Otto Alscher

aus Wikipedia, der freien Enzyklopädie
Zur Navigation springen Zur Suche springen
Otto Alscher (1880–1944)
Das Foto entstand vermutlich 1933/1934.

Otto Alscher (* 8. Januar 1880 in Perlasz, Königreich Ungarn, Österreich-Ungarn; † 29. Dezember 1944 in Târgu Jiu, Königreich Rumänien) war ein rumäniendeutscher und österreichischer Schriftsteller. Er wird in der Literaturgeschichte auch als „ein deutscher Dichter Ungarns“ erwähnt. Er selbst stellte sich als secessionistischen, international ausgerichteten Künstler vor.

Leben und Werk[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Am 8. Januar 1880 kam Otto Alscher als ältestes von drei Kindern einer Wanderfotografenfamilie in Perlasz, einer Militär-Grenzgemeinde im südöstlichsten Winkel der k.u.k. Monarchie, zur Welt. 1891 ließen sich die Alschers in Orschowa (heute Orşova) nieder, einer kleinen Hafenstadt an der Donau und gründeten dort das erste Fotoatelier der Gegend. Im Wintersemester 1898/99 und im Sommersemester 1899 besuchten Otto und sein jüngerer Bruder Hugo die k. k. Lehr- und Versuchsanstalt für Photographie und Reproduktionsverfahren. Mit ihrer Verehrung für Natur, Instinkt und Friedrich Nietzsche fanden die Brüder bald Anschluss zu Kreisen der Wiener Bohème. Otto ergriff die journalistische und schriftstellerische Laufbahn, Hugo wurde Maler. Das Schauspiel des Naturwillens wird Otto sowohl mit Bilddetails, die er vor seinem inneren Auge während seiner Wanderungen aufruft, als auch mit dem handwerklichen Rüstzeug der Fotografie realistisch inszenieren. 1904 heiratete er die literarisch ambitionierte Kindergärtnerin Leopoldine Elisabeth Amon, alias Else Alscher, und baute im Gratzkatal, etwa eine Stunde von Orschowa entfernt, ein Haus für seine zukünftige Familie und eine „Luderhütte“, ein Arbeitszimmer mit Schießscharte für sich. Die Kinder Reingard (* ?), Helmut (* 1907) und Helga (* 1909) kamen hier zur Welt.

„Etwas Besonderes ist allen Erzählungen gemeinsam, die in diesem Buch beisammen stehen. Es ist die Liebe zur Natur“, heißt es im „Geleitwort“ der Anthologie Strömungen, einer „Liebesgabe für deutsche Kriegsgefangene“. Alscher, der hier mit der Kurzgeschichte „Die Hunde“ vertreten ist,[1] stellt seine Figuren während einer Arktis Expedition vor eine existentielle Entscheidung. Im Gefühl des Eingebundenseins in die Gesetzlichkeiten der Evolution führt der Erzähler das Scheitern der Zusammenarbeit zwischen Forschern und Schlittenhunden darauf zurück, dass den abstrakt denkenden Menschen das Wesen der Landschaft sowie das der Schlittenhunde fremd bleibt. Zu einer Synthese menschlicher und tierischer Erfahrungen kommt es hingegen in dem zeitgleich entstandenen Roman Gogan und das Tier [2], worauf eine zeitlose Stimme im inneren Monolog Gogans deutet. Als der Zug durch die heimatliche Landschaft fährt, antizipiert der Protagonist, Alschers Alter Ego, seine Verwirklichung, als „Ein Augenblick und eine Seele“. Mit diesem Roman gewann der Lebensentwurf in den Karpaten literarischen Bestand. Die expressionistische Zeitschrift Der Brenner warb 1912 mit dem Vorabdruck des Höhepunkts der Erlösungsutopie, dem seelischen, lebensbejahenden Wandel des Protagonisten. Ebenfalls 1912 erscheint in der Anthologie des S. Fischer-Verlags Das 26. Jahr die Jagd-Szene des Romans. Der Auszug Die Hühnerjagd tritt durch das symbolistische Kolorit der realistisch dargestellten Jagdszene hervor.

1915 wurde Alscher einberufen. Hatte er sich zu Beginn des Ersten Weltkriegs als Propagandist hergegeben, so entwickelte er sich nun zum Kriegsgegner. 1916 wurde er wegen einer Malariaerkrankung ausgemustert, 1917 erschien sein erster Band mit Tiergeschichten Die Kluft, Rufe von Menschen und Tieren bei Albert Langen, München. „Die Kluft“ ist hier noch nicht zu überbrücken, die Bindung des Menschen zum Tier und zur Natur zerbricht an den Schäden der Zivilisation. Alscher widerlegte Nietzsches These von der „Vergesslichkeit“ des Tieres, denn seine Raubtiergestalten sind wie die Jack Londons in ihrer Wahrnehmung und ihren moralischen Entscheidungen dem Menschen überlegen. Aus diesem Band wählte Hermann Hesse die Kurzgeschichte Die Hunde als „neuere Dichtung“, wie es im "Geleitwort" heißt, aus.

