Minna Cauer

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Minna Cauer, 1912
Minna Cauer, 1870, Fotograf Theodor Prümm
Cauer und ihre Gefährtinnen des Verbandes für Frauenstimmrecht, von links nach rechts: Anita Augspurg, Marie Stritt, Lily von Gizycki, Minna Cauer und Sophia Goudstikker, Atelier Elvira um 1896
Gedenktafel am Haus Mansteinstraße 8 in Berlin-Schöneberg

Wilhelmine „Minna“ Theodore Marie Cauer, geb. Schelle, verw. Latzel (* 1. November 1841 in Freyenstein; † 3. August 1922 in Berlin), war eine deutsche Pädagogin, Aktivistin im so genannten „radikalen“ Flügel der bürgerlichen Frauenbewegung und Journalistin.

Leben[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Minna Cauer wurde als Tochter des Freyensteiner Pfarrers Alexander Schelle und dessen Frau Juliane (geb. Wolfschmidt) geboren; ihr Bruder war der spätere preußische General Ludwig Schelle. 1862 heiratete Minna den Arzt August Latzel. Das Paar hatte einen Sohn, der 1865 im Alter von zwei Jahren an Diphtherie starb;[1] ein Jahr später starb auch August Latzel, dem eine Geisteskrankheit bescheinigt wurde. Minna Latzel unternahm daraufhin eine einjährige Ausbildung zur Lehrerin, die sie 1867 abschloss, und arbeitete ab 1868 in Paris.

Im Jahr 1869 heiratete sie in zweiter Ehe Eduard Cauer, dem sie nach Berlin folgte, wohin er als Stadtschulrat berufen worden war. Ihr Ehemann war der Sohn des bekannten Pädagogen Ludwig Cauer. Gemeinsam mit ihrem Mann betätigte sich Minna Cauer aktiv in der progressiven Politik der 1870er und 1880er Jahre. Sie widmete sich frauengeschichtlichen Studien, die in mehrere Aufsätze zu berühmten Frauengestalten wie etwa Rahel Varnhagen mündeten. Nach dem Tod ihres Mannes 1881 widmete sie sich ganz der Frauenbewegung. 1887 wirkte sie – noch unter der Federführung der Pädagogin Helene Lange (mit der sie sich später überwerfen sollte) – an einer Petition an das Preußische Abgeordnetenhaus für eine bessere Mädchenbildung (Gelbe Broschüre) mit; 1888 war sie Mitbegründerin des Berliner Vereins Frauenwohl, den sie bis 1919 leitete.

Cauer war eine vehemente Streiterin für das Frauenstimmrecht, die Unterstützung lediger Mütter und die freie Berufswahl der Frauen. Ab 1892 gehörte sie außerdem zur Deutschen Friedensgesellschaft, die von Bertha von Suttner gegründet worden war. Um 1899 kam es zu einem Zerwürfnis mit anderen führenden Frauenrechtlerinnen, das sich vorrangig an unterschiedlichen Einstellungen zur so genannten „Sittlichkeitsfrage“ (Prostitution und Bekämpfung der Verbreitung von Geschlechtskrankheiten) festmachte. In der Folge spaltete sich der Verein Frauenwohl unter Cauers Leitung als sogenannter „radikaler“ Flügel von der fortan als „gemäßigt“ bezeichneten Mehrheit in der Frauenbewegung ab. Die „Radikalen“ organisierten sich in der Folge im neu gegründeten Verband Fortschrittlicher Frauenvereine, während der Bund Deutscher Frauenvereine die Mehrheitsfrauenbewegung repräsentierte.[2]

Bereits 1895 hatte Minna Cauer die Zeitung Die Frauenbewegung gegründet, die sie bis 1919 herausgab. Für Cauer wurde die Zeitschrift, die sie nach eigener Aussage prinzipiell allen Richtungen und Aspekten der Frauenbewegung offen halten wollte, zum Lebenswerk. Nach dem Zerwürfnis von 1899 wurde Die Frauenbewegung zum Sprachrohr der „Radikalen“, nicht nur, weil sie Organ einiger im Verband Fortschrittlicher Frauenvereine organisierter Vereine war, sondern vor allem wegen ihrer Mitarbeiterinnen, die sich dem „radikalen“ Flügel der Frauenbewegung zurechneten (Cauer selbst, Hedwig Dohm, bis ca. 1900 Anna Pappritz, Anita Augspurg, Lida Gustava Heymann). Anita Augspurg redigierte ab 1899 eine regelmäßige Beilage. Cauers journalistisches Verfahren in zahllosen Leitartikeln war, ein im zeitgenössischen Diskurs als frauenrelevant betrachtetes Thema in einen gesamtgesellschaftlichen Kontext zu stellen oder umgekehrt, politische oder kulturelle Themen als für Frauen besonders relevant zu aktualisieren; vorzugsweise war es die politische Bedeutung, die die linksliberale Cauer besonders herausarbeitete.[3]

Im Jahr 1908 schloss sie sich der neu gegründeten Demokratischen Vereinigung an, die als erste bürgerliche Partei in Deutschland das uneingeschränkte Wahlrecht für Frauen forderte. In den letzten Jahren ihres Lebens jedoch glaubte sie nicht mehr, dass die bürgerlichen Parteien den Mut hätten, Fortschritte in Gang zu bringen, und richtete ihre Hoffnungen auf die Sozialdemokratische Partei Deutschlands.

