Symbiose (Psychologie)
Der Begriff Symbiose (griech. syn/sym, zusammen; bios, Leben) stammt ursprünglich aus der Biologie. Dort bezeichnet er das Zusammenleben artverschiedener Organismen, das für beide Partner vorteilhaft ist. Doch weit über die naturwissenschaftliche Basis hat sich die Vorstellung von Symbiose – besonders zwischen Mutter und Kind – in Psychologie, Familientherapie und Pädagogik zeitweise etabliert. Heute wird diskutiert, dass sie oft mit Idealvorstellungen und normativen Implikationen verbunden sei, die nicht durch eindeutige empirische Evidenz belegt werden können. Da unterschiedliche Deutungen und Anwendungen des Begriffs „Symbiose“ existieren, fehlt ein klarer Konsens darüber, was genau gemeint und gefordert wird. In der Kinder- und Jugendpsychiatrie wird „Symbiose“ auch als Ideologie, Scheindiagnose oder Pseudo-Diagnose bezeichnet.[1]
Im Übertrag auf menschliche Beziehungen haftet dem Begriff oft negative Konnotation an. „Symbiotische“ Beziehungen gelten oder galten je nach theoretischem Hintergrund zeitweise als minderwertige, entwicklungshemmende oder geradezu schädigende Lebensform, in der erwachsene Unabhängigkeit und Reife zugunsten der Befriedigung kindlicher Bedürfnisse verfehlt werden. Hingegen ist die Erfüllung der Bedürfnisse von Säuglingen nach Ko-Regulation und Bindung ein Erfordernis für die Entwicklung des Kindes (siehe auch Bindungstheorie).
Der folgende Artikel zeichnet nach, wie sich die Vorstellung von Symbiose ab den 1940er-Jahren entwickelt hat.
Begriffsgeschichte
[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]Erich Fromm (1940er-Jahre)
[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]Erich Fromm führte den Begriff für die Psychoanalyse ein,[2] um ein schädigendes menschliches Beziehungsmuster zu beschreiben. Er definiert die psychologische Symbiose als „Vereinigung eines individuellen Selbst mit einem anderen Selbst (oder mit irgendeiner anderen Macht außerhalb des eigenen Selbst) und zwar auf solche Weise, daß jeder dabei die Integrität seines Selbst verliert und beide in eine völlige Abhängigkeit voneinander geraten.“ (The Escape from Freedom, 1941).[3] Solche Beziehungsmuster werden vor dem allgemeinen soziologischen und sozialpsychologischen Hintergrund des autoritären Charakters als Verfallsform menschlicher Entwicklungsmöglichkeit diskutiert, bei der Isolations- und Ohnmachtserfahrungen des Selbst durch sadistische Herrschafts- und masochistische Unterwerfungstendenzen kompensiert werden sollen. Die Symbiose sei die gemeinsame Absicht der scheinbar gegensätzlichen Haltungen und könne so von der rein destruktiven Haltung, die auf die Vernichtung des Anderen abzielt, abgegrenzt werden.[4]
Die „symbiotische Vereinigung“ (Die Kunst des Liebens, 1956) ist eine regressive Form von Einheit, die ihr Vorbild in der Beziehung der schwangeren Mutter zu ihrem Fötus hat. Diese ursprüngliche Beziehung sucht die symbiotische Form der Liebe wiederherzustellen, indem sich der passiv-masochistische Partner von einem aktiv-sadistischen Anderen einverleiben lässt, der ihn „lenkt, leitet und beschützt.“ Es entsteht eine wechselseitige Abhängigkeit, die zu polarisierten Beziehungsrollen führt. Beide Seiten erstreben eine „Vereinigung ohne Integrität“: „Der Unterschied liegt nur darin, daß der Sadist den anderen kommandiert, ausnutzt, verletzt und demütigt, während der Masochist sich kommandieren, ausnutzen, verletzen und demütigen läßt.“[5]
