Martin Stephan (Geistlicher)

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Martin Stephan (* 13. August 1777 in Stramberg bei Neutitschein, Mähren; † 26. Februar 1846 in Prairie, Randolph County, Illinois)[1] war ein deutsch-amerikanischer Geistlicher. Er war der charismatische Führer der sächsischen Auswandererbewegung und hatte damit direkten Einfluss auf die Entstehung der Lutheran Church – Missouri Synod.

Martin Stephan

Leben[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Martin Stephan wurde als Sohn römisch-katholischer Eltern geboren. Vor seinem Studium der Theologie arbeitete er als Leineweber. 1797 schloss er sich in Breslau einem Zweigverein der pietistischen Deutschen Christentumsgesellschaft an.

Er studierte von 1804 bis 1809 in Halle (Saale) und Leipzig Theologie, bekleidete eine Pfarrstelle im böhmischen Haber (Habřina) und wurde 1810 zum Prediger der böhmischen Exulanten-Gemeinde in Dresden und somit an die dortige Johanniskirche berufen.

In seinen Predigten kritisierte er sowohl die moderne, liberale Theologie seiner Zeit, die er als ungläubig bezeichnete, als auch den Pietismus, der ihm zu weich erschien. Seine Predigten konzentrierten sich überwiegend auf die Themen „Erbsünde“ und „Christi Versöhnungstod“. Zudem vertrat Stephan eine antiökumenische Theologie, indem er betonte, dass es außerhalb der sichtbaren lutherischen Kirche kein Heil gäbe.

Zugleich ordnete er die Gemeinde streng hierarchisch mit dem Pfarrer an der Spitze. Für seine Überzeugungen nahm er bald eine Art Unfehlbarkeit in Anspruch. Manche seiner Anhänger sahen in dem von ihm herausgegebenen Predigtband eine Art Bekenntnisschrift. Während seiner Zeit an der St. Johanniskirche sammelte er eine Personalgemeinde von „Erweckten“, die in der Öffentlichkeit als Stephanianer bezeichnet wurden. Zu den über tausend Hörern, die sich zu seinen Gottesdiensten versammelten, zählte auch der sächsische Staatsminister Detlev von Einsiedel.

Die sichtbare lutherische Kirche verkündete er für allein seligmachend, außer der es kein Heil geben könne. Sein Predigeramt sah er als Gnadenmittel, ohne das es keinen Glauben und keine Seligkeit gäbe, und ihm allein stehe das Kirchenregiment zu. Damit stellte er sich selbst an die Spitze der Gemeinde. Seine Anhänger manipulierte er dahingehend, dass sie als eine in sich geschlossene Personalgemeinde nur noch seinen Rat zu befolgen hätten und geschlossene Gesellschaften bilden sollten, zu denen auch die Frauen und Töchter zugehörten. Zunehmend begann er, mit seinen engsten Vertrauten Versammlungen zu Zwecken der Erbauung und Andacht, nicht mehr nur in der Kirche, abzuhalten, sondern als private religiöse Zusammenkünfte an unterschiedlichen Orten. Mit diesem Konventikel-Wesen entzog er sich kirchlicher Kontrolle. Er verfolgt damit die Loslösung bzw. Abspaltung von der Kirche, die er als Institution nicht mehr anerkannte. Um sich der Kontrolle zu entziehen, wurden die Konventikel auch an Abenden und bis weit in die Nacht im Freien abgehalten. Vorerst wurde sein Treiben zwar von den weltlichen und kirchlichen Behörden beobachtet, aber man ließ ihn gewähren. Erst als sein persönlicher Lebenswandel in das Visier seiner Gegner kam, die Zeitungen die Gerüchte über seltsame Erbauungsstunden, nächtliche Zusammenkünfte, Umzüge und Wanderungen und seine „Wald- und Gartenbruder-Lucubrationen“ (nächtliche Studien) veröffentlichte, wurde die weltliche Obrigkeit aufmerksam und sah sich genötigt, einzugreifen. 1836 wurden die Zusammenkünfte der Anhänger Stephans verboten. Er selbst wurde unter polizeiliche Kontrolle gestellt.

