Neapolitanischer Sextakkord

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Neapolitanischer Sextakkord (sn)
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Der Neapolitanische Sextakkord oder kurz Neapolitaner ist ein alterierter Akkord, der durch Tiefalteration der Sext des mollsubdominatischen Sextakkords entsteht (im Beispiel in a-Moll: d–f–b statt d–f–h).

Beschreibung[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Bei der typischen Weiterführung eines Neapolitanischen Sextakkords in die Dominante entsteht ein Hiatus in Form der verminderten Terz b'-gis' und der Querstand b'(Sopran)-h(Tenor), beides streng genommen Satzfehler, die jedoch hier toleriert werden, weil sie gerade den Reiz der Verbindung sn-D ausmachen und ihr eine besondere, individuelle Färbung verleihen. In diesem Zusammenhang wird der Neapolitaner auch als hervorstechender Klang bei besonderen Höhepunkten des Musikstücks benutzt, da er sich von der normalen Kadenz (t-s-D-t) als Überraschungsklang abhebt. Sollen die oben genannten Satzfehler vermieden werden, kann zwischen den Neapolitaner und die Dominante beispielsweise noch ein „normaler“ Subdominantakkord (d-f-a) eingeschoben werden.

Der Neapolitaner im vierstimmigen Satz[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Aufgrund des besonderen Zusammenhangs, bei dem er zumeist in der klassischen Sextakkord-Formation mit darauffolgender Dominante verwendet wird, wird der Basston des Neapolitaners als Grundton wahrgenommen. Aus diesem Grunde ist es möglich und üblich, die Terz dieses Akkordes zu verdoppeln. Abgesehen von den gewollten „Satzfehlern“ wird der Neapolitanische Sextakkord wie eine Subdominante mit stellvertretender Sexte (s6) behandelt.

Harmonische Deutung[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

In der Stufentheorie wird der Neapolitaner als Sextakkord der II. Stufe mit tiefalteriertem Grundton gedeutet. Man kann in diesem Zusammenhang auch von der II. Stufe sprechen. Das Problematische dieser Deutung liegt darin, dass die Erklärung von der II. Stufe aus viel weniger dem Wesen des Akkords entspricht als dessen eigentlicher, subdominantischer (IV. Stufe) Vorhaltsbildung. Anhand der Deutung als Sextakkord der II. Stufe ist jedoch die Namensgebung zu erklären.

In der Funktionstheorie versteht man ihn nach Hugo Riemann als Leittonwechselklang der Subdominante, bei dem die Quinte des Subdominantdreiklangs (a) durch ihren oberen Leitton (b) ersetzt ist.

Geschichte[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Seinen Namen, der erst gegen Ende des 19. Jahrhunderts aufkam, erhielt der Klang wegen seiner häufigen Verwendung in der neapolitanischen Opernmusik des 18. Jahrhunderts (Neapolitanische Schule), bei der er vorerst nur in Molltonarten verwendet wurde und Affekte wie Leid, Trauer und Schmerz symbolisierte. Dieser Akkord verdankt diesen Affekt von Schmerz durch Chromatik. Das analoge Stilmittel dazu wird Pathopoiesis genannt.

Eine der ersten Verwendungen findet sich im wehklagenden Schluss des Oratoriums Jephte von Carissimi (1645).[1] Aber auch Carlo Gesualdo verwendete ihn schon 1595 in der Schlusskadenz seines Madrigale Languisco e moro.[2]

Seine eigentliche Blütezeit erlebte der Akkord im Hochbarock (Bach, Händel) und in der Wiener Klassik (Haydn, Mozart, Beethoven, Schubert). Ab der Romantik wurde der Neapolitaner auch in Dur-Tonarten verwendet (sn). Dazu wird nicht nur die Sexte der Subdominante, sondern auch die Terz tiefalteriert.

In der späteren Musikgeschichte wird der Klang auch als grundstelliger Dreiklang (b-d'-f') verwendet und in dieser Form “verselbstständigter Neapolitaner” genannt.

So kann der Neapolitaner in dieser grundstelligen Gestalt auch eine eigene Zwischendominante ausbilden. Durch die Grundstellung des Neapolitaners wirkt er abgeschwächt. Er hat hier Subdominantmoll-Funktion (SDM-Funktion). In der Funktionstheorie wird er mit sN oder einfach N bezeichnet.

Im Jazz würde man der grundstelligen Variante (II) die Chordscale Lydisch zuordnen; der klassischen Sextvariante theoretisch Aeolisch. In dieser Form findet er jedoch im Jazz eigentlich keine Verwendung.

Beispiele[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Literatur[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Weblinks[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Einzelnachweise[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  1. Diether de la Motte: Harmonielehre. 16. Auflage. Bärenreiter, Kassel 2011, ISBN 978-3-7618-2115-2, S. 89
  2. Über die Wirkung des Neapolitanischen Sextakkords - a-Moll, online abgerufen am 12. Januar 2013