Plausibilität

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Plausibilität ist ein Beurteilungskriterium für Aussagen: Wird eine Aussage als plausibel beurteilt, so ist sie einleuchtend, verständlich, begreiflich, etc.

Etymologie[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Das Adjektiv plausibel wurde ab der zweiten Hälfte des 17. Jahrhunderts von dem gleichbedeutenden frz. Wort plausible übernommen, welches aus lat. plausibilis für „Beifall verdienend“, „auf Beifall berechnet“ und „einleuchtend“, bzw. plaudere für „(Beifall) klatschen“ entlehnt wurde.[1]

Wissenschaftliche Präzisierung des Begriffs[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Der Begriff „plausibel“ wird zur Beurteilung von Aussagen verwendet[2] und meint so viel wie „einleuchtend“, „verständlich“, „begreiflich“, etc.[3] Plausibel bewegt sich dabei zwischen „absurd“ und „offenkundig“.[4] Eine absurde Behauptung im alltäglichen Sinne von „dem gesunden Menschenverstand völlig fern“, „abwegig“, „töricht“, etc.,[5] ist dabei zu wenig, um als plausibel erachtet zu werden (Bsp.: „Es gibt geflügelte Pferde.“). Dieser Gegensatz zwischen absurd und plausibel findet sich bereits in einem Zitat von Goethe im Deutschen Wörterbuch der Brüder Grimm: „wer die menschen betrügen will, musz vor allen dingen das absurde plausibel machen.“[6] Gilt eine Aussage hingegen als offenkundig im alltäglichen Sinne von „für jeden ersichtlich“, „augenscheinlich“, „(umgangssprachlich) auf der Hand liegend“,[7] so ist sie mehr als nur plausibel (Bsp.: „Der Schnee ist weiß.“). Plausibilität ist jedoch kein objektives Beurteilungskriterium, da eine Aussage für eine Person plausibel sein kann, für eine andere hingegen nicht. Plausibel ist daher ein Relationsbegriff, der eine gemeinsame Bezugsgröße („Verstehensumgebung“[8]) verlangt, vor der eine Beurteilung von Aussagen jeweils erst möglich wird. Bei einem Wechsel der Bezugsgröße kann sich die Beurteilung derselben Aussagen ändern, etwa vor der Verstehensumgebung der griechischen Mythologie, Science-Fiction, etc.

Ein Beispiel: In einem ZEIT-Artikel über Schmerzempfindungen wird dargelegt, dass heutige Patienten ein Schmerzkonzept für plausibel halten, das aus dem 17. Jahrhundert stamme: "Wird irgendwo am oder im Körper eine Nervenfaser gereizt, gelangt das Signal über eine Nervenbahn in das Gehirn, wo das Alarmglöckchen schrillt."[9] Der aktuelle Stand der Forschung halte dieses Modell hingegen für längst überholt und verstünde Schmerz als subjektives Ergebnis einer komplexen mentalen Gefährdungsanalyse.

Modellhafte Darstellung der Beziehungen des Begriffs „plausibel“ zu den zentralen, ihn umgebenden Begriffen.[10]

Vor der Verstehensumgebung einer bestimmten Gruppe von Laien wird in dem Beispiel ein altes Schmerzkonzept als plausibel beurteilt, während dasselbe Konzept vor der Verstehensumgebung des aktuellen Forschungsstandes, also einer Gruppe Experten, als überholt bzw. unplausibel beurteilt werden kann. Die Experten-Laien-Kommunikation kann hier ansetzen, um die Experten-Position auch der Gruppe von Laien plausibel zu machen. Hierfür ist es jedoch notwendig, an das Wissen derjenigen anzuknüpfen, die überzeugt werden sollen: Um eine Aussage plausibel zu machen, muss diese prinzipiell mehrheitsfähig sein: „Plausibel wird ein Urteil […] dadurch, daß […] meinem Urteil die Qualität eignet, den Applaus einer Mehrheit zu gewinnen“ (Lutz Koch).[11] Als plausibel geltende Aussagen (oder Aussagenkomplexe) stellen stets eine potentiell mehrheitsfähige Alternative von der üblichen (offenkundigen) Auffassung dar. Setzt sich eine Auffassung als einzig gültige Erklärung durch, wird sie über die Zeit alternativlos und damit evident: „Evidenz ist verstärkte Plausibilität. Sie ist gegeben, wenn auch der Ausschluss von Alternativen mit einleuchtet“ (Niklas Luhmann).[12]

Abgrenzung[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Wissenschaftstheorie[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Im wissenschaftstheoretischen Kontext findet Plausibilität im Zusammenhang mit dem Schluss auf die beste Erklärung,[13] sowie dem abduktiven Schluss im Sinne von Charles Sanders Peirce Erwähnung,[14] ohne dass diese beiden logischen Verfahren mit Plausibilität identisch sind.[15]

Plausibilitätskontrolle[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Die Plausibilitätskontrolle ist eine Methode, die beispielsweise bei Abrechnungen in kassenärztlichen Vereinigungen oder im juristischen Bereich Anwendung findet. Dabei werden errechnete Werte überschlagsmäßig darauf hin überprüft, ob sie plausibel sein können.