In „Die Seele des Menschen“ (EA 1964) unterscheidet er die „inzestuöse Symbiose“ von gutartigen Formen der Mutterbindung, deren Wesen von Freud im Dienst seiner Libidotheorie verkannt worden sei. Diese Bindung sei „präödipal“ und nicht Ausdruck einer sexuellen Fixierung, wie es die psychoanalytische Lehre behauptet. Die Sexualisierung dieser Bindung, die als klassischer Ausdruck des Ödipus-Komplexes erscheine, diene tatsächlich der Abwehr einer tieferen Regression auf die ursprüngliche Bindungssehnsucht und der vernichtenden Angst vor Bindungsverlust. In extremer Form sei die inzestuöse Symbiose, neben der Nekrophilie und dem Narzissmus typischer Bestandteil des lebensfeindlichen „Verfallssyndroms“, für das er in der Persönlichkeit Adolf Hitlers das prägnante Beispiel findet.[6]
Rene Spitz und Margaret Mahler (1940er-Jahre)
[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]Im Jahr 1945 beschrieb der österreichisch-amerikanische Psychoanalytiker und Säuglingsforscher René A. Spitz die Mutter-Kind-Beziehung als „Symbiose“. Das symbiotische Verhältnis in der frühen Kindheit löse die vorgeburtliche, „parasitäre“ Beziehung während der Schwangerschaft ab.[7]
Die Psychoanalytikerin und Entwicklungspsychologin Margaret Mahler führte den Begriff der „symbiotischen Psychose“ 1952 ein, um ein pathologisches Verhaltensmuster bei Vorschulkindern (2,5- bis 5-Jährige) zu beschreiben. Diese reagieren mit Panik auf die Wahrnehmung des Abgetrenntseins von der Mutter und suchten wahnhaft die Mutter-Kind-Einheit wiederherzustellen.
Mahler etablierte anschließend ein breitrezipiertes Entwicklungsmodell der frühen Kindheit, das eine „symbiotische Phase“ als Bestandteil der normalen Entwicklung annahm (Die psychische Geburt des Menschen. Symbiose und Individuation, 1975). Sie definierte den Beginn der symbiotischen Phase etwa im zweiten Lebensmonat, innerhalb der oralen Phase. In dieser Zeit ist das Kind körperlich und seelisch von der Mutter abhängig. Es kann noch nicht zwischen Innen und Außen unterscheiden, zwischen sich und Gegenständen, zwischen sich und der Mutter. Es erlebt die Mutter noch als Teil seiner Person, sich als untrennbare, symbiotische Einheit mit ihr. Die Mutter muss sich in die Bedürfnisse des Kindes einfühlen, um für deren Befriedigung sorgen zu können, da sie dem Kind selbst noch nicht bewusst sind. Steht die Mutter dem Kind in der symbiotischen Phase angemessen zur Verfügung, kann es das grundlegende Sicherheitsgefühl und Urvertrauen entwickeln. Diese Beziehung zwischen Mutter und Kind bildet die Grundlage für spätere Beziehungen. Die symbiotische Phase löst sich bei gelungener Entwicklung im 5. bis 6. Monat. Das Kind tritt in die anschließende Phase der Loslösung und Individuation/Selbstwerdung ein, um zu einem eigenen, von der Mutter abgetrennten Individuum zu werden.
