Multitasking (Psychologie)

aus Wikipedia, der freien Enzyklopädie
Wechseln zu: Navigation, Suche

Unter Multitasking (seltener menschliches Multitasking) versteht man die Fähigkeit eines Menschen, mehrere Tätigkeiten zur gleichen Zeit oder abwechselnd in kurzen Zeitabschnitten durchzuführen, so z. B. eine E-Mail zu verfassen und gleichzeitig einem Bericht zuzuhören.

Diese Bedeutung des Begriffs ist höchstwahrscheinlich von der technischen Bedeutung (siehe Multitasking) abgeleitet.[1] In den letzten Jahren hat sich der Begriff Multitasking sowohl im angelsächsischen als auch deutschen Sprachraum verstärkt als (zunächst vermutlich eher umgangssprachliche) Beschreibung der menschlichen Fähigkeit durchgesetzt.

Der Begriff ist wissenschaftlich noch nicht exakt definiert; Lee und Taatgen[2] beschreiben es als die „Fähigkeit, die Anforderungen mehrerer Aufgaben gleichzeitig zu bewältigen“. Salvucci[3] beschreibt als Multitasking, „wie Personen mehrere (Unter-)Aufgaben in den Kontext einer größeren, komplexen Aufgabe integrieren und durchführen“. In Ergänzung dazu ist in der englischsprachigen Fachliteratur auch noch von continuous partial attention („ununterbrochen teilweise Aufmerksamkeit“) die Rede, was die Aufnahmefähigkeit für gleichzeitige und möglicherweise verschiedenartige Reize beschreibt.

Grenzen und Gefahren[Bearbeiten]

Wissenschaftliche Untersuchungen belegen, dass die Effizienz beim Bearbeiten verschiedener Aufgaben abwechselnd in kurzen Zeitabschnitten im Vergleich zur seriellen Bearbeitung sinkt. Besonders deutlich werden die Grenzen der gleichzeitigen Informationsverarbeitung angesichts der Reizüberflutung unserer Umwelt. Das Gehirn filtert Informationen automatisch auf eine vom Menschen wahrnehmbare Menge. So kann bei einem Telefongespräch im Auto der Sehsinn auf den sogenannten „Tunnelblick“ reduziert werden, diese Einschränkung kann sogar nach dem Telefonieren noch für einige Minuten bestehen bleiben.[4] Die Reaktionsfähigkeit ist bei gleichzeitigen Tätigkeiten verringert, verstärkter Stress kann ebenfalls die Folge sein.

Das Alter scheint keinen nennenswerten Einfluss auf die Multitasking-Fähigkeiten zu haben.[5] Der Einfluss des Geschlechts ist wissenschaftlich bislang noch kaum untersucht. Entgegen landläufiger Meinung zeigen die meisten Untersuchungen keinen Unterschied zwischen den Geschlechtern.[6][7][8][9] Einzelne Studien deuten auf einen Unterschied zwischen den Geschlechtern in bestimmten Situationen hin.[10]

Auch der Philosoph Byung-Chul Han sieht in seinem medizinphilosophischen Buch „Müdigkeitsgesellschaft“ Multitasking kritisch. Er vergleicht Multitasking mit dem Verhalten von Tieren, die, um in freier Wildbahn zu überleben, jederzeit gezwungen sind, ihre Aufmerksamkeit zu verteilen. Han kommt zu einem negativen Urteil: „Die Zeit- und Aufmerksamkeitstechnik Multitasking stellt keinen zivilisatorischen Fortschritt dar.“ Er kritisiert die Verbreitung von Multitasking, weil die kulturellen Leistungen der Menschheit, wie die Philosophie, eine „tiefe kontemplative Aufmerksamkeit“ erfordern, die mit Multitasking nicht möglich sei.[11]

Siehe auch[Bearbeiten]

Literatur[Bearbeiten]

  1. Microsoft hat bei Windows 95 (präemptives) Multitasking als technische Neuerung beworben. Eine große Werbekampagne und die damals hohe Verbreitung des Betriebssystems haben maßgeblich dazu beigetragen, dass der Begriff bei der breiten Masse Kenntnis erlangte.
  2. Lee, F.J. & Taatgen, N.A., Multi-tasking as Skill Acquisition. Proceedings of the twenty-fourth annual conference of the cognitive science society, 2002, Mahwah, NJ: Erlbaum. Fairfax, VA, pp. 572-577, (PDF; 109 KB)
  3. Salvucci, D. D., A multitasking general executive for compound continuous tasks. Cognitive Science, 2005, S. 457-492, (PDF; 1,1 MB)
  4. BR-Dokumentation Die Welt der Sinne (Folge Der Sehsinn, Bayerischer Rundfunk, 2004, 44 Min.)
  5. Multitasking: Frauen können es auch nicht besser, in: Focus vom 22. Juni 2010
  6.  Bankole K. Fasanya, Maranda E. McBride, Regina Pope-Ford, Celestine Ntuen: Gender differences in auditory perception and computational divided attention tasks. In: Proceedings of the 41st International Conference on Computers & Industrial Engineering. 2011.
  7.  Hiltraut M. Paridon, Marlen Kaufmann: Multitasking in work-related situations and its relevance for occupational health and safety: Effects on performance, subjective strain and physiological parameters. In: Europe’s Journal of Psychology. 6, Nr. 4, 2010, S. 110-124.
  8.  Neil M. Alperstein: Living in an age of distraction: Multitasking and simultaneous media use and the implications for advertisers. 2005, doi:10.2139/ssrn.1473864.
  9.  Thomas Buser, Noemi Peter: Multitasking: productivity effects and gender differences. 2011.
  10.  Dongning Ren, Haotian Zhou, Xiaolan Fu: A Deeper Look at Gender Difference in Multitasking: Gender-Specific Mechanism of Cognitive Control. In: Fifth International Conference on Natural Computation. 2009.
  11. Byung-Chul, Han, Müdigkeitsgesellschaft, 2010, Matthes & Seitz, Berlin, ISBN 978-3-88221-616-5, S. 24-26

Weblinks[Bearbeiten]