Oberleitungsbus Nancy

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Oberleitungsbus Nancy
Wagen 22 in der Rue Saint-Georges
Wagen 22 in der Rue Saint-Georges
Streckenlänge:11,1 km
Stromsystem:750 Volt =
Höchstgeschwindigkeit:70 km/h
   
Vandœuvre CHU Brabois (P&R) Spurführung Endschleife
   
Forêt de Haye
   
Faisanderie
   
Doyen Roubault
   
Saint André
   
Le Reclus
   
Callot Beginn der Spurführung
   
Vélodrome
   
Vandœuvre-lès-Nancy / Nancy
   
Montet Octroi
   
Blandan
   
Exelmans
   
Jean Jaurès
   
Garenne (Bd Jean Jaurès – Tram 1)
   
Mon Désert
   
Kennedy
   
Nancy Gare
   
Maginot
   
Point Central
   
Cathédrale
   
Division de Fer
   
Saint Georges
   
Abzweig (Bauvorleistung)
   
Cristalleries
   
Nancy / Saint-Max
   
Gérard Barrois – Stade Marcel-Picot Ende der Spurführung
   
Saint Livier
   
Carnot
   
Saint-Max / Essey-lès-Nancy
   
Briand
   
Essey Roosevelt Beginn der Spurführung stadtauswärts
   
Essey Mouzimpré Spurführung Endschleife

Der Oberleitungsbus Nancy, heute meist Tramway de Nancy genannt, ist ein seit 1982 bestehender Oberleitungsbus-Betrieb in der französischen Stadt Nancy und den drei Nachbargemeinden Essey-lès-Nancy, Saint-Max und Vandœuvre-lès-Nancy. Das System wurde 2001 auf abschnittsweise spurgeführten Betrieb umgestellt, weshalb es heute als Tramway sur pneumatiques bezeichnet wird. Hierbei handelt es sich um die im Französischen übliche Bezeichnung für eine Straßenbahn auf Luftreifen, die mittels einer mittig in der Fahrbahn versenkten Leitschiene in der Spur gehalten wird. Zuständiges Verkehrsunternehmen ist die Gesellschaft Service de transport de l’agglomération nancéienne (STAN), sie betreibt im Großraum Nancy zusätzlich diverse Omnibuslinien.

Die einzige in Betrieb befindliche Linie T1, wobei T für Tramway steht, hat eine Länge von 11,1 Kilometern und wird an Wochentagen im Fünf-Minuten-Takt bedient. Die Durchmesserlinie verläuft in etwa von Nordosten nach Südwesten. Insgesamt werden 28 Stationen angefahren, der mittlere Haltestellenabstand beträgt somit 411 Meter. 2005 wurden 5,8 Millionen Fahrgäste befördert.

Geschichte[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Duo-Bus[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Netz des Jahres 1983
Duo-Bus des Typs Renault PER 180 H im Jahr 1986 in der Rue Saint-Georges, hier verkehrt jetzt der TVR

Die Straßenbahn Nancy war am 2. Dezember 1958 stillgelegt worden. Angesichts der Zunahme des Individualverkehrs wurde Ende der 1970er Jahre die Wiedereinführung der Straßenbahn nach dem Beispiel von Nantes erwogen, jedoch aus Gründen einer unsicheren Perspektive über den Abschreibungszeitraum von 30 Jahren hinweg verworfen. Ein Oberleitungsbusnetz, abgeschrieben in nur 18 Jahren, erschien wesentlich günstiger.[1]

Am 28. März 1980 fasste das Stadtparlament den Beschluss, ein Oberleitungsbusnetz einzurichten. In einer ersten Stufe sollten innerhalb von drei Jahren drei Linien mit 35 km Länge entstehen, bis 1990 sollte das Netz um vier Linien erweitert werden. Zu diesem Zeitpunkt sollte der Fahrzeugbestand von zunächst 48 Gelenktrolleybussen auf 85 Einheiten ansteigen.[2] Schon früh im Planungsstadium legte man Wert auf eine Lösung mit Fahrzeugen, die nicht an eine Fahrleitung gebunden sind. Elektrisch sollte anfangs nur dort gefahren werden, wo ein umweltfreundlicher Betrieb erwünscht wurde oder starke Steigungen vorhanden waren. Zudem sollte dies die Nutzung von Umleitungen und einen etappenweisen Ausbau des Fahrleitungsnetzes möglich machen.[1]

