Melita Maschmann

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Melita Maschmann (* 20. Januar 1918 in Berlin[1]; † 2010) war eine deutsche Schriftstellerin, die hauptsächlich wegen ihrer autobiographischen Abrechnung über ihre Zeit als Führerin beim Bund Deutscher Mädel (BDM) bekannt wurde.

Leben[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Als junge Frau verfiel Maschmann der nationalsozialistischen Propaganda ganz und stieg schnell in Führungspositionen auf. 1942 leitete sie ein Lager im besetzten Polen; 1943 wurde sie Presseleiterin des BDM. Ihre Eltern kamen 1944 bei einem Bombenangriff um, was eine leichte Entfremdung vom NS-Regime einleitete. Anfang Juli 1945 wurde Maschmann zusammen mit Jutta Rüdiger in einem Versteck im Zell am See verhaftet und im Ludwigsburger Frauenlager 77 interniert. Nach ihrer Entlassung 1948 suchte sie wieder Kontakt zu einer halbjüdischen Jugendfreundin, deren Spur sie 1937 verloren hatte.

Maschmann veröffentlichte 1955 einen Roman Das Wort hieß Liebe über einen Kriegsheimkehrer, der nach kurzer Ehe in Gefangenschaft geraten war. Als er nach 15 Jahren zu seiner Frau zurückkehrt, findet er heraus, dass sie neben seinem Sohn ein "schwarzes Kuckucksei" großzieht. Sein einziger Wunsch ist, herauszufinden, wer die Mutter des Kindes wirklich ist.

Nach zwei anderen Romanen veröffentlichte sie ihr bekanntestes Werk, eine Autobiographie in der Form eines langen Briefes an eine ungenannte jüdische Jugendfreundin, unter dem Titel Fazit: Kein Rechtfertigungsversuch. Sie erzählte als Erste eine "Geschichte des Mitmachens", was andere ehemalige BDM-Mitglieder später auch taten, wie zum Beispiel Renate Finckh, Ursula Mahlendorf, Carola Stern, Eva Sternheim-Peters, Lore Walb, Christa Wolf und Eva Zeller.

Im Herbst 1963 korrespondierte Maschmann über ihr Manuskript mit der bekannten Politikwissenschaftlerin Hannah Arendt. Kurz nach der Veröffentlichung zog sie nach Indien, wohin sie 1962 schon einmal gereist war. Sie nahm einen indischen Namen an und wurde Anhängerin von Sri Anandamayi Ma, die als "lebendige Heilige" verehrt wurde. Dort blieb sie den Rest ihres Lebens und kehrte nur alle paar Jahre zu Familienbesuchen nach Deutschland zurück.

Auffindung der Jugendfreundin[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

In ihrem Buch Growing up Female in Nazi Germany (2006) folgte Dagmar Reese einer Spur von Irmgard Klönne, die zu Maschmanns jüdischer Jugendfreundin Marianne Schweitzer führte, die inzwischen in Kalifornien lebte. Diese war von 1933 bis 1936 mit Maschmann befreundet, obwohl Maschmanns wachsender Fanatismus die jungen Frauen zunehmend voneinander entfremdete. 1937 wurde Maschmann in ein Internat geschickt, entweder um sich besser aufs Abitur vorzubereiten (wie der Lehrer Schweitzer erklärte), oder um ihre NS-Aktivitäten einzugrenzen, wie Maschmann selbst schrieb. Als Maschmann 1938 nach Berlin zurückkehrte, beobachtete sie die Familie Schweitzer für die Gestapo, die Verdacht auf Widerstandstätigkeit hatte. In der Tat wurde die Mutter und Schwester verhaftet, und Marianne floh mit ihrem Vater nach der sogenannten Kristallnacht 1939 nach England. Nach ihrer Entlassung 1948 machte Maschmann Schweitzer ausfindig, und schrieb ihr über die Jahre mehrere Briefe. Als Schweitzer 1963 auf Einladung des Goethe-Instituts nach Deutschland eingeladen wurde, überredete sie Maschmann, sich mit ihr zu treffen. Maschmann legte ihr das Manuskript von Fazit vor, und es folgte ein für Schweitzer verwirrendes Gespräch. Danach brach sie den Kontakt ab, obwohl Maschmann ihr weiterhin aus Indien schrieb.

Rezeption von Fazit[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Maschmanns Autobiographie wurde bis 1987 achtmal wiederaufgelegt, 1979 mit einem neuen Nachwort von Helga Grebing. Sie wurde auch in mehrere Sprachen übersetzt:

  • Ma Jeunesse au service du nazisme (Paris: Plon, 1964).
  • Account rendered: A dossier on my former self (New York: Abelard-Schuman, 1964).
  • Saldo: Geen poging tot rechtvaardiging (Antwerpen: De Goudvink, 1965).

