Manus (Insel)

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Manus
NASA-Landsat-Bild von Manus
NASA-Landsat-Bild von Manus
Gewässer Bismarcksee
Inselgruppe Admiralitätsinseln
Geographische Lage 2° 5′ S, 146° 56′ O-2.0869444444444146.94027777778720Koordinaten: 2° 5′ S, 146° 56′ O
Manus (Papua-Neuguinea)
Manus
Länge 100 km
Breite 30 km
Fläche 2100 km²
Höchste Erhebung Mount Dremsel
720 m
Einwohner 33.000
16 Einw./km²
Hauptort Lorengau
Topographische Karte der Admiralitätsinseln mit Manus
Topographische Karte der Admiralitätsinseln mit Manus

Manus (auf alten Karten nach dem auf der Insel gelegenen Vulkan auch Taui genannt oder deutsch Große Admiralitätsinsel[1]) ist eine Insel im Norden von Papua-Neuguinea und gehört zur Provinz Manus. Manus ist die größte der Admiralitätsinseln und die fünftgrößte Insel Papua-Neuguineas. Die Insel ist 100 km lang und 30 km breit. Sie ist nahezu komplett mit dichtem Dschungel bewaldet. Der höchste Punkt ist mit 720 m der Mount Dremsel. Auf der Insel leben 33.000 Menschen (1990). Die Hauptstadt der Provinz Manus – Lorengau – befindet sich auf der Insel Manus. Eine Brücke verbindet den Momote Airport auf den vorgelagerten Los-Negros-Inseln mit der Hauptinsel und der Stadt Lorengau.

Noch bis in die 1920er Jahre war das Inselinnere praktisch nur den Einheimischen bekannt.[2]

Bevölkerung und Sprachen[Bearbeiten]

Trotz der relativ geringen Größe besteht auf Manus eine enorme Sprachen- und Völkervielfalt (→ Bevölkerung und Sprachen der Admiralitätsinseln). So werden allein für Manus 21 Sprachen angegeben.[3] Die indigenen Einwohner werden ethnisch zu den Melanesiern gerechnet.

Etwa ein Drittel der Bevölkerung verkauft Fisch oder andere Produkte wie Kopra oder Kakao an Exporteure. Nur etwa 10 % der Bevölkerung gehen anderen Berufen nach und nur 1 % ist selbstständig in vollständiger Erwerbswirtschaft tätig. Die traditionellen Nahrungsquellen werden heute durch importierte Produkte – vor allem Reis, Fischkonserven und Fleisch, Gebäck, Tee, Kaffee, Zucker, Bier, Zigaretten und Tabak – ergänzt. Bis Mitte der 1990er Jahre wurden praktisch alle Gegenstände sowie Häuser und Kanus noch traditionell hergestellt. Seither tauchen verstärkt moderne Gegenstände auf. Das Handwerk erfährt jedoch auch eine Wiederbelebung durch den Verkauf an Touristen.[4]

Kulturen[Bearbeiten]

Kulturell werden gemeinhin drei verschiedene Volksgruppen auf Manus unterschieden:[5] (siehe auch: Kulturen auf den Admiralitätsinseln)

Matakor[Bearbeiten]

Die Matakor (auch Matankor oder Matankol) genannte Gruppe sind Küstenbewohner, die vor allem im Westen, Norden und Osten wohnen. Sie leben von Yamsanbau, der Viehhaltung (Schweine und Hühner), dem Fischfang und der Jagd auf Meeresschildkröten. Sie bewohnen bodenebene Hütten[2] Früher stellten sie Muschelgeld und Obsidianmesser her, die auch für den Tauschhandel produziert wurden. Nach wie vor berühmt sind ihre kunstvollen Holzschnitzereien wie Ahnenfiguren und riesengroße runde Schalen mit spiralig gehaltenen oder mit Figuren verzierten Henkeln. Ihre Vorfahren kamen vermutlich als letzte Gruppe auf die Insel.

