Androzentrismus

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Der Mann als normatives Zentrum von Mensch und Wissenschaft, versinnbildlicht durch Da Vincis berühmte Zeichnung „Der vitruvianische Mensch“ (um 1490)

Unter Androzentrismus wird eine Sichtweise verstanden, die Männer als Zentrum, Maßstab und Norm versteht. Androzentrismus kann also als eine gesellschaftliche Fixierung auf den Mann oder das „Männliche“ verstanden werden. Ein androzentrisches Weltbild versteht den Mann als die Norm, die Frau als Abweichung von dieser Norm.

Androzentrismus ist eine spezifische Form von Sexismus, in der das Weibliche nicht zwangsläufig als minderwertig bezeichnet, sondern einfach als „das Andere“, „das von der Norm Abweichende“ gefasst wird. Stillschweigend wird dabei Mensch als Mann und die männliche Sicht der Dinge als die allgemeingültige gesetzt.

Der Begriff Androzentrismus wurde 1911 in diesem Sinne erstmals von Charlotte Perkins Gilman in ihrem Buch „The Man-Made World or Our Androcentric Culture“ verwendet und definiert. Laut Perkins Gilman haben männliche Lebensmuster und Denksysteme den Anspruch der Universalität, d. h. Allgemeingültigkeit, während weibliche Lebensmuster und Denksysteme als Devianz, d. h. Abweichung, gelten. Da die Gleichsetzung von Mensch mit Mann weitgehend unbewusst geschieht, ist Androzentrismus nur schwer zu erkennen und sehr oft auch von Frauen tief verinnerlicht.

Androzentrische Sichtweisen können z. B. auch die Ausformung religiöser Aussagen beeinflussen und sich so selbst legitimieren und gegen Kritik immunisieren.

Androzentrismus in der Wissenschaft[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Breite Verwendung fand der Begriff Androzentrismus in der feministischen Wissenschaftskritik der achtziger Jahre. Die Praxis des Wissenschaftsbetriebs wurde dabei kritisch analysiert. Mit vier Folgeschritten wurde dem Wissenschaftsbetrieb Androzentrismus vorgeworfen:

  • Durch den späten Zugang zu den Universitäten und zum Wissenschaftsbetrieb sei die weibliche Beteiligung insbesondere an der Grundlagenforschung marginal.
  • Der dadurch automatisch vorherrschende Androzentrismus führe dazu, dass die zu untersuchenden Problemstellungen einseitig ausgewählt und definiert würden. Dadurch sei Wissenschaft nicht universell.
  • Wissenschaftliche Experimente basierten daher auf einseitig gewählten Faktoren.
  • Aufgrund der drei vorhergegangenen Punkte müsse die Objektivität und Rationalität der Wissenschaften infrage gestellt werden, denn auch in den grundlegenden Prinzipien der Wissenschaften seien ausschließlich männliche Sichtweisen und Voreingenommenheiten vertreten.

Diese Art der feministischen Wissenschaftskritik geht weit über die in den 1960er Jahren auftauchende feministische Wissenschaft hinaus, da sie nicht versucht, eine neue Art der Wissenschaft zu etablieren, sondern die herkömmlichen Wissenschaften in ihren Grundfesten kritisiert und ihnen vorwirft, dem eigenen Anspruch an Neutralität und Universalität nicht gerecht zu werden.

Literatur[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  • Sandra Harding: Feministische Wissenschaftstheorie. Zum Verhältnis von Wissenschaft und sozialem Geschlecht. 3. Auflage. Argument Verlag, Hamburg 1999, ISBN 3-88619-384-5.
  • Sandra Harding: Das Geschlecht des Wissens. Frauen denken die Wissenschaft neu. Campus, Frankfurt am Main u. a. 1994, ISBN 3-593-35049-1.
  • Evelyn Fox Keller: Liebe, Macht, Erkenntnis. Männliche oder weibliche Wissenschaft? Carl Hanser, München u. a. 1986, ISBN 3-446-14652-0.
  • Sandra Harding, Merrill B. Hintikka (Hrsg.): Discovering Reality. Feminist Perspectives on Epistemology, Metaphysics, Methodology and Philosophy of Science. Reidel, Dordrecht u. a. 1983, ISBN 90-277-1496-7 (Synthese Library. Studies in Epistemology, Logic, Methodology, and Philosophy of Sciences 161).

Siehe auch[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]