Die Autobiographie wurde öfter von Historikern als Quelle benutzt, z. B. von Irmgard Klönne, Daniel Goldhagen und Claudia Koonz. Tamara Ramsay hat ein Manuskript über Maschmann und ihr Buch geschrieben, das jedoch unveröffentlicht blieb. Die Autobiographie wurde auch häufig in der wissenschaftlichen Literatur analysiert, z.B.:

  • Saul Robinsohn: On National-Socialist Education, in: Comparative Education, Bd. 2, Nr. 3 (1966): 225–232
  • Virginie Schneider: Der Nationalsozialismus in der Autobiographie: Melita Maschmann: Fazit. Kein Rechtfertigungsversuch. Mein Weg in der Hitlerjugend Strasbourg, 1993, OCLC 493606424 (Dissertation (Mém. maitr.) Université de Strasbourg 2, Etudes allemandes, 1993, 114 Seiten).
  • Caroline Schaumann: Women Revisit the „Third Reich“: Autobiographical Writings by Melita Maschmann, Christa Wolf, and Eva Zeller, in: Glossen: Eine Internationale Zweisprachige Publikation zu Literatur, Film, und Kunst in den Deutschsprachigen Ländern nach 1945, Band 6 (1999).
  • Holly Andrea Liu: Re-writing the National Socialist Past: Melita Maschmann & The Anatomy of Denial, San Francisco 2005, OCLC 64548889 (Dissertation San Francisco State University, 2005, 157 Seiten).
  • Joanne Sayner: „Man muss die bunten Blüten abreissen“: Melita Maschmann's Autobiographical Memories of Nazism, in: Forum for Modern Language Studies, Band 41, Nr. 2 (2005): 213–225.
  • Joanne Sayner: Women without a past? German autobiographical writings and fascism, Rodopi, Amsterdam / New York 2007, ISBN 978-90-420-2228-7.
  • Lynda Maureen Willett: Women under National Socialism: The Case Study of Melita Maschmann (= ScholarWorks at UMass) University of Massachusetts Boston 2012, OCLC 843913960 ((M.A.) Master of Arts Thesis University of Massachusetts Boston August 2012, 88 Seiten online PDF, kostenfrei, 95 Seiten, 487 KB).
  • Florian Huber: Kind, versprich mir, dass du dich erschießt. Der Untergang der kleinen Leute 1945. Berlin-Verlag, Berlin 2015 ISBN 978-3-8270-1247-0.
  • Helen Epstein: I was a nazi and heres why, The New Yorker, 29. Mai 2013.

Publikationen[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  • 1940: Mädel dich rufen die Sommerlager des BDM-Obergaues Wartheland BDM-Obergau Wartheland, Posen, Kurfürstenring 2/3 (6 Seiten), DNB 574956484.
  • 1955: Das Wort hieß Liebe, Roman, Salzer, Heilbronn, DNB 453240909.
  • 1960: Der Dreizehnte, Roman, DVA, Stuttgart, DNB 453240844; List Taschenbuch 282, München 1965, DNB 453240887.
  • 1961: Die Aschenspur, Roman, DVA, Stuttgart, DNB 453240836.
  • 1963: Fazit, mein Weg in der Hitler-Jugend. Kein Rechtfertigungsversuch, Autobiographie. DVA, Stuttgart 1964, 1967, 1971; als Taschenbuch mit Nachwort von Helga Grebing: dtv 1427, München 1979, 1980, 1981, 1987, ISBN 3-423-01427-X.
  • 1967: Der Tiger singt Kirtana: Indienfahrt mit einer Hinduheiligen O.W. Barth, Weilheim, DNB 457521813, überarbeitete Neuausgabe: Eine ganz gewöhnliche Heilige: Die große Seele der Ānandamayī Mā: Indienfahrt mit der bedeutendsten Hindu-Heiligen der Neuzeit Barth, Bern / München / Wien 1990, ISBN 3-502-67448-5; als Taschenbuch: Droemer Knaur 86015, München 1992, ISBN 3-426-86015-5.
  • 1971: Indiras Schwestern: Ein Report über Frauen in Indien, Neske, Pfullingen, ISBN 3-7885-0011-5.

Weblinks[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Einzelnachweise[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  1. Geburtsdatum und -ort nach: Wer ist wer?, Band 16, Arani, 1970, S. 816