Mahler orientierte sich dabei an der Libidotheorie Freuds und der damit verknüpften Vorstellung eines primären Narzissmus. Die symbiotische Phase löse den absoluten Ausgangspunkt eines „objektlosen“, „autistischen“ und „monadischen“ Narzissmus ab, indem nunmehr die frühe Mutter-Kind-Dyade libidinös besetzt werde.[8] Die Symbiose sei der Uranfang erster Objektbesetzung („präobjektales Stadium“ nach Rene Spitz), die ein um die Person der pflegenden Mutter erweitertes „inneres Milieu“ darstelle. Dieses frühe soziale Selbst funktioniere nach außen als Reizschutz nach Vorbild des „purifizierten Lust-Ich“ Freuds, das durch Projektion des Unlustvollen und Introjektion des Guten gekennzeichnet ist: „Das wesentliche Merkmal der Symbiose ist die halluzinatorisch-illusorisch-somatopsychisch-omnipotente Fusion mit der Mutter und insbesondere die illusorische Vorstellung einer gemeinsamen Grenze der beiden in Wirklichkeit getrennten Individuen.“[9] Die Symbiose, betont Mahler, sei eine kontrafaktische, narzisstische Phantasie der Zweieinheit und Verschmolzenheit („Fusion“) mit der Mutter, deren phylogenetische Verankerung sie zugleich zum Kernbestand des Menschlichen und „Urgrund“ aller „späteren menschlichen Beziehungen“ mache. Es handele sich um eine Wiederanknüpfung und nachgeburtliche Fortsetzung des intrauterinen Zustands, deren Charakter in erster Linie von der angeborenen Anpassungsbereitschaft des Säuglings und der interaktiven Kompetenz der Mutter abhänge. Diese frühen Erfahrungen bilden, so Mahler, die individuelle Grundlage für die nachfolgende, durch körperliche Reifungsprozesse bedingte „psychische Geburt“, den „Ausschlüpfungsprozess“ im Loslösungs- und Individuationsprozess. Der theoretische Status der Behauptung einer solchen Phantasie bzw. „Zustands“ sei allerdings prekär, sofern das vorsprachliche Erleben des Säuglings nur rekonstruiert werden könne.[10]
Systemische Familientherapie (1970er- und 1980er-Jahre)
[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]In der frühen systemischen Familientherapie wurden Dynamiken, die psychoanalytisch oft als "symbiotisch" beschrieben wurden, vor allem mit den Konzepten Enmeshment (Verstrickung) und diffusen Grenzen gefasst. Salvador Minuchin prägte 1974 den Begriff Enmeshment, um "überengagierte" Familienbeziehungen zu beschreiben, in denen Grenzen zwischen Subsystemen verschwämmen und individuelle Differenzierung erschwert würde.[11] In vielen Sekundärtexten wird Enmeshment synonym oder inhaltlich nah zu „Symbiose“ gesetzt, auch wenn Minuchin diese Terminologie selbst nicht nutzte. Auch tauchte bei Salvador Minuchin die Idee auf, dass Mütter manchmal Kinder an sich bänden, statt eine Triangulierung (Mutter–Vater–Kind) zuzulassen.[12]
Murray Bowen sprach davon, dass fehlende Differenzierung zu „coalitions“ führe – also Allianzen, in denen ein Elternteil das Kind gegen den anderen einspanne. In einer ähnlichen Auffassung beschrieb Helm Stierlin „Delegationen“: Eltern, die Kindern unbewusst Aufgaben übertragen (z. B. Loyalität gegenüber der Mutter, Abgrenzung vom Vater).[13] Seine These war, dass sich verschiedenste, aus der Psychiatrie bekannte Störungen als Folge oder Ausdruck "entgleister" Delegationsprozesse verstehen ließen, etwa Überforderungen durch elterliche Aufträge, Überforderung durch Auftrags- und Überforderung durch Loyalitätskonflikte. Hinter dem Begriff der Delegation steckt eine der Symbiose ähnelnde Vorstellung, dass das delegierte Kind zwar fortgeschickt werden, aber dem Sender (meist einem Elternteil) verpflichtet bleibe. Es könne in Eltern-Konflikten dazu kommen, dass ein Kind unbewusst beauftragt werde, den anderen Elternteil herabzusetzen oder zu vernichten.[13]
