Narrative Medizin

aus Wikipedia, der freien Enzyklopädie
Zur Navigation springen Zur Suche springen

Als Narrative Medizin („erzählende Medizin“; von lateinisch narrare „erzählen“; englisch narrative medicine (NM) oder narrative based medicine (NBM)) bezeichnet man einen methodischen Ansatz der Medizin, der sich mit der Bedeutung von Erzählungen und Geschichten für die Patient-Arzt-Beziehung befasst.[1][2][3][4]

Theoretischer Rahmen[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Narrative Medizin geht, ebenso wie die Narrative Psychologie, davon aus, dass Menschen ihrem Leben Sinn und Bedeutung verleihen, indem sie Erlebnisse in Form von Geschichten und Erzählungen wiedergeben.

Einzelne Lebensereignisse werden so nicht – etwa wie von selbst – miteinander verbunden betrachtet: Verbindungen und Plausibilität werden vielmehr erst im Prozess der Narrativierung[5] vom Subjekt geschaffen. Erzählungen sind sodann nicht das Ergebnis einer wie auch immer gearteten Vergangenheit, sondern der Versuch des Erzählers, aus der Perspektive des hier und jetzt eine – für den Zuhörer und sich selbst – kohärente Geschichte zu formulieren. Erzählt wird dabei in drei Formen der Zeit: Das jeweilige Ereignis stammt aus der Vergangenheit, es wird mit aktuellen Zuständen der Gegenwart verknüpft und in einer Antizipation zur Zukunft gesehen.

Der Begriff narrativ existiert in der deutschen Sprache laut Duden nur in adjektivischer Form;[6] er wird im Fachjargon manchmal aber auch substantivisch im Sinne von Narrativ = Erfahrungsbericht verwendet. So definiert die Leitlinie evidenzbasierte Gesundheitsinformation[7] Narrative von Patienten wie folgt: Narrative geben individuelle Erfahrungen mit Krankheit, Gesundheit oder Pflegebedürftigkeit wieder. Es können kurze Zitate oder längere Berichte zu einzelnen oder mehreren Aspekten einer Erkrankung sein. Oft enthalten Narrative implizit oder explizit Schilderungen von Verhaltensweisen, Bewältigungsstrategien oder Entscheidungsprozessen. In erster oder dritter Person verfasst, folgen sie oft einer Handlung, enthalten konkrete Beispiele, Details und Charaktere. Sie werden als eine Komponente in Gesundheitsinformationen verstanden. Je nach Medium können sie schriftlich, als Video oder als Audioaufzeichnung vorliegen.

Herausbildung[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Erzählungen haben eine wichtige Rolle in der Medizin; schon immer erzählte man sich Geschichten von Krankheit, Heilung und Tod, von Patienten, und über Erfahrungen in der Begegnung mit ihnen. Das Ansehen dieser Geschichten in der Medizin hat sich über die Zeit jedoch gewandelt. Noch in den späten 1990er Jahren wurde beklagt, dass Patientenerzählungen über einen langen Zeitraum unterdrückt worden seien. Das hat sich in jüngster Zeit wieder geändert. War in der Moderne die Erzählung des Arztes in Form eines objektiven, wissenschaftlichen Berichts dominant im medizinischen Narrativ, kommt nun zunehmend auch die Geschichte von Patienten zum Zuge; Erzählungen gelten verstärkt als nützliche Ressource, um die Bedeutung von Krankheit und Kranksein für Patienten zu verstehen.[4]

Der Begriff Narrative Medizin wurde explizit in Abgrenzung und Ergänzung zur evidenzbasierten Medizin geprägt, unter anderem maßgeblich von Trisha Greenhalgh, die ihre Monographie zur Narrative based Medicine[8] kurz nach ihrem Buch zur evidenzbasierten Medizin[9] veröffentlichte. Neuerdings bemüht man sich zunehmend, Narrative Medizin und Evidenbasierte Medizin als komplementär zu verstehen.[10]

Praxis der Narrativen Medizin[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Es existieren verschiedene Formen von Erzählungen in der Medizin: Patientengeschichten, Arztgeschichten und Erzählungen von Begegnungen zwischen Arzt und Patient.[4]

