Marianne Cohn

aus Wikipedia, der freien Enzyklopädie
Wechseln zu: Navigation, Suche
Dieser Artikel handelt von einer 1944 in Frankreich von Deutschen ermordeten deutschen Widerstandskämpferin. Die 10 Jahre ältere Widerstandskämpferin Marianne Baum, ermordet 1942, hieß mit dem Mädchennamen ebenfalls Marianne Cohn.
Marianne Cohn 1942
Stolperstein am Haus Wulfila Ufer 52, in Berlin-Tempelhof

Marianne Cohn (* 17. September 1922 in Mannheim, Freistaat Baden; † 8. Juli 1944 in Ville-la-Grand, Haute Savoie, Frankreich), alias: Colin, war eine Kinderfürsorgerin und Widerstandskämpferin. Sie wurde ein Opfer des NS-Regimes.

Leben[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Ihr Vater Alfred Cohn (* 1892; † 1954) und ihre Mutter Margarete, geborene Radt, (* 1891; † 1979) wohnten in Mannheim und waren seit dem 22. März 1921 verheiratet. Alfred war ein sehr guter Freund des Schriftstellers Walter Benjamin und mit ihm zusammen zur Schule gegangen. Margarete studierte in München Nationalökonomie und war von 1914-1916 mit Walter Benjamin verlobt gewesen. Bis zu seinem Todesjahr 1940 stand er mit beiden in regelmäßigem Briefwechsel. Marianne Cohn wird am 17. September 1922 geboren, ihre Schwester Lisa (gestorben 1996) am 19. April 1924. 1928 erfolgt der Umzug nach Berlin. In Berlin bewohnte die Familie zusammen ab 1929 eine Vier-Zimmer-Wohnung in der Chausseestraße 35 (heute Mariendorfer Damm 76) in Berlin-Mariendorf. Von Oktober 1932 bis zur Auswanderung der Familie besuchte sie das Lyzeum mit Frauenschule in der Tempelhofer Ringstraße 103–106 (ehemals Dag-Hammarskjöld-Oberschule, heute Johanna-Eck-Schule). Ihr Abgangszeugnis erhielt sie am 28. März 1934 und die nur noch als Untermieter bewohnte Wohnung am Wulfila-Ufer 54 musste zum 31. März 1934 aufgegeben werden, die Reste der wertvollen Wohnungseinrichtung wurden unter dem Druck des dringenden Gelderlöses zu Spottpreisen verkauft. Noch im Frühjahr 1934 erfolgte die Emigration nach Paris und bereits wenige Tage später im April desselben Jahres erfolgte die Weiterfahrt nach Barcelona. 1938 erfolgte die Rückkehr nach Frankreich wegen des Spanischen Bürgerkriegs.

Cohn arbeitete seit 1943 als Kinderfürsorgerin in der zionistischen Jugendorganisation „Mouvement de Jeunesse Sioniste“ (MJS)[1] und war gleichzeitig Mitglied in der jüdischen Widerstandsbewegung Organisation juive de combat (OJC), die ein Teil der Résistance war. Am 31. Mai 1944 versuchte sie, einen Transport von 32 jüdischen Kindern (zwischen drei und 19 Jahren) von Lyon – damals unter deutscher Besatzungsherrschaft – aus in die sichere Schweiz zu bringen. Auf diese Weise sollte die vorgesehene Deportation der Kinder in ein deutsches KZ (zum Zweck ihrer Tötung) verhindert werden. Kurz vor der Grenze scheiterte die Flucht. Cohn und die Kinder wurden ins Gefängnis gebracht. Der Bürgermeister Jean Deffaugt des Ortes Annemasse bot ihr an, ihr allein zur Flucht zu verhelfen, was sie ablehnte, um bei den Kindern zu bleiben. Schließlich wurden die Kinder gerettet, sie selbst aber wurde bei der Befreiung des Ortes am 23. August 1944 tot unter einem Leichenhaufen gefunden. Mit ihr zusammen wurden am 8. Juli noch die ebenso inhaftierten Widerstandskämpfer Marthe-Louise Perrin, Felix-Francois Debore, Julien-Edmond Duparc, Henri-Francois Jaccaz und Paul-Léon Regard unter nicht völlig geklärten Umständen auf brutale, unmenschliche Art und Weise ermordet. Ihr geschändeter und völlig entstellter Leichnam wurde nach Grenoble gebracht, wo ihre Familie wohnte, und dort auf dem Friedhof Cimetière du Grand-Sablon beerdigt.

Die Täter[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Nach dem Veröffentlichen[2] von drei Fotografien[3] im Jahr 2004 durch das Simon Wiesenthal Center im Rahmen der Operation Last Chance wurden die Täter nach ihren Uniformen dem „Polizei-Regiment 19“, späterer[4] Name „SS-Polizei-Regiment 19“ zugerechnet. Als „HSSPF Alpenland“ wurde ihre Truppe von Erwin Rösener als Höherem SS- und Polizeiführer kommandiert und hatte zunächst auf dem Balkan, daher ihr Name, zahlreiche Verbrechen an Zivilisten begangen. Im Mai 1944 wurde das Regiment 19 nach Frankreich verlegt und mordete dort an verschiedenen Orten weiter. Schließlich wurde das Regiment in den Raum Grenoble verlegt, wo seine Männer den Mord an Cohn verübten. Stefan Klemp hatte 2004 die Namen von Alpenland-Mitgliedern in Frankreich der „Zentralstelle im Lande NRW für die Bearbeitung von nationalsozialistischen Massenverbrechen bei der Staatsanwaltschaft Dortmund“ gemeldet, allerdings folgenlos.[5]