Historischer Kontext
In den 1970er- und 1980er-Jahren erlebte die systemische Familientherapie einen großen Aufschwung. Die Gründe waren vielfältig: zum einen geriet die psychoanalytische Behandlung in die Kritik, mit ungewissen Erkenntnissen zu lange zu dauern. Viele Therapeuten erlebten in ihrer Praxis, dass Symptome im alltäglichen (Familien-)kontext wiederkehrten oder aufrechterhalten wurden, selbst wenn Patienten innerhalb einer Therapie Fortschritte gemacht hatten. Forschergruppen wie die Palo-Alto-Schule (Gregory Bateson, Paul Watzlawick) entwickelten die Kommunikationstheorie und den Double-Bind-Ansatz – Kommunikation in Familien wurde zunehmend als zirkuläres Geschehen verstanden. Salvador Minuchin (strukturelle Familientherapie) und Murray Bowen (Differenzierung des Selbst) brachten Konzepte von Grenzen, Rollen und Triangulation ein. Diese Modelle waren kreativ und neu, praxisnah, anschaulich und gaben Therapeuten neue Werkzeuge, um familiäre Muster sichtbar und veränderbar zu machen. Die 1960er- und 1970er-Jahre waren zudem eine Zeit tiefgreifender gesellschaftlicher Veränderungen. Therapie musste Antworten auf neue familiäre Strukturen geben (Patchwork, Alleinerziehende). Die systemische Sichtweise, die Familie als offenes System im sozialen Umfeld verstand, passte hervorragend zu diesem Klima. Durch die mit der Psychiatrie-Enquête angestrebte Öffnung des psychiatrischen Systems erhielt die neue therapeutische Richtung eine institutionelle Basis (Fördergelder, Modellprojekte, Stellen für Familientherapeuten). Die systemische Sichtweise gewann an Legitimation und wurde ab den 1980er-Jahren in Psychiatrie, Psychotherapie und Jugendhilfe aufgenommen. Gleichzeitig war die professionelle Sicht in dieser Zeit stärker auf Pathogenese ausgerichtet als auf Salutogenese. Familien wurden dahingehend "erforscht" und beschrieben, was sie zur Entstehung oder Aufrechterhaltung von Symptomen beitragen könnten, statt umgekehrt.
Daniel Stern und Martin Dornes (1990er-Jahre)
[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]In der neueren Literatur wird eine Symbiose eher als Abweichung von einer normalen Entwicklung einer Mutter-Kind-Beziehung betrachtet. Die Ergebnisse der Säuglingsforschung, insbesondere von Daniel N. Stern zeigen, dass sich Säuglinge schon sehr früh als selbstständige und von der Mutter getrennte Wesen erleben können. Stern lehnt die Vorstellung einer symbiotischen Verschmelzung, Kennzeichen der Symbiosetheorie Mahlers, zugunsten der beobachteten Fähigkeit des Säuglings zur abgegrenzten Interaktion, dem „Selbst mit Anderen“ ab.[14]
Der Säuglingsforscher Martin Dornes hat im Anschluss das Mahlersche Symbiosekonzept einer ausführlichen Kritik unterworfen. Das von metapsychologische Vorstellungen geprägte Konzept einer „symbiotischen Phase“ halte den empirischen Befunden kaum stand. Es handle sich um eine theorieförmige Spekulation aufgrund vorgefasster Begriffe.[15] Mahlers Konzept beruhe auf drei Bedeutungsaspekten: der Phantasie, der Passivität und der mangelnden Objektivität. Es unterstelle dem Säugling die Fähigkeit zu phantasieren und benehme ihm zugleich die Fähigkeit zu aktiver Interaktion und zur Realitätswahrnehmung. Solche Vorstellungen aber werden durch die empirische Säuglingsforschung nicht bestätigt oder geradezu widerlegt.