Patientengeschichten geben (insbesondere auch dem Arzt) Einblick in die Innensicht von Krankheit: sie verdeutlichen den biographischen und sozialen Kontext von Kranksein, z. B. auch die Besorgnisse des Betroffenen.[11] In die mit dem Arzt eingegangene Patient-Arzt-Beziehung bringen Patienten mit Hilfe von Geschichten ihre ganz individuellen Annahmen, Vorstellungen und Deutungen von ihrem Kranksein ein. Patientengeschichten wird – auch außerhalb der Patient-Arzt-Beziehung, zum Beispiel in der Selbsthilfe – therapeutische Wirkung zugesprochen, da sie dem Betroffenen bei der Verarbeitung seines Gesundheitsproblems helfen können. Krankheitserzählungen entstehen in großer Zahl außerhalb der Medizin – in Form von Erlebnisberichten, z. B. in den Chat Rooms des Internets.

Schriftliche Berichte über Begegnungen zwischen Arzt und Patient werden als wichtiges Hilfsmittel im Rahmen der medizinischen Ausbildung und Praxis zum Erlernen und Vertiefen der Selbstreflexion über den Umgang mit dem Patienten angesehen.[12]

Limitierung/Risiken[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Patientengeschichten sind so einzigartig wie ihre Autoren. Im Gegensatz zu verlässlichen wissenschaftlichen Studien zur Wirksamkeit oder Unwirksamkeit medizinischer Maßnahmen lassen sie sich nicht verallgemeinern. Ana Luisa Rocha Mallet bemerkt sehr richtig in ihrem Aufsatz Narrative Medicine: Beyond the Single Story[13]: Single stories create stereotypes. Dieses Risiko gilt es immer zu bedenken: wir können nicht die Erfahrung eines Individuums verallgemeinern. Was bei Maria wirksam war (z. B. Globuli), verhinderte bei Agnes die Genesung, weil auf die eigentlich wirksame Therapie verzichtet wurde.

Patientengeschichten können bei der Krankheitsbewältigung helfen, indem sie anderen Betroffenen Zugang zu persönlichen Erlebnissen ermöglichen. Aber aus persönlichen Schicksalen lassen sich keine Aussagen zur Wirksamkeit medizinischer Maßnahmen ableiten.

Außerdem ist das Missbrauchsrisiko von Patientengeschichten nicht zu unterschätzen. Patientengeschichten werden von der Gesundheitswirtschaft gerne als Werbeträger genutzt, nicht selten in Form von Schleichwerbung. Gegen diese Vorgehensweise richten sich unter anderem die Ausführungen des deutschen Heilmittelwerbegesetzes, wonach außerhalb der Fachkreise für Arzneimittel, Verfahren, Behandlungen, Gegenstände oder andere Mittel nicht geworben werden darf ... mit der Wiedergabe von Krankengeschichten sowie mit Hinweisen darauf, wenn diese in missbräuchlicher, abstoßender oder irreführender Weise erfolgt oder durch eine ausführliche Beschreibung oder Darstellung zu einer falschen Selbstdiagnose verleiten kann (§ 11 Heilmittelwerbegesetz).[14] Darüber hinaus ist als Information getarnte Werbung nach dem deutschen Gesetz gegen den unlauteren Wettbewerb grundsätzlich verboten.[15]

Siehe auch[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Literatur[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  • Z. F. Meisel, J. Karlawish: Narrative vs evidence-based medicine–and, not or. In: Journal of the American Medical Association. Band 306, Nummer 18, November 2011, S. 2022–2023, doi:10.1001/jama.2011.1648. PMID 22068995.
  • J. P. Meza, D. S. Passerman: Integrating Narrative Medicine and Evidence-based Medicine: The Everyday Social Practice of Healing. Radcliffe Publishing, 2011. Link abgerufen am 28. August 2018
  • D. B. Morris: Narrative medicines: challenge and resistance. In: The Permanente journal. Band 12, Nummer 1, 2008, S. 88–96. PMID 21369521, PMC 3042348 (freier Volltext).
  • B. Sundstrom, S. J. Meier u. a.: Voices of the "99 Percent": The Role of Online Narrative to Improve Health Care. In: The Permanente journal. Band 20, Nummer 4, 2016, S. 49–55, doi:10.7812/TPP/15-224. PMID 27455070, PMC 5101090 (freier Volltext).
  • G. Zaharias: What is narrative-based medicine? Narrative-based medicine 1. In: Canadian family physician Medecin de famille canadien. Band 64, Nummer 3, März 2018, S. 176–180. PMID 29540381, PMC 5851389 (freier Volltext) (Review).
  • G. Zaharias: Narrative-based medicine and the general practice consultation: Narrative-based medicine 2. In: Canadian family physician Medecin de famille canadien. Band 64, Nummer 4, April 2018, S. 286–290. PMID 29650604, PMC 5897070 (freier Volltext) (Review).
  • G. Zaharias: What is narrative-based medicine? Narrative-based medicine 1. In: Canadian family physician Medecin de famille canadien. Band 64, Nummer 3, März 2018, S. 176–180. PMID 29540381, PMC 5851389 (freier Volltext) (Review).

