Paradies (Konstanz)

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Stadtteil Paradies im Süden, westlich der Altstadt

Paradies war früher eine dörfliche Siedlung und ist heute ein Stadtteil der Stadt Konstanz am Bodensee. Er hat nach den amtlich definierten Stadtteilgrenzen eine Fläche von 63,2 Hektar (632.034 m²) und 5.813 Einwohner (2012)[1]. Im allgemeinen Verständnis in Konstanz (und unter anderem des städtischen Denkmalamts) wird das „Paradies“ begrenzt durch den Straßenzug Obere bzw. Untere Laube – der Boulevard am Westrand der historischen Altstadt –, den Seerhein sowie den Verlauf der Staatsgrenze zur benachbarten Schweiz.[2]

Entstehung[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Fischer- und Bauernsiedlung[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Das Paradies entstand wohl im Spätmittelalter als Fischer- und Bauernsiedlung. Damals hieß es Eggenhusen. Den heutigen Namen erhielt der heutige Stadtteil durch ein Nonnenkloster mit dem Namen claustrum Paradysi apud Constantiam, welches sich dort um 1186 ansiedelte. Die Nonnen übten Stundengebet und Krankenpflege aus.[3] Bereits 1253 verließen die Nonnen ihr Kloster vor den Toren der damaligen Bischofsresidenz und zogen in die Gegend des schweizerischen Schaffhausen, nach Schlatt im Kanton Thurgau und gründeten dort ein neues Kloster namens Paradies.[4] 1324 wird „Paradyse“ erstmals urkundlich erwähnt; es blieb bis ins 14. Jahrhundert eine eigenständige Dorfgemeinde. Auch um 1900 wurden Kohlköpfe, Rüble, Zwiebeln, Lauch und Sellerie angebaut. Diese wurden von Händlern abgeholt oder auf dem Wochenmarkt verkauft. Im Jahr 1969 gab es noch 25 Gemüsegärtnereien im Paradies.[5]

Vorstadt von Konstanz[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Konstanz von Osten: Kupferstich von Merian im Jahr 1633. Im Vordergrund die heutige Altstadt. Dahinter klar abgegrenzt das Paradies. Gut zu erkennen die Wehranlagen

Dann wurde er als Vorstadt nach Konstanz eingegliedert. Der ursprüngliche Mittelpunkt ist die St.-Martins-Kapelle auf einem Fundament aus dem 14. Jahrhundert. Im Jahr 1610 lebten im Paradies insgesamt etwa 300 Menschen. Die Paradieser Bauern versorgten damals die Bewohner Konstanz’ mit den Erträgen ihrer Felder im Bereich zwischen der heutigen B 33 (Europastraße) und der Laube.

In die städtische Ummauerung wurde das Paradies im 17. Jahrhundert integriert. Um 1639 wurde die Vorstadt mit der Errichtung eines Erdwalls und eines Grabens (Saubach) ins Verteidigungssystem der Handelsstadt Konstanz einbezogen. Dabei erhielt das Paradies auch zwei Wachtürme. Auf den Fundamenten des Äußeren Paradieser Tor, steht die heutigen Gaststätte Schweizergrenze in der Gottlieber Straße beim Gottlieber Zoll. Der Grießeggturm am Ende der Fischenzstraße war westlicher Eckpunkt der Verteidigungslinie. Er stand am Ende des Erdwalles entlang des Grenzbachs. Er hieß Erker im Paradies, Paradieser Turm im Rhein, steht unter Denkmalschutz wird seit dem 19. Jahrhundert als Paradieser Schlössle bezeichnet.[6] Seit 1733 ist Konstanz nicht mehr befestigt.[7]

Wohnungsbau verdrängt Landwirtschaft[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Historische „Geometrische Karte des Paradies“, J. Eiselein, 1847. Norden ist rechts unten; „Maßstab 600 Nürnberger Schuh“.

