Oktoberklub

aus Wikipedia, der freien Enzyklopädie
Wechseln zu: Navigation, Suche
Autogrammkarte von 1968

Der Oktoberklub war eine politische Liedgruppe in der DDR. Die musikalische Stilistik war eine Mischung aus Lied, Chanson, Folk- und Rockmusik. Er wurde 1966 gegründet und bestand bis 1990.

Geschichte[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Oktoberklub 1967

Das Folk-Revival in den USA löste Anfang der 1960er Jahre in vielen Ländern eine Welle der Folkmusik und der Protestlieder aus. In der DDR hatte der kanadische Folksänger Perry Friedman bereits seit 1960 Hootenannys (amerikanische Bezeichnung für ein ungezwungenes, geselliges Konzert) veranstaltet. Um ihn und das Jugendradio DT 64 sammelte sich eine Gruppe folkbegeisterter junger Leute, die, unterstützt von der FDJ-Bezirksleitung, im Februar 1966 den Hootenanny-Klub Berlin gründete. Jeder konnte mitmachen, der Klub war offen und für DDR-Verhältnisse ungewöhnlich zwanglos. Die SED-Führung hatte während des 11. Plenums im Dezember 1965 beschlossen, kritische Kunst und Jugendkultur zu verbieten und inszenierte Anfang 1967 eine Kampagne gegen Anglizismen. Der Hootenanny-Klub benannte sich daraufhin um in „Oktoberklub“. Der Name sollte Oktoberrevolution und DDR-Gründung assoziieren. Die Hootenanny-Bewegung wurde offiziell fortan „FDJ-Singebewegung“ genannt und als „Modellfall“ sozialistischer Kulturpolitik gefördert und vereinnahmt.

Die Mitglieder des Oktoberklubs waren „hundertprozentig rot, überzeugt, ehrlich“ (Reinhold Andert) und wollten die Gesellschaft aktiv mitgestalten. Mit der Verbindung von Politik und Unterhaltung brachten sie neue Elemente in die erstarrte politische Kultur der DDR ein, ließen sich jedoch auch für Repräsentationszwecke instrumentalisieren und wurden ihrem eigenen Anspruch „DDR-konkret“, „Alltag besingen, wie er ist“ (Reinhold Andert), oft nicht gerecht. Darüber gab es im Klub immer wieder Auseinandersetzungen, und einige Musiker wie Bettina Wegner verließen ihn wegen politischer Differenzen. Der Klub hatte in den Anfangsjahren eine durchaus bemerkenswerte Resonanz unter DDR-loyalen Jugendlichen, Oppositionelle lehnten ihn jedoch als „linientreu“ ab, und in den 1980er Jahren wurden seine agitatorischen Songs immer mehr als einschichtig und phrasenhaft empfunden.

Der Klub sang internationale politische Lieder (zum Teil in Nachdichtungen), Eigenschöpfungen sowie traditionelle Volks- und Kampflieder. Neben normalen Liederabenden mit gemischtem Repertoire führte er ab 1971 auch revueartig gestaltete Programme auf (1971 FDJ-Nachtschicht, 1972 Kantate Manne Klein und Liebesnachtschicht, 1975 Prenzlauer Berg).

Der Klub war Initiator und Organisator von Veranstaltungsreihen wie dem OKK (ab 1970 erste ständige Diskothek der DDR, ab 1977 Kellerklub im Haus der jungen Talente), dem Festival des politischen Liedes (1970–1990) und Ein Kessel Rotes (ab 1979). Der Klub trat auch häufig im Ausland auf, zum Beispiel bei Pressefesten kommunistischer Zeitungen in Westeuropa. Er erhielt verschiedene Auszeichnungen, unter anderem 1986 den Stern der Völkerfreundschaft in Gold.