Martin Stephan geriet auch in den Verdacht der Unzucht. Am 8. November 1837 verhaftete ihn die Polizei während einer dieser Zusammenkünfte in einem Weinberg in den Welzigbergen, die zur Staatsdomäne Hoflößnitz gehörten. Bereits einen Tag später wurde er von der Kirchenleitung Sachsens suspendiert. Wegen Spendenveruntreuung und Unzucht, aber auch wegen der Tatsache, dass bei vielen dieser Zusammenkunft Frauen anwesend und Betten aufgestellt waren, wurde Stephan angeklagt und unter Hausarrest gestellt. Der Prozess wurde erst am 25. Oktober 1838 durch Königliche Abolition (Einstellung des Verfahrens) niedergeschlagen. [2] Gleichzeitig wurde ihm die Ausreise gestattet. Stephan reiste am 30. Oktober 1838 mit seinem ältesten Sohn Martin aus Dresden ab und folgte seinen bereits vorher nach Bremen gereisten Anhängern. Er ließ seine Ehefrau und seine weiteren 7 Kinder in Dresden zurück.

Am 18. November 1838 reiste Stephan auf dem vorletzten Schiff Olbers[3] von Bremen nach New Orleans. Unter den Auswanderern waren sechs Pfarrer (u. a. Ernst Keyl und Carl Ferdinand Wilhelm Walther), vier Lehrer und zehn Kandidaten der Theologie. Auch der Archivar Karl Eduard Vehse war darunter.

Während der Überfahrt des aus insgesamt 5 Schiffen bestehenden Konvois, bei der das zuletzt abgelegte Schiff „Amalia“ sank, ließ sich Martin Stephan zum Bischof der „Apostolisch-lutherischen Episkopalkirche zu Stephansburg“ ausrufen und verlangte von seinen Anhängern absoluten Gehorsam. Nach der Ankunft in New Orleans und der Weiterreise nach Perry County (Missouri), ca. 100 km südlich von St. Louis, stellte sich heraus, dass Martin Stephan die ihm anvertrauten Spendengelder und Ersparnisse der Auswanderer veruntreut und Frauen missbraucht haben soll.

Nach einem Prozess durch eine Gemeindeversammlung wurde Stephan abgesetzt und aus der Gemeinde ausgeschlossen. Die um ihre Ersparnisse gebrachten Auswanderer schickten ihn mittellos über den Mississippi River und setzten ihn am östlichen Ufer aus. In Red Bud (Illinois) im Randolph County gründete er die Trinity Church, in der er bis zu seinem Tod als Pfarrer tätig war. In einem Wiederaufnahmeverfahren Jahre später wurde das Urteil der Absetzung Stephans für ungültig erklärt.

Pfarrer C. F. W. Walther übernahm in dieser Krise die Leitung der Gemeinde und konnte durch die Betonung der Unfehlbarkeit der Heiligen Schrift, in deren Mittelpunkt Gottes Gesetz und das Evangelium steht, das Auseinanderbrechen der Auswanderergemeinde verhindern.

Aus der Gemeinde der Stephan-Anhänger ging die Lutheran Church - Missouri Synod hervor, die heute über zwei Millionen Mitglieder zählt. Zahlreiche sakrale Gegenstände, einschließlich eines silbernen Kelches aus der Hand des Kurfürsten Johann Georg I. von Sachsen, die Stephan der Dresdner Exulanten-Gemeinde gestohlen hatte, sind heute im Concordia Historical Institute der Missouri-Synode in St. Louis ausgestellt.

Werke[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  • Der christliche Glaube, in einem vollständigen Jahrgang. Predigten des Kirchenjahres 1824, über die gewöhnlichen Sonn- und Feiertagsevangelien. Gehalten in der St. Johanniskirche zu Dresden, 2 Theile, Dresden 1825/26.

