Mama und Papa

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Der Titel dieses Artikels ist mehrdeutig. Zu anderen Bedeutungen siehe Mama (Begriffsklärung) und Papa (Begriffsklärung).

Mama und Papa sind im Deutschen die gebräuchlichsten Kosewörter für Mutter und Vater und im Allgemeinen die beiden ersten Wörter, die ein Kleinkind erlernt bzw. spricht. Lautlich sehr ähnliche Lallwörter in gleicher Bedeutung finden sich in zahllosen Sprachen weltweit.

Etymologie[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Die Wörter Mama, Papa, Baba, Dada und Tata[1] als Bezeichnung für die Eltern kommen in zahlreichen Sprachen weltweit vor und ändern sich sprachgeschichtlich nicht. [2]. Der Linguist Roman Jakobson hat nachgewiesen, dass diese Ähnlichkeit kein Beweis für die genetische Verwandtschaft ( Schon Friedrich Kluge vermutete, der Laut ma-, mam- sei "als Lautgebärde für "Brust, Mutter" weit verbreitet, so daß Rekonstruktionen im Einzelfall nur bedingten Wert haben können."[3]) dieser Sprachen und auch keine Lautmalerei ist. Phonetisch ist der ungerundete offene Zentralvokal [a] der erste Vokal, den ein Kind artikulieren kann. Der stimmhafte bilabiale Nasal ​[⁠m⁠]​ ist der erste Konsonant, der durch das Verschließen der Lippen entsteht und die bilabialen Plosive P und b, sowie deren alveolare Gegenstücke d und t kommen zustande, nachdem das Kind gelernt hat den Verschluss der Lippen wieder zu öffnen.[4] Die Verdoppelung der Silben ma, pa, ta zu mama, papa, tata wird psycholinguistisch als Affektgemination bezeichnet. Diese ersten Lautfolgen eines Kindes bezeichnen noch nichts, deren Zuordnung zu einer Person ist kulturell bedingt.[5] In einigen Sprachen kann Mama deshalb auch den männlichen Elternteil bezeichnen und Papa den weiblichen.[6] Hingegen sind die deutschen Wörter Mutter und Vater lautgesetzlich aus dem Indogermanischen ableitbar.

„Die Physiologie, die sich in den letzten Jahrzehnten vielfach mit der Beobachtung der ersten Entwickelung des Kindes beschäftigt hat, weist nach, daß bei fast allen Kindern unter den Selbstlautern zuerst a, von den Mitlautern dagegen zuerst b, p und m von dem Kinde gebildet werden, so daß die Silben ba, pa und ma als Lallworte des Kindes gelten müssen. [...] Die Lallworte „Papa“, „Baba“ und auch „Dada“, „Tata“ sowie „Mama“ sind uns so zu sagen von der Natur eingegeben, ihre Beziehung auf Vater und Mutter aber willkürlich festgestellt. So wird z. B. in Georgien „Mama“ für Vater und „Dada“ für Mutter, bei den Tuluva „Amme“ für Vater und „Appe“ für Mutter, in Chilian „Papa“ für Mutter etc. gebraucht. So sind die Worte „Papa“ und „Mama“ weder deutsch noch französisch, sie sind international wie kaum irgend ein anderes Wort auf Erden – allgemein menschlich, kann man fast sagen.“

Adolf Kröner: Papa und Mama. In: Die Gartenlaube Heft 13, 1889[7]

Untersuchungen von Virginia Volterra im Jahre 1979 ergaben, dass der Begriff „Mama“ eher für einen Aufruf oder eine Bitte als für die Mutter steht. Der Ausruf „Papa“ kam dagegen in Situationen vor, die direkt oder indirekt mit dem Vater zu tun hatten. So beispielsweise wenn das Kind auf den Arm genommen werden wollte, was meist der Vater zuvor tat. Auch hier stand das Wort „Papa“ nicht für den Vater. Volterra bestimmte eine zweite Phase, wonach der Begriff „Papa“ nun auch für Vermutungen und Wünsche, die mit dem Vater zu tun haben, verwendet wird, bspw. wenn das Kind denkt, dass der Vater gleich ins Zimmer kommt. In der nächsten Phase wird der Begriff auf den Vater bzw. auf Situationen, die direkt mit ihm in Zusammenhang stehen, konkretisiert. In der letzten Phase verallgemeinert das Kind den Begriff „Papa“, indem es alle erwachsenen Männer so benennt.[8]


Die deutsche Schriftsprache entlehnte die Ausdrücke Mama und Papa indes erst im 17. Jahrhundert aus dem Französischen, zusammen mit einigen weiteren Verwandtschaftsbezeichnungen (Onkel, Tante, Großvater und -mutter, Cousin und Cousine), die seither die älteren germanischstämmigen Entsprechungen (Oheim, Muhme, Vetter, Base) zusehends verdrängt haben und heute im deutschen Wortschatz so weit integriert sind, dass sie kaum mehr als Fremd- oder Lehnwörter wahrgenommen werden.[9][10] Sowohl Aussprache als auch Orthographie wurden dabei etwas eingedeutscht: an die Stelle der dem Deutschen fremden Nasalvokale der frz. maman trat jeweils ein offenes ​[⁠a⁠]​, in der Rechtschreibung wurde folgerichtig das finale n gestrichen (das im Frz. nicht als distinkter Konsonant artikuliert wird, sondern die Nasalisierung des vorangehenden Vokals anzeigt), und sowohl bei der Mama als auch beim Papa wanderte der Wortakzent im Laufe der Zeit von der zweiten auf die erste Silbe oder wurde gänzlich eingeebnet (die Vielfalt der Abstufungen veranschaulicht exemplarisch Heintjes Darbietung von Mama 1967). Zumindest bildungssprachlich war die Betonung im Auslaut zwar die längste Zeit durchaus üblich, wirkt heute aber eher antiquiert, geziert oder bemüht französisierend. Stets endbetont, aber nurmehr in ironischer Rede gebräuchlich, sind die Fügungen „Frau Mama“ und „Herr Papa“, die im 18. und 19. Jahrhundert in vornehmen Haushalten als Anrede in Mode waren.[11]