Ehrungen[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Posthum wurde Marianne Cohn am 7. November 1945 geehrt, von der Militärregierung Lyon wurde ihr das Kriegskreuz mit silbernem Stern verliehen. In Ville-la-Grand wurde 1956 eine Straße nach ihr benannt und ein Denkmal (auch für fünf andere am selben Tag ermordete Widerstandskämpfer) errichtet.[6] François Mitterrand eröffnete ihr zu Ehren 1982 einen Garten in der israelischen Holocaust-Gedenkstätte Yad Vashem und in Annemasse wurden 1984 eine Vorschule[7] und eine Grundschule[8] nach ihr benannt. An der Oberlandstraße in Berlin-Tempelhof trägt die Marianne-Cohn-Schule, ein sonderpädagogisches Förderzentrum, ihren Namen. An ihrer letzten Wohnadresse Wulfila-Ufer 52 in Tempelhof wurde im Dezember 2007 ein Stolperstein zum Gedenken verlegt.[9] Ein weiterer Stolperstein wurde in ihrer Geburtsstadt Mannheim in der Meerfeldstraße 4a verlegt.[10] Der Gemeinderat der Stadt Mannheim beschloss 2014 eine Straße nach Marianne Cohn zu benennen.[11]

Siehe auch[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Autorin[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  • Verraten werde ich morgen Gedicht von M.C., Nov. 1943, in: Frankreich meines Herzens. Die Résistance in Gedicht und Essay Hg. Irene Selle, Leipzig 1987 ISBN 3-379-00090-6 S. 171; französische und deutsche Fassung siehe Weblinks

Literatur[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  • Ahlrich Meyer: Das Dossier Marianne Cohn. Geschichte einer gescheiterten Ermittlung. In Einsicht, 17. Bulletin des Fritz-Bauer-Instituts. Frühjahr 2017, S. 21 - 25[12]
  • Kurt Schilde: „Geht die Arbeit weiter?“ Marianne Cohn – Sozialarbeiterin in der Résistance, 1922-1944. In: Sabine Hering Hg.: Jüdische Wohlfahrt im Spiegel von Biographien. Schriftenreihe des Arbeitskreises Geschichte der jüdischen Wohlfahrt in Deutschland, 2. Unter Mitarbeit von Sandra Schönauer. Fachhochschulverlag, Frankfurt 2007 ISBN 3936065802 S. 136ff.
  • Kurt Schilde Marianne Cohn - „… dass sie sich absolut nicht für eine Heldin hielt.“ Eine Fluchthelferin aus Deutschland in der Résistance in: Jüdischer Widerstand in Europa (1933-1945): Formen und Facetten (Europäisch-jüdische Studien – Beiträge, Band 27). Herausgegeben von Schoeps, Julius H.; Bingen, Dieter; Botsch, Gideon. Verlag De Gruyter Oldenbourg 2016 ISBN 3110415127
  • Arno Lustiger: Zum Kampf auf Leben und Tod! Das Buch vom Widerstand der Juden 1933 – 1945. Kiepenheuer & Witsch, Köln 1994 ISBN 9783462022926 S. 439ff.; dtv 1997 ISBN 3423300973; Kiepenheuer & Witsch, Köln 2003 ISBN 9783462032093
  • Georg Heuberger: Im Kampf gegen Besatzung und „Endlösung“. Widerstand der Juden in Europa 1939 – 1945. Ausstellung 26. April bis 29. Juli 1995. Jüdisches Museum Frankfurt, 1995 ISBN 3980212580

Weblinks[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

 Commons: Marianne Cohn – Sammlung von Bildern, Videos und Audiodateien

Einzelnachweise[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  1. MJS war zunächst eine Sammelbewegung zur Vorbereitung auf das Leben in Israel in Kibbutzim. Es wurde 1942 in Montpellier gegründet, Initiatoren waren Simon Lévitte (geb. 1912 in Russland), der aus der jüdischen Pfadfinderbewegung, EI, kam, und Dika Jefroykin. Das MJS ging wegen der Judendeportationen sehr schnell in den Untergrund und verlegte sich auf die Judenrettung, besonders von Kindern und Jugendlichen.
  2. Handzettel Simon-Wiesenthal-Center
  3. vermutlich aus dem Erbe eines unbekannten deutschen Beteiligten stammend
  4. seit dem 24. Februar 1943
  5. Monitor, 8. Juni 2004
  6. Ville-la-Grand Gedenkorte Europa 1933-1945
  7. Ecole maternelle Marianne Cohn Annemasse
  8. Ecole Elémentaire Publique Marianne Cohn
  9. Stolperstein für Marianne Cohn
  10. Stolpersteine in Mannheim bisherige Verlegeorte
  11. Beschluss zur Benennung von geplanten öffentlichen Verkehrsflächen im Bebauungsplan Nr. 32.40 „Turley-Areal“
  12. Einsicht 17 Bulletin des Fritz Bauer Instituts zur Straflosigkeit der Mörder; zur 2004 aufgefundenen Fotografie der tödlichen Vergewaltigung Cohns; zu den Bildern mit vier Gesichtern der Täter aus dem SS-Polizeiregiment 19 „Alpenland“