Wenngleich Minna Cauer zum „linken“ Flügel der Frauenrechtsbewegung gezählt wurde, äußerte sie sich andererseits deutlich im deutschnationalen Sinne; so lehnte sie nachdrücklich die Friedensbedingungen des Versailler Vertrages ab und stellte sich noch kurz vor ihrem Tod aktiv der Organisation für die Abstimmung in Oberschlesien zur Verfügung. Einen freundschaftlichen Umgang pflegte sie mit Walter Rathenau, dessen Ermordung sie noch erleben musste.[4]

Cauer interessierte sich auch für arbeitende Frauen und war Begründerin des Verbandes der weiblichen Angestellten.

Grab von Minna Cauer auf dem Alten St.-Matthäus-Kirchhof Berlin
Grab Minna Cauer, Fotomontage: ehemalige Grabsteinfigur von Kurt Kroner

Minna Cauer wurde auf dem alten St.-Matthäus-Kirchhof in Berlin-Schöneberg Großgörschenstr. 12 bestattet (Grabanlage Q-o-47). Ihr Grab ist seit 1952 als Ehrengrab der Stadt Berlin gewidmet.

Nachkommen[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Minna Cauer hatte mit ihrem Mann vier Kinder; ihre beiden Söhne Paul (1854–1921) und Friedrich (1863–1932) wurden später bekannte Altphilologen; die Tochter Margarethe (1852–1926) heiratete 1874 den Danteforscher Paul Pochhammer und betätigte sich als Schriftstellerin; die Tochter Marie (1861–1950) wurde Mitbegründerin des Agnes-Karll-Verbandes und längere Zeit dessen Oberin.[4]

Ehrungen[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Straßennamens-Schild am Berliner Hauptbahnhof (2021)

Zitate[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

„Wir enden tragisch und leiden ein Martyrium, wenn wir die Zukunft zu früh in die Gegenwart hineintragen wollen.“[6]

„Es gibt Höheres und Weltbewegenderes als den Sieg des Schwertes − den Sieg des Geistes, des Rechtes und der Freiheit. Und an diesen endlichen Sieg glaube ich auch heute noch felsenfest.“[6]

Schriften (Auswahl)[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  • Die Frau in den Vereinigten Staaten von Nordamerika, 1893
  • Die Frau im neunzehnten Jahrhundert, 1898
  • Der Fortschrittlichen Frauenbewegung: zum 25-jährigen Jubiläum des Vereins Frauenwohl Groß-Berlin, 1913. Digitalisiert von: Zentral- und Landesbibliothek Berlin, 2013. URN urn:nbn:de:kobv:109-1-13925372

Literatur[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Weblinks[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Commons: Minna Cauer – Sammlung von Bildern, Videos und Audiodateien

Einzelnachweise[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  1. Else Lüders: Minna Cauer: Leben und Werk. Perthes, Gotha/Stuttgart 1925, S. 12
  2. Die lange Zeit als gegeben angenommene scharfe Trennung in einen „radikalen“ und einen „gemäßigten“ Flügel wird in der neueren Forschung zunehmend hinterfragt, da sich in der Praxis Positionen zu einzelnen Themen häufig überschnitten. Richtig ist jedoch, dass es sich um zwei Flügel handelte, die unterschiedliche Vorgehensweisen bevorzugten: Während die „Radikalen“ stärker programmatisch und propagandistisch arbeiteten, tendierten die „Gemäßigten“ zu mehr Pragmatismus und waren eher bereit, für praktische Verbesserungen Kompromisse einzugehen. Vgl. hierzu Bock, Gisela: Frauenwahlrecht – Deutschland um 1900 in vergleichender Perspektive, in: Geschichte und Emanzipation. Festschrift für Reinhard Rürup, hg. v. Michael Grüttner u. a., Frankfurt a. M. und New York 1999, S. 95–136.
  3. Nikola Müller: Hedwig Dohm (1831–1919), eine kommentierte Bibliografie. trafo Verlag, Berlin 2000. S. 30.
  4. a b Elisabeth Heimpel: Cauer, Minna (Wilhelmine) Theodore Marie, geb. Schelle, verw. Latzel. In: Neue deutsche Biographie. Otto zu Stolberg-Wernigerode, 1957, abgerufen am 10. November 2021.
  5. Kaufrausch am Deich. 4. November 2020, abgerufen am 14. November 2020.
  6. a b Antonius Lux (Hrsg.): Große Frauen der Weltgeschichte. Tausend Biographien in Wort und Bild. Sebastian Lux Verlag, München 1963, S. 100.