Neurotypisch

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Neurotypisch (für neurologisch typisch, kurz NT, auch norm-neuro) ist ein Neologismus, der benutzt wird, um Menschen zu charakterisieren, deren neurologische Entwicklung und Status mit dem übereinstimmen, was die meisten Menschen als normal bezüglich der sprachlichen Fähigkeiten und Sozialkompetenzen betrachten.[1]

Geschichte[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Zuerst wurde der Begriff von der Autism-Rights-Bewegung als eine Bezeichnung für Nicht-Autisten eingeführt,[2] später wurde das Konzept von der Neurodiversitätsbewegung und von Wissenschaftlern aufgegriffen.[3][4][5] In diesem Zusammenhang wird der Begriff zum Teil auch in einem eingeengten Sinne verwendet, der nicht nur Menschen im Autismusspektrum ausschließt, sondern auch solche mit anderen neurologischen Normabweichungen.

Die National Autistic Society aus dem Vereinigten Königreich schlägt den Gebrauch des Terminus in ihren Empfehlungen an Journalisten vor. Sie macht dabei jedoch folgende Einschränkung: Note: This term is only used within the autism community – so may not be applicable in, for example, the popular press.[6]

Der Begriff wird auch in dem als Parodie gemeinten „Institute for the Study of the Neurologically Typical“ (dt.: „Institut zur Erforschung der/des neurologisch Typischen“) der Website Autistics.org eingesetzt.[7]

Kritik[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

In einer Übersichtsarbeit von 2020 wurde auf zwei grundlegende Beobachtungen verwiesen:

  • Viele Menschen hätten zwar keine Autismus-Diagnose, aber trotzdem teilweise typische Züge (Eigenschaften) von Autismus. Dieser fließende Übergang von Nicht-Autismus zu Autismus sei in der Forschung bekannt unter der Bezeichnung breiter autistischer Phänotyp (broad autism phenotype). Es gebe also keine klare bimodale Verteilung (Verteilungskurve mit zwei Gipfeln), die eine Trennung von Autisten und Nicht-Autisten aufzeigen würde. In Wirklichkeit gebe es keine voneinander trennbaren Bevölkerungsgruppen, von denen die eine neurotypisch und die andere neurodivergent (neuro-abweichend) sei.[8]
  • Neurotypisch sei ein sehr zweifelhaftes Konstrukt, da es niemanden gebe, der wirklich und wahrhaft neurotypisch sei. Es gebe keinen solchen Standard für das menschliche Gehirn.[9]

Die erste Beobachtung hatte sich bereits schon Jahre vorher in der wissenschaftlichen Sekundärliteratur etabliert.[10][11]

Siehe auch[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Weblinks[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Referenzen[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  1. Andrew Cashin: Two Terms – One Meaning: The Conundrum of Contemporary Nomenclature in Autism. In: Journal of Child and Adolescent Psychiatric Nursing, Aug 2006, viewed Feb. 27, 2007
  2. A note about language and abbreviations (Memento vom 12. Februar 2009 im Internet Archive), Jim Sinclair. Accessed 4 March 2007
  3. D.J. Hare, S. Jones, K. Evershed: A comparative study of circadian rhythm functioning and sleep in people with Asperger syndrome. In: Autism 10 (6), Nov. 2006, S. 565–575.
  4. K. O’Connor, J.P. Hamm, I.J. Kirk: The neurophysiological correlates of face processing in adults and children with Asperger’s syndrome. In: Brain and Cognition 59 (1), Okt. 2005, S. 82–95.
  5. B.S. Myles, A. Huggins, M. Rome-Lake et al.: Written language profile of children and youth with Asperger syndrome: From research to practice. In: Education and Training in Mental Retardation and Developmental Disabilities 38 (4), Dez. 2003, S. 362–369.
  6. “How to talk about autism”, National Autistic Society
  7. muskie: Institute for the Study of the Neurologically Typical. In: autistics.org. Autistics.org, 18. März 2002, archiviert vom Original am 9. März 2016; abgerufen am 31. Oktober 2016 (englisch).
  8. Ginny Russell: Critiques of the Neurodiversity Movement. In: Steven Kapp (Hrsg.): Autistic community and the neurodiversity movement: stories from the frontline. Palgrave Macmillan, Singapur 2020, ISBN 978-981-13-8437-0, S. 287–303, hier S. 288, doi:10.1007/978-981-13-8437-0 (Kapitel als Download [PDF; 228 kB; abgerufen am 10. August 2020]).
  9. Ginny Russell: Critiques of the Neurodiversity Movement. In: Steven Kapp (Hrsg.): Autistic community and the neurodiversity movement: stories from the frontline. Palgrave Macmillan, Singapur 2020, ISBN 978-981-13-8437-0, S. 287–303, hier S. 290, doi:10.1007/978-981-13-8437-0 (Kapitel als Download [PDF; 228 kB; abgerufen am 10. August 2020]).
  10. Leitlinie zu Autismus-Spektrum-Störungen im Kindes-, Jugend- und Erwachsenenalter, Teil 1: Diagnostik. Langfassung S. 14 f. (PDF) Siehe unter A.2.2 Klassifikation von Autismus-Spektrum-Störungen und A.2.3 Autismus-Spektrum-Störungen als dimensionale Störung. Stand 2016, Arbeitsgemeinschaft der Wissenschaftlichen Medizinischen Fachgesellschaften.
  11. F. R. Volkmar, J. C. McPartland: From Kanner to DSM-5: autism as an evolving diagnostic concept. In: Annual review of clinical psychology. Band 10, 2014, S. 193–212, doi:10.1146/annurev-clinpsy-032813-153710, PMID 24329180 (Review).