Auf dem ersten Fahrleitungsabschnitt zwischen den Stationen Godefroy de Bouillon und Champ Le Boeuf, einer Teilstrecke der zukünftigen Linie 19, wurde am 12. Oktober 1981 der Strom eingeschaltet. Am 20. Oktober begannen erste Probefahrten mit dem Prototyp 001 der Gelenk-Duo-Busse des Typs PER 180.[3] Im Mai 1982 wurden von Renault die ersten, mit einem leistungsfähigen Turbo-Diesel-Hilfsantrieb ausgestatteten[4] Serienfahrzeuge PER 180 H[Anm. 1] ausgeliefert, im September war die Fahrleitungsanlage der ersten drei Linien fertiggestellt. Auf den Innenstadtstecken wurde teilweise eine einfache, starre Aufhängung verwendet, auf den Außenstrecken wurde die Anlage nach dem Kummler+Matter-Schrägpendelsystem aufgebaut.[5]

Der reguläre Betrieb begann am 27. September 1982, die vollständige Umstellung der 18 Kilometer langen Linie 19 (heute Nordabschnitt der Linie 2/BHNS) von Champ Le Boeuf im Vorort Laxou nach Ile de Corse im Stadtzentrum auf Duo-Bus-Betrieb fand schließlich zum 25. November desselben Jahres statt. Es folgte die Inbetriebnahme der 21 Kilometer langen Linie 4 (Nordast heute teilweise Linie 5, Südast heute weitgehend Linie T1) von Vandœuvre CHU Brabois nach Beauregard am 20. Dezember 1982 und schließlich 1983 die 14 Kilometer lange Linie 3 von Laxou Provinces nach Essey-lès-Nancy (Westast heute Teil der Linie 3, Ostast heute Linie T1).[6] Der Duo-Bus-Betrieb wurde am 1. August 1999[7] wegen der bevorstehenden Umstellung auf spurgeführten Betrieb eingestellt, ein Teil der Fahrzeuge wurde im reinen Dieselmodus zunächst weiterhin genutzt.

Umstellung auf spurgeführten Betrieb[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Spurführung im Bau
Zwischeneinfädelstelle, Weiche, Leitschienenende und Rückansicht eines TVR an der Endschleife Essey Mouzimpré

Am 8. Dezember 2000 wurde das neue System eingeweiht,[8] die offizielle Wiederinbetriebnahme des Oberleitungsbusses Nancy sollte am 2. Januar 2001 erfolgen. Aufgrund technischer Probleme wurde die Aufnahme des Fahrgastverkehrs jedoch auf den 11. Februar 2001 verschoben. Nur die Abschnitte von Vandœuvre CHU Brabois bis Jean Jaurès und Nancy Gare bis Essey Mouzimpré wurden beibehalten. Das übrige Netz wird mit Diesel- und Erdgasbussen betrieben, die Fahrleitungen sind teilweise aber noch vorhanden.

Die Fahrzeuge des Typs TVR von Bombardier stellen eine Mischung aus Oberleitungsbus und Straßenbahn dar. Weltweit ist das System nur in Nancy und – in abgewandelter Form mit einpoliger Oberleitungin Caen im Einsatz. Gefahren wird auf herkömmlichen Gummirädern. Die Spurführung erfolgt auf rund drei Fünfteln der Strecke über eine mittig angeordnete Leitschiene, ansonsten unabhängig im Straßenraum.

Das System TVR mit zweipoliger Oberleitung wurde einer konventionellen Straßenbahn aus mehreren Gründen vorgezogen:

  • Ein Teil der bestehenden Infrastruktur für die O-Busse (Abschnitte der Linien 3 und 4) konnte weiter genutzt werden
  • Ein Mischbetrieb zwischen konventionellen O-Bussen und TVR wäre möglich gewesen
  • Aufgrund der höheren Reibung erschien ein gummibereiftes Fahrzeug für die Steilstrecke zwischen Callot und Vandœuvre CHU Brabois (bis 13 Prozent) geeigneter als eine Straßenbahn
  • In den östlichen Vororten Saint-Max und Essey-lès-Nancy waren separate Trassen nicht erwünscht
  • Das System erschien preiswerter als eine Straßenbahn
  • Nancy wurde mit der ersten kommerziellen Einführung eines Tramway sur pneumatiques zum Pionier einer neuen Technologie

Die Spurführung ist auf den zentralen Bereich, die beiden Wendeschleifen an den Endstellen und – nur stadtauswärts – einen kurzen Abschnitt in Essey beschränkt. An den Anfängen der Leitschienen, aber auch in deren Verlauf, befinden sich Einfädelstellen, an denen die Führungsrollen bei kurzzeitig stehendem Fahrzeug herabgelassen werden (dropage). Auch das Einziehen der Rollen (dédropage) geschieht während eines kurzen Halts außerhalb der Haltestellen.