Während Dornes das entwicklungspsychologische Symbiose-Konzept Mahlers grundlegend in Frage stellt, bestätigt er den klinischen Nutzen des Begriffs. Die Angst vor einer „symbiotischen Verschmelzung“ sei eine typische Phantasie schwerer gestörter, in Analyse befindlicher Erwachsener. Diese lasse sich jedoch ohne Rückgriff auf das Mahlersche Entwicklungsmodell nach dem Konzept der „symbiotischen Psychose“ als ambivalente „Flucht in die Symbiose“ begreifen. Die Verschmelzungsphantasie beruhige die Angst vor der Wahrnehmung des Getrenntseins und erzeuge gleichzeitig die Angst vor einem Selbstverlust. Sie ist keine „normale“ Entwicklungserscheinung, sondern Ausdruck eines elterlichen Verhaltensmusters, in dem „(...) die Abhängigkeit in frühester Zeit traumatisch und nicht befriedigend erlebt wurde. Eine wesentliche Ursache dafür – und damit für spätere, ambivalente Symbiosephantasien – ist die Tendenz der Eltern, Regungen der Selbständigkeit, die das Kind schon in den frühesten Beziehungen äußert, einzuschränken, als gefährlich zu interpretieren, zu unterbrechen oder mit Ängsten zu erfüllen.“[16]
Sigrid Chamberlain (2000er-Jahre)
[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]Sigrid Chamberlain[17] sieht in der durch die nationalsozialistische Pädagogik empfohlenen Bindungsverweigerung der Mutter, die ein Erlernen von Beziehungsfähigkeit verunmöglicht, eine historische Grundlage für die Ausbildung symbiotischer Beziehungsmuster: Ein solches Kind „[...] wächst auf mit einer tiefen und immer ungestillten Sehnsucht nach Verbundensein, was es nie kennengelernt hat. Diese immer virulente Sehnsucht nach etwas Unbekanntem macht es anfällig für Hörigkeitsverhältnisse und symbiotische Verstrickungen.“ Damit sei zugleich und im Widerspruch zum psychoanalytisch inspirierten Begriff des „autoritären Charakters“ die eigentliche Grundlage des faschistischen Charakters und der Sehnsucht nach einer übermachtigen Führerfigur im Erwachsenenalter offengelegt.[18] Vor dem Hintergrund bindungstheoretischer Einsichten erweisen sich derartige Symbioseneigungen als ideologische Artefakte eines fehlgeleiteten, unnatürlichen Mutter-Kindverhältnisses, wie sie etwa durch die Erziehungsratgeber Johanna Haarers verbreitet und tradiert wurden.[19]
Franz Ruppert (2010er-Jahre)
[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]Eine Symbiose in Partner-Beziehungen zwischen Erwachsenen besteht bei krankhafter Abhängigkeit eines oder beider Partner. Hier ist die frühkindliche Abhängigkeit von der Mutter nicht in einem gesunden Entwicklungsprozess aufgelöst worden, sondern besteht weiterhin oder wird auf den Partner oder andere wichtige Bezugspersonen übertragen. Diese Übertragung kann sich in Form einer Borderline-Persönlichkeitsstörung, Co-Abhängigkeit oder Hörigkeit äußern.[20]
Franz Ruppert unterscheidet in „konstruktive“ und „destruktive Symbiose“. Konstruktive Symbiosen werden als alltägliches Phänomen in gesunden Erwachsenenbeziehungen betrachtet. Zu einem „Symbiosetrauma“ (Ruppert) kommt es, wenn eine traumatisierte Mutter nicht in der Lage ist, den symbiotischen Bedürfnissen des Kindes gerecht zu werden und stattdessen traumatisiertes Erleben an das Kind übermittelt wird.[21]
Mediale Aufmerksamkeit rund um den Symbiosebegriff (2020er-Jahre)
[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]Seit 2022 sind verschiedene diagnostische Begrifflichkeiten in die mediale Öffentlichkeit geraten, verbunden mit einer Kritik an der Kinder- und Jugendpsychiatrie und Jugendhilfe. In den entsprechenden Medienberichten und Fachdebatten[1] geht es häufig auch um einen negativ konnotierten Begriff von Symbiose, der mit Erziehungsunfähigkeit gleichgesetzt wird. Die Kritik bezieht sich auf drei Dinge: erstens wurde in den öffentlich kritisierten Fällen mit Zuschreibungen (wie "Symbiose", PAS oder Bindungsintoleranz) gearbeitet, die wie Diagnosen behandelt wurden, jedoch nicht im ICD10 oder ICD11 enthalten sind. Sie sind häufig weder belegbar noch widerlegbar und beruhen nicht auf Evidenz. Zweitens folgte das Vorgehen von Jugendämtern, Familiengerichten oder Kinder- und Jugendpsychiatern nicht den fachlichen oder gesetzlichen Standards, wie etwa Beteiligungsrechten nach §8a Abs. 1 S. 2 SGB VIII. Drittens wurden die herangezogenen Konzepte als Grundlage für schwerwiegende Entscheidungen herangezogen, die das Kindeswohl, das Sorgerecht von Eltern oder den Aufenthaltsort der Kinder betrafen.[22][23]
