Luník IX

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Luník IX
Wappen Karte
Wappen von Luník IX Luník IX in der Slowakei
Basisdaten
Staat: Slowakei
Kraj: Košický kraj
Okres: Košice II
Region: Košice (Region)
Fläche: 1,066 km²
Einwohner: 6.689 (31. Dez. 2020)
Bevölkerungsdichte: 6.275 Einwohner je km²
Höhe: 244 m n.m.
Postleitzahl: 040 11
Telefonvorwahl: 0 55
Geographische Lage: 48° 42′ N, 21° 13′ OKoordinaten: 48° 41′ 51″ N, 21° 13′ 19″ O
Kfz-Kennzeichen: KE
Kód obce: 599972
Struktur
Gemeindeart: Stadtteil
Verwaltung (Stand: November 2018)
Bürgermeister: Marcel Šaňa
Adresse: Miestny úrad Košice-Luník IX
Krčméryho 2
04011 Košice
Statistikinformation auf statistics.sk

Luník IX ist ein Stadtteil von Košice im Osten der Slowakei.

Der Stadtteil wurde in den 1970er Jahren in Plattenbauweise gebaut und war als Wohngebiet für Angehörige der Armee, der Polizei sowie der Roma-Minderheit konzipiert. Nach der politischen Wende 1989/90 und dem Wegzug nahezu aller Einwohner slowakischer Ethnizität entwickelte sich der Stadtteil zu einem ethnischen Ghetto. Ursprünglich für etwa 2000 Einwohner konzipiert, wohnen in Luník IX heute mehr als 6000 Menschen in teils verfallenen Plattenbauten. Hygienische und soziale Missstände wie Arbeitslosigkeit machen ihn zu einem Lehrbeispiel für verfehlte Sozialpolitik während und nach der kommunistischen Ära.

Typisches Plattenbauhaus im Stadtteil

Geschichte[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Das Jahr 1969 markiert den Startpunkt der Siedlung, als das Sozialministerium eine Komisia vlády pre otázky obyvateľov cigánskeho pôvodu (etwa „Regierungskommission zu Fragen von Bürgern zigeunerischer Herkunft“) gründete. Bereits in den 1950er und 1960er Jahren verabschiedete die Regierung der Tschechoslowakei mehrere Gesetze, die vorgeblich den Förderung einer sozialistischen Lebensweise propagierten, jedoch in erster Linie diskriminierend auf Roma abzielte. So wurden alle Bürger zur Sesshaftigkeit gezwungen und viele Roma aus der ländlichen Ostslowakei ins industriell geprägte Böhmen umgesiedelt, um sie zur Arbeit zu zwingen.

Als sogenannte ABC-Siedlung (armáda, bezpečnosť, Cigáni, zu deutsch etwa „Armee, Sicherheit, Zigeuner“) war der Stadtteil als eine Art soziales Experiment vorgesehen, mit der die Volksgruppe der Roma von ihrer traditionellen Lebensweise weg in die sozialistische Gesellschaft eingegliedert werden sollte. Neben Roma wurden auch Angehörige der tschechoslowakischen Armee, der Polizei und weiterer Sicherheitsorgane hier angesiedelt. Das Vorgehen war von der Idee getrieben, dass Roma sich anhand der als vorbildlich geltenden Lebensweise der staatlichen Kader ein Beispiel für „sozialistischen Lebensführung“ nehmen.[1]

Der Bau der Siedlung begann Ende des Jahres 1970, nachdem der als sozialistische Wohnstadt gebaute Stadtteil Západ (in der Anfangszeit auch als Nové Mesto (Neue Stadt) bezeichnet) in allen Ausbaustufen fertiggestellt wurde. Ende 1978 zogen die ersten Bewohner in die Plattenbauten ein. Anfang der 1980er Jahre wurde mit etwa 2.000 Einwohnern die vorgesehene Größe der Einwohnerschaft erreicht. Armeeangehörige zogen jedoch bei weitem nicht so zahlreich in die Siedlung, an ihre Stelle rückten vermehrt Arbeiterfamilien, denen Wohnungen in Luník IX zugewiesen wurden. Zwei Jahre, nachdem 1981 die ersten Mieter einzogen, betrug der Anteil Roma in der Siedlung rund 40 %.