Der Klub war eine Amateurgruppe, zeitweise mit einem halbprofessionellen Kern. Die Besetzungen wechselten häufig. Insgesamt gehörten ihm im Laufe der Jahre ungefähr 180, zeitweise mehr als 40 Mitglieder an, die jedoch nicht alle künstlerisch tätig waren. Die Schriftstellerin Gisela Steineckert und der Komponist Wolfram Heicking hatten lange Zeit eine Art Mentorenrolle. Wichtige Autoren der Anfangsjahre waren Reinhold Andert, Kurt Demmler und Hartmut König, später Gerd Kern als Texter und Fred Krüger als Komponist. Ab 1987 stammen viele Texte und Kompositionen von Michael Letz.

Der Klub war auch „als Talentreservoir für den jugendorientierten Musikbereich von großer Bedeutung“ (Olaf Leitner). 1973 ging aus ihm die professionelle Songgruppe Jahrgang 49 hervor, die bis 1980 existierte. Einige Klubmitglieder machten künstlerische Solokarrieren (Reinhold Andert, Barbara Thalheim, Jürgen Walter, Gina Pietsch, Tamara Danz und andere), andere arbeiteten später in kulturellen Institutionen wie Rundfunk, Fernsehen, Schallplatte und Generaldirektion beim Komitee für Unterhaltungskunst. Hartmut König wurde 1989 stellvertretender Minister für Kultur. Zu den bekanntesten Liedern des Oktoberklubs gehören Sag mir, wo du stehst, Oktobersong und Wir sind überall.

1968 porträtierte Gitta Nickel den Oktoberklub in dem DEFA-Dokumentarfilm Lieder machen Leute. In den 1990er Jahren entstanden zwei Fernsehdokumentationen über die Geschichte des Klubs: Das Ende vom Lied (VPRO, Niederlande, 1992) und Sag mir, wo du stehst (Axel Grote und Christian Steinke, MDR 1993).

Broschüren und Bücher, Platten[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Broschüren und Bücher[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  • 1967: Octav (Liederheft zum Pfingsttreffen der FDJ in Karl-Marx-Stadt)
  • 1985: 100 Lieder Oktoberklub. Berlin 1985
  • 1996: Und das war im … 30 Jahre Oktoberklub. Die wichtigsten Daten und Dokumente von 1966–1990. Berlin 1996

Langspielplatten[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  • 1967: Der Oktoberklub singt (Amiga)
  • 1968: Unterm Arm die Gitarre (Amiga)
  • 1973: aha – Der Oktoberklub (Amiga)
  • 1978: Politkirmes (Amiga)
  • 1985: Da sind wir aber immer noch – 20 Jahre OK (Amiga, Doppel-LP)

Singles (Auswahl)[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  • 1967: Was machen wir zu Pfingsten? / Rückseite: Hermann Hähnel & Kammerchor Institut Musikerziehung Berlin (eterna)
  • 1967: Sag mir, wo du stehst / Rückseite: Thomas Natschinski und seine Gruppe Denn sie lehren die Kinder (Amiga)
  • 1968: Friedenslied / Sommer '68 / Frühlingslied (Schallfolie octav, Farbe rot)
  • 1969: Ich bin wie alle blind geboren / Heut' singt ein Singeclub (Schallfolie octav, Farbe grün)
  • 1975: Große Fenster / Ich singe den Frieden (Amiga)
  • 1978: Haben wir diese Erde? / Rückseite: Jahrgang '49 mit RDA grüßt Cuba socialista (Amiga)
  • 1979: Da sind wir aber immer noch / Hier, wo ich lebe (Amiga)

CDs[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  • 1995: Das Beste (Barbarossa)
  • 1996: Oktoberklub life (Nebelhorn)
  • 1996: Hootenanny (Barbarossa/Amiga)
  • 1999: Subbotnik (Barbarossa)

Der Oktoberklub ist außerdem auf mindestens 55 LP-Samplern (darunter 1970 bis 1987 auf den ersten 17 LPs Festival des politischen Liedes bei eterna bzw. Amiga) sowie auf mindestens 9 CD-Samplern mit Liedern vertreten, beginnend ab 1967 mit der LP Baut die Straßen der Zukunft (eterna) mit dem Stück Du hast ja ein Ziel vor den Augen.

Weblinks[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

 Commons: Oktoberklub – Album mit Bildern, Videos und Audiodateien