Literatur[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  • Ludwig Fischer: Das falsche Märtyrertum oder die Wahrheit in der Sache der Stephanianer. Leipzig 1839.
  • Ferdinand Warner: Die neuesten Auswanderer nach Amerika. Leipzig 1839.
  • Georg Pleißner: Die kirchlichen Fanatiker im Muldental. Altenburg 1839.
  • Paul Wieland Lütkemüller: Lehren und Umtriebe der Stephanisten. Altenburg 1839.
  • Carl Eduard Vehse: Die Stephansche Auswanderung nach Amerika. Dresden 1840. Digitalisat SLUB Dresden
  • J. F. Köstering: Die Auswanderung der sächsischen Lutheraner im Jahr 1838. St. Louis 1867.
  • Constantin von Wurzbach: Stephan, Martin. In: Biographisches Lexikon des Kaiserthums Oesterreich. 37. Theil. Kaiserlich-königliche Hof- und Staatsdruckerei, Wien 1878, S. 295–299 (Digitalisat).
  • Paul Tschackert: Stephan, Martin. In: Allgemeine Deutsche Biographie (ADB). Band 36, Duncker & Humblot, Leipzig 1893, S. 85–87.
  • Karl Hennig: Die sächsische Erweckungsbewegung am Anfang des 19. Jahrhunderts. Dissertation, Leipzig 1929.
  • Karl Hennig: Die Auswanderung Martin Stephans. In: Zeitschrift für Kirchengeschichte. Band 58, 1939, S. 142–166.
  • W. O. Forster: Zion on the Mississippi. The Settlement of the Saxon Lutherans in Missouri 1839–1841. St. Loius 1953.
  • Edison Shrum: Wittenberg, Missouri 1839–1984. In: Concordia Historical Institute Quarterly. Band 58, 1985, S. 174–182.
  • Oliver K. Olson: The Landing of the Saxons 1839–1989. In: Lutheran Quarterly. Band 3, 1989, S. 357–411.
  • David John Zersen: C. F. W. Walther and the Heritage of Pietist Conventicles. In: Concordia Historical Institute Quarterly. Band 62, 1989, S. 10–25.
  • Renate Schönfuß-Krause: Ein Sachse wurde zum „Luther Amerikas“ - Auswanderung von 665 sächsischen Lutheranern aus Dresden nach Nordamerika. In: „die Radeberger“ Nr.43 vom 27. Oktober 2017; Archiv „die Radeberger“, Ausg. 43/2017 (PDF) abgerufen am 27. Oktober 2017.
  • Renate Schönfuß-Krause: Spuk im Rödertal oder die Rettung armer Seelen aus (vor) dem Fegefeuer…. In: die radeberger, Ausg. 44 bis 48/2016 (Digitalisat).
  • Paul H. Burgdorf: Pastor Martin Stephan's Published Sermons on The Christian Faith. In: Concordia Historical Institute Quarterly. Band 63, 1990, S. 91–96.
  • Religion in Geschichte und Gegenwart. 3. Auflage, Band 6, S. 357 f.
  • Thomas K. KuhnStephan, Martin. In: Biographisch-Bibliographisches Kirchenlexikon (BBKL). Band 10, Bautz, Herzberg 1995, ISBN 3-88309-062-X, Sp. 1402–1403.
  • K. Schwarz: Stephan Martin. In: Österreichisches Biographisches Lexikon 1815–1950 (ÖBL). Band 13, Verlag der Österreichischen Akademie der Wissenschaften, Wien 2007–2010, ISBN 978-3-7001-6963-5, S. 212 f. (Direktlinks auf S. 212, S. 213).

Weblinks[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Einzelnachweise[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  1. Grabmal auf dem Trinity Lutheran Church Cemetery, Red Bud, Randolph County, Illinois, USA
  2. ADB:Stephan, Martin Artikel „Stephan, Martin“ von Paul Tschackert in: Allgemeine Deutsche Biographie, herausgegeben von der Historischen Kommission bei der Bayerischen Akademie der Wissenschaften, Band 36 (1893), S. 85–87, Digitale Volltext-Ausgabe in Wikisource (Version vom 27. November 2016, 12:48 Uhr UTC)
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