Lyrikabend am 11. Dezember 1962

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Der Lyrikabend am 11. Dezember 1962 war eine Lesung junger deutschsprachiger Lyrikerinnen und Lyriker, der als der Beginn der Lyrik-Welle in der DDR gilt.

Initiatoren[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Der Lyrikabend wurde auf Initiative des damaligen Sekretärs der Sektion Lyrik der Akademie der Künste der DDR, Stephan Hermlin, unter dem Motto „Junge Lyrik: unbekannt und unveröffentlicht“ im Plenarsaal der Akademie in Ost-Berlin veranstaltet.

Auf die von Stephan Hermlin im Vorfeld geschalteten Zeitungsannoncen u. a. in der Jungen Welt (am 14. November 1962) sowie dem Sonntag (am 28. Oktober 1962 und 18. November 1962) antworteten 144 Lyriker, die insgesamt 1250 Gedichte einsandten. Von diesen Gedichten wurden wiederum 50 für den Vortrag am Abend des 11. Dezember 1962 von Hermlin ausgewählt.[1]

Zeitungsannonce zum Lyrikabend

Der Verlauf des Abends[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Der Abend begann mit dem Abspielen eines Bandes mit Liedern von Wolf Biermann. Danach trug Stephan Hermlin im ersten Teil der Veranstaltung die ausgewählten Gedichte vor. Der zweite Teil war eine Diskussion im Plenum, die sich bis Mitternacht hinzog. Während dieser Diskussion forderte der Mitarbeiter der Kulturkommission beim Politbüro, Erhard Scherner, die anwesenden Lyriker auf, noch weitere eigene Gedichte vorzutragen. Das Publikum war begeistert und es begann eine neue Lesung. Auch Wolf Biermann trug ein kritisches Gedicht vor: „An die alten Genossen“. Dann übte er Kritik am Neuen Deutschland, dem Zentralorgan der SED mit der Bemerkung: „Es ist natürlich schwer, Maßstäbe für Lyrik zu finden, wenn man ständig das „Neue Deutschland“ liest. Was dort an Lyrik veröffentlicht wird, das kann einen nur zum Erbrechen bringen“.[2] Diese Bemerkung und der frenetische Beifall führten zum Eklat: Der anwesende Feuilletonchef des „Neuen Deutschland“, Willi Köhler, meldete sich empört zu Wort: „Das ist eine gelenkte Atmosphäre, die gegen das „Neue Deutschland“ hier geschaffen worden ist. Hier entsteht eine Plattform!“[3] Der Fotokünstler John Heartfield und der Bildhauer Fritz Cremer wiesen diesen Vorwurf vehement zurück. Unter dem Beifall des Publikums griff auch Stephan Hermlin Willi Köhler scharf an: „Ich möchte als Versammlungsleiter in aller Form und ruhig mich schärfstens gegen das wenden, was Sie eben gesagt haben. Ich warne Sie, derartige Dinge in die Welt zu setzen, daß es hier eine gelenkte Diskussion ist. Ich warne Sie. Dieses Argument werde ich nicht noch einmal akzeptieren. Hier findet eine ganz sachliche, ruhige, lebendige, und parteiliche Aussprache statt.“ [4] Es kam zu tumultartigen Szenen, doch dem anwesenden Vertreter des Zentralkomitees, Willi Lewin, gelang es, zu vermitteln. Selbst Willi Köhler nahm daraufhin seinen Vorwurf zurück und versprach, „die Lyrik-Situation im „Neuen Deutschland“ zu verbessern“.

Die Folgen[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Der Lyrikabend gilt als Auslöser der „Lyrikwelle“ der DDR und stellt den Schaffensbeginn einiger der wichtigsten Lyrikerinnen und Lyriker der DDR dar. Doch aufgrund des gesellschaftskritischen Inhaltes vieler an diesem Abend vorgetragener Gedichte (Rainer Kirsch, Wolf Biermann, Bernd Jentzsch, Volker Braun u. a.), erfuhr er ein kontroverses politisches Echo. Während viele Kulturschaffende der DDR ihn als einen literarischen Neubeginn im Gefolge des "Tauwetters" in der Sowjetunion begrüßten, sah sich vor allem die Parteiführung der SED massiv angegriffen. So äußerte sich etwa Kurt Hager, Mitglied des Politbüros: „Der Lyrikabend der Akademie, der auf Initiative und unter Leitung des Genossen Hermlin stattfand, wurde zu Ausfällen gegen das Zentralorgan der Partei mißbraucht und zur Verbreitung von Gedichten, die vom Geist des Pessimismus, der unwissenden Krittelei und der Feindschaft gegenüber der Partei durchdrungen waren.“ [5] Stephan Hermlin stand im Mittelpunkt der Anfeindungen und wurde schließlich im März 1963 gezwungen, sein Amt als Sekretär der Sektion Dichtkunst und Sprachpflege der Deutschen Akademie der Künste niederzulegen, wenig später auch das des Vizepräsidenten des Deutschen Schriftstellerverbandes.

Teilnehmende Dichter[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Helmut Baierl, Kurt Bartsch, Friedemann Berger, Wolf Biermann, Volker Braun, Peter Diezel, Günter Engelmann, Michael Franz, Dieter Frycia, Uwe Greßmann, Diethelm Jaeger, Bernd Jentzsch, Lisa Jobst, Rainer Kirsch, Sarah Kirsch, Hans Peter Leske, Micaela Lübke, Karl Mickel, Klaus Möckel, Joachim Rähmer, Rolf Richter, Axel Schulze, Werner Stock, Erika Stürmer, Frank Tittmann, B. K. Tragelehn, Christof Walther, Günter Wünsche, Hannes Würtz.

Literatur[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  • Alan Ng: The Lyrikabend of 11 December 1962. GDR Poetry's „Geburtsstunde“ as Historiographic Artifact. Madison, WI, USA, 2002 (PDF)
  • Matthias Braun: Kulturinsel und Machtinstrument: die Akademie der Künste, die Partei und die Staatssicherheit, Göttingen: Vandenhoeck & Ruprecht, 2007
  • Joachim Wittkowski: Lyrik in der Presse. Königshausen und Neumann, Würzburg 1991

Presse[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  • Klaus Wagenbach: Unser Leben in feurigen Farben. Die Zeit Nr. 12 vom 22. März 1963
  • Dieter Hildebrandt: Lyrische Besessenheit hinter der Mauer. Frankfurter Allgemeine Zeitung, 16. Januar 1963
  • Günter Zehm: Strafgericht über die Poeten. Das Thema Literatur auf dem VI. Parteitag der SED in Ostberlin. Die Welt, 21. Januar 1963

Weblinks[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Einzelnachweise[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  1. Alan Ng: The Lyrikabend of 11 December 1962 - GDR Poetry's „Geburtsstunde“ as Historiographic Artifact, Madison, WI, USA, 2002.
  2. zitiert nach: Matthias Braun, Kulturinsel und Machtinstrument: die Akademie der Künste, die Partei und die Staatssicherheit, Göttingen: Vandenhoeck & Ruprecht, 2007, S. 163
  3. zitiert nach: Matthias Braun, Kulturinsel und Machtinstrument: die Akademie der Künste, die Partei und die Staatssicherheit, Göttingen: Vandenhoeck & Ruprecht, 2007, S. 163
  4. zitiert nach: "Kommt uns nicht mit Fertigem" Ein Lyrikabend in der Ostberliner Akademie der Künste und seine Folgen (Deutschlandfunk Kultur 2012)
  5. Aus Hagers Rede auf dem VI. Parteitag der SED vom 15. bis 21. Januar 1963.