Margarete von Navarra

aus Wikipedia, der freien Enzyklopädie
(Weitergeleitet von Margarete von Angoulême)
Wechseln zu: Navigation, Suche
Der Titel dieses Artikels ist mehrdeutig. Weitere Bedeutungen sind unter Margarete von Navarra (Begriffsklärung) aufgeführt.
Margarete von Navarra, Gemälde von Jean Clouet, um 1530, Walker Art Gallery, Liverpool

Margarete von Navarra (auch Margarete von Angoulême, französisch Marguerite de Navarre; * 11. April 1492 in Angoulême; † 21. Dezember 1549 in Odos) war die Tochter des Grafen Karl von Angoulême und ältere Schwester König Franz’ I. von Frankreich. Durch Heirat wurde sie 1509 Herzogin von Alençon und 1527 Königin von Navarra. Sie förderte Dichter, Künstler und Gelehrte und war auch selbst Schriftstellerin. Ihr bekanntestes literarisches Werk ist das Heptaméron.

Leben[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Margarete von Navarra mit ihrem Bruder

Margarete stammte aus einer Nebenlinie der französischen Königsfamilie, die durch den Tod von Ludwig XII. ohne männliche Erben zur Hauptlinie wurde (Haus Valois-Angoulême). Sie war Tochter des hochgebildeten Grafen Karl von Angoulême und zwei Jahre ältere Schwester von Franz von Angoulême, der 1515 als Franz I. auf den Thron nachrückte. Selbst hochgebildet wie ihr Vater, wurde sie aus dynastischen Gründen 1509 mit Herzog Karl IV. von Alençon verheiratet. Durch die Thronbesteigung ihres Bruders wurde sie neben ihrer Mutter Luise von Savoyen für eine Weile zur mächtigsten Frau Frankreichs. So reiste sie als Unterhändlerin nach Madrid, um Franz zu befreien, als er dort nach der verlorenen Schlacht von Pavia als Gefangener von Karl V. festgehalten wurde.

1525 wurde sie Witwe und von vielen Fürsten für eine erneute Heirat umworben, unter anderem, wie es heißt, von Karl V. und Heinrich VIII. 1527 ließ sich Margarete, wiederum aus dynastischen Gründen, mit Henri d'Albret verheiraten, König des diesseits der Pyrenäen gelegenen Restes des alten Königreichs Navarra, dessen größerer Teil 1512 von Spanien annektiert worden war. Henri war 11 Jahre jünger als sie und entstammte der gräflichen Dynastie von Foix. Das Paar lebte anfangs überwiegend am französischen Hof, verbrachte aber auch viel Zeit in den südwestfranzösischen Residenzstädtchen Nérac und Pau, wo sie einen eigenen kleinen Hof unterhielten.

Margarete, die sieben Sprachen lesen konnte, betätigte sich nicht nur als Mäzenin, sondern war auch sehr an Glaubensfragen interessiert und sympathisierte mit Luther. Sie förderte und protegierte (und beherbergte auch häufig) Intellektuelle, die ebenfalls der Reformation zugeneigt waren, darunter Clément Marot, Bonaventure des Périers, Jacques Lefèvre d’Étaples, Jean Calvin, Nicolas Denisot, Jacques Peletier, Victor Brodeau, François Rabelais und Étienne Dolet.

Eine Zeitlang hatte sie mäßigenden Einfluss auf ihren Bruder, der die Anliegen der Reformatoren zwar missbilligte, zunächst aber duldete. 1534, nach der Affaire des Placards, musste sie erleben, dass er sich, mehr aus politischen als aus religiösen Erwägungen, entschieden auf die katholische Seite schlug. Margarete selbst wurde aber von ihm geschont; persönlich neigte sie eher zu einem mystischen, undogmatischen Sensualismus als zu streng protestantischen Ansichten.

Ihre letzte Lebensphase verbrachte sie überwiegend in ihrem kleinen Königreich, fern vom Pariser Hof, wo sie u. a. in ihrer Rolle als Beschützerin der oben genannten Protestanten angefeindet wurde.