Um 1880 stieg die Einwohnerzahl auf nahezu 1.500. Mit dem Wegfall der Äcker verlagerte sich der Anbau von Gemüse ins westlich angrenzende Tägermoos, das zwar zur Gemarkung der Stadt Konstanz, staatsrechtlich aber zum Schweizer Thurgau gehört. Die der Landwirtschaft gewidmetem Flächen zwischen der Stadt Konstanz und dem alten Stadtteil Paradies fielen bis Ende der 1950er-Jahre zugunsten des Baus von Wohnungen fort.[8] Bis 1870 war das Paradies wenig bebaut. Ab 1870 wurde es vom Osten, ab 1901 zunehmend von Süden, ab 1961 von Norden her bebaut. Am Mai 1978 wurde die Schänzlebrücke eingeweiht, der Nordwesten des Paradieses nunmehr für Auf- und Abfahrtsrampen benötigt.[9]

Die Zahl der Gemüsegärtner nimmt stetig ab. 1969 gingen diesem Erwerb noch 25 Bewohner des Paradies nach, 2006 noch etwa acht. Nachdem Konstanz keinen eigenen Farrenstall mehr unterhielt, hatte der Stadtteil einen eigenen. Erst seit 1994 gibt es hier keine Viehhaltung mehr.

Bevölkerungszahl[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Paradies (im weiteren Sinne)[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  • 1610: 300 Bewohner (106 Erwachsene, 151 Kinder, 16 Dienstknechte, 27 Mägde)
  • 1781: 50 Familien, die sich von der Gärtnerei ernährten
  • 1817: 65 Familien in 45 Häusern
  • 1880: 1.467 Einwohner[10]

Paradies (Verwaltungsbezirk)[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  • 2012: 5.813 Einwohner[11]
  • 2013: 6.030 Einwohner[12]

Heutige Struktur[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Die Bebauung begann in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts. Beim Bau der Wallgutstraße, wegen Bebauung durch Neubauten und beim Bau der zweiten Rheinbrücke wurden historische Gebäude abgerissen.[13]

Denkmalschutz[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

In der „Liste der Kulturdenkmale“ der Stadt Konstanz (hrsg. von der Unteren Denkmalschutzbehörde) sind im östlichen Bereich, also nahe an der Oberen bzw. Unteren Laube, zahlreiche denkmalgeschützte Bauten aus der Gründerzeit bzw. im Jugendstil verzeichnet, außerdem das Palmenhaus sowie weitere einzelne Bauten im westlichen Teil.

Kunst im öffentlichen Raum[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Das Sgraffito von Hans Sauerbruch von 1957 im Schobuliweg 9/11, in dem an die landwirtschaftliche Vergangenheit des Stadtteils Paradies erinnert wird, wurde durch Restaurierung der Fassade und durch Innendämmung statt Außendämmung vor dem Vergessen bewahrt.[14]

Öffentliche Gebäude[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Entlang des Seerheins befinden sich mehrere öffentliche Gebäude, darunter die Hochschule Konstanz Technik, Wirtschaft und Gestaltung (HWTG) und die Wessenberg-Schule (von dem Bauhaus-Schüler Hermann Blomeier). Das Ellenrieder-Gymnasium, das Alexander-von-Humboldt-Gymnasium und die Wallgutschule sind hier ebenfalls beheimatet.

Paradies westlich der Bundesstraße 33[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

An der Ecke Fischenz-/Grießeggstraße wurde 1922 am Platz der Vorgängerkirchen die St-Martins-Kapelle geweiht. Eigentümer ist der Kapellenbauverein der Paradieser.[15] Sie heißt im Volksmund „Brissago-Kapelle“ nach der Zigarettenmarke Brissago, die von der Schweiz nach Deutschland geschmuggelt wurde.[16]

Vor der Kirche steht der Lienhardsbrunnen, der 1897 von der Marktstätte hierher versetzt wurde. Als neue Brunnenfigur auf einer Säule wurde der Heilige Lienhard, der Schutzpatron der Bauern und Gefangenen, vom Bildhauer Josef Franz Baumeister gefertigt.[17]