Weblinks[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

(Nicht-kommerzielle Internetportale mit Patientengeschichten/Krankheitserfahrungen)

Einzelnachweise[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  1. T. Greenhalgh, B. Hurwitz: Narrative based medicine: why study narrative? In: BMJ. Band 318, Nummer 7175, Januar 1999, S. 48–50. PMID 9872892, PMC 1114541 (freier Volltext) (Review).
  2. T. Greenhalgh, B. Hurwitz: Narrative-based Medicine – Sprechende Medizin. Dialog und Diskurs im klinischen Alltag. Huber, Bern 2005, ISBN 3-456-84110-8.
  3. Rita Charon: Narrative Medicine. In: JAMA. 286, 2001, S. 1897, doi:10.1001/jama.286.15.1897.
  4. a b c P. F. Matthiessen, S. Wilm, V. Kalitzkus: Narrative Medizin – Was ist es, was bringt es, wie setzt man es um? In: ZFA Zeitschrift für Allgemeinmedizin. Nr. 2, 2009. doi:10.3238/zfa.2009.0060.
  5. Narration. In: G. Wenninger: Lexikon der Psychologie. Spektrum Akademischer Verlag, Heidelberg 2000. Link abgerufen am 28. August 2018.
  6. narrativ. In: Duden.. Bibliographisches Institut, Berlin 2018. Link abgerufen am 28. August 2018.
  7. J. Lühnen, M. Albrecht, I. Mühlhauser, A. Steckelberg: Leitlinie evidenzbasierte Gesundheitsinformation. Hamburg 2017. Link abgerufen am 28. August 2018.
  8. T. Greenhalgh: Narrative based medicine in an evidence based world. In: T. Greenhalgh, B. Hurwitz (Hrsg.): Narrative based Medicine. Dialogue and Discourse in Clinical Practice. BMJ Books, London 1998, S. 247–265. [dtsch. Übersetzung: 2005]
  9. T. Greenhalgh: How to Read a Paper: The Basics of Evidence Based Medicine. BMJ Books, London 1997.
  10. R. Charon, P. Wyer, NEBM Working Group: Narrative evidence based medicine. In: Lancet. 371, 2008, S. 296–297. Link abgerufen am 28. August 2018.
  11. R. Charon: Narrative medicine as witness for the self-telling body. In: J Appl Commun Res. 37(2), 2009, S. 118–131.
  12. S. L. Arntfield, K. Slesar, J. Dickson, R. Charon: Narrative medicine as a means of training medical students toward residency competencies. In: Patient education and counseling. Band 91, Nummer 3, Juni 2013, S. 280–286, doi:10.1016/j.pec.2013.01.014. PMID 23462070, PMC 3992707 (freier Volltext).
  13. Ana Luisa Rocha Mallet, Luciana Andrade u. a.: Narrative Medicine: Beyond the Single Story. In: International Journal of Cardiovascular Sciences. 2016, Band 29, Nummer 3, S. 233–235. doi:10.5935/2359-4802.20160037.
  14. H. J. Omsel: Online-Kommentar zum deutschen Heilmittelwerbegesetz. Kapitel Krankengeschichten. Link abgerufen am 28. August 2018.
  15. Gesetz gegen den unlauteren Wettbewerb. Fassung aufgrund des Zweiten Gesetzes zur Änderung des Gesetzes gegen den unlauteren Wettbewerb vom 02.12.2015, in Kraft getreten am 10.12.2015. Anhang zu § 3 Abs. 3. Link abgerufen am 28. August 2018.