Plausibilitätsregel[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Die Plausibilitätsregel beschreibt in der Wirtschaftsinformatik eine Geschäftsregel im Zusammenhang mit Computerprogrammen. Die Regel besagt, wann Daten einer Anwendungssoftware als plausibel gelten und weiterverarbeitet werden sollen.

Literatur[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  • Martin Böhnert, Paul Reszke: Linguistisch-philosophische Untersuchungen zu Plausibilität: Über kommunikative Grundmuster bei der Entstehung von wissenschaftlichen Tatsachen. In: Julia Engelschalt, Arne Maibaum (Hg.): Auf der Suche nach den Tatsachen: Proceedings der 1. Tagung des Nachwuchsnetzwerks "INSIST". SSOAR 2015, S. 40–67. urn:nbn:de:0168-ssoar-455901
  • Lutz Koch: Versuch über Plausibilität. In: Andreas Dörpinghaus, Karl Helmer (Hg.): Rhetorik Argumentation Geltung. Würzburg 2002, S. 193–204. ISBN 978-3826023842
  • Simone Winko: Zur Plausibilität als Beurteilungskriterium literaturwissenschaftlicher Interpretationen. In: Andrea Albrecht, et al. (Hg.): Theorien, Methoden und Praktiken des Interpretierens. Berlin, Boston 2015, S. 483–511. ISBN 978-3110307641

Weblinks[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

 Wiktionary: plausibel – Bedeutungserklärungen, Wortherkunft, Synonyme, Übersetzungen

Einzelnachweise[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  1. Digitales Wörterbuch der Deutschen Sprache, Lemma „plausibel“, abgerufen am 7. Januar 2016.
  2. Simone Winko: Zur Plausibilität als Beurteilungskriterium literaturwissenschaftlicher Interpretationen. In: Andrea Albrecht, et al. (Hg.): Theorien, Methoden und Praktiken des Interpretierens. Berlin, Boston 2015, S. 489. ISBN 978-3110307641
  3. Synonymwörterbuch, Duden Band 8, 3. völlig neu erarb. Auflage 2004, Lemma „plausibel“.
  4. Lutz Koch: Versuch über Plausibilität. In: Andreas Dörpinghaus, Karl Helmer (Hg.): Rhetorik Argumentation Geltung. Würzburg 2002, S. 199. ISBN 978-3826023842.
  5. Synonymwörterbuch, Duden Band 8, 3. völlig neu erarb. Auflage 2004, Lemma „absurd“.
  6. Deutsches Wörterbuch, Lemma „plausibel“, abgerufen am 7. Januar 2016.
  7. Synonymwörterbuch, Duden Band 8, 3. völlig neu erarb. Auflage 2004, Lemma „offenkundig“.
  8. Martin Böhnert, Paul Reszke: Linguistisch-philosophische Untersuchungen zu Plausibilität: Über kommunikative Grundmuster bei der Entstehung von wissenschaftlichen Tatsachen. In: Julia Engelschalt, Arne Maibaum (Hg.): Auf der Suche nach den Tatsachen: Proceedings der 1. Tagung des Nachwuchsnetzwerks "INSIST", Berlin 2015, S. 49, abgerufen am 7. Januar 2016.
  9. Überwinde den Schmerz!, Die Zeit, Nr. 8/2015, 19. Februar 2015, abgerufen am 7. Januar 2016.
  10. Martin Böhnert, Paul Reszke: Linguistisch-philosophische Untersuchungen zu Plausibilität: Über kommunikative Grundmuster bei der Entstehung von wissenschaftlichen Tatsachen. In: Julia Engelschalt, Arne Maibaum (Hg.): Auf der Suche nach den Tatsachen: Proceedings der 1. Tagung des Nachwuchsnetzwerks "INSIST", Berlin 2015, S. 52, abgerufen am 7. Januar 2016.
  11. Lutz Koch: Versuch über Plausibilität. In: Andreas Dörpinghaus, Karl Helmer (Hg.): Rhetorik Argumentation Geltung. Würzburg 2002, S. 201. ISBN 978-3826023842.
  12. Niklas Luhmann: Gesellschaftsstruktur und Semantik. Studien zur Wissenssoziologie der modernen Gesellschaft. Band 1. Frankfurt am Main, 1980, S. 49.
  13. Holger Klärner: Der Schluss auf die beste Erklärung, de Gruyter, Berlin 2003, S. 7-10. ISBN 978-3110177213
  14. Simone Winko: Zur Plausibilität als Beurteilungskriterium literaturwissenschaftlicher Interpretationen. In: Andrea Albrecht, et al. (Hg.): Theorien, Methoden und Praktiken des Interpretierens. Berlin, Boston 2015, S. 488–489. ISBN 978-3110307641
  15. Martin Böhnert, Paul Reszke: Linguistisch-philosophische Untersuchungen zu Plausibilität: Über kommunikative Grundmuster bei der Entstehung von wissenschaftlichen Tatsachen. In: Julia Engelschalt, Arne Maibaum (Hg.): Auf der Suche nach den Tatsachen: Proceedings der 1. Tagung des Nachwuchsnetzwerks "INSIST", Berlin 2015, S. 56–58, abgerufen am 7. Januar 2016.