Analysen von Wolfgang Hammer
Der Soziologe Wolfgang Hammer hat in einer Analyse[24] 700 Fälle untersucht, in denen „gesunde und sozial gut integrierte Kinder“ gegen ihren Willen von ihren alleinerziehenden Müttern getrennt und teilweise in stationären Jugendhilfeeinrichtungen platziert wurden. Die Analyse bezieht sich auf Rückmeldungen von Betroffenen, die zwischen 2019 und 2021 bei ihm eingegangen waren. In 90 Prozent der untersuchten Fälle wurde das mit einer „zu engen Mutter-Kind-Bindung“ begründet, wofür es der Studie zufolge keine Belege gab. Hinweise auf sexuelle oder gewalttätige Übergriffe seien oft als Falschaussagen der Mütter gewertet und Ärzten von Jugendamtmitarbeitern geraten worden, sich von diesen nicht manipulieren zu lassen. Viele dieser Fälle hätten gemeinsam, dass mit unwissenschaftlichen Begriffen wie „Symbiose“, „PAS“ oder „Bindungsintoleranz“ oder behaupteten (widerlegten) „psychischen Störungen der Mutter“ gearbeitet worden und diese als Grundlage für gerichtliche Entscheidungen herangezogen worden seien. In einer weiteren Analyse werteten Wolfgang Hammer und sein Team 154 familienrechtliche Fälle aus, die lokale, regionale und bundesweite Medien unabhängig voneinander recherchiert haben.[25] Das Follow-Up bestätigte die Ergebnisse der ersten Analyse und arbeitete zudem heraus, dass die in Verfahren von Jugendämtern und Familiengerichten involvierten Fachleute nicht oder nur eingeschränkt über wissenschaftsbasierte Fachkenntnisse verfügen oder diese nicht anwenden.
Diskussion um Michael Winterhoff
Auch in der medialen Auseinandersetzung mit dem Prozess des Kinderpsychiaters Michael Winterhoff geht es unter anderem um die Zuschreibung einer „symbiotischen Eltern-Kind-Beziehung“. Winterhoff wurde zunächst vorgeworfen, 36 Kindern und Jugendlichen das Medikament Pipamperon ohne medizinisch nachvollziehbare Begründung dauerhaft verordnet und Sorgeberechtigte nicht ausreichend über die Nebenwirkungen aufgeklärt zu haben. Später wurden 26 Fälle aus dem Verfahren abgetrennt. Sie sollen zunächst von der Staatsanwaltschaft „ausermittelt“ werden (Stand: 21. September 2025). In der WDR-Dokumentation "Der Kinderpsychiater – die Macht des Dr. Winterhoff" berichten Kinder, Eltern und Fachkräfte von massivem Hinwirken des Kinder- und Jugendpsychiaters auf eine bestimmte Medikation oder Unterbringung in stationären Jugendhilfeeinrichtungen, die nach seinen autoritären Vorstellungen arbeiteten; unter anderem durch das Androhen von Sorgerechtsentzug, was über die Aufgaben eines Arztes weit hinaus geht.[22]
Kritische Einordnung und aktueller Stand
[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]Kritisch anzumerken ist, dass viele der hier beschriebenen Annahmen über "Symbiose" theoretisch entwickelt wurden oder auf klinischen Beobachtungen einzelner Therapeuten oder Fallstudien beruhten. Belastbare empirische Evidenz fehlt weitgehend, etwa bei den früheren systemischen Familientherapeuten. Ihre Theorien sind im historischen Kontext zu betrachten, nicht als "Wahrheit". Dennoch nehmen Fachtexte, Lehrbücher oder auch trainingsorientierte Publikationen bis heute Begrifflichkeiten wie „symbiotisch“ oder „zu enge Bindung“ noch kritiklos auf, ohne auf aktuelle Forschung zu verweisen oder alternative Deutungen einzubeziehen.
