Maskulinismus

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Maskulinismus ist eine Ideologie naturbedingter männlicher Überlegenheit oder des Androzentrismus, welche sich in Männerbünden und antifeministischen Bewegungen artikuliert.[1] Eine Kernthese des Maskulinismus lautet, dass Männer von Müttern und Frauen unterdrückt werden und sich auf ihre Männlichkeit zurückbesinnen sollten.[2][3] Eine alternative Bedeutung von Maskulinismus ist das Eintreten für die Rechte und Bedürfnisse von Männern.[4][5][6]

Gelegentlich wird der Begriff Maskulismus als Synonym für Maskulinismus verwendet;[7] jedoch unterscheiden andere Autoren strikt zwischen den beiden Begriffen.[8][9][10]

In den Vereinigten Staaten entstanden im späten 19. und frühen 20. Jahrhundert maskulinistische Männer- und Väterrechtsgruppen als Reaktion auf den Feminismus.[11] Antifeministische Gruppierungen seit den 1970er Jahren, die Rechte und Bedürfnisse proklamieren, die sie als männertypisch betrachten, verwenden für ihre Bewegung den abgewandelten Begriff Maskulismus oder Männerrechtsbewegung.[5][9][12]

Begriffsgeschichte[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Laut dem Oxford English Dictionary wurde der Begriff masculinism (dt.: Maskulinismus) zum ersten Mal im Jahr 1911 in einem Aufsatz in der Zeitschrift The Freewoman verwendet.[13] Im Merriam Webster wurde das englische Wort masculinist (dt.: Maskulinist, maskulinistisch) erstmals 1918 aufgezeichnet.[14] Den englischen Ausdruck masculist (dt.: Maskulist) prägte und popularisierte Charlotte Perkins Gilman schon zu Beginn des 20. Jahrhunderts. Als maskulistisch charakterisierte sie misogyne Männer, wie den Autor Otto Weininger, das androzentrische politische und kulturelle Handeln von Männern und deren Widerstand gegen das Frauenwahlrecht als Maskulismus. 1914 betitelte sie eine Vortragsreihe Studies in Masculism, in der sie den Ersten Weltkrieg als „masculism at its worst“ verdammte.[15]

Als Maskulinismus beschreibt Michael Kimmel eine der „antifeministischen Antworten“ amerikanischer Männer auf die erstarkende Frauenbewegung und die Erosion der traditionellen Geschlechterrollen gegen Ende des 19. und zum Beginn des 20. Jahrhunderts. Die Maskulinisten dieser Strömung des Antifeminismus opponierten gegen eine angenommene Verweiblichung der amerikanischen Kultur und wollten reine Männer-Bereiche und -Institutionen („purified pockets of virility“) schaffen, in denen Jungen zu der Manneskraft und Härte erzogen werden sollten, die ihrem Geschlecht gemäß seien.[16]

Begrifflichkeiten seit den 1970er Jahren[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Der amerikanische Soziologe Arthur Brittan definiert Maskulinismus als die „Ideologie des Patriarchates“, die männliche Dominanz naturalisiere und legitimiere.[17][18] Diese Überzeugung wird von einem Teil der Vertreter der Männerrechtsbewegung („men’s rights movement“) vertreten;[19][20] einige Männerrechtler bezeichnen sich selbst als Maskulinisten[21] oder werden so betitelt.[19] Michael Meuser untersuchte Maskulinismus als dezidiert antifeministischen Diskurs in der deutschsprachigen Männerliteratur seit Ende der 1980er Jahre, in der „in einer Umdeutung feministischer Thesen Männer als das unterdrückte Geschlecht bezeichnet werden, in dem Bestreben die Fraglosigkeit dominanter Muster von Männlichkeit wiederherzustellen“.[22]