Sie starb offenbar an einer winterlichen Lungenentzündung.

Margarete hatte von ihrem ersten Gatten keine Kinder, von ihrem zweiten einen Sohn, der noch als Kind starb, und eine Tochter, Jeanne d’Albret, die spätere Mutter von Heinrich IV., dem ersten protestantischen König Frankreichs.

Literarisches Schaffen[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Heute ist Margarete vor allem als Autorin ein Begriff. So publizierte sie 1524 die Versmeditation Dialogue en forme de vision nocturne. 1531 ließ sie drei religiöse Langgedichte drucken unter dem Titel des längsten von ihnen, Le Miroir de l’âme pécheresse (der Spiegel der sündigen Seele). Das Büchlein spiegelt das enorme Interesse, das die von Reformatoren und Anti-Reformatoren polarisierten gebildeten Schichten, nicht zuletzt auch der Adel, theologischen Problemen entgegenbrachten, insbesondere der neuen Frage nach dem Verhältnis des einzelnen Gläubigen zu „seinem“ Gott. Es wurde von der Sorbonne verurteilt.

Ihren literarischen Ruhm erlangte Margarete durch das 1542 begonnene L’Heptaméron, eine Novellensammlung mit Rahmenhandlung, die wie praktisch alle Novellensammlungen der Zeit in der Tradition des Decamerone von Giovanni Boccaccio (um 1350) steht.

Margarete von Navarra

Das wohl per Diktat, zum Teil auf Reisen, entstandene Werk sollte ursprünglich ebenfalls hundert Novellen umfassen, die in der Fiktion an zehn Tagen von zehn Personen (fünf Damen und fünf Herren) erzählt werden sollten; es blieb jedoch unvollendet durch den Tod Margaretes bei Novelle 72. Hauptthema ist, wie in allen Sammlungen dieser Art, die Anziehungskraft der Geschlechter aufeinander und die vielgestaltigen Verwicklungen, die sie zu verursachen pflegt. Neu ist Margaretes Behauptung absoluter Wahrheitstreue des Erzählten und neu auch ihre Idee, ihr Zehnergremium nach jeder Novelle mehr oder weniger ausführlich über deren jeweilige Moral diskutieren zu lassen. Da diese Diskussionen häufig wenig zielstrebig wirken und der Leser den sehr idealistischen Standpunkt der Autorin selbst nicht immer recht erkennt oder nicht nachvollziehen kann, erschienen sie schon jüngeren Zeitgenossen wie Montaigne als etwas aufgesetzt und blutlos.

Das Werk wurde postum 1559 im Auftrag von Margaretes Tochter Jeanne d’Albret im Originaltext und mit dem etwa passenden Titel L’Heptaméron (Das Sieben-Tage-Werk) veröffentlicht, nachdem schon 1558 unter dem Titel Histoires des amants fortunés ein Raubdruck erschienen war, dessen Text im Sinne des gegenreformatorischen Konzils von Trient (1545–1563) theologisch und moralisch „gereinigt“, das heißt mitunter ziemlich verstümmelt worden war.

Noch zu ihren Lebzeiten dagegen erschien eine Sammlung von Gedichten unter dem mit ihrem Namen spielenden Titel Marguerites de la marguerite des princesses (Margariten von der Margarite der Fürstinnen, 1547). Erhalten sind darüber hinaus einige ungedruckt gebliebene Theaterstücke sowie zahlreiche Briefe. Eine Sammlung ebenfalls ungedruckt gebliebener Gedichte erschien 1896 als Les dernières poésies (letzte Dichtungen).