Gedenken[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Der Hussenstein (2011)
Gedenktafel an Johann Martin Schleyer, den Ersinner der Weltsprache Volapük
  • Der sogenannte „Hussenstein“ in der Straße Am Hussenstein erinnert an die Hinrichtung des tschechischen Reformators Jan Hus durch Verbrennen vor den Mauern der Stadt, obwohl ihm vorher freies Geleit durch das Konzil von Konstanz zugesichert worden war.[2][18] Die Hinrichtung von Jan Hus fand im Gebiet zwischen Paradiesstraße, Gottlieber Straße und Grenzbachstraße statt.[19]
  • Die Gedenktafel an der Fassade des Hauses Schottenstraße 37 erinnert an Johann Martin Schleyer, den Erfinder der Weltsprache Volapük, der 1889–1912 hier wohnte.[20]
  • Wegkreuz in der Brüelstraße 6/8: Dieses Wegkreuz aus rotem Sandstein mit gekreuzigtem Christus, gestiftet 1886 von der Bürgerschaft Paradies, wurde Anfang der 1980er-Jahre wegen Baumaßnahmen von der Gottlieber Straße hierher versetzt.[21]

Kuriosum: Buslinie „Friedhof – Paradies“[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Bis zum Sommer 2004 befuhr die Buslinie der Stadtwerke Konstanz (Roter Arnold) mit der Nummer 10 die Verbindung „Friedhof – Paradies“. Die entsprechenden Busse mit der angezeigten Streckenbezeichnung waren damit ein beliebtes Fotomotiv.[22]

Literatur[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  • Tobias Engelsing: Menschen im Paradies. Bilder aus einem Konstanzer Stadtteil um die Jahrhundertwende. Faude, Konstanz-Litzelstetten, November 1982. ISBN 3-922305-06-7. (Schwarz-weiße Privatphotos über Arbeitsleben, Häuser und Freizeit in der Zeit um 1900, wenig Begleittext).