Usiai[Bearbeiten]

Die Gruppe der Usiai (auch Uisiai), die früher ausschließlich im gebirgigen Inland wohnten, betreiben ebenfalls Landbau wohnen in bodenebenen Hütten.[2] Ihre Vorfahren waren die ersten Besiedler von Manus, die im Laufe der Jahrhunderte von den Neuankömmlingen ins Landesinnere verdrängt wurden. Auffallend ist ihre geringe Körpergröße. Die Usiai sind bekannt für kunstvolles Flechtwerk, vor allem Körbe, aber auch wasserdicht gemachte Schalen und Kalebassen. Obwohl sie von den Küstenbewohnern früher nicht geachtet wurden, bestand ein reger Warenaustausch zwischen ihnen (→ Tauschsystem „Fisch für Stärke“)

Manus[Bearbeiten]

Die Kultur der rund 4.000 titansprachigen Manus (Sprache der Manus-Untergruppe der Admiralitätsinsel-Sprachen, auch M’bunai, Moanus oder Tito genannt)[6], die an der Südostküste der Insel sowie u. a. auf Baluan, den San-Miguel-Inseln und Rambutyo leben, wurden um 1960 von der US-amerikanischen Ethnologin Margaret Mead untersucht.

Die Manus sind ausschließlich auf den Fischfang spezialisiert und lebten bis zum 2. Weltkrieg auf Pfahlbauten, die in den flachen Lagunen stehen.[7] Andere Nahrungsmittel wurden früher gegen Fisch bei den Nachbarvölkern getauscht.[8] Der persönliche ökonomische Erfolg hat für die Männer einen enorm hohen Stellenwert und bestimmt ihren sozialen Status. Dieses Wettstreben führt nicht selten zu einem ungesunden Arbeitseifer und hatte früher zusammen mit dem permanent empfundenen Konkurrenzdruck oftmals eine deutlich verkürzte Lebenszeit zur Folge. Respekt vor dem Besitz anderer, Schamgefühl und körperliche Ertüchtigung sind daneben die höchsten Wertvorstellungen der Manus-Gesellschaft. Die sittlichen Moralvorstellungen (Sexualität, Ehe, Ordnung, Ehre, Solvenz) sind sehr hoch und erinnern an die Werte im Europa des 19. Jahrhunderts. Eine Ausnahme bilden die Gemeinschaftshäuser der Junggesellen, die ein recht lustiges, prahlerisches und unmoralisches Leben am Rande der Gesellschaft führen – bis sie heiraten. Während des Erwachsenseins wird alle Energie in das Erfolgsstreben gesteckt, so dass persönliche Motive wie Zuneigung und Vorlieben, aber auch Abneigung und Hass keine Rolle spielen. Dieses soziokulturelle System spiegelte sich früher in den Glaubensvorstellungen wider: Man suchte nicht die Harmonie mit der Natur oder der Geisterwelt mit Hilfe spirituell-transzendenter Methoden, sondern versuchte schlicht die Geister durch kleine materielle Opfergaben günstig zu stimmen.[7]

In der Kolonialzeit waren die Manus bei den Europäern gefürchtet, da sie häufig Ansiedlungen und Schiffe überfielen. Im 2. Weltkrieg kämpften viele von ihnen an der Seite der Amerikaner gegen die Japaner. Danach verließen sie die künstlichen Pfahlbauinseln und zogen aufgrund der Kriegseindrücke (Dunkelhäutige Soldaten wurden respektiert, moderne Güter hatten Macht) an die Küste und ins Landesinnere, um dem Prediger Paliau Maloat zu huldigen, der die Ankunft von Gütern aus Amerika versprach, wenn die Menschen ihren Alltag nach amerikanisch-militärischem Vorbild ausrichteten. 1947 zogen die Australier Maloat aus dem Verkehr; die religiöse Neuausrichtung der Anhänger war jedoch nicht mehr rückgängig zu machen.[5] (siehe auch: Cargo-Kult)

„Nichtdestruktiv-aggressive Gesellschaften“[Bearbeiten]

Der Sozialpsychologe Erich Fromm analysierte im Rahmen seiner Arbeit Anatomie der menschlichen Destruktivität anhand ethnographischer Aufzeichnungen 30 vorstaatliche Völker auf ihre Gewaltbereitschaft, darunter auch die Manus. Er ordnete sie abschließend den „Nichtdestruktiv-aggressiven Gesellschaften“ zu, deren Kulturen durch einen Gemeinschaftssinn mit ausgeprägter Individualität (Status, Erfolg, Rivalität), eine zielgerichtete Kindererziehung, reglementierte Umgangsformen, Vorrechte für die Männer, und vor allem männliche Aggressionsneigung – jedoch ohne destruktive Tendenzen (Zerstörungswut, Grausamkeit, Mordgier u. ä.) – gekennzeichnet sind.[7](siehe auch: „Krieg und Frieden“ in vorstaatlichen Gesellschaften)