Textausgaben und Übersetzungen[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Gesamtausgabe

  • Marguerite de Navarre: Œuvres complètes, hrsg. von Nicole Cazauran. Honoré Champion, Paris 2001 ff. (kritische Edition). Bisher erschienen:
    • Band 1: Pater Noster et Petit Œuvre dévot, hrsg. von Sabine Lardon, 2001, ISBN 2-7453-0293-0
    • Band 3: Le Triomphe de l’Agneau, hrsg. von Simone de Reyff, 2001, ISBN 2-7453-0576-X
    • Band 4: Théâtre, hrsg. von Geneviève Hasenohr, Olivier Millet, 2002, ISBN 2-7453-0705-3
    • Band 5: L’Histoire des Satyres, et Nymphes de Dyane. Les Quatre Dames et les quatre Gentilzhommes. La Coche, hrsg. von André Gendre, Loris Petris, Simone de Reyff, 2012, ISBN 978-2-7453-2390-3
    • Band 8: Chrétiens et mondains, poèmes épars, hrsg. von Richard Cooper, 2007, ISBN 978-2-7453-1572-4
    • Band 9: La Complainte pour un detenu prisonnier et les Chansons spirituelles, hrsg. von Michèle Clément, 2001, ISBN 2-7453-0294-9
    • Band 10 (in drei Teilbänden): L’Heptaméron, hrsg. von Nicole Cazauran, Sylvie Lefèvre, 2013, ISBN 978-2-7453-2483-2

Ausgaben einzelner Werke

  • Marguerite de Navarre: Chansons Spirituelles, hrsg. von Georges Dottin. Droz, Genève 1971 (kritische Edition)
  • Marguerite de Navarre: Le Miroir de l’âme pécheresse, hrsg. von Renja Salminen. Academia Scientiarum Fennica, Helsinki 1979, ISBN 951-41-0362-9 (kritische Edition mit Kommentar)
  • Marguerite de Navarre: Les prisons, hrsg. von Simone Glasson. Droz, Genève 1978 (kritische Edition mit Kommentar)
  • Marguerite de Navarre: Les Prisons. A French and English Edition, hrsg. von Claire Lynch Wade. Peter Lang, New York 1989, ISBN 0-8204-0802-6 (kritische Edition)

Übersetzung

  • Das Heptameron. Die galanten Geschichten der Königin Margarete von Navarra, übersetzt von Johannes Carstensen. Pawlak, Herrsching 1980

Literatur[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Übersichtsdarstellungen

Biographien

  • Marie Cerati: Marguerite de Navarre. Éditions du Sorbier, Paris 1981, ISBN 2-7320-0011-6
  • Patricia F. Cholakian, Rouben C. Cholakian: Marguerite de Navarre. Mother of the Renaissance. Columbia University Press, New York 2006, ISBN 0-231-13412-6
  • Jean-Luc Déjean: Marguerite de Navarre. Fayard, Paris 1987, ISBN 2-213-01939-8
  • Lucien Febvre: Margarete von Navarra. Eine Königin der Renaissance zwischen Macht, Liebe und Religion. Campus, Frankfurt 1998, ISBN 3-593-35926-X

Allgemeine Untersuchungen

  • Jonathan A. Reid: King’s Sister – Queen of Dissent. Marguerite of Navarre (1492–1549) and her Evangelical Network. 2 Bände, Brill, Leiden/Boston 2009, ISBN 978-90-04-17497-9
  • Barbara Stephenson: The Power and Patronage of Marguerite de Navarre. Ashgate, Aldershot 2004, ISBN 0-7546-0698-8
  • Carol Thysell: The pleasure of discernment. Marguerite de Navarre as Theologian. Oxford University Press, Oxford 2000, ISBN 0-19-513845-7

Allgemeine Aufsatzsammlungen

  • Nicole Cazauran, James Dauphiné (Hrsg.): Marguerite de Navarre 1492–1992. Actes du Colloque international de Pau (1992). Editions Interuniversitaires, Mont-de-Marsan 1995, ISBN 2-87817-051-2
  • Gary Ferguson, Mary B. McKinley (Hrsg.): A Companion to Marguerite de Navarre. Brill, Leiden/Boston 2013, ISBN 978-90-04-22189-5
  • Marcel Tetel (Hrsg.): Les visages et les voix de Marguerite de Navarre. Actes du Colloque International sur Marguerite de Navarre (Duke University) 1–11 avril 1992. Klincksieck, Paris 1995, ISBN 2-252-02969-2