Gewundene Streckenführung am Bahnhof mit Geschwindigkeitsbegrenzung auf 5 km/h

Auf der Steilstrecke zwischen den Stationen Callot und Vandœuvre CHU Brabois sowie zwischen den Haltestellen Gérard Barrois und Essey Roosevelt (stadtauswärts) beziehungsweise Essey Mouzimpré (stadteinwärts) existiert keine Leitschiene. Auf diesen Strecken bewegen sich die Fahrzeuge manuell gelenkt wie konventionelle Oberleitungsbusse. Aus diesem Grund haben sie eine Straßenverkehrszulassung und besitzen dementsprechend ein Kraftfahrzeugkennzeichen.

Eine zweipolige Oberleitung sorgt für die Stromversorgung, die Stangenstromabnehmer entsprechen denen gewöhnlicher Oberleitungsbusse. Zudem verfügen die Wagen über einen dieselelektrischen Hilfsantrieb. Er wird bei Umleitungen (bedingt etwa durch Bauarbeiten oder Verkehrsunfälle) und bei den Fahrten von und zum mehr als zwei Kilometer entfernten Depot benötigt, wohin keine Oberleitung führt.

In der Anfangszeit hatte das neue System mit großen technischen Schwierigkeiten zu kämpfen. In den engen S-Kurven am Bahnhof und an anderen Stellen „entgleisten“ Fahrzeuge, was zwei Unfälle mit Verletzten zur Folge hatte. Dies führte dazu, dass der Betrieb des TVR, nach sechs kürzeren Unterbrechungen innerhalb von zwei Monaten,[9] von Mitte März 2001 bis zum 12. März 2002 ein weiteres Mal langfristig unterbrochen wurde,[10] um eine gründliche Aufbesserung vorzunehmen. Mittlerweile läuft der Verkehr weitgehend reibungslos.

Fahrzeuge[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Zu Zeiten des Duo-Bus-Betriebs standen 48 Gelenkwagen des Typs Renault PER 180 H zur Verfügung, sie trugen die Betriebsnummern 603 bis 650.

Die heute verwendeten dreiteiligen Doppelgelenkfahrzeuge, aufgrund der Ausrichtung auf den französischen Markt als TVR (Transport sur Voie Réservée) bezeichnet, wurden von Bombardier Transportation geliefert. Insgesamt sind 25 Einheiten im Einsatz, sie sind von 1 bis 25 durchnummeriert.

Ausblick[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Während in Caen entschieden wurde, das Spur-Obus-System im Jahr 2016 stillzulegen und bis zum Jahr 2018 auf gleicher Strecke eine konventionelle Straßenbahn zu bauen, wird der TVR in Nancy für weitere zehn Jahre instandgesetzt. Da Bombardier künftig keine TVR mehr anbietet, wird Nancy ab 2016 die einzige Stadt mit diesem System sein, das allerdings nicht mehr weiter ausgebaut werden kann.[11] Die 2013 als „Bus à Haut Niveau de Service (BHNS)“ eingeführte neue Schnelllinie 2 wird daher mit speziellen Erdgas-Gelenkbussen, einem hohen Anteil an eigenen Fahrspuren und Vorrangschaltung an Ampelanlagen betrieben.[12]

Am 10. Februar 2017 beschloss der Stadtrat, dem Beispiel Caens zu folgen und den spurgeführten Oberleitungsbus im Jahr 2022 durch eine klassische Straßenbahn zu ersetzen. Hauptgrund ist der zu erwartende Mangel an Ersatzteilen für die Fahrzeuge des Typs TVR.[13]

Bildergalerie[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Anmerkungen[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  1. H bedeutet hacheur (Chopper)

Literatur[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  • Günther Herbst: Die Tram von Nancy, 2009 (Herausgeber: Straßenbahnfreunde Mainz e. V.)

Weblinks[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

 Commons: Oberleitungsbus Nancy – Sammlung von Bildern, Videos und Audiodateien

Einzelnachweise[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  1. a b Das neue Trolleybusnetz in Nancy in: Stadtverkehr 10/1981, S. 424 ff.
  2. Stadtverkehr 9/1980, S. 401.
  3. Kurzmeldungen in: Stadtverkehr 11-12/1981, S. 470.
  4. Kurzmeldungen in: Stadtverkehr 7/1981, S. 310.
  5. Kurzmeldungen in: Stadtverkehr 10/1982, S. 424 f.
  6. Les trolleybus de Nancy (1982–1999)
  7. http://www.spvd.cz/svet/seznam_tbus/seznam_tbus/weltlist.pdf
  8. Nancy: dix ans de tram sur pneus (estrépublicain.fr), abgerufen am 4. November 2013
  9. L'Humanité vom 12. März 2001, abgerufen am 4. November 2013
  10. Strassenbahn Magazin 5/2002, S. 10
  11. Mobilicités vom 9. Juli 2013, abgerufen am 4. November 2013
  12. Stan-expression: La ligne 2, abgerufen am 4. November 2013
  13. Blickpunkt Straßenbahn 3/2017, S. 121