

Essays, Gespräche[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Weblinks[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Fußnoten[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  1. Vorstellung seines Forschungsprojektes auf den Seiten des HAIT
  2. a b Leseproben und Reaktionen auf georg-elser-arbeitskreis.de. Abgerufen am 12. Juni 2014.
  3. Die Debatte ist teilweise wiedergegeben in: Uwe Backes/ Eckhard Jesse (Hrsg): Jahrbuch Extremismus und Demokratie, Nomos-Verlag, Baden Baden 2000, S. 95–178
  4. Alan Posener: Das Hannah-Arendt-Institut gehört abgeschafft, in: Die Welt vom 30. November 2010.