Damit besteht bis heute die Gefahr, dass familiäre Reaktionen auf Krisen und Belastungen als pathologisch oder für eine Erkrankung ursächlich missverstanden werden. Was aus einer Außenperspektive wie „Symbiose“ oder „Enmeshment“ wirkt, kann für die Betroffenen ein Schutzmechanismus sein, um sich in einer belasteten Lebenssituation zu stabilisieren. Neuere Ansätze, insbesondere aus der Traumapädagogik und der Psychotraumatologie betonen, dass Nähe, Sicherheit und verlässliche Bindung in belastenden Lebensumständen oft essentielle Anpassungs- bzw. Schutzmechanismen sind. Verhalten, das früher unter Modellen wie „Symbiose“, „Verstrickung“ oder „Enmeshment“ allein als pathologisch interpretiert wurde, wird heute häufig als Reaktion auf Trauma, Unsicherheit oder Verlust verstanden.
Literatur
[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]- Martin Dornes: Symbiose. In: W. Mertens (Hrsg.): Handbuch psychoanalytischer Grundbegriffe. Stuttgart u. a. (Kohlhammer, 4., überarb. und erw. Aufl. 2014), 916–923.
- Margaret S. Mahler, Fred Pine, Anni Bergman: Die psychische Geburt des Menschen. Symbiose und Individuation. Fischer, Frankfurt 1999, ISBN 978-3596267316, (engl. 1975[26]). Zitiert als Mahler, Pine, Bergman (1999).
- Margaret S. Mahler, Hildegard Weller (Übersetzer): Symbiose und Individuation: Psychosen im frühen Kindesalter. 7. Auflage. Klett-Cotta / J. G. Cotta’sche Buchhandlung Nachfolger, Stuttgart 1998, ISBN 3608919619.
- Johanna J. Danis: Symbiose. Edition Psychosymbolik, München 1995, ISBN 978-3-925350-65-8.
- Sigrid Chamberlain: Adolf Hitler, die deutsche Mutter und ihr erstes Kind. Über zwei NS-Erziehungsbücher (= Edition psychosozial). 7. Auflage. Psychosozial-Verlag, Gießen 2020, ISBN 978-3-930096-58-9 (psychosozial-verlag.de).
Weblinks
[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]Einzelnachweise
[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]- ↑ a b Dr. Ulrike Altendorfer-Kling, Dr. Andrea Kliemann, Prof. Dr. Jörg M. Fegert: Fachtermini aus Medizin und Psychologie als Plädierformeln im Recht – PAS und andere Mythen ohne Evidenzbasierung. In: forum familienrecht der Arbeitsgemeinschaft Familienrecht im Deutschen Anwaltsverein. Band 3/2024, 2024.
- ↑ Zur Begriffsgeschichte in der Psychoanalyse vgl. Martin Dornes (1993): Der kompetente Säugling, S. 58
- ↑ Deutsch: Die Furcht vor der Freiheit, in: Erich-Fromm-Gesamtausgabe, Hg. Rainer Funk, Band I, S. 310; vgl. Lexikoneintrag auf Erich Fromm Online
- ↑ Stichwort „Symbiose“ in: Die Furcht vor der Freiheit. Erich Fromm Gesamtausgabe, Hg. Rainer Funk, Band I, online einsehbar auf Google Books
- ↑ Erich Fromm (2000): Die Kunst des Liebens, orig. 1956, S. 29 ff.
- ↑ Erich Fromm: Die Seele des Menschen. Dtv, 4. Auflage 1992, hier Kap. 5: Inzestuöse Bindungen, S. 104–127. Amerik. Erstausgabe: The Heart of Men – Its Genius for Good and Evil, New York (Harper & Row), 1964. Fromm folgt hier der Kritik C.G. Jungs an der Libidotheorie Freuds. Er beruft sich an dieser Stelle nicht auf die Einsichten John Bowlbys und der Bindungstheorie.