Wirtschaft[Bearbeiten]

Heute verfügt die Insel über eine florierende Wirtschaft und ein gutes Bildungssystem und hat zahlreiche der führenden Bürger von Papua-Neuguinea hervorgebracht.[9]

Dennoch sind die meisten Insulaner – mit Ausnahme der Bewohner von Lorengau – nach wie vor Fischer und Subsistenzbauern. Die Bewohner der umliegenden Inseln und die Titan-Manus der Südküste tauschten früher #anker Tauschsystem Fisch und Korallenkalk im Landesinnern der Hauptinsel gegen landwirtschaftliche Produkte, wie beispielsweise Sago, Obst und Gemüse. Dieses komplexe Tauschhandels- bzw. Muschelgeldsystem „Fisch für Stärke“ wurde im 2. Weltkrieg derart geschwächt, dass viele Inlandbewohner gezwungen waren, an die Küste zu ziehen, um dort selbst zu fischen und Korallen zu sammeln. Seit etwa 1970 wurde es weitgehend durch moderne Handelsformen ersetzt.[4]

Die Einbindung in die moderne Geldwirtschaft erfolgt durch den lokalen Verkauf von Kokosnüssen, Gemüse, Bananen, Betelnuss, Fisch, Kakao und Früchten. Eine weitere Geldquelle für viele Familien sind die regelmäßigen Überweisungen hochrangiger Politiker Papua-Neuguineas, die überaus oft aus Manus stammen. Als Gegenleistung sorgen die lokalen Gemeinschaften für das soziale und geistige Wohlbefinden der Geldgeber (z. B. Ausrichtung von Ritualen und Festen, Hilfe in Lebenskrisen und bei Krankheiten).[4]

Aufgrund der sprachlichen und kulturellen Unterschiede sind kommunale Projekte, die mehrere Lokalgruppen betreffen, schwierig zu verwirklichen.[4]

Geschichte[Bearbeiten]

Die Insel Manus wurde 1529 vom spanischen Seefahrer und Kaufmann Alvaro de Saavedra für den europäischen Kulturkreis entdeckt und Uray la Grande genannt. Von 1885 bis 1899 gehörte Manus zum Deutschen Schutzgebiet und von 1899 bis 1914 zur Kolonie Deutsch-Neuguinea. In diesem Zeitraum begannen deutsche Bergbaufirmen mit dem Abbau von Phosphaten und anderen Bodenschätzen, erste Handelsposten wurden auf den vorgelagerten Inseln eingerichtet und Völkerkundler nahmen Kontakt zu den Eingeborenen auf. Alle Aktivitäten der Kolonialherren stießen oft auf heftigen Widerstand, der zahlreiche Opfer forderte. Die Europäer ahndeten dies mit ebenfalls gewalttätigen Strafexpeditionen – teilweise unter Mitwirkung von Kriegsschiffen – bei denen hunderte von Einheimischen starben.[5][2]

1914 wurde die Insel von australischen Truppen erobert und nach dem Krieg als Mandat des Völkerbundes von Australien verwaltet. Nach der Eroberung 1942 richtete Japan eine Militärbasis auf Manus ein, die 1944 von den Streitkräften der Vereinigten Staaten erobert wurde. Eine Nachschubbasis der USA für die britische Pazifikflotte existierte bis über das Ende des Krieges hinaus auf der Insel.

Ab 1949 gehörte die Insel Manus zu dem von Australien verwalteten UN-Treuhandgebiet Territorium Papua und Neuguinea. 1950 und 1951 hielt das australische Militär die letzten Prozesse gegen japanische Kriegsverbrecher der Kategorie B und C auf der Insel ab. Diese war als Gerichtsort ausgewählt worden, weil sie der Japan am nächsten liegende Teil australischen Territoriums war. Die japanischen Gefangenen wurden 1953 ins Sugamo-Gefängnis von Tokio überstellt.