1919/1920 knüpft Alscher an die ästhetisch-ethischen Maßstäbe der Secession mit dem Fortsetzungsroman Kämpfer. Roman an. In der 30. Folge betrachtet er seine Kunst und Prägung aus dem „Mittelsaal der Secession“. Mit seiner Muse und Lebensgefährtin Dina alias Elisabeth Amberg kehrt Alschers Alter Ego der Provinzstadt den Rücken, die Einschätzung seiner Position als Künstler der Avantgarde nimmt das Ausstellungskonzept Klimt ist nicht das Ende vorweg.[3] „Die Aussichtslosigkeit und die gesellschaftlichen Tristesse der Zwischenkriegszeit werden in der Kunst der Phantastik auf eine tiefsinnige und fast prophetische Weise reflektiert.“ Die Rückbesinnung auf die Welt des Sichtbaren (Klimt, 2018) will Alschers „Kämpfer“ erreichen, indem er dem „Abstand zwischen Mensch und Erdenleben“ durch Kunst und Naturnähe entgegenwirkt und sich in die „Realismen der Nachkriegszeit“ (Klimt, 2018) der 1920er Jahre einbringt. Einerseits lassen sich seine Figuren auf das Zusammenspiel zwischen Lebenskunst und Kampf ums Dasein in der Natur ein, andererseits siechen groteske Tier- und Menschengestalten vor dem Hintergrund einer bürgerlichen Kulisse dahin. Alscher verließ seine Familie und ging mit der zwanzig Jahre jüngeren Lehrerin Elisabeth Amberg eine Lebensgemeinschaft ein. Als politischer Journalist plädierte er für die Angliederung des Banats an das Königreich Rumänien, im neuen Staat sah er eine Chance zur ästhetischen Erneuerung der deutschen Minderheit. Entfremdet, ohne einen neuen Leserkreis gewonnen zu haben, zog er sich mit seiner Lebensgefährtin zurück in seine Utopie und erwarb das Haus in der Gratzka wieder. Fünf Kinder: Edgar (* 1924), Edith (* 1926), Hugo (* 1928), Erika (* 1930) und Ingrid (* 1936) kamen hier zur Welt.

1925 und 1929 griff Friedrich Dahncke „rätselhafte Schicksale“ in den beiden Auflagen der Anthologie Tiergeschichten aus fremden Ländern auf. Der fiktive Kameraschwenk vom eingeengten zum freien, weiten Dasein beleuchtet das Wesentliche im Leben und Sterben von Mensch und Tier in der Geschichte Der Jagdgenosse. Erzählung aus der arabischen Wüste. Diese bislang verschollene Quelle verweist auf das zeitgeschichtliche Echo auf Alschers Werk. Die beiden Auflagen stehen im Kontext der realistischen angloamerikanischen Tiergeschichte, sie stellten laut Herausgeber ein „neues literarisches Gebiet“ vor.

Der Band Tiergeschichten: Tier und Mensch[4] steht ebenfalls in der Tradition der Tiergeschichte der Weltliteratur. Anthologien der 1930er, 1940er und 1950er Jahre verweisen kontinuierlich auf thematische Zusammenhänge zwischen Alschers und Jack Londons Mensch-Tier-Beziehung. Die gebrochene Zehe Alschers erzählt von einem Wolf, der den Hund eines Jägers getötet hat, und sich durch seine im Schnee hinterlassenen Spuren verrät. Motivische Zusammenhänge mit Londons Das Feuer im Schnee präsentiert Alfred Mühr.[5] Alschers Verfolger und Londons Wenn die Natur ruft handeln von Revier-Kämpfen zwischen Mensch und Tier.[6]

In Alschers Der Furchtbare geht es um den „furchtbaren“, unbesiegbaren Sohn einer gefangenen Adlermutter, der ein Dorf in Furcht versetzt, solange die Mutter gefangen gehalten wird. Dieser Text erschien zusammen mit Londons Der Ruf ertönt sowie Von Wölfen gejagt.[7][8]

1936 wurde dieser Autor aufgrund seiner ideologisch unangepassten Nietzsche-Interpretation kritisiert, so druckte der Albert Langen Verlag das Manuskript, von dem bereits in Fortsetzungen erschienen Roman Zwei Mörder in der Wildnis nicht. Obwohl Alscher mit der Charakterdarstellung des völkisch korrekten Paars Zugeständnisse an eine nationalistisch überhebliche Ideologie machte, überwog die Botschaft des Luchs’schen Lehrmeisters, dessen Jagdverhalten und -können realistisch präzise, mit fiktiver Kameraeinstellung innerhalb eines widersprüchlichen Handlungskonzepts dargestellt ist. 1937 musste Albert Langen auch Alschers Bände mit Tiergeschichten „verramschen“ bzw. „abstoßen“.