- ↑ René A. Spitz, W. Godfrey Cobliner: Vom Säugling zum Kleinkind. Naturgeschichte der Mutter-Kind-Beziehungen im ersten Lebensjahr. Auflage: unveränd. N.-A., Klett-Cotta / J. G. Cotta’sche Buchhandlung Nachfolger; Stuttgart 2005, ISBN 360891823X (englische Erstausgabe: The First Year of Life, 1965). Originalstudie veröffentlicht unter Hospitalism: An Inquiry into the Genesis of Psychiatric Conditions in Early Childhood, in The Psychoanalytic Study of the Child, Bd. 1 (1945), und Hospitalism: A Follow-Up Report, in The Psychoanalytic Study of the Child, Bd. 2 (1946)
- ↑ Vgl. hierzu und dem Folgenden: Mahler, Pine, Bergman (1999), 3. Kap.: Die Vorläufer des Loslösungs- und Individuationsprozesses, S. 59 ff.
- ↑ Mahler, Pine, Bergman (1999), S. 63 f.
- ↑ Mahler, Pine, Bergman (1999), S. 26 ff.
- ↑ Teresa D’Astice & William P. Russell: Enmeshment in Couples and Families. Lebow, J.L., Chambers, A.L., Breunlin, D.C. (eds) Encyclopedia of Couple and Family Therapy. Springer, Cam.
- ↑ Salvador Minuchin: Triangulation – Systemic And Structural Family Theories. Hrsg.: https://family.jrank.org.
- ↑ a b Helm Stirlin: Delegation und Familie. Hrsg.: suhrkamp Taschenbuch. 2001.
- ↑ Martin Dornes: Der kompetente Säugling. Die präverbale Entwicklung des Menschen. Fischer, Frankfurt a. M. 1993, ISBN 978-3-5961-1263-0
- ↑ Martin Dornes (1993): Der kompetente Säugling. Die präverbale Entwicklung des Menschen. Kap. Symbiose, S. 58–78
- ↑ Martin Dornes (1993): Der kompetente Säugling. Die präverbale Entwicklung des Menschen. Kap. Symbiose, S. 76 f.
- ↑ Barbara Tambour: Rezension zu Adolf Hitler, die deutsche Mutter und ihr erstes Kind. In: Psychosozial-Verlag. Psychosozial-Verlag GmbH & Co. KG, Gießen, abgerufen am 10. Februar 2024.
- ↑ Sigrid Chamberlain: Zur frühen Sozialisation in Deutschland zwischen 1934 und 1945, PDF (325 kB), Zitat S. 13 des Dokuments
- ↑ „Ein wirklicher Nationalsozialist ist nicht vorstellbar ohne das Bedürfnis, andere auszugrenzen und auch grausam mit anderen Menschen umzugehen. Ein solches Verhalten ist aber nicht vorstellbar ohne eine grundsätzliche Bindungslosigkeit und ein hohes Maß an Gefühllosigkeit. Und genau darauf, auf Gefühllosigkeit und Bindungslosigkeit, laufen die Ratschläge in dem 1934 von der Ärztin Johanna Haarer verfassten Ratgeber »Die deutsche Mutter und ihr erstes Kind« hinaus. Er ist gewissermaßen eine Anleitung zu Kaltherzigkeit und Beziehungsarmut.“ Interview mit Sigrid Chamberlain auf psychosozial.de
- ↑ Ambros Wehrli: Verhängnisvolle Abhängigkeiten in Beziehungen. 1. Auflage. Books on Demand GmbH, Norderstedt 2008, ISBN 978-3-8334-8658-6
- ↑ Franz Ruppert (2010): Symbiose und Autonomie, Göttingen (Klett-Cotta), ISBN 978-3-608-89160-7
- ↑ a b ARD: Der Kinderpsychiater – die Macht des Dr. Winterhoff. 2025.
- ↑ NDR Fernsehen – Panorama: Zu enge Mutter-Kind-Bindung? Staat nimmt Kinder weg. 2022.
- ↑ Wolfgang Hammer: Familienrecht in Deutschland. Eine Bestandsaufnahme. Hrsg.: www.familienrecht-in-deutschland.de [abgerufen am 25.03.2024]. 2022.
- ↑ Wolfgang Hammer: Macht und Kontrolle in familienrechtlichen Verfahren in Deutschland. Hrsg.: www.familienrecht-in-deutschland.de. 2024.
- ↑ Erinnerungen an Anni Bergman. In: Psychosozial-Verlag. Abgerufen am 10. Februar 2024.