Martin Dornes

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Martin Dornes (* 10. Dezember 1950 in Heidelberg) ist ein deutscher Soziologe, Psychologe und Psychotherapeut.

Martin Dornes

Er ist ein Vertreter der Psychoanalyse. Seine Forschungsschwerpunkte liegen in den Bereichen Entwicklungspsychologie, Sozialisationstheorie, Familienforschung und Eltern-Kind-Beziehung. Dornes gehört zu den gegenwärtig wichtigsten Vertretern der Säuglings- und Kleinkindforschung im deutschsprachigen Raum.

Leben[Bearbeiten]

Studium der Soziologie an der Universität Frankfurt am Main; Diplom 1978, Promotion 1992, Habilitation für Psychoanalytische Psychologie an der Universität Kassel 1996; Privatdozent bis 2005; Ausbildung zum Gruppenpsychotherapeuten (Abschluss 1993); zwischen 1983 und 2002 Tätigkeiten in Psychiatrie, Psychosomatik, Sexualmedizin und Medizinischer Psychologie; von 2002 bis 2014 Mitglied im Leitungsgremium des Frankfurter Instituts für Sozialforschung.

Forschung und Theorie[Bearbeiten]

Martin Dornes kritisiert die traditionelle psychoanalytische Theoriebildung in Bezug auf die frühe Kindheit als zu spekulativ. Er steht dem rekonstruktiven Ansatz innerhalb der Psychoanalyse, der versucht, aus der Erinnerung von Patienten an ihre Kindheit eine Theorie der psychischen Entwicklung abzuleiten, skeptisch gegenüber und plädiert für eine verstärkte Einbeziehung empirischer Forschungsbefunde. Dies führt zu einem veränderten Bild der frühen Kindheit. Psychische Entwicklungen und Fehlentwicklungen werden stärker auf reale frühkindliche Interaktions- und Kommunikationserfahrungen zurückgeführt und weniger auf davon unabhängige oder ihnen vorausgehende phantasiebedingte intrapsychische Konflikte. Zwar werden Beziehungserfahrungen schon von kleinen Kindern immer auch in der Phantasie be- und überarbeitet, aber darüber, ob sie psychisch gesund bleiben oder krank werden, entscheiden in erster Linie gute oder schlechte Erfahrungen mit den Eltern. Diese Auffassung steht der Tradition von René Spitz, John Bowlby, Margaret Mahler und Donald Winnicott nahe und verhält sich kritisch gegenüber Ansätzen wie denen von Melanie Klein oder Wilfred Bion.

In seinen Büchern behandelt Dornes sowohl neuere psychoanalytisch- entwicklungspsychologische Theorien (insbesondere die von Daniel N. Stern und Peter Fonagy) als auch nahezu alle wichtigen Themen der frühkindlichen sozioemotionalen Entwicklung unter Berücksichtigung der empirischen Befundlage aus anderen Disziplinen - z. B. die Aggressionsentwicklung bei kleinen Kindern, die Ursachen und Folgen von Kindesmisshandlung, die Symbiose-, Bindungs- und Mentalisierungstheorie, Konzepte zu Risiko- und Schutzfaktoren für seelische Gesundheit, aber auch sozialpolitisch wichtige Themen wie die Folgen zunehmender nicht-elterlicher Betreuung im frühen Kindesalter oder die familiären Wurzeln von Jugendgewalt.

In seinem Buch über die Modernisierung der Seele stehen nicht mehr entwicklungspsychologische Themen im Vordergrund, sondern familienpsychologische und zeitdiagnostische. Die Leitfrage ist nun zum einen, ob Kinder und Jugendliche unter modernen, liberalisierten Bedingungen des Aufwachsens zunehmend überfordert sind und vermehrt psychisch erkranken; zum anderen, ob Eltern, verunsichert durch die Anforderungen einer enttraditionalisierten und individualisierten Gesellschaft, in der Erziehung ihrer Kinder zunehmend versagen. Im Durchgang durch die gesamte Theorie- und Forschungslage zu den Chancen und Risiken kindlicher Entwicklung unter modernen Bedingungen des Aufwachsens kommt Dornes zu dem Schluss, dass alarmistische Szenarien über den Zustand von Kindheit und Familie unbegründet sind, die überwiegende Mehrheit der Eltern ihrer Erziehungsaufgabe gewachsen ist und die Kinder sich entsprechend gut entwickeln.

Veröffentlichungen[Bearbeiten]

Bücher

  • Der kompetente Säugling. Frankfurt/M (Fischer) 1993 (15. Aufl. 2011)
  • Die frühe Kindheit. Frankfurt/M (Fischer) 1997 (10. Aufl. 2013)
  • Die emotionale Welt des Kindes. Frankfurt/M (Fischer) 2000 (6. Aufl. 2014)
  • Die Seele des Kindes. Frankfurt/M (Fischer) 2006 (4. Aufl. 2013)
  • Die Modernisierung der Seele. Kind-Familie-Gesellschaft. Frankfurt/M (Fischer) 2012 (1. Aufl.)

Aufsätze u. a. (Auswahl)

  • Mentalisierung, psychische Realität und die Genese des Handlungs- und Affektverständnisses in der frühen Kindheit. In: C. Rohde-Dachser und F. Wellendorf (Hrsg.): Inszenierungen des Unmöglichen. Theorie und Therapie schwerer Persönlichkeitsstörungen. Stuttgart (Klett-Cotta) 2004, 297-338 (3. Aufl. Psychosozial Verlag Gießen 2015)
  • Kinder depressiver Eltern. In: WestEnd. Neue Zeitschrift für Sozialforschung, 5. Jg., 2008, Heft 2: 55-77
  • Ambivalenzen moderner Kindheit: Kinder zwischen Freiheit und Verletzlichkeit. In: G. Suess und W. Hammer (Hrsg.): Kinderschutz. Stuttgart (Klett-Cotta) 2010, 46-62
  • Die Modernisierung der Seele. In: Psyche. Zeitschrift für Psychoanalyse und ihre Anwendungen 64, 2010, Heft 11: 995-1033
  • Emotionaler Kapitalismus (Buch-Essay zu A. Hochschild, The Outsourced Self und E. Illouz, Die Errettung der modernen Seele). In: Psyche. Zeitschrift für Psychoanalyse und ihre Anwendungen 65, 2011: 1113-1125
  • Die meisten Menschen sind nicht überfordert. Interview mit Martin Dornes. In: Psychologie Heute 39. Jg., Heft 5, 2012: 30-36
  • Symbiose. In: W. Mertens (Hrsg.): Handbuch psychoanalytischer Grundbegriffe. Stuttgart u. a. (Kohlhammer, 4., überarb. und erw. Aufl. 2014), 916-923
  • Macht der Kapitalismus depressiv? In: Psyche. Zeitschrift für Psychoanalyse und ihre Anwendungen 69, 2015: 115-160

Siehe auch[Bearbeiten]

Weblinks[Bearbeiten]