Ebenfalls um 1700 gelangte der papa aus dem Französischen auch ins Italienische (hier papá geschrieben, da wie im Frz. auslautbetont, und nicht mit dem papa zu verwechseln, also dem Papst) sowie ins Englische. In Italien ist das Wort heute in allen Schichten und Mundarten allgemein gebräuchlich;[12] allein in der Toskana konnte sich dagegen mit babbo ein einheimisches Lallwort behaupten,[13][14] das schon Dante in De vulgari eloquentia (um 1305, dt. Über die Redegewandtheit in der Volkssprache) als typisches Beispiel für Kindersprache nennt, darum aber auch den Wörtern zurechnet, die sich in der ernsten Literatur nicht geziemen; im 33. Canto des Inferno setzt er zwar selbst ein, hier aber gleichsam als Sinnbild für die Schwierigkeit, sich in der oft unzulänglich scheinenden Volkssprache würdig auszudrücken (If 33, 7-9: ‚ché non è impresa da pigliare a gabbo / discriver fondo a tutto l'universo / né da lingua che chiami mamma o babbo‘).[15] Im Englischen konnte sich der papa hingegen nicht gegen die althergebrachten Kosenamen dad/daddy durchsetzen. Besonders im 19. Jahrhundert erfreute er sich zwar einer gewissen Mode, wird aber damals wie heute oftmals als affektierter Manierismus sich besser wähnender Kreise belächelt. So wurde in jüngster Zeit in verschiedenen Medien naserümpfend über einen dahingehenden Trend unter amerikanischen „Hipstern“ berichtet; in Kindertagesstätten von Hipsterhochburgen wie Williamsburg soll bereits gut die Hälfte der Kinder ihre Väter als papa titulieren (Stand: 2016).[16][17]

Literatur[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  • Roman Jakobson: Why 'Mama' and 'Papa'?. In: Bernard Kaplan und Seymour Wapner (Hrsg.): Perspectives in Psychological Theory: Essays in Honor of Heinz Werner. International Universities Press, New York 1960, S. 124–134.
  • Adolf Kröner: Papa und Mama In: Die Gartenlaube Heft 13, 1889

Weblinks[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

 Wiktionary: Mama – Bedeutungserklärungen, Wortherkunft, Synonyme, Übersetzungen
 Wiktionary: Papa – Bedeutungserklärungen, Wortherkunft, Synonyme, Übersetzungen

Einzelnachweise[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  1. https://www.theatlantic.com/international/archive/2015/10/words-mom-dad-similar-languages/409810/
  2. https://www.theatlantic.com/international/archive/2015/10/words-mom-dad-similar-languages/409810/
  3. Friedrich Kluge, bearbeitet von Elmar Seebold: Etymologisches Wörterbuch der deutschen Sprache. 24., durchgesehene und erweiterte Auflage. Walter de Gruyter, Berlin/New York 2001, ISBN 978-3-11-017473-1, DNB 965096742, Stichwort: „Mama“, Seite 593.
  4. https://www.theatlantic.com/international/archive/2015/10/words-mom-dad-similar-languages/409810/
  5. vgl. Dieter E. Zimmer So kommt der Mensch zur Sprache, München, 2008 ISBN 978-3-453-60065-2
  6. https://de.wikisource.org/wiki/Papa_und_Mama
  7. https://de.wikisource.org/wiki/Papa_und_Mama
  8. vgl. Dieter E. Zimmer So kommt der Mensch zur Sprache, München, 2008 ISBN 978-3-453-60065-2
  9. Mama. In: Digitales Wörterbuch der deutschen Sprache des 20. Jahrhunderts (DWDS).
  10. Papa. In: Digitales Wörterbuch der deutschen Sprache des 20. Jahrhunderts (DWDS).
  11. Wie heute das „Hamburger Sie“ vereinen diese Kollokationen in auffälliger Weise zwei inkongruente Sprachregister, die sonst der privaten resp. gesellschaftlichen Sphäre vorbehalten sind, und signalisieren daher widersprüchliche Aussagen zur emotionalen oder sozialen Distanz zwischen Sprecher und Adressat.
  12. Lemma papá im Vocabolorio Online von Treccani.it – L’enciclopedia italiana, gesehen am 6. Dezember 2016.
  13. Lemma babbo im Vocabolorio Online von Treccani.it – L’enciclopedia italiana, gesehen am 6. Dezember 2016.
  14. Norma Alessandri: Festa del papà, la Crusca risponde: ecco perché in Toscana si dice babbo. In: La Nazione vom 17.03.2016.
  15. Lorenzo Tomasin: Lifespan and Linguistic Awareness: The Case of 18th-century Italian Autobiographers. In: Annette Gerstenberg und Anja Voeste (Hrsg.): Language development. The Lifespan Perspective. John Benjamins, Amsterdam 2015, S. 148.
  16. Lizzie Crocker: Hipster Dads Now Want to Be Called ‘Papa’. In: The Daily Beast, 11. November 2016.
  17. ‘Daddy’ not cool: why hipster dads want their kids to call them ‘Papa’. In: The Guardian (Onlineausgabe), 4. Dezember 2016.