Weblinks[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

 Commons: Paradies (Konstanz) – Sammlung von Bildern, Videos und Audiodateien

Einzelnachweise[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  1. konstanz.de: Konstanzer Stadtteilprofile 2013. Statistiken und Kennzahlen. S. 11 – Paradies
  2. a b Der Stadtteil Paradies. In: Konstanz im Blickpunkt. Norbert Höpfinger Verlag, Konstanz 2013/2014, S. 23.
  3. Tobias Engelsing: Menschen im Paradies. Bilder aus einem Konstanzer Stadtteil um die Jahrhundertwende. Faude, Konstanz-Litzelstetten, November 1982. ISBN 3-922305-06-7. S. 7
  4. Heike Thissen: St.-Martins-Kapelle. Schmugglerei im Himmel auf Erden In: Eva Maria Bast, Heike Thissen: Geheimnisse der Heimat. Konstanz, Edition Südkurier, 2011. ISBN 978-3-00-035899-9. S. 75–77.
  5. Tobias Engelsing: Menschen im Paradies. Bilder aus einem Konstanzer Stadtteil um die Jahrhundertwende. Faude, Konstanz-Litzelstetten, November 1982. ISBN 3-922305-06-7. S. 8–29.
  6. Tobias Engelsing: Menschen im Paradies. Bilder aus einem Konstanzer Stadtteil um die Jahrhundertwende. Faude, Konstanz-Litzelstetten, November 1982. ISBN 3-922305-06-7. S. 65.
  7. Heike Thissen: Paradieser Schlössle. In: Eva Maria Bast, Heike Thissen: Geheimnisse der Heimat. Konstanz, Edition Südkurier, 2011. ISBN 978-3-00-035899-9.
  8. Heike Thissen: Wegkreuz im Brüel. Andacht auf dem Parkplatz In: Eva Maria Bast, Heike Thissen: Geheimnisse der Heimat. Konstanz, Edition Südkurier, 2011. ISBN 978-3-00-035899-9. S. 100–102.
  9. Immo Göpfrich: Die städtebauliche Entwicklung des Konstanzer Stadtteiles Paradies. In: Alexander-von-Humboldt-Gymnasium (Hrsg.): Bürgerschule, Zeppelin-Oberrealschule, Alexander-von-Humboldt-Gymnasium 1830–1980. Die Schrift zum Jubiläum der Schule am Schottenplatz in Konstanz. Redaktion: Franz Eberhard Bühler, Ulf Göpfrich, Erich Keller, Walter Lehn, Wilhelm Leonhard, Dieter Städele. Konstanz: Verlag Friedrich Stadler, 1980, 311 S., ISBN 3-7977-0060-1. S. 178–194.
  10. Tobias Engelsing: Menschen im Paradies. Bilder aus einem Konstanzer Stadtteil um die Jahrhundertwende. Faude, Konstanz-Litzelstetten, November 1982. ISBN 3-922305-06-7. S. 8
  11. konstanz.de: Konstanzer Stadtteilprofile 2013. Statistiken und Kennzahlen. S. 11 – Paradies
  12. Stadt Konstanz, Hauptamt Statistik und Steuerungsunterstützung (Hrsg.): Konstanz in Zahlen 2014. S. 7 – Wohnbevölkerung (Hauptwohnsitz) nach Stadtteilen
  13. Tobias Engelsing: Menschen im Paradies. Bilder aus einem Konstanzer Stadtteil um die Jahrhundertwende. Faude, Konstanz-Litzelstetten, November 1982. ISBN 3-922305-06-7. S. 69–79.
  14. Michael Lünstroth: Sauerbruch-Wandbild fertig restauriert. In: Südkurier vom 29. April 2015.
  15. Tobias Engelsing: Menschen im Paradies. Bilder aus einem Konstanzer Stadtteil um die Jahrhundertwende. Faude, Konstanz-Litzelstetten, November 1982. ISBN 3-922305-06-7. S. 35.
  16. Heike Thissen: St.-Martins-Kapelle. Schmugglerei im Himmel auf Erden In: Eva Maria Bast, Heike Thissen: Geheimnisse der Heimat. Konstanz, Edition Südkurier, 2011. ISBN 978-3-00-035899-9. S. 75–77.
  17. Heike Thissen: Lienhardsbrunnen. Aus der Innenstadt ins Paradies gerollt. In: Eva Maria Bast, Heike Thissen: Geheimnisse der Heimat. Konstanz, Edition Südkurier, 2011. ISBN 978-3-00-035899-9. S. 115–117.
  18. Josua Eiselein: Begründeter Aufweis des Plazes bei der Stadt Constanz, auf welchem Johannes Hus und Hieronymus von Prag in den Jahren 1415 u. 1416 verbrannt worden.
  19. Ulrich Büttner, Egon Schwär: Der Hussenstein. Im Gedenken an die Hinrichtung zweier Reformatoren. In: Ulrich Büttner und Egon Schwär: Konstanzer Konzilgeschichte(n). Verlag Stadler. Konstanz 2014. ISBN 978-3-7977-0580-8. S. 181 bis 182.
  20. Heike Thissen: Schleyer-Gedenktafel. Volapük – Eine Sprache für die Welt In: Eva Maria Bast, Heike Thissen: Geheimnisse der Heimat. Konstanz, Edition Südkurier, 2011. ISBN 978-3-00-035899-9. S. 40–42.
  21. Heike Thissen: Wegkreuz im Brüel. Andacht auf dem Parkplatz In: Eva Maria Bast, Heike Thissen: Geheimnisse der Heimat. Konstanz, Edition Südkurier, 2011. ISBN 978-3-00-035899-9. S. 100–102.
  22. Ralf Seuffert: Konstanz. 2000 Jahre Geschichte. UVK Verlagsgesellschaft mbH, Konstanz und München, 2013. ISBN 978-3-86764-209-5. S. 209.

Koordinaten: 47° 40′ N, 9° 10′ O