In innerer Emigration besinnt sich Alscher auf die Tierperspektive, die zu einer eigenen Wahrnehmung und zu einem humanen Selbst führt. Eine frohe Erfahrung beschert Walter, der Uhu, seinem gewesenen Herrn, als er ihn, erhaben über eine mögliche Bewirtung, die Sorge um die nächste Mahlzeit vergessen lässt. Der Moment der Verständigung mit der Natur beinhaltet auch das Recht des Menschen auf Selbstbestimmung. Als Alscher diesen Text schrieb, wurde er mit seiner Familie von der Armenküche in Timișoara verköstigt, laut seiner Tochter Edith. Die „Bindungen zwischen Tier und Mensch“ und der Zuspruch des Wildtiers, das „zu sich selbst zurückkehren“ kann, bestätigen die „die Güte des Herzens, [die] eine transzendentalen Eigenschaft ist“ (Arthur Schopenhauer). Unter Schopenhauers Einfluss wird die Tierbegegnung zu einer Widerstandshandlung, die den Menschen „stets mit voller Besonnenheit ganz er selbst sein [lässt]“ (Schopenhauer). 1943, nachdem Alscher das Fotoatelier in Orşova erbte und die Druckkosten finanzieren konnte, publizierte er den Band Die Bärin. Besinnliche Tiergeschichten in Timișoara, in der Druckerei Heinrich Anwenders.

1944 verbindet Alscher seine Todesahnung mit einer idyllischen Traumlandschaft in Der Bär im Sommersegen und Der Bär im Früchtesegen. Die Prosa ist identisch, in Der Bär im Sommersegen ist jedoch ein Gedicht eingefügt, das das Naturerlebnis in eine unerreichbare Ferne rückt. Ein „süßer Traum“ verwischt die Unterschiede zwischen Mensch und Tier, doch „tickt der Wurm“ und den Träumenden beschleicht die Angst vor dem „Sturm am Morgen“.

Am 23. August 1944 trat Rumänien auf die Seite der Alliierten, bereits im September wurde Alscher in Târgu Jiu interniert. Seine Tochter Edith erzählte, dass er im Oktober fliehen konnte und etwa 100 km zu Fuß nach Hause ging, er wurde jedoch in der Orşovaer Innenstadt eines Mittags erneut verhaftet. Am 29. Dezember 1944 starb er im Internierungslager von Târgu Jiu.

Zu Otto Alschers Comeback im 21. Jahrhundert gab Die Bärin. Natur- und Tiergeschichten aus Siebenbürgen (2000), ein Band mit Wildtier-Kurzgeschichten, den entscheidenden Impuls. Zum ersten Mal stehen „Die Bärin“ und „Mein Freund Walter, der Uhu“ im Kontext der Weltliteratur [9]

Helga Korodis Edition Ein Augenblick und eine Seele. Im Werk Otto Alscher präsentiert diesen Autor als relevanten Tiergeschichtenerzähler der Moderne und verweist im Vorwort auf den Epochenbezug der Texte.

Quellen[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Essays von Helga Korodi:

  • Jenseits der Zivilisation – Vor 120 Jahren wurde Otto Alscher geboren, Südostdeutsche Vierteljahresblätter, Verlag Südostdeutsches Kulturwerk, München, 2000, Heft 1
  • Die Bärin. Natur- und Tiergeschichten aus Siebenbürgen, Verlag Natur & Text, Rangsdorf, 2000
  • Der Berg versagte seinen Segen, Südostdeutsche Vierteljahresblätter, Verlag Südostdeutsches Kulturwerk, München, 2002, Heft 3
  • Die Täuschungen der Wildnis, Südostdeutsche Vierteljahresblätter, Verlag Südostdeutsches Kulturwerk, München, 2003, Heft 2
  • Im Lehrplan und vor der Tür, www.Zeit-Schule.de
  • Otto Alschers Wasserimpressionen in existenzphilosophischem Zusammenhang, Präsentation anlässlich der 2. internationalen EASCLE-Konferenz, Klagenfurt 2006
  • Otto Alscher zwischen Wien und dem Banat, zwischen den Alpen und Karpaten, Verlag Natur & Text, Rangsdorf, 2009
  • Otto Alschers Wanderungen durch die Karpaten Kakaniens [10]
  • Otto Alschers ästhetizistischer Sonderweg, Fallstudie, Verlag Otto Sagner: Bibliothek und Medien 35, 2015
  • Ein Augenblick und eine Seele. Im Werk Otto Alschers[11]