Die Samtene Revolution und die politische Wende in der Tschechoslowakei veränderten das Bild der Siedlung, nun ein selbstständiger Stadtteil von Košice, drastisch. Ein großer Teil der Bevölkerung war nach dem Fall des Kommunismus erstmals von Arbeitslosigkeit betroffen.[1] Zudem wurde im April 1995 seitens der Stadt Košice eine neue Sozialpolitik durchgesetzt: Hausbesetzer und Mieter, die als unzuverlässig eingestuft wurden, wurden zwangsweise nach Luník IX umgesiedelt, während Nicht-Roma-Familien, die zur kommunistischen Zeit in die Siedlung zwangseinquartiert wurden, sich nun für Wohnungen in anderen Stadtteilen bewerben durften. Bis etwa zur Jahrtausendwende stieg der Anteil der Roma-Bevölkerung dadurch auf 100 %.[2]

Namensgebung[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Der ungewöhnliche Name mit römischer Nummerierung leitet sich von den Gebietsbezeichnungen im Ende der 1950er bis Anfang der 1960er neu entstandenen Stadtteil Západ ab. Die zwischen 1958 und 1960 stattfindenden Lunik-Missionen der Sowjetunion waren hierbei Namenspate. In Západ wurden die Wohneinheiten mit den Namen Luník I – VIII bezeichnet, für den sich südlich anschließenden Stadtteil, der später erst gebaut wurde, wählte man daher die Bezeichnung Luník IX.

Soziale Probleme[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Luník IX gilt als negatives Lehrbeispiel der Ghettoisierung von Roma in Ostmitteleuropa. Ab 1987 wurden die in Košice und dessen Vororten lebenden Roma nach Luník IX umgesiedelt. Die in der Trabantenstadt bereits einquartierten Bewohner slowakischer Ethnie verließen den Stadtteil daraufhin innerhalb weniger Jahre wieder, wodurch sich Luník IX zu einem Brennpunkt mit sozioökonomisch schwacher Einwohnerschaft entwickelte.

In Luník IX sind Hepatitis, Kopfläuse, Durchfall, Krätze und Meningitis weit verbreitet.[3] Fast die vollständige Einwohnerschaft ist von Arbeitslosigkeit betroffen.

Infrastruktur[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Sicht auf Luník IX aus der Umgebung

Verkehr[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Die Buslinie 11 (Námestie osloboditeľov–Luník IX) der städtischen Verkehrsbetriebe Dopravný podnik mesta Košice (DPMK) besitzt eine stündlich bis halbstündlich angefahrene Endhaltestelle mit Wendeschleife am Eingang zu Luník IX. An dieser Haltestelle ist der Ein- und Ausstieg nur durch die vordere Tür möglich, um Schwarzfahrten sowie den Zustieg von nicht berechtigten Personen zu vermeiden. Aus demselben Grund wird eine zweite Bushaltestelle (Luník IX rázcestie), die sich noch weiter außerhalb von Luník IX befindet, mittlerweile nur noch zu Schulzeiten angefahren. Die Busfahrer, die auf dieser Strecke eingesetzt werden, erhalten darüber hinaus eine Gefahrenzulage. Begründet wird diese mit häufigen Angriffen aggressiver Fahrgäste.[4][5]

Bildung[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

In Luník IX gibt es einen Kindergarten und eine Grundschule.[6]

Luník IX in den Medien[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Mehrfach war der Stadtteil aufgrund der dortigen sozialen Probleme im Fokus internationaler Medien:

  • 2019 sorgte der britische Vlogger Benjamin Rich-Swift („Bald and Bankrupt“) mit einem Videobeitrag über seinen Besuch von Luník IX für Aufsehen in der Slowakei. Im für Außenstehende als lebensgefährlich geltenden Stadtteil knüpfte er direkten Kontakt zu den Einwohnern und ließ sogar Jugendliche mit seinem Equipment eigene Aufnahmen drehen.[8] Seine Erfahrungen beschrieb er als harmlos, die Zustände jedoch als unmenschlich.[9]
  • Am 14. September 2021 besuchte Papst Franziskus auf seinem Slowakei-Besuch Luník IX. Zu dem Zeitpunkt lebten rund 6.000 Menschen in der Siedlung. Rund 90 Prozent der Bewohner hatten keine Arbeit und lebten von Sozialhilfe und Kindergeld.[10]

Weblinks[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Einzelnachweise[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  1. a b Neue Zürcher Zeitung: Die osteuropäischen Roma als Wende-Verlierer. 18. März 2013, abgerufen am 3. Juni 2021.
  2. Der Spiegel: Europas vergessenes Volk. 3. April 2004, abgerufen am 3. Juni 2021.
  3. http://www.cassovia.sk/lunik9/
  4. Lunik IX chce častejšiu mestskú dopravu
  5. [1]
  6. http://spectator.sme.sk/c/20004796/residents-of-roma-ghetto-to-be-moved.html
  7. ORF Wahlfahrt Europa, Episode 2. Abgerufen am 17. Mai 2021.
  8. Partying In Europe's Biggest Slum Lunik IX. Abgerufen am 8. Juni 2021.
  9. Pozrite sa, ako známy britský YouTuber predstavil svetu košický Luník IX. In: HN Online. 22. Juli 2019, abgerufen am 29. August 2020.
  10. tagesschau.de: Besuch in der Slowakei: Lunik IX hofft auf den Papst. Abgerufen am 14. September 2021.