Eine Untersuchung des Wortes „Maskulinismus“ im englisch- und französischsprachigen Raum hat ergeben, dass der Begriff auf Englisch (masculinism) sich üblicherweise auf eine patriarchale Ideologie oder eine androzentrische Sichtweise bezieht. Auf Französisch (masculinisme) wird das Wort seit den 1990er Jahren vornehmlich für antifeministische Trends verwendet. Antifeministen sind sich selbst nicht einig, wie sie sich bezeichnen sollen, und schwanken zwischen den Wörtern „Maskulinist“ (masculinist), „Maskulist“ (masculist), „Hominist“ und „Aktivist für die Rechte von Männern“ oder „von Vätern“.[8]

Analog zum Begriff Feminismus bezeichnen Männerrechtler wie Ferrell Christensen eine politische Anschauung, die davon ausgeht, dass (auch) Männer diskriminiert würden und diese Diskriminierung beseitigt werden müsse, als Maskulismus.[9] Daniel Boyarin argumentiert dagegen, dass der Ausdruck Maskulismus aufgrund seiner terminologischen Ähnlichkeit zu Feminismus problematisch sei, da Maskulismus historisch ein Projekt männlicher Dominanz über Frauen sei, wohingegen Feminismus nicht das Ziel einer weiblichen Dominanz über Männer verfolge.[23] Daniel Boyarin verwendet also „Maskulismus“, im Zusammenhang mit der traditionellen Lesart der Bibel, als Begriff für traditionelle Männlichkeitsideologie, und nicht als Begriff für die spezielle (jüngere) politische Strömung der Männerrechtsbewegung.

Literatur[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  • Mellisa Blais, Francis Dupuis-Déri: Masculinism and the Antifeminist Countermovement. In: Social Movement Studies. 11. Jg., Nr. 1, 2012, S. 1–19, doi:10.1080/14742837.2012.640532.
  • Arthur Brittan: Masculinity and Power. Basil Blackwell, Oxford / New York 1989, ISBN 978-0-631-14166-2.
  • Michael Meuser: Maskulinismus: Die Rückbesinnung auf die gefährliche Männerherrlichkeit. In: Geschlecht und Männlichkeit: Soziologische Theorie und kulturelle Deutungsmuster. VS Verlag für Sozialwissenschaften / Springer Fachmedien Wiesbaden, Wiesbaden 2010, ISBN 978-3-531-17169-2, S. 148–155 (zugl. leicht überarb. Version von: Univ. Bremen, Habil.-Schr., 1997; eingeschränkte Vorschau bei Google Books).
  • Robert Claus: Maskulismus. Friedrich-Ebert-Stiftung, Berlin 2014, ISBN 978-3-86498-827-1 (Volltext pdf).

Forschungsliteratur über den homosexuellen Maskulinismus in Deutschland Ende des 19., Anfang des 20. Jahrhunderts

  • Claudia Bruns: Die Maskulinisten: „Ihr Männer, seid Männer!“ In: dies.: Politik des Eros. Der Männerbund in Wissenschaft, Politik und Jugendkultur (1880–1934), Böhlau Verlag, Köln/Weimar/Wien 2008, ISBN 978-3-412-14806-5, S. 134ff.
  • Andrew Hewitt: Die Philosophie des Maskulinismus. In: Zeitschrift für Germanistik, Neue Folge 1, Jg. 1999, S. 36–56 (jstor).