Untersuchungen zum Heptaméron

  • Jules Gelernt: World of Many Loves: The Heptameron of Marguerite de Navarre. The University of North Carolina Press, Chapel Hill 1966
  • Britt-Marie Karlsson: Sagesse divine et folie humaine. Étude sur les structures antithétiques dans l’Heptaméron de Marguerite de Navarre (1492–1549) (= Romanica Gothoburgensia 47). Acta Universitatis Gothoburgensis, Göteborg 2001, ISBN 91-7346-392-2
  • Gisèle Mathieu-Castellani: La conversation conteuse. Les Nouvelles de Marguerite de Navarre. Presses Universitaires de France, Paris 1992, ISBN 2-13-044456-3
  • Judith Perrenoud-Wörner: Rire et sacré: La vision humoristique de la vérité dans l’Heptaméron de Marguerite de Navarre. Slatkine, Genève 2008, ISBN 978-2-05-102055-8
  • Axel Schönberger: Die Darstellung von Lust und Liebe im Heptaméron der Königin Margarete von Navarra. Domus Editoria Europaea, Frankfurt am Main 1993, ISBN 3-927884-30-8
  • Marcel Tetel: Marguerite de Navarre’s Heptameron: Themes, Language, and Structure. Duke University Press, Durham (N. C.) 1973, ISBN 0-8223-0279-9

Aufsatzsammlungen zum Heptaméron

  • Dominique Bertrand (Hrsg.): Lire l’Heptaméron de Marguerite de Navarre. Presses Universitaires Blaise Pascal, Clermont-Ferrand 2005, ISBN 2-84516-300-2
  • Nicole Cazauran: Variétés pour Marguerite de Navarre, 1978–2004. Autour de l’Heptaméron. Champion, Paris 2005, ISBN 2-7453-1336-3 (Sammlung von Aufsätzen der Verfasserin aus dem Zeitraum 1978–2004)
  • John D. Lyons, Mary B. McKinley (Hrsg.): Critical Tales. New Studies of the Heptameron and Early Modern Culture. University of Pennsylvania Press, Philadelphia 1993, ISBN 0-8122-3206-2

Lyrik und Drama

  • Robert D. Cottrell: The Grammar of Silence. A Reading of Marguerite de Navarre’s Poetry. The Catholic University of America Press, Washington (D. C.) 1986, ISBN 0-8132-0615-4
  • Olga Anna Duhl (Hrsg.): Quêtes spirituelles et actualités contemporaines dans le théâtre de Marguerite de Navarre (= Renaissance and Reformation, Band 26, Nr. 4). Canadian Society for Renaissance Studies, Toronto 2002
  • Gary Ferguson: Mirroring Belief: Marguerite de Navarre’s Devotional Poetry. Edinburgh University Press, Edinburgh 1992, ISBN 0-7486-0347-6
  • Claudia Kraus: Der religiöse Lyrismus Margaretes von Navarra. Fink, München 1981, ISBN 3-7705-2007-6
  • Hans Sckommodau: Die religiösen Dichtungen Margaretes von Navarra. Westdeutscher Verlag, Köln/Opladen 1955
  • Paula Sommers: Celestial Ladders: Readings in Marguerite de Navarre’s Poetry of Spiritual Ascent. Droz, Genève 1989

Weblinks[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

 Commons: Margarete von Navarra – Sammlung von Bildern, Videos und Audiodateien
Vorgänger Amt Nachfolger
französische Krondomäne
(Franz I.)
Herzogin von Berry
1517–1549
französische Krondomäne
(Heinrich II.)
Karl IV. Herzogin von Alençon
Gräfin von Le Perche

1525–1549
französische Krondomäne
(Heinrich II.)
Karl IV. Gräfin von Armagnac
Gräfin von Rodez
Gräfin von Fézensac

1525–1549
Heinrich von Albret