Die US-amerikanische Anthropologin und Ethnologin Margaret Mead lebte vor und nach dem Zweiten Weltkrieg auf Manus und lieferte in ihrem Buch Growing up in New Guinea einen detaillierten Forschungsbericht über die Lebensgewohnheiten der Kinder auf Manus und ihr Denken im Vergleich mit dem Denken westlicher Kinder.[10]

Flüchtlingslager[Bearbeiten]

Blick in die „Zeltstadt“ des Manus Island Detention Centre

Seit 1975 ist die Insel Manus Teil des unabhängigen Staates Papua-Neuguinea. 2001 wurde auf Manus die Hafteinrichtung Manus Detention Centre, ein Internierungslager für Asylsuchende, eingerichtet. Dieses Auffanglager war Teil der australischen „Pazifischen Lösung“, eines Konzepts, das Flüchtlinge davon abhalten sollte, australisches Territorium zu betreten. Der letzte Insasse des Lagers war Aladdin Sisalem, der von Juli 2003 an in Einzelhaft auf Manus festgehalten wurde, bis er schließlich 2004 in Australien Asyl erhielt.[11]

Im August 2012 kündigte die australische Ministerpräsidentin Julia Gillard mit der Wiederaufnahme der Ausweisung von Bootsflüchtlingen auch nach Manus eine neuerliche Kehrtwende in der australischen Flüchtlingspolitik an.[12] Laut einer Regierungsangestellten soll das Lager jedoch „völlig ungeeignet für die Unterbringung von Menschen“ sein.[13]

Tourismus[Bearbeiten]

Manus wird von Zeit zu Zeit von Kreuzfahrtschiffen angelaufen.

Literatur[Bearbeiten]

  • Margaret Mead: Jugend und Sexualität in primitiven Gesellschaften. Band 2: Kindheit und Jugend in Neuguinea. 4. Auflage. München 1979, ISBN 3-423-04033-5.

Weblinks[Bearbeiten]

 Commons: Manus (Insel) – Sammlung von Bildern, Videos und Audiodateien

Einzelnachweise[Bearbeiten]

  1. Heinrich Schnee (Hrsg.): Deutsches Koloniallexikon. Band 2: H – O. Quelle & Meyer, Leipzig 1920, S. 501 f.
  2. a b c d Deutsches Kolonial-Lexikon (1920), Band I, S. 12 ff.
  3. Karte ethnologue.com, abgerufen am 01. August 2015.
  4. a b c d James G. Carrier: Manus - Economy. In: Countries and Their Cultures auf everyculture.com, abgerufen am 29. Juli 2015.
  5. a b c Roland u. Miriam Garve: Unter Papuas und Melanesiern. Verlag Neue Literatur, Jena - Quedlinburg - Plauen 2010, ISBN 978-3-940085-37-5. S. 188–190.
  6. Hartmut Motz: Sprachen und Völker der Erde – Linguistisch-ethnographisches Lexikon. 1. Auflage, Band 2, Projekte-Verlag Cornelius, Halle 2007, ISBN 978-3-86634-368-9. S. 228, 234.
  7. a b c Erich Fromm: Anatomie der menschlichen Destruktivität. Aus dem Amerikanischen von Liselotte u. Ernst Mickel, 86. - 100. Tsd. Ausgabe, Rowohlt, Reinbek bei Hamburg 1977, ISBN 3-499-17052-3. S. 191–192, 196–199.
  8. Göran Burenhult (Hrsg.): Illustrierte Geschichte der Menschheit. Band: Naturvölker heute. Bechtermünz, Augsburg 2000, ISBN 3-8289-0745-8 (Original: Traditional Peoples Today, Harpercollins 1994). S. 102.
  9. Tim Flannery: Im Reich der Inseln: Meine Suche nach unentdeckten Arten und andere Abenteuer im Südpazifik. S. Fischer, Frankfurt am Main 2013, ISBN 978-3-10-402515-5. Kap. 6.
  10. Margaret Mead: Jugend und Sexualität in primitiven Gesellschaften. Band 2: Kindheit und Jugend in Neuguinea. 4. Auflage. München 1979, ISBN 3-423-04033-5.
  11. Sarah Stephen: Manus Island's last prisoner denied justice. In: Green Left Weekly. Sydney 22. Oktober 2003, abgerufen 29. Januar 2007.
  12. Australia plans to send refugees offshore for processing. In: The Guardian. 13. August 2012, abgerufen am 14. August 2012.
  13. Umgang mit Bootsflüchtlingen: Das trügerische Vorbild Australien vom 20. April 2015