Weitere Nachschlagewerke, in chronologischer Reihenfolge

  • Franz Brümmer: Lexikon der deutschen Dichter und Prosaisten vom Beginn des 19. Jahrhunderts bis zur Gegenwart, Achter Band, Nachträge zum 1.–8. Band, Leipzig, Philipp Reclam jun., 1913
  • Deutsch-Österreichische Literaturgeschichte. Ein Handbuch zur Geschichte der deutschen Dichtung in Österreich-Ungarn, herausgegeben von Eduard Castle, Vierter Band 1890–1918, S. 1460
  • Unsere Zeitgenossen, Wer ist’s?, Leipzig, 1922, S. 14
  • Magyar irok elete es munkai, Gulyas Pal, 1939, S. 449
  • Wer ist's Unsere Zeitgenossen, Hrsg. Herrmann A. L. Degener, 10. Ausgabe, 1935, S. 274
  • Deutsche Literatur der Gegenwart, Oehlke, Waldemar, 1942, S. 275
  • Kleines österreichisches Literaturlexikon, H. Giebisch, L. Pichler und K. Vancsa, Wien: Hollinek, 1948
  • Autorenlexikon der Gegenwart, Karl August Kutzbach, 1950, S. 277
  • Kürschners Deutscher Literaturkalender, nebst Nekrolog 1901–1935 und 1936–1970, Jg. 29–52, Berlin: Gruyter, 1907–1952
  • Österreichisches biographisches Lexikon 1815–1950, Bd. I, S. 278, Graz: Böhlau, 1957
  • Literatur-Lexikon, Autoren und Werke deutscher Sprache, Hrsg. v. Walther Killy. Bd. I.,Bonn: Bouvier, 1950 und 1988, S. 110–111
  • Literatur-Lexikon, Autoren und Werke deutscher Sprache, Hrsg. v. Walther Killy., Gütersloh: Bertelsmann, 1988–1992, 12 Bde. S. 110–111
  • Deutsches Dichterlexikon, Gero von Wilpert, 3. Aufl., 1988, S. 112
  • Biographisches Lexikon des Banater Deutschtums, Dr. Anton Peter Petri, 1992, Sp. 19–20
  • Deutsche Biographische Enzyklopaedie, Hrsg. v. Walther Killy. Bd. 1., 1995–1999, S. 113 München, Saur
  • Lexikon deutschsprachiger Schriftsteller: Von den Anfängen bis zur Gegenwart, Böttcher, Kurt, Greiner-Mai, Herbert, Müller, Harald, Prosche, Hannelore, Hildesheim: Olms, 1993, Bd. 2: 20. Jahrhundert
  • Biografien des Verlags der Österreichischen Akademie der Wissenschaften

Weblinks[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Einzelnachweise[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  1. Die Hunde. In: Hermann Hesse, Richard Woltereck (Hrsg.): Strömungen, Verlag der Bücherzentrale für deutsche Kriegsgefangene, Bern, 1918.
  2. Gogan und das Tier. S. Fischer Verlag, Berlin, 1912.
  3. Klimt ist nicht das Ende. unteres belvedere, Wien 2018
  4. Tiergeschichten: Tier und Mensch. Albert Langen, München 1928, ins Niederländische übersetzt: "Dier En Mensch Schetsen Van Otto Alscher, Vertaald Door, 'Lampe', Uitgave Van De N.V.Uitgevers-Maatschappi - AE. E. Kluwer-Deventer-"
  5. Alfred Mühr (Hrsg.), in: Kamerad Hund. Ein Buch für Tierfreunde. Safari Berlin 1930, 2. Auflage 1940.
  6. In: Die Wolfsschlucht. Chronos – Tierreihe, Gustav Spielberg Chronos Verlag, Berlin 1949.
  7. Die schönsten Tiergeschichten der Welt. 3. Aufl. Wiesbaden: Emil Vollmer in Zusammenarbeit mit Kriterion Bukarest, auf Grund einer von Alfred Margul Sperber besorgten Ausgabe 1958.
  8. Aus dem Leben der Tiere. Die schönsten Geschichten aus aller Welt. Das Beste, Stuttgart, Zürich, Wien 2003.
  9. In: Aus dem Leben der Tiere. Die schönsten Geschichten aus aller Welt, Reader’s Digest, Projektleitung: Erwin Tivig, Stuttgart, Zürich, Wien, 2003.
  10. Otto Alschers Wanderungen durch die Karpaten Kakaniens, Fallstudie, Helga Korodi
  11. Helga Korodi (Hrsg.): Ein Augenblick und eine Seele - E-Book., Kulturstiftung der deutschen Vertriebenen, Bonn