Einzelnachweise[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

 Commons: Masculism – Sammlung von Bildern, Videos und Audiodateien
  1. Vgl. bspw:
    • masculinist, n. Merriam-Webster Dictionary, abgerufen am 16. Februar 2016.
    • Melissa Blais und Francis Dupuis-Déri: Masculinism and the Antifeminist Countermovement. In: Social Movement Studies. 11, Nr. 1, 2011, S. 21–39. doi:10.1080/14742837.2012.640532.
    • David H. Kahl: Analyzing Masculinist Movements: Responding to Antifeminism through Critical Communication Pedagogy. In: Communication Teacher. 29, Nr. 1, 2015, S. 21–26. doi:10.1080/17404622.2014.985600.
    • Francis Dupuis-Déri: Le «masculinisme»: une histoire politique du mot (en anglais et en français). In: Recherches féministes. 22, Nr. 2, 2009, S. 97–123.
    • Arthur Brittan: Masculinity and Power. Basil Blackwell, Oxford / New York 1989, ISBN 0-631-14166-9, S. 4.
    • Sheila Ruth: Issues in Feminism: An Introduction to Women’s Studies. Mayfield, Mountain View, CA 2001, ISBN 978-0-87484-937-0, S. 61: “Masculism (sometimes called androcentrism) is the elevation of the masculine, conceptually and physically, to the level of the universal and ideal.”
    • Marion Löffler: Geschlechterpolitische Strategien: Transformationen von Staatlichkeit als politisch gestaltbarer Prozess. Campus Verlag, Frankfurt/Main 2012, ISBN 978-3-593-39658-3, S. 64 f.
    • masculinism, n. Oxford English Dictionary Online (3. Ausgabe). Oxford University Press, 2000: “masculinism, n. Advocacy of the rights of men; adherence to or promotion of opinions, values, etc., regarded as typical of men; (more generally) anti-feminism, machismo”.
  2. Michael Meuser: 6.2 Maskulinismus: Die Rückbesinnung auf die gefährliche Männerherrlichkeit. In: Geschlecht und Männlichkeit: Soziologische Theorie und kulturelle Deutungsmuster. VS Verlag für Sozialwissenschaften/Springer Fachmedien Wiesbaden, Wiesbaden 2010, ISBN 978-3-531-17169-2, S. 148–155 (zugl. leicht überarb. Version von: Univ. Bremen, Habil.-Schr., 1997).
  3. Melissa Blais und Francis Dupuis-Déri: Masculinism and the Antifeminist Countermovement. In: Social Movement Studies. 11, Nr. 1, 2011, S. 21–39, doi:10.1080/14742837.2012.640532.
  4. masculinism, n. Oxford English Dictionary Online (3. Ausgabe). Oxford University Press, 2000: “masculinism, n. Advocacy of the rights of men; adherence to or promotion of opinions, values, etc., regarded as typical of men; (more generally) anti-feminism, machismo”.
  5. a b Nicholas Bunnin, Jiyuan Yu: Masculinism. In: The Blackwell Dictionary of Western Philosophy. John Wiley & Sons, 2008, ISBN 978-0-470-99721-5, S. 411.
  6. Daniel Chandler, Rod Munday: Masculinism (masculism). In: A Dictionary of Media and Communication. Oxford University Press, Oxford 2011, S. 253.
  7. masculism, n. In: Oxford English Dictionary Online (3. Ausgabe). Oxford University Press, 2000: “masculism, n. †1. The possession of masculine physical traits by a woman. Obs. rare. 2. = masculinism n.”
  8. a b Francis Dupuis-Déri: Le «masculinisme»: une histoire politique du mot (en anglais et en français). In: Recherches féministes. 22, Nr. 2, 2009, S. 97–123.
  9. a b c Ferrell Christensen: Masculism. In: Ted Honderich (Hrsg.): The Oxford Companion to Philosophy. Oxford University Press, Oxford 1995, ISBN 978-0-19-866132-0.
  10. Georgia Duerst-Lahti: Gender Ideology: masculinism and femininalism. In: Gary Goertz, Amy G. Mazur: Politics, gender, and concepts: theory and methodology. Cambridge University Press, Cambridge 2008, ISBN 978-0-521-89776-1, S. 159–192.
  11. Michael Kimmel: Men’s Responses to Feminism at the Turn of the Century. In: Gender & Society. 1, Nr. 3, 1987, S. 261–283. doi:10.1177/089124387001003003.
  12. Cathy Young: Man Troubles: Making Sense of the Men’s Movement. In: Reason magazine, Juli 1994: “Masculism (mas'kye liz*'em), n. 1. the belief that equality between the sexes requires the recognition and redress of prejudice and discrimination against men as well as women. 2. the movement organized around this belief. Not to worry: This word is not in the dictionary. But it would be if the decision were up to Warren Farrell, Jack Kammer, and others activists in the men’s movement.”
  13. masculinism, n. Oxford English Dictionary Online (3. Ausgabe). Oxford University Press, 2000.
  14. masculinist, n. In: Merriam-Webster. Merriam-Webster. Abgerufen am 16. Februar 2016.
  15. Judith A. Allen: Women Suffrage, the Antis, and Masculism. In dies.: The Feminism of Charlotte Perkins Gilman. Sexualities, Histories, Progressivism. University of Chicago Press, 2009, ISBN 978-0-226-01462-3, S. 152f.
  16. Michael Kimmel: Men’s Responses to Feminism at the Turn of the Century. In: Gender and Society, Vol. 1, No. 3 (Sep., 1987), Sage Publications, S. 262.
  17. Arthur Brittan: Masculinity and Power. Basil Blackwell, Oxford, New York 1989, ISBN 0-631-14166-9, S. 4: “Masculinism is the idiology that justifies and naturalizes male domination. As such, it is the ideology of patriarchy. Masculinism takes for granted that there is a fundamental difference between men and women, it assumes that heterosexuality is normal, it accepts without question the sexual division of labour, and it sanctions the political and dominant role of men in the public and private spheres.”
  18. Arthur Brittan: Masculinities and Masculinism. In: Stephen Whitehead, Frank J. Barrett (Hrsg.): The Masculinities Reader. Blackwell Publishers, Malden, MA 2001, ISBN 0-7456-2688-2, S. 51–55.
  19. a b Julia T. Wood: Gendered lives: communication, gender, and culture. Wadsworth Pub., Belmont, Calif., ISBN 978-0-495-79416-5, S. 104: “A number of men’s groups fit within the second camp of men’s movements. These groups, labeled masculinist (Fiebert, 1987) or promasculine, believe that men suffer from discrimination and that men need to reclaim their manliness … Among the most conservative branches of men’s movement that subscribe to masculinist ideology are men’s rights activists, whose goal is to restore the traditional roles of men and women and, with that, the privileges men historically enjoyed. Men’s rights groups include MR, Inc (Men’s Rights, Incorporades); the National Coalition for Free Men; and NOM (the National Organization of Men).”
  20. Michael Flood et al.: International encyclopedia of men and masculinities. Routledge, London / New York 2007, ISBN 978-0-415-33343-6, S. 421: “Because men in general are privileged in relation to gender, their collective mobilization involves the danger of enhancing this privilege … This is apparent in the energetic and masculinist activism being conducted by men’s rights and fathers’ rights groups.”
  21. Jack S. Kahn: An introduction to masculinities. Wiley-Blackwell, Chichester, U.K. / Malden, MA 2009, ISBN 978-1-4051-8179-2, S. 202: “Men’s rights groups, often associated with religious doctrine (particularly Christian), view men as a group of people who have been oppressed by the various social changes that have occurred in the last 50 years (Clatterbaugh, 1997; Fox, 2004; Mann, 2008; Rickabaugh, 1994). They refer to themselves as masculinist, liberationists, post-feminist, and anti-feminist, and some of their major concerns are child support and alimony issues and domestic violence against men (Fox, 2004; Lingard & Douglas, 1999; Mann, 2008). They claim that it is men, not women, who are victims of society and that men must ‘take back’ the culture from women and establish a true patriarchy (see Rickabaugh, 1994, Mann, 2008) … Well-known modern organization that advocate for a patriarchal perspective are: the Promise Keepers, the Men’s Rights Association, the National Coalition for Men, The National Congress for Men and the National Center for Men (Bliss, 1995; Fox, 2004; Lingard & Douglas, 1999; MacInnes, 2001; Messner, 2001; Rickabaugh, 1994).”
  22. Michael Meuser: Geschlecht und Männlichkeit. Soziologische Theorie und kulturelle Deutungsmuster. 3., überarbeitete und aktualisierte Auflage. VS Verlag, 2010, ISBN 978-3-531-92046-7, S. 160f., 322.
  23. Daniel Boyarin: Carnal Israel: Reading Sex in Talmudic Culture. University of California Press, Berkeley 1993, ISBN 0-520-08012-2, S. 228: “[The term masculist] is problematic in that is parallels feminist, but feminism is not a project of female domination over males, while masculism has historically been a project of male domination over females.”